Randall Collins

Dynamik der Gewalt

Eine mikrosoziologische Theorie

Aus dem Englischen von Richard Barth/Gennaro Ghiradelli
736 Seiten
ISBN 978-3-86854-230-1
Erschienen März 2011

Zum Buch

»›Dynamik der Gewalt‹ ist reich an bahnbrechenden Einsichten, belegt, wie wirksam eine systematische Theorie sein kann, und endet gar mit einer Liste eminent praktischer Vorschläge. Dieses Buch ist ein Meilenstein innerhalb der Kriminologie, der Mikrosoziologie und der Soziologie der Emotionen sowie innerhalb eines Bereiches, der keine akademischen Grenzen kennt: die Geschichte der Bemühungen, Gewalt einzuhegen.«
Jack Katz, University of California, Los Angeles

Es gibt viele Arten von Gewalt – vom Schlag ins Gesicht bis zu umfassenden und organisierten Ereignissen wie einem Krieg. Gewalt kann leidenschaftlich und wütend sein oder gefühllos und unpersönlich; sie kann Spaß machen oder von Angst geprägt und bösartig sein; sie kann im Verborgenen oder öffentlich geschehen; sie dient bei Sportveranstaltungen, in einem Actionfilm oder als Hauptmeldung der Nachrichten programmierter Unterhaltung; sie ist schrecklich und heroisch, widerwärtig und aufregend; sie ist die verfemteste und verklärteste aller menschlichen Handlungsweisen.

Obwohl es Zeiten gibt, in denen uns Gewalt allgegenwärtig erscheint, hält Randall Collins den tatsächlichen Ausbruch von gewalttätigen Handlungen für eine Ausnahme. In seiner Analyse der Dynamik der Gewalt legt der renommierte amerikanische Soziologe den Fokus auf die situative Interaktion zwischen den Kontrahenten. Ob eine spannungsgeladene Situation zu gewalttätigen Handlungen führt, hängt seiner Untersuchung zufolge nicht in erster Linie von der sozialen Herkunft, der Ethnie oder dem kulturellen Hintergrund der Beteiligten ab, sondern häufig von der Situation, in der sie stattfindet.

Akribisch genau untersucht Collins das Verhalten, die Mimik und Gestik der Kontrahenten auf Videoaufnahmen, nutzt aktuelle Erkenntnisse der Forensik und ethnografische Studien. Seine Schlussfolgerungen sind überraschend: Gewalt entsteht keineswegs mühelos oder gar automatisch. Die Streitparteien sind angesichts einer möglichen Konfrontation angespannt und ängstlich, sie agieren dilettantisch und ihre Ängste errichten eine mächtige emotionale Barriere gegen den Ausbruch von Gewalt.

Collins begleitet seine Leserinnen und Leser durch die sehr realen und beunruhigenden Welten der menschlichen Zwietracht – von der häuslichen Gewalt, über Mobbing auf dem Schulhof und gewalttätige Sportarten bis hin zu bewaffneten Konflikten. Er erklärt, warum sich Gewalt typischerweise gegen Schwächere richtet, warum Vorwärtspanik ihren Ausbruch begünstigt, sie als ritualisierte Zurschaustellung vor Publikum oder klandestiner Terrorakt oder Mord inszeniert wird und auch, warum nur eine kleine Zahl von Individuen dazu fähig ist, Gewalt tatsächlich auszuüben.

AutorIn/Hg.

Randall Collins

ist Inhaber des Dorothy-Swaine-Thomas-Lehrstuhls für Soziologie an der University of Pennsylvania und lehrt außerdem Soziologie im Fachbereich Kriminologie. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, war als Gastprofessor an unterschiedlichen Universitäten tätig und ist Präsident der American Sociological Association. Seine große Bandbreite von Forschungsarbeiten zu Konfliktforschung, Bildung und Familie, Max Weber oder zur theoretischen Soziologie spiegelt sich in zahlreichen Buchpublikationen, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden und von denen einige als Standardwerke gelten.

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Inhalt

Kapitel 1   Die Mikrosoziologie gewaltsamer Konfrontationen  9
Gewaltsituationen  10
Quellenlage auf Mikroebene:
Aufzeichnung, Rekonstruktion und Beobachtung  13
Situationsvergleich zwischen verschiedenen Gewaltformen  19
Kampfmythen  22
Gewaltsituationen werden durch ein emotionales Feld aus Anspannung und Angst gestaltet  35
Alternative Theorieansätze  36
Die Evolution sozialer Techniken zur Kontrolle der Konfrontationsanspannung  43
Quellen  51
Vorschau  55
Die Komplementarität von Mikro- und Makrotheorien  57

Teil I
Gewalt und ihre schmutzigen Geheimnisse  61

Kapitel 2  Konfrontationsanspannung und fehlende Gewaltkompetenz  63
Tapfer, kompetent und ebenbürtig?  64
Der Schlüsselbegriff für die Realität:
Konfrontationsanspannung  67
Anspannung, Angst und Nichterfüllung im militärischen Kampf  70
Niedrige Kampfkompetenz  89
Beschuss durch die eigenen Leute und unbeteiligte Opfer  93
Unter welchen Bedingungen herrscht Freude am Kampf?  103
Das Kontinuum von Anspannung, Angst und Kampfleistung  106
Konfrontationsanspannung bei Polizeieinsätzen und im nichtmilitärischen Kampf  110
Angst wovor?  115

Kapitel 3  Vorwärtspanik  130
Konfrontationsanspannung und Entladung:
Aufladung, Raserei, Overkill  139
Kriegsgräuel  146
Vorbehalt: Die vielfältigen Ursachen von Gräueln  153
Asymmetrische Verstrickung von Vorwärtspanik und paralysierten Opfern  157
Vorwärtspanik und einseitige Verluste in Entscheidungsschlachten  160
Gräueltaten im Frieden  172
Massengewalt  178
Demonstranten und Einsatzkräfte  185
Der Mengenmultiplikator  194
Alternativen zur Vorwärtspanik  200

Kapitel 4  Angriff auf den Schwachen I: Häusliche Gewalt  202
Die emotionale Definition der Situation  202
Hintergrund- und Vordergrunderklärungen  204
Misshandlung der besonders Schwachen:
Von der Normalität zur Gräueltat im zeitlichen Ablauf  207
Drei Wege: normaler, begrenzter Konflikt, heftige Vorwärtspanik und terroristisches Folterregime  214
Das Aushandeln interaktiver Techniken der Gewalt und der Opferhaltung  224

Kapitel 5  Angriff auf den Schwachen II: Drangsalieren, Straßenraub und bewaffnete Überfälle  233
Das Kontinuum totaler Institutionen  245
Straßenraum und bewaffnete Überfälle  258
Wie man sich an interaktiver Schwäche mästet  275

Teil II
Gesäuberte und inszenierte Gewalt  281

Kapitel 6  Inszenierung fairer Kämpfe  283
Held gegen Held  285
Die Rolle der Zuschauer bei der Begrenzung von Gewalt  291
Kampfschulen und Kampfsitten  304
Die Zurschaustellung des Risikos und die Manipulation der Gefahr bei Säbel- und Pistolenduellen  311
Der Niedergang des Duells und seine Ablösung durch das Feuergefecht  323
Ehre ohne Fairness: Die Vendetta als Verkettung ungleicher Kämpfe  329
Ephemere situative Ehre und Bocksprung-Eskalation zum Kampf mit einseitigem Schusswaffengebrauch  333
Hinter der Fassade von Ehre und Respektlosigkeit  338
Das kulturelle Prestige fairer und unfairer Kämpfe  351

Kapitel 7  Gewalt als Vergnügen und Zeitvertreib  358
Moralische Auszeiten  360
Plündern und Zerstören hält die Beteiligten bei der Stange  363
Die wilde Party als elitärer Potlach  377
Zechzonen und Ausgrenzungsgewalt  382
Gewalt derer, die kein Ende akzeptieren wollen  387
Frustrierende Zechgelage und das Schüren kollektiver Wallung  389
Paradox: Wieso führt Trunkenheit meistens nicht zu Gewalt?  392
Die Ein-Kampf-pro-Schauplatz-Grenze  404
Kämpfen als Action und Zeitvertreib  411
Scheingefechte und Moshpits  416

Kapitel 8  Gewalt im Sport  424
Sport als dramatisch zugespitzter Konflikt  425
Spieldynamik und Spielergewalt  429
Praktische Fähigkeiten zum Aufbau von Dominanz führen zum Sieg  447
Zum Timing von Spielergewalt: Gewalt durch frustrierte Verlierer und an Wendepunkten  456
Spielabhängige Zuschauergewalt  463
Fangewalt abseits des Spielfeldes:
Sieger- und Verliererkrawalle  470
Gewalt abseits des Spielfelds als ausgeklügelte Methode:
Fußball-Hooligans  476
Die dramatische lokale Konstruktion antagonistischer Identitäten  490
Die Revolte des Publikums in Zeiten der Entertainerdominanz  495

Teil III
Zur Dynamik und Struktur von Gewaltsituationen  505

Kapitel 9  Wann Gewalt ausbricht und wann nicht  507
Alltägliche, begrenzte Feindseligkeit:
Lästern, Jammern, Debattieren und Streiten  508
Prahlerei und Drohgebärden  521
Der Kodex der Straße: Institutionalisiertes Prahlen und Drohen  526
Wege in den Tunnel der Gewalt  544

Kapitel 10  Die Minderheit der Gewalttätigen  558
Die kleine Zahl der aktiv und kompetent Gewalttätigen  558
Herr der Lage oder Action-Sucher: Polizisten  566
Wer gewinnt?  576
Kämpfen wie in Trance versus Gefechtsbenommenheit:
Mikrosituative Techniken interaktiver Dominanz  605
Der Kampf ums Cockpit am 11. September  619

Kapitel 11  Gewalt als Dominanz der emotionalen Aufmerksamkeit  624
Was machen die anderen?  624
Gewalt ohne Publikum:
Profikiller und Gewalt im Verborgenen  650
Terroristische Taktiken der Konfrontationsminimierung  666
Gewaltnischen im Aufmerksamkeitsraum von Konfrontationen  677

Kapitel 12  Epilog: Schlussfolgerungen für die Praxis  700

Bibliographie  706
Register  729

 

 

 
Originalausgabe Violence: A Micro-sociological Theory: Princeton University Press