Zygmunt Bauman

Flaneure, Spieler und Touristen

Essays zu postmodernen Lebensformen

Aus dem Englischen von Martin Suhr
Neuausgabe
270 Seiten
ISBN 978-3-936096-78-1
Erschienen Dezember 2006

Zum Buch

In sechs soziologischen Essays beleuchtet Bauman das fragmentarische Leben des modernen Menschen unter so verschiedenen Aspekten wie den Formen des Zusammenseins, dem Bild des Fremden, der Rolle der Gewalt und postmoderner Ängste.

Der Garten Eden war der Ort ohne Moral, und bevor Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis aßen, waren sie keine Wesen. Dass Menschen »wesentlich moralische Wesen« sind, heißt nicht, dass sie gut sind, sondern dass sie vor der Wahl zwischen Gut und Böse stehen. Eine solche Situation ist immer ambivalent, jede Entscheidung birgt unabänderlich die Gefahr des Scheiterns.

In der Geschichte der Menschheit lassen sich bislang drei deutlich unterschiedene Strategien erkennen, mit dieser Ambivalenz fertig zu werden: Erstens die vormoderne Epoche der religiösen Systeme, die den Menschen Erleichterung durch Reue und Erlösung versprachen.
Zweitens die Moderne, die eine von der Möglichkeit der falschen Entscheidung befreite Welt forderte, indem sie die Verantwortung durch Regeln, durch eine endliche Liste von Pflichten, kurz: durch eine ethische Gesetzgebung ersetzte.
Drittens die Postmoderne, in der das ethische Monopol des Staates gebrochen ist und die Menschen vor der Wahl zwischen den verschiedenartigsten Angeboten auf dem Markt stehen.

Mithin zeigt die Postmoderne ein doppeltes Gesicht: Sie ist zugleich Fluch und Chance der moralischen Person. Die Verantwortung des Handelnden ist grundlegender und folgenreicher als jemals zuvor. Jetzt, da die Idee eines einzigen, einheitlichen Regelsystems aufgegeben wurde, ist die Verantwortung für die Wahl dem einzelnen überlassen. Wir haben deshalb ein schärferes Bewußtsein vom Charakter unserer Entscheidungen. Eine Untersuchung der postmodernen Moral(en) muss deshalb auch immer eine Untersuchung der postmodernen Lebensstrategien sein.

Um diese Situation der moralischen Ambivalenz im Zeitalter des Abschieds von den Prinzipien kreisen Baumans Essays. Welche Aspekte der Lebensbedingungen machen es unmöglich oder überflüssig, die Politik der Prinzipien zu verfolgen, welche die Moderne kennzeichnen? Nach Baumans Diagnose liegen die Wurzeln der postmodernen Moralprobleme in der Zerissenheit des gesellschaftlichen Kontexts und divergierenden Lebensinteressen.

AutorIn/Hg.

Zygmunt Bauman

Zygmunt Bauman (1925-2017) war von 1972 bis 1990 Professor für Soziologie an der Universität Leeds. 1925 in Posen geboren, floh er 1939 vor den Nazis in die Sowjetunion. Ab 1954 lehrte er Soziologie an der Universität Warschau. Er verließ Polen 1968, ging nach Israel und hielt Vorlesungen an der Universität Tel Aviv.

mehr

Inhalt

Einleitung. Auf der Suche nach der postmodernen Vernunft 9

1 Moral ohne Ethik 22

Gesellschaft: die Vertuschungsoperation 26
Angesichts des Unerträglichen 34
Den Schleier weben 39
Der durchlöcherte Schleier 44
Der zerrissene Schleier 51
Die enthüllte Moral 59
Ethische Gesetze, moralische Maßstäbe 65

2 Formen des Zusammenseins 76

Nebensein, Mitsein, Fürsein 84
Konvention und Engagement 94
Die unerträgliche Ungewißheit des Fürseins 101
Das Gute liegt in der Zukunft 112

3 Zerbrochene Leben, zerschlagene Strategien 119

Ausbruch ins Gefängnis 121
Das Unbehagen an der Beschleunigung: »Lebensqualität« 127
Das Unbehagen an der Beschleunigung: »Identität« 132
Das moderne Leben als Pilgerreise 136
Pilger in ungastlicher Welt 143
Die Nachfolger des Pilgers 150
Welche Chance hat die Moral? Welche Chance hat das Gemeinwesen? 162

4 Ein Katalog postmoderner Ängste 170

Panoptikonsängste 172
Von Güterlieferanten zu Gefühlesammlern 180
Von der Gesundheit zur Fitneß 187
Der Körper unter Belagerung 195
Vom Tasten zum Schmecken 198

5 Ein Wiedersehen mit dem Fremden 205

Zwei Strategien, mit Fremden zu leben 207
Der Fremde aus Sicht des flâneurs 213
Der Fremde ante portas 219
Der Fremde, janusköpfig 223

6 Gewalt, postmodern  226

Die verschwimmende Grenze  232
Wege und Mittel der Trennung von Tat und Moral  240
Adiaphorisierung, die postmoderne Version  247
Gewalt in Eigenproduktion  257
Ein nicht schlüssiger Schluß  262

Bibliographie  265

 
Originalausgabe Life in Fragments: Essays in Postmodern Morality: Oxford: Blackwell Publishers 1995