Stefan Deißler

Eigendynamische Bürgerkriege

Von der Persistenz und Endlichkeit innerstaatlicher Gewaltkonflikte

368 Seiten
ISBN 978-3-86854-297-4
Erschienen März 2016

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Friedensschaffende und -sichernde Maßnahmen müssen der sozialen Komplexität von Bürgerkriegen Rechnung tragen, wenn sie Wirksamkeit und Kontinuität entfalten sollen.

Auch im 21. Jahrhundert wird die Welt von lang anhaltenden Bürgerkriegen erschüttert – das aktuellste Beispiel ist der nicht enden wollende Bürgerkrieg in Syrien. Bis zu Beginn der 1990er Jahre wurden diese innerstaatlichen Kriege zumeist als politisch motivierte Gewaltkonflikte oder Stellvertreterkriege angesehen. Danach setzten sich, mit Ende des Kalten Krieges und unter dem Eindruck des Genozids in Ruanda sowie des Bosnienkrieges, neue Erklärungsansätze durch, die die flächendeckende Gewalt primär auf Habgiermotive oder traditionelle ethnische Feindschaften zurückführen.

Gegen diese schablonenhaften Deutungsmuster entfaltet Stefan Deißler eine Perspektive, die der vielschichtigen Komplexität des Phänomens Bürgerkrieg näher kommt. Ohne die tragende Rolle der ethnischen, ökonomischen oder politischen sozialen Gruppen zu vernachlässigen, rückt der Autor die kriegführenden Organisationen selbst in den Fokus und unterzieht die Beziehungen zwischen Kombattanten und Zivilisten einer kritischen Betrachtung.

Unter Rekurs auf den seit über 50 Jahren währenden Konflikt in Kolumbien wie auch an weiteren Beispielen weist er nach, dass die selbsternannten Repräsentanten unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen oftmals mit brutaler Gewalt die Kooperation der »Repräsentierten« erzwingen und dass die Bedürfnisse und Interessen der Zivilbevölkerung während der Dauer derartiger Konflikte weitgehend unberücksichtigt bleiben.

Zugleich wird ersichtlich, welcher fatalen Logik das Kriegsgeschehen in vielen Fällen folgt: Zahlreiche innerstaatliche Kriege werden durch immanente Eigendynamiken angetrieben. Die Kriegsparteien nötigen sich wechselseitig zur Fortsetzung des Konflikts oder schaffen kollektiv einen strukturellen Zwang zur kontinuierlichen Wiederholung der Kriegshandlungen. Diese Dynamik zu durchbrechen, ist eine der großen Herausforderungen für gegenwärtige Friedensinitiativen.

AutorIn/Hg.

Stefan Deißler

Stefan Deißler, Dr. disc. pol., studierte zunächst Maschinenbau an der Universität Karlsruhe, danach Soziologie und Philosophie an der Georg-August-Universität Göttingen. Die vorliegende Arbeit wurde mit dem Friedrich-Christoph-Dahlmann-Preis für die beste Dissertation des Promotionsstudienganges Sozialwissenschaften ausgezeichnet. Stefan Deißler lebt und arbeitet in London. 

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Inhalt

Einleitung    9

I Charakteristika des Bürgerkriegs    25
Kriegerische Gewalt    27
Staatsbezogenheit und Innerstaatlichkeit    30
Soziale Spaltung    33
Wesentliche und unwesentliche Merkmale des Bürgerkriegs    39
Bürgerkriege versus »innere Kriege«    42
Bürgerkriege versus »neue Kriege«    44

II Eigendynamische soziale Prozesse    49
Charakteristische Merkmale und Genese    49
Permanenz und Kollaps    54
Konstellationszwänge als Movens der Eigendynamik    60
Wie man eigendynamische Qualitäten nachweist    69

III Zirkuläre Bürgerkriegsdynamiken in der Literatur    77
Der Bürgerkrieg als »Motor seiner selbst«    79
Der Guerillakrieg als Teufelskreis von Repression und Rebellion    84
Das security dilemma als Triebfeder ethnopolitischer Konflikte    88
Gewaltmärkte mit Selbststabilisierungstendenzen    98
Plädoyer für einen Perspektivwechsel    104

IV Eine makrosoziologische Perspektive auf den Bürgerkrieg    107
Die Elemente bürgerkriegstypischer Konstellationen und Strukturen    107
    Militärische Organisationen    108
    Konfliktive, koerzive und kooperative soziale Beziehungen    118
    Soziale Gruppen und Gemeinschaften    123
    Fragmentierte Gesellschaften und Staaten    130
    Die Unterscheidung von Konstellation und Struktur    135
Die mechanismische Reproduktion bürgerkriegstypischer Strukturen    136
     Mechanismische Erklärungen uniformen Handelns    139
     Mechanismische Erklärungen organisierten Handelns    147
Der imperativische Modus der Reproduktion bürgerkriegstypischer Strukturen    153
    Immanuel Kants hypothetischer Imperativ    154
    Mit Andrew Abbott vom hypothetischen zum strukturellen Imperativ    158
    Erklären mit strukturellen Imperativen    161

V Die Eigendynamik des revolutionären Guerillakriegs    165
Protagonisten    167
    Guerillaorganisationen    168
    Staatliche Streitkräfte    172
    Milizen und paramilitärische Organisationen    175
    Die rurale Zivilbevölkerung    178
    Die triadische Konstellation des Guerillakriegs    179
Handlungsmuster    184
    Guerillataktiken (guerrilla warfare)    184
    Aufstandsbekämpfung (counterinsurgency)    187
    Maßnahmen zur Beeinflussung der Bevölkerung    189
    Reaktionen der Zivilbevölkerung 194 Die Struktur des Guerillakriegs    196
Die eigendynamische Reproduktion der Struktur    198
    Strukturelle Imperative des Guerillakriegs    199
    Reaktionsmechanismen der ZivilistInnen    203
    Die eigendynamischen Qualitäten des Guerillakriegs    207
Kriegsverlängernde und kriegsverkürzende Struktureffekte    212

VI Die Eigendynamik des ethnisierten Sezessionskriegs    219
Protagonisten    220
    Ethnopolitische Militärorganisationen    221
    Ethnische Gruppen    226
    Die Konstellation des ethnisierten Sezessionskriegs    234
Handlungsmuster    236
    Konventionelle Kriegführung    236
    Interethnischer Terror   239
    Innerethnische Repression    242
    Reaktionen der Zivilbevölkerung    245
    Die Gesamtstruktur des ethnisierten Sezessionskriegs    248
Die eigendynamische Reproduktion der Struktur   250
     Die mechanismische Reproduktion der uniformen Handlungsmuster    251
     Die mechanismische Reproduktion des organisierten Gewalthandelns    255
Kriegsverlängernde und kriegsverkürzende Struktureffekte    259

VII Eigendynamik und Persistenz des andauernden innerstaatlichen Krieges in Kolumbien    263
Protagonisten    265
    Die Guerillaorganisation FARC    266
    Die Guerillaorganisation ELN    272
    Die staatlichen Streitkräfte und Sicherheitsorgane    275
    Paramilitärische Organisationen    283
    Kolumbiens Landbevölkerung    288
    Die Gesamtkonstellation    295
Handlungsmuster    298
    Die Praktiken des Guerillakriegs    298
    Die Praktiken der Bürgerkriegsökonomie    309
    Die hybride Struktur des conflicto armado    314
Eigendynamische Qualitäten     318
Die Reproduktion der Akteurskonstellation    322

VIII Ergebnisse und Impulse    327

Abkürzungsverzeichnis    338
Abbildungsverzeichnis    339
Literatur    340
Dank    367
Zum Autor    368

Leseprobe

Die japanische Kapitulation vom 2. September 1945 stellt eine Zäsur in der Geschichte der militärischen Konflikte des 20. Jahrhunderts dar. Sie markiert den Schlusspunkt einer Ära, in der das Kriegsgeschehen vor allem durch die beiden Weltkriege, durch die großen revolutionären Bürgerkriege in Mexiko, Russland und Spanien sowie durch erfolglose bewaffnete Aufstände in den überseeischen Kolonien der europäischen Mächte geprägt war. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann eine neue Epoche, in der – befeuert durch die Konfrontation der Supermächte – in erster Linie Asien, Afrika, sowie Mittelund Südamerika zu Kriegsschauplätzen wurden.

Vorwiegend waren nun einerseits Dekolonisationskriege, in deren Verlauf fast alle betroffenen Territorien die Unabhängigkeit erlangten, andererseits innerstaatliche Gewaltkonflikte von zumeist geringer bis mittlerer Intensität zu beobachten. Die Zahl der Letzteren stieg ab der Mitte der 1950er Jahre bis zum Beginn der 1990er Jahre drastisch an, um dann allmählich wieder abzusinken. Der Bürgerkrieg wurde zur weltweit dominierenden Kriegsform und ist dies bis heute geblieben.

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