Regina Mühlhäuser

Eroberungen

Sexuelle Gewalttaten und intime Beziehungen deutscher Soldaten in der Sowjetunion 1941–1945

416 Seiten, mit 37 Abbildungen
ISBN 978-3-86854-220-2
Erschienen April 2010

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 Die Bedeutung von Sexualität im Krieg ist in den letzten Jahren stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt – sei es durch Medienberichte von Massenvergewaltigungen im Kongo oder durch die UN-Resolution, die die Ausübung sexueller Gewalt erstmals als Kriegstaktik bezeichnet. Das Ausmaß und die Bedeutung der sexuellen Kontakte von deutschen Soldaten in den besetzten Gebieten der Sowjetunion sind jedoch nach wie vor weitgehend unerforscht. 

Regina Mühlhäuser widerlegt die verbreitete Vorstellung, die deutsche Militärführung hätte angesichts der offiziellen nationalsozialistischen Ablehnung sexueller Kontakte deutscher Männer zu »fremdvölkischen« Frauen versucht, jegliche sexuelle Aktivität der Soldaten in Osteuropa zu bestrafen. Sie weist nach, dass von deutschen Truppenangehörigen verübte sexuelle Verbrechen in der UdSSR ein weit verbreitetes Phänomen waren: Soldaten machten Frauen zu Opfern sexueller Folter und begingen Vergewaltigungen. Die Historikerin betrachtet sexuelle Gewalt, aber ebenso das gesamte Spektrum heterosexueller Aktivitäten von Wehrmachts- und SS-Angehörigen im Kontext der damaligen Vorstellungen von Männlichkeit und Sexualität. Sie untersucht Kontakte mit »geheimen« Prostituierten und in Militärbordellen, Sex im Austausch gegen Schutz oder Lebensmittel sowie einvernehmliche Beziehungen, die mitunter dazu führten, dass die Männer Heiratsgesuche stellten. 

Dem gegenüber standen institutionelle Bemühungen, die Sexualität der Soldaten zu kontrollieren. Die Führungen von Wehrmacht und SS versuchten nicht, heterosexuelle Kontakte strikt zu unterbinden, denn die Befriedigung sexueller Bedürfnisse galt als probates Mittel, um die Leistung der Männer zu optimieren. Dennoch hielt insbesondere die Wehrmacht ihre Soldaten zu sexueller Mäßigung an, verpflichtete sie zu hygienischer Vorsorge und errichtete Militärbordelle. Auf diese Weise wurden die sexuellen Aktivitäten der Soldaten jedoch nicht nur eingeschränkt, sondern auch begünstigt. Zudem entwarfen die NS-Behörden Pläne zum Umgang mit den Soldatenkindern. Anhand von Militärdokumenten sowie persönlichen Berichten und Interviews ergründet die Autorin das komplexe Zusammenspiel zwischen dem Verhalten der Soldaten und den Reaktionen der NS-Militärführung. 

Regina Mühlhäusers Untersuchung bietet wertvolle Erkenntnisse, die bisherige Forschungsergebnisse zu den sexuellen Politiken von Wehrmacht und SS erweitern und vertiefen und unser Verständnis der Verwobenheit von Männlichkeit, Gewalt und Sexualität in Kriegszeiten bereichern. 

AutorIn/Hg.

Regina Mühlhäuser

Dr. phil., studierte in Hamburg, Berlin und Seoul Geschichte, Literaturwissenschaft und Koreanistik und promovierte 2008 an der Universität zu Köln. Sie ist seit 2001 Ansprechpartnerin der Arbeitsgruppe »Krieg und Geschlecht« am Hamburger Institut für Sozialforschung und war 2005 Research Fellow am Deutschen Historischen Institut in Washington, DC. 

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Inhalt

Einleitung   7

I. Ausgangspunkte   12
Forschungsliteratur   15
Quellen   28
Männlichkeitskonzeptionen   30
Weiblichkeitsvorstellungen   47
Kinder   58

Private Fotografien von Wehrmachtssoldaten, Teil I   65

II. Sexuelle Gewalt   73
Formen und Funktionen sexueller Gewaltakte   79
Situationen 84 Verhandlungen innerhalb der Truppe   140

III. Sexuelle Tauschgeschäfte   156
Gelegenheitshandel   160
Gewerbliche Prostitution   164
Verfolgung »prostitutionsverdächtiger« Frauen   168
Disziplinierung der Wehrmachtssoldaten   175
Appelle an die SS-Männer   206
Wehrmachtsbordelle   214

IV. Einvernehmliche Verhältnisse   240
Das Begehren der Männer nach Normalität   243
Die Sehnsucht der Frauen nach neuen Erfahrungen   252
Regulierung durch die Wehrmacht   260
Richtlinien der SS   268
Verhandlungen über Heiratsgesuche   275
Rhetorik der Niederlage   298

Private Fotografien von Wehrmachtssoldaten, Teil II   301

V. Besatzungskinder   309
Bevölkerungspolitische Zukunftsvorstellungen   312
Kontrollmaßnahmen   334

Fazit: Sexualität und Geschlechterordnung in Krieg und Nachkriegszeit   366

Danksagung   379
Abkürzungen   381
Quellen und Literatur   382
Bildnachweise   415