Viola B. Georgi

Entliehene Erinnerung

Geschichtsbilder junger Migranten in Deutschland

344 Seiten
ISBN 978-3-930908-89-9
Erschienen Oktober 2003

Zum Buch

Viola Georgi geht in ihrem Buch der Frage nach, welche Bedeutung Nationalsozialismus und Holocaust – unbestritten die zentralen Ereignisse der jüngeren deutschen Geschichte – für junge Migranten haben.

Ist eine überwiegend ethnisch-national definierte deutsche Erinnerungsgemeinschaft in der Lage, sich zu erweitern? Kann man von Einwanderern erwarten, daß sie das »negative Erbe« des Aufnahmelandes antreten? Kann die Geschichte des Nationalsozialismus in der pluralen deutschen Gesellschaft der Zukunft Bezugspunkt des nationalen Selbstverständnisses sein, ohne daß dabei eine deutsche Abstammungsgemeinschaft beschworen wird?

Anhand detaillierter, narrativ orientierter Interviews mit Jugendlichen aus Einwandererfamilien untersucht die Autorin deren Geschichtsbezüge. Sie legt anschaulich dar, wie die jungen Leute die Geschichte des Nationalsozialismus biographisch bearbeiten, welche unterschiedlichen historischen Orientierungsmuster sich herausbilden, wie die jungen Migranten sich selbst positionieren und Zugehörigkeit(en) konstruieren. Daraus entwickelt sie auf der Grundlage relevanter wissenschaftlicher Arbeiten eine Typologie der Aneignung von NS-Geschichte und Holocaust. Abschließend bricht sie eine Lanze für zukunftsfähige pädagogische Konzepte in der historisch-politischen Bildung – unter Einbeziehung der heute meist sträflich vernachlässigten »Geschichtsgeschichten« der Lernenden selbst.

Denn Zuwanderungsgesetz hin oder her: Die Bundesrepublik Deutschland ist de facto ein Einwanderungsland. Seit 1945 hat ein stetiger Zustrom von Migranten – ob »Gastarbeiter«, Bürgerkriegsflüchtlinge, Asylsuchende oder Spätaussiedler – zur ethnischen, kulturellen und religiösen Vielfalt der bundesdeutschen Gesellschaft beigetragen.

Rund acht Millionen Menschen nichtdeutscher Herkunft leben derzeit in Deutschland, viele von ihnen in der zweiten oder dritten Generation. Die veränderte Zusammensetzung der Bevölkerung kann nicht ohne Auswirkungen auf Geschichtsbilder und Geschichtsbewußtsein bleiben.

 

 

AutorIn/Hg.

Viola B. Georgi

Erziehungswissenschaftlerin und Soziologin, arbeitete als wissenschaftliche Projektleiterin am Centrum für angewandte Politikforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2010 ist sie an der Freien Universität Berlin, Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie im Arbeitsbereich Interkulturelle Erziehungswissenschaft.

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Inhalt

Einleitung: NS-Geschichte und Holocaust in der deutschen Einwanderungsgesellschaft   7

Dimensionen historischer Identität   20
Geschichte, Identität und Biographie   20
Historische Identität(en) im Migrationskontext   26

Geschichtsbewußtseinsforschung   38
Geschichtsbewußtsein und historische Sinnbildung   39
Dimensionen und Analysekategorien des Geschichtsbewußtseins   44
Geschichtsbewußtsein als narratives Konstrukt   49
Geschichtsbewußtseinsforschung und NS-Wirkungsforschung im Rückblick   53
Methodologische Überlegungen zu einer Geschichtenhermeneutik   60
Vom Verstricktsein in Geschichte und Geschichten   67

Ethnizität und Geschichte: Zum Verhältnis von ethnischer und historischer Identität   73
Historisch-gesellschaftliche Formbestimmungen von Ethnizität   73
Symbolische Ethnizität: Beispiel USA   79
Schnittpunkte historischer und ethnischer Identität   82

Erinnerung und kollektives Gedächtnis: Untersuchungsrelevante Aspekte der Gedächtnis- und Erinnerungstheorie   86
Gedächtniskonzepte: Formen kollektiver Erinnerung   88
Erinnerung und Gruppenbezug: Erinnern, um dazuzugehören   97
Migrantenjugendliche zwischen moralischem und ethischem Erinnern   102

Methodische Anlage der Studie und Dokumentation des Forschungsprozesses   106
Datenerhebung   106
Typenbildung   117
Begründung des theoretischen Samples und Auswertung des empirischen Materials   123

Exemplarische Fallanalysen   127
Farhad: »Ich bin mit dem Nationalsozialismus zusammengewachsen. «   127
Bülent: »Ich kann mich für Dinge interessieren, für die sich jugendliche Deutsche auch interessieren.«   149
Fatima: »Es geht mich an, weil es Menschen waren.«   175
Dragan: »Meine Großeltern waren Partisanen.«   194
Lea: »Ich bin da reingewachsen.«   204
David: »Ja, das begann durch Erzählungen von meinem Großvater.«   220
Muhrat: »Das kann auch mit uns passieren.«   231
Laila: »Weil es in anderen Ländern ja auch möglich ist.«   245
Turgut: »Die waren deutsche Juden und wurden nicht als Deutsche akzeptiert, genau wie bei den Ausländern heute.«   258
Hülya: »Irgend etwas hab’ ich mit den Juden gemeinsam.«   280
Ram: »Meine Hautfarbe ist wie ein Davidstern.«   288

Typen: Geschichtsbezüge in der deutschen Einwanderungsgesellschaft   299
Typ I – Fokus: Opfer der NS-Verfolgung   300
Typ II – Fokus: Zuschauer, Mitläufer und Täter im Nationalsozialismus   301
Typ III – Fokus: Eigene ethnische Gemeinschaft   303
Typ IV – Fokus: Menschheit   305

Schlußbemerkung: Die Zukunft der Erinnerung   309

Plädoyer für eine historisch orientierte Menschenrechtsbildung   315

Bibliographie   323

Danksagung   343