Elissa Mailänder Koslov

Gewalt im Dienstalltag

Die SS-Aufseherinnen des Konzentrations- und Vernichtungslagers Majdanek 1942-1944

521 Seiten
ISBN 978-3-86854-212-7
Erschienen September 2009

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Zwischen Herbst 1942 und Frühjahr 1944 waren im Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek 28 SS-Aufseherinnen beschäftigt. Ihre erste »Konzentrationslager-Erfahrung« machten diese Frauen im zentralen Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, wo sie für ihren Einsatz ausgebildet wurden. Zu ihren Aufgaben gehörten die täglichen Zählappelle, die Einteilung der Häftlinge in Arbeitskommandos und die Überwachung der Frauen im Block sowie bei der Arbeit. In Majdanek führten sie auch die Selektionen der weiblichen Häftlinge durch.

Elissa Mailänder Koslov untersucht anhand von NS-Dokumenten, Zeugensaussagen, Interviews und Erinnerungsliteratur, was diese Frauen dazu bewogen hat, in einem Konzentrationslager zu arbeiten, wie sie sich im »Universum der Gewalt« Majdaneks zurechtgefunden und wie sie es mitgestaltet haben. Die meisten dieser jungen, zum überwiegenden Teil um 1920 geborenen Frauen waren ledig und entstammten einem sozial weniger privilegierten Milieu. Insofern versprach der Aufseherinnendienst in erster Linie einen gut bezahlten, sicheren Arbeitsplatz, sozialen Aufstieg und obendrein den Beamtenstatus. Aber auch Abenteuerlust, Anerkennung und nicht zuletzt materielle Bereicherung sowie Ehrgeiz spielten bei ihren Bewerbungen eine Rolle. Wie kam es jedoch dazu, dass die anfangs sehr verunsicherten und vom Lageralltag schockierten Frauen innerhalb nur weniger Wochen zu »SS-Aufseherinnen« wurden und insbesondere in Majdanek ein ausgesprochen brutales und grausames Verhalten an den Tag legten? 

Der alltagsgeschichtliche Zugang der Autorin zeigt, dass die Entwicklung dieses Gewaltverhaltens keineswegs ein linearer Prozess war, sondern durch komplexe normative, institutionelle, soziale und situative Dynamiken vor Ort entstand. So bedeutete etwa das Tragen einer Uniform und Dienstwaffe Machterfahrung und Selbstermächtigung und verlieh der Aufseherinnenarbeit eine gewisse »Legitimität«. Die tägliche Gewaltausübung diente nicht allein dazu, die Gefangenen zu beherrschen, zu brechen und zu zerstören, sondern richtete sich nicht zuletzt auch an die umstehenden Kolleginnen und Kollegen, um zu zeigen, wozu man »fähig« war. Insofern ging es also auch um Macht und Selbstdarstellung innerhalb der SS-Kollegenschaft.

Der Dienstalltag, die Allgegenwärtigkeit von Gewalt, Tod und Vernichtung, das täglich zu erfüllende Arbeitspensum, die kleinen und größeren »Probleme« und deren Lösung, die Gratifikationen und das Gefühl des SS-Personals, etwas (er)schaffen zu können, all das wirkte sinnstiftend, motivierend und zugleich radikalisierend. Die alltagsgeschichtliche Perspektive zeigt, dass die von SS-Aufseherinnen in Majdanek ausgeübte physische Gewalt nicht allein von »von oben« befohlen wurde. Auf allen Dienstebenen verfügten sie über gewisse Handlungsspielräume und Möglichkeiten, die Anordnungen zu interpretieren: Und davon machten sie auch reichlich Gebrauch.

AutorIn/Hg.

Elissa Mailänder Koslov

studierte in Wien, Paris und Erfurt Literaturwissenschaft und Geschichte. 2007 promovierte sie an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Cotutelle mit der Universität Erfurt. 2001 war sie als Junior Visiting Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien und 2006 Visiting Fellow am Center for advanced Holocaust Studies, U.S. Holocaust Memorial Museum, Washington, D.C. Seit Juni 2008 arbeitet sie am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen, wo sie am Center for Interdisciplinary Memory Research das Forschungsprojekt »Referenzrahmen des Helfens« leitet, das Hilfsverhalten im Nationalsozialismus erforscht.

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Inhalt

Einleitung   9

Methodisch–theoretische Vorüberlegungen   15
Weibliches Wachpersonal in den Konzentrationslagern   15
Alltagsgeschichte als methodischer Zugang   22
Zur Theorie von Macht, Gewalt und Grausamkeit 26 Materialien   33

Das Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek im Überblick   51
Der Distrikt Lublin: Ein »rassenpolitisches Versuchsfeld«   52
Die Entwicklungsgeschichte des Lagers (1941–1944)   58
Die innere Organisation Majdaneks   73
Die Lebensbedingungen der Häftlinge   86
Majdanek: Produkt der nationalsozialistischen Okkupations- und Vernichtungspolitik   90

Frauen auf Arbeitssuche: Wege ins Konzentrationslager   93
Die erste Rekrutierungswelle (1939–1941): Bewerbung auf eigene Initiative   101
Kriegsbedingter Arbeitskräftebedarf (1941–1942): Rekrutierungen durch das Arbeitsamt   111
Totaler Krieg (1943–1945): Direkte Abwerbungen von Fabrikarbeiterinnen durch die SS   119
Wege von SS-Männern ins Konzentrationslager   126
Dienst im KZ: Eine soziale und berufliche Perspektive   132

Ausbildungslager Ravensbrück: Das KZ als Disziplinarraum   137
Die Einweisung in den KZ-Dienst   142
Wohnen im Konzentrationslager: Die Wirkungsmacht der Architektur   157
Kleider machen Leute: Die Uniform als Machterfahrung   172
Fremddisziplinierung, Selbstdisziplinierung, Eigen-Sinn: Kommandanturbefehl Nr. 3   188

»Nach Osten«. Versetzung ins Konzentrationsund Vernichtungslager Majdanek (1942–1944)   195
Beförderung, Zwangs- oder Strafversetzung?   195
Majdanek zwischen großspuriger Planung und chaotischer Realisierung   201
Ankunftsschock: Extreme Bedingungen   206
Osterfahrung: Herrenbewusstsein im »Wilden Osten«   224
Exkurs: Der begutachtete »Herrenmensch«   240
Zwischen »Ostrausch« und Ernüchterung   252

Die Arbeitsbedingungen in Majdanek   257
Chronischer Arbeitskräftemangel   258
Spannungen und Konflikte in der Lager-SS   266
Ein Blick auf die Geschlechterverhältnisse   273

Vernichtung als Arbeit: Tötungsalltag im Konzentrations- und Vernichtungslager   287
Selektieren 288 Töten   297
Beseitigen der Leichen   317
Nach Dienstschluss: Freizeit und Familie   326
Das Arbeitsverständnis des SS-Personals   331

Flucht und ihre Be-Deutungen im Macht- und Gewaltgefüge der Lager   340
»Die Fluchtseuche von Auschwitz muß verschwinden!« Fluchtversuche im Konzentrationslagersystem   340
Zum Umgang mit Flucht: Der Ausbruch sowjetischer Kriegsgefangener   345
Die Erhängung als Terrorstrafe   350
Flucht im (Erinnerungs-)Diskurs ehemaliger Häftlinge: Das Beispiel der Erhängung einer jungen Frau   361

Lizenz zum Töten? Die eigenmächtige Anwendung von Vorschriften durch das KZ-Personal   371
Die körperliche Strafe: Ravensbrück und Majdanek im Vergleich   372
»Auf der Flucht erschossen«: Die Handhabung der Dienstwaffe   392
Disziplinarverfahren gegen Aufseherinnen und SS-Männer in Majdanek   397
Handlungsoptionen zwischen Befehl und Gehorsam   404

Gewalt als soziale Praxis   410
Zur Praxis und Funktion von Beschimpfungen, Ohrfeigen und Fußtritten   411
Gruppen- und Geschlechterdynamiken bei der Ausübung von Gewalt   424
»Wenn die Frauen anfangen zu schießen, muß das Lager geräumt werden«: Genderkonnotierte Gewaltformen   441

Grausamkeit: Ein anthropologischer Blick   451
Über-Macht und Überwältigung   453
Demütigung und Schändung: Zur Semantik der grausamen Geste   460
Der soziale Kontext als gewaltsteigernder Faktor   470
Geschlechtszuschreibungen von Gewalt und Grausamkeit   475

Resümee: Frauen im KZ-Einsatz   482

Danksagung   492

Abkürzungsverzeichnis   494

Archivalien   496

Benutzte Materialien und Publikationen   498

Termine

Clark University, Worcester, MA, 27. März 2017

Elissa Mailänder Koslov: Gewalt im Dienstalltag
Die SS-Aufseherinnen des Konzentrations- und Vernichtungslagers Majdanek 1942-1944

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