Jonas Kreienbaum

»Ein trauriges Fiasko«

Koloniale Konzentrationslager im südlichen Afrika 1900-1908

Studien zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts
300 Seiten, 5 Abbildungen
ISBN 978-3-86854-290-5
Erschienen März 2015

Zum Buch

Jonas Kreienbaum bereichert mit seiner Untersuchung der kolonialen Konzentrationslager im südlichen Afrika ein derzeit intensiv und kontrovers diskutiertes Forschungsfeld, das sich vornehmlich um die Frage dreht, ob es sich bei den nationalsozialistischen Lagern des NS-Regimes  um eine kontinuierliche Weiterentwicklung der kolonialen Lager unter deutscher Herrschaft handelt.

Tausende Internierte der Lager in Südafrika und Deutsch-Südwestafrika starben, manche verloren binnen weniger Wochen ihre gesamte Familie, die Überlebenden wurden durch die Erfahrung von Deportation, Mangel, Krankheiten, Gewalt und Tod traumatisiert. »Die ganze Sache war ein trauriges Fiasko«, gestand Sir Alfred Milner am 8. Dezember 1901 in einem vertraulichen Brief.

Ein Fiasko im Sinne von Misserfolg waren die Konzentrationslager auch aus der Perspektive der Kolonisierer, denn in keinem der Fälle, die Jonas Kreienbaum untersucht, war das Massensterben der Internierten beabsichtigt. Die Lager waren nicht als Vernichtungslager geplant, sondern primär militärische Instrumente, die durch die Konzentration und damit Kontrolle der Bevölkerung zur Beendigung langwieriger Kolonialkriege beitragen sollten. Sie dienten gleichzeitig der möglichst effektiven staatlichen Durchdringung der Kolonie, fungierten als Stätten der Erziehung und vor allem der Arbeitskräftebeschaffung und versprachen damit zentrale Ziele des kolonialen Staates erreichbar zu machen. Koloniale und nationalsozialistische Lager hatten, wie der Autor auf Basis differenzierter Vergleiche herausarbeitet, weniger miteinander gemein, als der gemeinsame Begriff suggeriert.

Anhand verschiedener Kriterien, wie der Interniertenzahlen, der Arbeit im Lager, der Zwangsarbeit für andere Institutionen oder der Sterblichkeit und planmäßigen Vernichtung, vergleicht Jonas Kreienbaum die kolonialen und nationalsozialistischen Lager und stellt eindeutig fest, dass die Unterschiede in hohem Maße überwiegen. Koloniale und nationalsozialistische Lager hatten weniger miteinander gemein, als der gemeinsame Begriff suggeriert, denn der Primärzweck der kolonialen Lager war ein militärischer. Es ging um die Beendigung langwieriger Kolonialkriege. 

Alle Titel aus der Reihe »Studien zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts«

AutorIn/Hg.

Jonas Kreienbaum

wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Europäische und Neueste Geschichte der Universität Rostock; von 2008 bis 2013 Lehrbeauftragter an der Humboldt-Universität zu Berlin. 

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Inhalt

I. Einleitung  7

Zur Fragestellung  9
Zur Fallauswahl und Methode  14
Literatur und Quellen  16
Wichtige Begriffen  24
Vorläufer der Konzentration und die »Erfindung des Konzentrationslagers« auf Kuba  27

II. Der Kontext: Kolonialkriege in Südafrika und Südwestafrika  35

Der Südafrikanische Krieg: Guerillakrieg und Politik der »verbrannten Erde«  35
Der Krieg in Deutsch-Südwestafrika: Vom Vernichtungskrieg zur Konzentrationspolitik  57
  Der Krieg mit den Herero  57
  Der Krieg mit den Nama  75

III. Der Zweck der Lager  86

Südafrika: Flüchtlings-, Internierungs- und »Erziehungs«lager  86
  Schutz für burische Flüchtlinge  87
  Guerillabekämpfung  89
  Social Engineering  95
  Die black camps: Mittel zur Guerillabekämpfung und Arbeitskräftesreservoir  102
  Zielgerichtete Vernichtung?  110
  Repatriierung  114
  Periodisierung der Lagergeschichte  118
Deutsch-Südwestafrika: »Pazifizierungs«-, Arbeits- und Straflager  120
  Die Dimensionen des Massensterbens: Zielgerichtete Vernichtung?  121
  »Pazifizierung«  132
  Zwangsarbeit und »Erziehung zur Arbeit«  138
  Bestrafung  43
  Periodisierung der Lagergeschichte  145

IV. Die Funktionsweise der Lager  146

Südafrika: Zwischen »Zigeunerlager« und improvisierter Kleinstadt  146
  Brennende Farmen: Der Weg ins Lager  146
  Zelt- und Hüttenstädte: Die bauliche und räumliche Organisation der Lager  154
  Verbesserungen durch öffentlichen Druck: Die Versorgung in den Lagern  169
  Arbeit, Schule, freie Zeit: Der Alltag im Lager  199
  Handsuppers, bitterenders und khakis: Soziale Beziehungen im Lager  210
  Resümee  220
Deutsch-Südwestafrika: Ressourcemangel, Desinteresse, Zwangsarbeit  222
  Wandelnde Skelette: Der Weg ins Lager  223
  »Gefangenenkraale«: Bauliche und räumliche Organisation der Lager  226
  Von totaler Unterversorgung zur Mangelwirtschaft: Die Versorgung in den Lagern  234
  Beten und Zwangsarbeiten: Der Alltag im Lager  247
  Gewalt, Flucht und Kollaboration: Soziale Beziehungen und Handlungsspielräume  258
  Resümee  270

V. Abgeschaute Lager? - Beobachtung und Wissenstransfer  274

VI. Koloniale und nationalsozialistische Lager - vergleichende Überlegungen  293

VII. »Ein trauriges Fiasko« - Schlussbetrachtungen  210

Anhang  320

Abkürzungsverzeichnis  320
Bibliografie  322
  Archivquellen  322
Literatur  329
  Zeitungen und Zeitschriften  329
  Primärliteratur  329
  Sekundärliteratur  331
Danksagung  348

 

 

Termine

Berlin, Linke Buchtage, 7. Juni 2015

Jonas Kreienbaum: »Ein trauriges Fiasko«

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