Nationale Kommission zur Untersuchung von politischer Haft und Folter (Hg.)

»Es gibt kein Morgen ohne Gestern«

Vergangenheitsbewältigung in Chile

Aus dem Spanischen von Katharina Förs/Barbara Reitz/Maria Zybak
424 Seiten
ISBN 978-3-936096-91-0
Erschienen Februar 2008

Zum Buch

Das verbrecherische »Erbe« der 17-jährigen Pinochet-Diktatur – Tausende von Todesopfern, Zehntausende von Gefangenen, Gefolterten und Verschwundenen – stellt noch immer eine schwere Last für die Überlebenden und für die heutige chilenische Demokratie dar. Das gilt ganz besonders für jene Menschen, die als tatsächliche oder vermeintliche Regimegegner Opfer einer beispiellosen, systematischen Anwendung von Folter wurden.

Zur Untersuchung dieser Verbrechen wurde von Präsident Ricardo Lagos eine Kommission einberufen, die von November 2003 bis Mai 2004 insgesamt rund 35 000 Personen befragte, von denen 28 000 nach einem sorgfältigen Prüfungsverfahren als Opfer von Folter und politischer Haft anerkannt wurden. Diese Überlebenden erhalten nun eine staatliche Rente sowie die Zusicherung einer kostenlosen Krankenhausbehandlung. Der Abschlussbericht dieser »Nationalen Kommission zur Untersuchung von politischer Haft und Folter«, inoffiziell nach ihrem Vorsitzenden auch Valech-Kommission genannt, liegt nun auch in deutscher Sprache vor.

Folter wurde von der Militärdiktatur unter Pinochet als zentrales Instrument zur Vernichtung der politischen Opposition in einem kaum vorstellbaren Ausmaß eingesetzt, was auch daran abzulesen ist, dass der Anteil der von der Valech-Kommission anerkannten Gefangenen, die gefoltert wurden, mehr als 90 Prozent betrug. Die Mehrheit der Betroffen war damals zwischen 17 und 24 Jahre alt. Der Bericht legt die verschiedenen Foltermethoden detailliert dar und bewertet die physischen, psychischen und sozialen Konsequenzen von Folter und Gefangenschaft. Angehörige sämtlicher Waffengattungen, der Sicherheitsorgane und vor allem der chilenische Geheimdienst beteiligten sich an Misshandlungen in den 802 identifizierten, meist geheimen Haftzentren. Sie wandten dabei Methoden an wie das Vortäuschen von Erschießungen, die Anwendung von Elektroschocks, Vergewaltigungen oder sexuelle Übergriffe; besonders Frauen waren in großer Zahl sexueller Gewalt ausgesetzt.

Da die Namen der Täter und Zeugen noch für weitere 50 Jahre geheim bleiben sollen, wurde dem Bericht zwar die juristische Relevanz genommen, dennoch kommt ihm nicht nur im Rahmen der historischen und politischen Aufarbeitung der jüngsten chilenischen Geschichte große Bedeutung zu. Diese Dokumentation und insbesondere die Zeugenaussagen vermitteln erschütternde Einblicke in die Qualen, die Tausende von Menschen erleiden mussten.

AutorIn/Hg.

Nationale Kommission zur Untersuchung von politischer Haft und Folter

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Inhalt

Vorbemerkung   11

Die Kommission   15

Entstehung und Mandat   15
Der rechtliche Rahmen   18
Recht auf Unversehrtheit der Person   19
Recht auf Freiheit und Sicherheit der Person   22
Politische Motivation   27
Zusammensetzung und Struktur der Kommission   29
   Mitglieder und Funktionen   30
Die geschäftsführende Vizepräsidentschaft   33
   Organisation   34
Arbeitsweise   42
   Entgegennahme von Anzeigen   42
   Fallanalyse   48
   Anerkennungsverfahren   53
Abwicklung der Aufgaben   56
   Die Kommission   56
   Die geschäftsführende Vizepräsidentschaft   91
Ergebnisse   96
   Anerkannte Fälle   96
   Nicht anerkannte Fälle   102
   Schlussbericht   106

Kontext   109

Einleitung   109
Konzentration der Staatsgewalten   110
   Ausrufung des Kriegszustands   113
   Militärgerichte   119
   Die Justiz   129
   Der Repressionsapparat   141
   Die Medien   160
   Kritische Stimmen im In- und Ausland   174
   Die wiederholte internationale Verurteilung   178

Politische Haft und Folter in den verschiedenen Phasen   188

Einleitung   188
Erste Phase – September bis Dezember 1973   191
Zweite Phase – Januar 1974 bis August 1977   201
Dritte Phase – August 1977 bis März 1990   209

Foltermethoden: Definitionen und Zeugenaussagen   217

Einleitung   217
Die Methoden   218
   Wiederholte Schläge   219
   Vorsätzliche Körperverletzung   225
   Aufhängen   228
   Zwangshaltungen   230
   Stromstöße   232
   Drohungen   240
   Scheinerschießungen   242
   Demütigung und Schikanen   245
   Entkleidung   249
   Sexuelle Aggression und Gewalt   251
   Der Folterung anderer Personen beiwohnen   255
   Russisches Roulette   258
   Erschießungen anderer Gefangener beiwohnen   259
   Haft unter menschenunwürdigen Bedingungen   260
   Absichtlicher Entzug von Lebensnotwendigem   262
   Schlafentzug oder -unterbrechung   263
   Ersticken   265
   Extremen Temperaturen aussetzen   267
   Sexuelle Gewalt gegen Frauen   268

Haftorte   280

Einleitung   280
I. Region: Tarapacá   284
II. Region: Antofagasta   287
III. Region: Atacama   290
IV. Region: Coquimbo   292
V. Region: Valparaíso   295
VI. Region: Libertador Bdo. O'Higgins   302
VII. Region: Maule   306
VIII. Region: Bío-Bío   310
IX. Region: Araucanía   318
X. Region: Los Lagos   322
XI. Region: Aysén del General Carlos Ibañez del Campo   327
XII. Region: Magallanes und chilenische Antarktis   329
Hauptstadtregion   333

Opferprofile   342

Einleitung   342
Allgemeines Opferprofil   344
   Geschlecht   345
   Alter zum Zeitpunkt der Verhaftung   345
   Berufliche Tätigkeit zum Zeitpunkt der Verhaftung   345
   Gegenwärtige berufliche Tätigkeit   346
   Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Verhaftung   346
   Engagement in Organisationen zum Zeitpunkt der Verhaftung   347
Synthese   349
Profil der Opfer in den einzelnen Phasen   350
   Geschlecht   350
   Alter zum Zeitpunkt der Verhaftung   351
   Berufliche Tätigkeit zum Zeitpunkt der Verhaftung   351
   Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Verhaftung   353
   Engagement in Organisationen   356
Gewalt gegen Frauen   357
   Verhaftung von Frauen in den einzelnen Phasen   358
   Berufliche Tätigkeit zum Zeitpunkt der Verhaftung   359
   Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Verhaftung   359
   Engagement in Organisationen zum Zeitpunkt der Verhaftung   359
   Situation in Bezug auf die Mutterschaft   360
Gewalt gegen Minderjährige   360

Die Folgen von politischer Haft und Folter   362

Einleitung   362
Die Folgen bei den Opfern   367
   Verletzungen und Krankheiten   370
   Psychische Folgen   375
   Die Folter als traumatische Erfahrung   379
   Folgen für die zwischenmenschlichen Beziehungen   384
   Folgen für das Sexualleben der Betroffenen   386
   Folgen bei den Kindern   388
   Psychosoziale Folgen   390
   Trauma und Trauer    396

Empfehlung zur Wiedergutmachung   399

Einleitung   399
Grundlagen der Wiedergutmachung   400
Grundlagen für die Formulierung von Wiedergutmachungsvorschlägen   405
Vorgeschlagene Maßnahmen   408
   Individuelle Wiedergutmachungsmaßnahmen   408
   Wiedergutmachungsmaßnahmen im rechtlichen Bereich   408
   Wiedergutmachungsmaßnahmen im finanziellen Bereich   410
   Wiedergutmachungsmaßnahmen im Gesundheitsbereich   412
   Wiedergutmachungsmaßnahmen im Bildungsbereich   413
   Wiedergutmachungsmaßnahmen im Bereich Wohnen   414
   Symbolische und kollektive Wiedergutmachungsmaßnahmen   414
   Garantien der Nichtwiederholung und Präventionsmaßnahmen   415
   Symbolische Gesten der Anerkennung und Begegnung   417
   Erinnerungsarbeit   418
   Informations- und Schulungsmaßnahmen im Bereich Menschenrechte   418
   Institutionelle Maßnahmen   420

Schlusswort   423

 

 

 
Originalausgabe Informe de la Comisión Nacional sobre Prisión Política y Tortura: Comisión Nacional sobre Prisión Política y Tortura