Gerhard Wolf

Ideologie und Herrschaftsrationalität

Nationalsozialistische Germanisierungspolitik in Polen

528 Seiten, mit 19 Abb. und 1 Karte
ISBN 978-3-86854-245-5
Erschienen März 2012

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Für die Forschung zur nationalsozialistischen Besatzungspolitik in Polen scheint der Befund eindeutig: Auf einen brutal geführten Krieg folgte der von der SS vorangetriebene Versuch, zumindest den annektierten Westen in einen »Exerzierplatz« rassischer Lebensraumpolitik zu verwandeln, in eine – so Himmler – »blonde Provinz«.

Gerhard Wolfs Analyse fördert indes Überraschendes zutage: Nicht der SS-Apparat war hier maßgeblicher Schrittmacher der Germanisierungspolitik, sondern die Zivilverwaltungen. Himmler schaltete sich erst ein, als diese eine Selektionspraxis durchsetzten, die die »völkische Zugehörigkeit« zum alles entscheidenden Selektionskriterium erklärten. Himmlers Anstrengungen, »völkische Zugehörigkeit« durch »rassische Eignung« zu ersetzen, reflektiert einerseits die zentrale Bedeutung von Rasse in der Weltsicht des SS-Apparats, andererseits aber auch die Absicht, den Selektionsprozess unter die Regie des Rasse- und Siedlungshauptamtes, also unter die eigene Kontrolle zu bringen. Himmler scheiterte schließlich an den Zivilverwaltungen. Diese waren nicht bereit, Macht abzutreten, zumal sie erkannten, dass die wirtschaftliche Ausbeutung dieser Gebiete und ihre dauerhafte Sicherung nicht gegen, sondern nur mit dem größten Teil der einheimischen Bevölkerung zu erreichen war; sie sollten gerade nicht als »rassisch minderwertig « vertrieben, sondern als »Deutsche« oder doch »Wiedereinzudeutschende« in die »deutsche Volksgemeinschaft « integriert werden. Der Verweis auf »Volk« war natürlich nicht weniger ideologisch, ermöglichte aber mit der »Deutschen Volksliste« ein Selektionsprogramm, das nicht auf »rassische« Merkmale, sondern auf kulturelle und soziale Praktiken setzte und Personen identifizierte, die bereit waren, sich der deutschen Herrschaft zu unterwerfen.

Gerhard Wolfs innovative Studie bricht mit den gängigen Annahmen über nationalsozialistische Besatzungspolitik, zeichnet Kontinuitäten der preußischen Germanisierungspolitik bis in die NS-Zeit nach und präsentiert die Akteure in den selbst geschaffenen Fallstricken ihrer Politik. Sie ist ein Plädoyer, die gängige Vorstellung vom nationalsozialistischen Deutschland als »Rassestaat« zu überprüfen. 

Alle Titel aus der Reihe »Studien zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts«

AutorIn/Hg.

Gerhard Wolf

Dr. phil., DAAD Lecturer für Moderne Deutsche Geschichte an der University of Sussex in Brighton, UK. Seine Forschungsarbeiten zur Geschichte des Nationalsozialismus befassen sich mit der Besatzungspolitik in Osteuropa, mit der Bevölkerungspolitik und mit den Ursachen von Rassismus und Antisemitismus.  

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Inhalt

Einleitung    9
   Forschungsliteratur    22
   Quellen    33

»Deutscher Drang nach Polen«    35
Antipolnische Germanisierungspolitik: auf dem Weg zum deutschen Nationalstaat    35
Deutsche Minderheiten in Polen als Komplizen und Instrument deutscher Aggression    53
   Revisionismus in der Weimarer Republik    53
   Verkehrte Verhältnisse: Ausgleich mit Polen als Voraussetzung nationalsozialistischer »Lebensraum«-Politik     65
   Entscheidung zum Krieg    72

Krieg: Projektion der »Lebensraum«-Dystopien auf Polen    75
Genese der »Lebensraum«-Politik im Krieg    76
Perpetuierung der Gewalt: Einrichtung der deutschen Besatzungsherrschaft    91
   Neue Grenzen    93
   Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums    97
   Einrichtung der Zivilverwaltungen    102

Herrschaftssicherung: Bevölkerungspolitische Stabilisierung des deutschen Besatzungsregimes    107
Vertreibung und Ermordung potentieller Gegner    107
   Die Nisko-Aktion: gescheiterter Auftakt   108
   Modell Gotenhafen: Etablierung eines Umsiedlungskreislaufs    120
   Durchgriff des Reichssicherheitshauptamtes    129
   Erster Nahplan: Deportation der polnischen Elite    148
Einbindung der zuverlässigen »deutschen Volkszugehörigen«    165
   Initiativen in den einzelnen Provinzen    165
   Einführung der deutschen Staatsangehörigkeit durch das Reichsinnenministerium    176

»Lebensraum«: Bevölkerungspolitik im Spannungsfeld von rassischer Hybris und Herrschaftsrationalität    191
Herrschaftsfunktionale Dilemmata rassischer Deportationspolitik    191
   Zwischenplan: Abschiebung von Juden oder Ansiedlung ethnischer Deutscher?    192
   Zweiter Nahplan: rassische Angstphantasien und Arbeitskräftemangel    204
   Kompromissversuch: rassische Musterung von (Zwangs-) Arbeitern    218
   Madagaskar-Plan: dystopische Fluchten    228
   Ausweitung der Deportationen im zweiten Nahplan    236
   Dritter Nahplan: vom Kriegsverlauf überrollt    256
»Rasse« oder »Volk«? Konkurrierende Entwürfe für eine »deutsche Volksgemeinschaft«    266
   Provinzielle Alleingänge    266
   SS kontra Reichsinnenministerium    288
   Die Macht der Gauleiter    322

Arbeitseinsatz: Bevölkerungspolitik als Ausbeutungs- und Assimilationspolitik    343
Zwangsarbeiter für das Deutsche Reich    343
   Scheitern der rassischen Musterungen    344
   Dritter Nahplan, zweiter Teil: Kompromissversuche    348
   Erweiterter dritter Nahplan: endgültiger Kollaps des Umsiedlungskreislaufs    360
   Auflösung der Umwandererzentralstellen    371
Assimilation    376
   Einführung der Deutschen Volksliste in allen annektierten Gebieten Westpolens    377
   Beschleunigung und Vereinfachung des Selektionsverfahrens    405
   Endgültige Marginalisierung der rassischen Musterungen    421
   Einstellung der Erfassungen    453

Fazit    467

Danksagung   489

Quellen- und Literaturverzeichnis    492
    Archive    492
   Quelleneditionen, Dokumentationen    495
   Zeitgenössische Literatur (bis 1945)    496
   Darstellungen    498

Personenregister    524