Reinhard Müller

Herbert Wehner – Moskau 1937

570 Seiten, 17 Abbildungen
ISBN 978-3-930908-82-0
Erschienen September 2004

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Herbert Wehner, lange Jahre Fraktionsvorsitzender der SPD im deutschen Bundestag, hat selbst nur spärlich Auskunft geben mögen über seine Jahre im Moskauer Exil, wo er 1937 bis 1941 als Kandidat des Politbüros der KPD im »Hotel Lux« lebte.

Erst 1982 veröffentlichte er seine 1946 entstandenen autobiographischen »Notizen«, die er selbst als Aufarbeitung der traumatischen Erfahrungen der Moskauer Jahre sah.

Reinhard Müller, Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung, konnte durch seine langjährigen Recherchen in Moskauer und Berliner Archiven – insbesondere nach Auffinden von Wehners Kaderakte im Archiv des ZK der KPdSU – zeigen, daß Wehners autobiographische Rechenschaftslegung, in der er sich als Opfer des stalinistischen Terrorapparats, als inwendigen Partisan und mitfühlenden Helfer verfolgter Genossen beschreibt, eine »Schönschrift«, eine Verdrängung seiner tatsächlichen Rolle gewesen sind. Daß Herbert Wehner eher als Täter im Geflecht des stalinistischen Terrorapparats gesehen werden muß – als Informant von Stalins Geheimpolizei und als Mitarbeiter des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale – wird durch Müllers neue Funde bisher unbekannter Dokumente weiter erhärtet und belegt.

Wehners umfassende Kenntnisse über die politische Biographie von Parteimitgliedern und sein ausgeprägtes Personengedächtnis ließen ihn zum anerkannten »Trotzkismus«-Experten der Partei werden. Es waren häufig erst seine schriftlichen und mündlichen Hinweise, die Stalins Geheimpolizei auf »rechte« und »linke« Gruppierungen und Personen aufmerksam machten. Seine publizistischen Vernichtungsfeldzüge in Zeitschriften und Zeitungen gegen linke »Splittergruppen«, die er, wie zum Beispiel Willy Brandts SAP, als »trotzkistische Gestapo-Agenten« etikettierte, setzten zahlreiche Emigranten in der Sowjetunion der Verfolgung aus.

Im Februar 1937 lieferte Wehner in der Lubjanka, der Zentrale der Geheimpolizei Stalins, mehrmals ausführliche Informationen zu einzelnen KPD-Mitgliedern und oppositionellen Gruppen, die zu einem an alle Dienststellen verschickten NKWD-Direktivbrief zur Verfolgung »deutscher Trotzkisten« entscheidend beitrugen. Seine persönliche Gefährdung durch eine gegen ihn angestrengte »Parteiuntersuchung« beantwortete er mit Linientreue und Denunzierung all jener, die nicht der »Generallinie« folgten. Seine Expertisen und »Agenturberichte«, führten dazu, daß nach dem Februar 1937 nicht nur in der Sowjetunion eine große Säuberungswelle unter den deutschen Emigranten einsetzte und selbst die sogenannten »Trotzkisten« im Ausland noch von NKWD-Agenten verfolgt wurden.

In der Zeit des »Großen Terrors« geriet Herbert Wehner als ideologisch radikalisierter Funktionstäter in jenes Moraldilemma zwischen Opfer und Täter, das ihn als Verdrängung und Schuldabwehr auch noch nach seinem Bruch mit dem Kommunismus verfolgte.

AutorIn/Hg.

Reinhard Müller

geb. 1944, Historiker, bis Dezember 2009 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich »Theorie und Geschichte der Gewalt«.

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Inhalt

Inszenierte Erinnerung   9
Vom libertären Anarchisten zum linientreuen Parteikader   22
»Trotzkisten« und »Versöhnler«   38
»Splittergruppen« im Exil   57
Reaktionen auf den Schauprozeß   72
Kaderfragen in Paris   78
Differenzen mit Ulbricht   91
Moskau: »Hotel Lux«   95
Die »Arbeit der Aufdeckung«   101
Unter Verdacht   113
Die »Kaderfrage« in Moskau   123
Rezension als Vernichtung   132
Gefährdung und Protektion   147
Denunziation und Amtshilfe   162
Trotzkismus-Experte der KPD   176
Februar 1937: In der Lubjanka   184
Jeschows Vernichtungsbefehl   193
Die »deutsche Operation«   209
Agenturbericht für das NKWD   217
Kampagne gegen »Trotzkisten«   228
Dezember 1937: In der Lubjanka   244

Anhang

Biographien   259

Dokumente 282

Dokument 1: Chiffrierter Brief Herbert Wehners an das Politbüro der KPD. 14. September 1936   282
Dokument 2: [Herbert Wehner] Zu den Kaderfragen der KPD. 22. Januar 1937   294
Dokument 3: Herbert Wehner: Zur Propaganda der KPD. 24. Januar 1937   308
Dokument 4: Herbert Wehner: Ein Beitrag zur Untersuchung der trotzkistischen Wühlarbeit in der deutschen antifaschistischen Bewegung. Anfang Februar 1937   326
Dokument 5: Herbert Wehner: Bemerkungen zu den Splittergruppen der deutschen antifaschistischen Bewegung. Februar 1937   349
Dokument 6: [Herbert Wehner] Zu den Argumenten der Splittergruppen. Frühjahr 1937   357
Dokument 7: Direktivbrief der Hauptverwaltung Staatssicherheit des NKWD. Über die terroristische, Diversions- und Spionagetätigkeit der deutschen Trotzkisten im Auftrag der Gestapo auf dem Territorium der UdSSR. 14. Februar 1937   362
Dokument 8: [Herbert Wehner] Agenturbericht über Grete Wilde und Georg Brückmann. 21. April 1937   398
Dokument 9: Herbert Wehner: Aus der Zeitschrift »Nachrichten« vom Auslandsbüro »Neu Beginnen«. 20. April 1937   410
Dokument 10: Herbert Wehner: Information über Berichte aus Deutschland, in denen trotzkistische Einflüsse oder Unklarheiten enthalten sind, die von Trotzkisten ausgenutzt werden können.   413
Dokument 11: Herbert Wehner: Über die deutsche Freiheitspartei. Frühjahr 1937   418
Dokument 12: Rundschreiben des Auslandssekretariats der KPD. Ende Juli 1937   421
Dokument 13: [Herbert Wehner] Die deutschen Trotzkisten und die Gestapo   430
Dokument 14: [Herbert Wehner] Bericht über die KPD-Presse. September 1937   449
Dokument 15: Herbert Wehner: Zur Auseinandersetzung der KPD mit der SAP.   454
Dokument 16: Herbert Wehner: Einige »Argumente« der SAP und der Trotzkisten. 10. Oktober 1937   461
Dokument 17: Herbert Wehner: Bemerkungen zu »Deutschland-Information«, September. 2. November 1937   467
Dokument 18: Herbert Wehner: Aufzeichnungen für das NKWD. 13. Dezember 1937   469

Textvorlagen für das NKWD: Konkordanzen und Vergleiche   485

Abkürzungen   520
Literaturverzeichnis   524
Personenregister   557