Janosch Schobin

Freundschaft und Fürsorge

Bericht über eine Sozialform im Wandel

264 Seiten
ISBN 978-3-86854-266-0
Erschienen Oktober 2013

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Der demografische Wandel hat immense Auswirkungen auf die Lebensformen der Einzelnen. Niedrige Geburtenraten verändern Verwandtschafts- und Familienbeziehungen, sie werden zu einer knappen Ressource: Das Einzelkind zweier Einzelkinder hat keine Geschwister, keine Tanten, Onkel oder Cousins. Gleichzeitig werden die Menschen immer älter, und die Zahl der Pflegebedürftigen steigt. Der »Pflege-GAU« scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. In dieser gesellschaftlichen Phase des Umbruchs taucht das Bild der fürsorglichen Freundschaft als Hoffnungsträger auf: Doch können reale Freunde halten, was das neue Ideal der Freundschaft verspricht?

Die Studie nimmt die gesellschaftlichen Hoffnungen in die Freundschaft zum Anlass, um nach dem Wandel des Diskurses über die Freundschaft und nach der Art, wie Freundinnen und Freunde ihre Freundschaften leben, zu fragen. Freundschaftsratgeber werden analysiert, und der berühmte Briefwechsel zwischen den Freundinnen Hannah Arendt und Mary McCarthy wird neu gelesen. Interviews mit Menschen aus mehreren Generationen mit ihren unterschiedlichen biografischen Erfahrungen loten sensible Bereiche des neuen Freundschaftideals aus: An welchen Unterstützungspraktiken scheitern Freundschaften? Hört die Freundschaft wirklich beim Geld auf? Und vorrangig stellt sich die Frage, ob die Freunde tatsächlich die Erwartungen an leibliche Fürsorge erfüllen können, denen sie nun ausgesetzt sind. Öffentlich verfügbare Statistiken lassen das eigentlich nicht vermuten. Krankheit und/oder Sterben sind eine Herausforderung für die Konstellation von Freundschaft und stellen die neue Idee von Freundschaft auf den Prüfstand.

Aus vielschichtiger Perspektive entfaltet die Studie das Bild einer Sozialform im Wandel: Dem veränderten Bild der Freundschaft entspricht die Zunahme der Bedeutung enger, vertrauter, emotional aufgeladener Freundschaften auf der Ebene der Praxis. Schobin beschreibt die Transformation, die er sieht, durch zwei ineinander verschränkte Prozesse: Zum einen ist eine Verfreundschaftlichung der sozialen Fürsorge zu beobachten und zum anderen, als komplementärer Aspekt, eine Verfürsorglichung der Freundschaft, die einem »weiblichen« Ideal von Freundschaft folgt. 

AutorIn/Hg.

Janosch Schobin

Dr., Studium der Soziologie, Mathematik und Hispanistik an der Universität Kassel; von 2006 bis 2015 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung.

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Inhalt

Hinführungen  7

Auf dem Weg zur fürsorglichen Freundschaft?  9

I Zwischen Diskurs und Praxis: Freundschaft und Fürsorge als soziologisches Problem  15
Der Begriff der Freundschaft: Eine Versuchsanordnung  17
Von den begrifflichen zu den methodischen Problemen  21
Das heuristische Untersuchungsprogramm  23

Prüfsteine der fürsorglichen Freundschaft  29

II Finanzielle Fürsorge: Das Geld der Freunde  31
Hört bei Geld die Freundschaft auf?  31
Im Diskurs: Das praxeologische Dilemma des Geldes  33
In der Praxis: Freundschaft und Geld  42
Zwischen Diskurs und Praxis: Das Geldverbot als Simulacrum  57

III Fürsorge im tätigen Leben: Die Freunde, die Arbeitsteilung und die Not  69
Die doppelte Ordnung der tätigen Fürsorge  69
Die Ordnung des Alltags I: Im Diskurs - Reziprozitätserwartungen und Komplementaritätsarrangements  75
Die Ordnung des Alltags II: In der Praxis - von der Notwendigkeit des Zusätzlichen  79
Die Ordnung der Prüfung I: Im Diskurs - die symbolischen Prüfungen der Freundschaft  102
Die Ordnung der Prüfung II: In der Praxis - von der Zusätzlichkeit des Notwendigen  109
Zwischen Diskurs und Praxis: Die Heuristiken der tätigen Sorge  118

IV Fürsorge am Leib: Sterben und Begehren der Freunde  122
Die Leibessorgemotive der Einseelenlehre  123
Im Diskurs: Sex, Krankheit und Tod in der Ratgeberliteratur  129
In der Praxis: Freundschaft, Sex, Altern und Tod - das historische Experiment der 68er  144
Zwischen Diskurs und Praxis: Konvergenzen, illegitime Referenzen und Disjunktionen  180

V Fürsorge im Gespräch: Die Geheimnisse der Freunde  186
Das Gespräch als camouflierter Soziolekt  187
Im Diskurs: Das Mantra von der identitätsstiftenden Freundschaft  192
In der Praxis: Die Methoden der Geheimniscodierung vertraulicher Mitteilungen  206
Zwischen Diskurs und Praxis: Das stille Wissen von der sozialen Freiheit  235

Abschluss

VI Die Grenzen der fürsorglichen Freundschaft  245
Die Verfreundschaftlichung der Fürsorge  246
Die Verfürsorglichung der Freundschaft  247
Das Freundschaftswissen und seine Grenzen  247
Die Dehnbarkeit der fürsorglichen Praktiken  249
Der Horizont des durchschnittlich Möglichen  252

Danksagung  254

Literaturverzeichnis  254

Termine

Hamburg, Gästehaus der Universität, 19. Mai 2014

Janosch Schobin: Uns gehen die Verwandten aus
Sind Freundschaften das soziale Bindemittel moderner Gesellschaften?

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