Robert Castel

Die Stärkung des Sozialen

Leben im neuen Wohlfahrtsstaat

Aus dem Französischen von Michael Tilmann
136 Seiten
ISBN 978-3-936096-51-4
Erschienen März 2005

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Castel bereichert die aktuelle Debatte um eine politische Theorie sozialer Ungleichheit und gibt neue Anstöße zu einer soziologisch fundierten und juristisch informierten Auseinandersetzung mit der Neuordnung des Sozialstaats.

Die soziale Unsicherheit kehrt zurück. In Zeiten des Wirtschaftswachstums allenfalls eine Randerscheinung, gefährdet sie heute den Fortbestand der »Gesellschaft der Ähnlichen «, die ihren Mitgliedern zwar keine absolute Gleichheit, wohl aber neben dem Schutz der Grundrechte auch soziale Absicherung garantierte.

Was bedeutet es unter diesen Umständen, »geschützt« zu sein? Wie entsteht gesellschaftlicher Zusammenhalt, und wodurch wird er bedroht? Wie begegnet man der neuen sozialen Unsicherheit?

Diesen Fragen geht der französische Soziologe Robert Castel nach. Zunächst skizziert er die politisch-historische Entwicklung der Rechts- und Sozialstaatlichkeit, bevor er sich der Gegenwart zuwendet. Das Gefühl von Angst und Unsicherheit in modernen Gesellschaften ist für ihn mehr als »eine Wahnvorstellung der Bessergestellten«. Er verweist auf das neue, prekär gewordene Arbeitsleben, den Zerfall der einst von Familie, Nachbarschaft und anderen Gemeinschaften gebildeten Netzwerke, die Erosion staatlicher Institutionen und die Demontage des Arbeits- und Sozialrechts. Mit der Dekollektivierung der Arbeitsbeziehungen und der Re-Individualisierung der rechtlichen Konstitution des Arbeitsverhältnisses gehen Strukturen verloren, die für viele Menschen existentiell waren und sind.

Konkret regt Castel beispielsweise an, die Vielzahl der parallel zu den hergebrachten Sozialleistungen entstandenen Zuwendungen, Modelle und Systeme koordiniert zusammenzuführen und ein »homogenes Rechtssystem« zu schaffen. Rechte und Absicherungen, die an einen stabilen Erwerbsstatus geknüpft waren, könnten von diesem entkoppelt und auf die Person des Arbeitnehmers übertragen werden. Seine Schlußfolgerung lautet: »Der nunmehr mobilen Arbeitswelt und dem unberechenbaren Markt müßte eigentlich ein flexiblerer Sozialstaat entsprechen.«

AutorIn/Hg.

Robert Castel

Robert Castel war einer der einflussreichsten Soziologen Frankreichs mit hohem internationalen Renommee. In den 1960er Jahren arbeitete er mit Pierre Bourdieu und orientierte sich an der Schule Michel Foucaults. Er war Forschungsdirektor an der École des hautes études en sciences sociales und Mitgründer der Gruppe GRASS – Groupe d´analyse du social et de la sociabilité. In der Hamburger Edition erschienen »Die Stärkung des Sozialen« (2005) und »Negative Diskriminierung« (2009). Robert Castel starb am 12. März 2013 im Alter von 79 Jahren.

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Inhalt

Einleitung  7

Bürgerliche Sicherheit im Rechtsstaat  13
   Moderne und Verwundbarkeit  15
   Öffentliche Sicherheit und Freiheitsrechte  25

Soziale Sicherheit im Sozialstaat  33
   Eigentum oder Arbeit  35
   Eine Gesellschaft der Ähnlichen  44

Die Rückkehr der Unsicherheit  54
   Individualisierung und Entkollektivierung  56
   Die Wiederkehr der gefährlichen Klassen  65

Eine neue Risikoproblematik  81
   Risiken, Gefahren, Schädigungen  82
   Privatisierung oder Kollektivierung der Risiken  89

Wie läßt sich soziale Unsicherheit bekämpfen?
   Umgestaltung des Sozialversicherungssystems  97
   Sicherung der Beschäftigung  115

Schluß

 
Originalausgabe L'insécurité sociale. Qu'est ce qu'être protégé? : Paris: La République des Idées / Seuil 2003