Renate Siebert

Im Schatten der Mafia

Die Frauen, die Mafia und das Gesetz

Aus dem Italienischen von Renate Heimbucher
384 Seiten
ISBN 978-3-930908-31-8
Erschienen Oktober 1997

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Die Mafia gilt als eine Männergesellschaft, die Frauen von jeher rigoros ausgeschlossen hat. Frauen seien unzuverlässig, geschwätzig und über die Geheimnisse der Ehrenwerten Gesellschaft in Unwissenheit zu halten. Ungeachtet dessen ist das weibliche Element in der mafiosen Ideologie allgegenwärtig.

Denn diese basiert auf dem Mythos des Schutz gewährenden Familienvaters, der die Ehefrau achten muß, weniger weil sie eine achtbare Frau ist, sondern als Mutter von Söhnen gebraucht wird, weil sie durch ihr Verhalten für die Reputation des Mannes zu sorgen hat und sich ihre Verwandtschaftsbeziehungen für kriminelle Aktivitäten instrumentalisieren lassen. Haß und Brutalität gegen Frauen steht so eine seltsame, durch praktische Erwägungen ergänzte Idealisierung gegenüber.

Innerhalb dieser Strukturen haben sich die Frauen unterzuordnen. Aber durch ebendiese Unterordnung, diese stumme Mitwisserschaft, die sich unweigerlich mit Komplizenschaft auflädt, wandelt sich Abhängigkeit oft in Beteiligung, Verantwortlichkeit und Schuld.

Was fühlen diese Frauen? Was denken sie? Wie leben sie ihren Alltag im Schatten des Todes, der ihre Väter, Ehemänner, Brüder und Söhne bedroht? Diesen Fragen geht Renate Siebert in ihrer wissenschaftlichen Studie nach. Sie läßt Mütter, Ehefrauen, Geliebte und Töchter zu Wort kommen und ergänzt deren persönliche Zeugnisse durch eine theoretische Analyse. Sie schildert die Realität jener Frauen, die mit der Mafia leben müssen oder wollen, aber auch den wachsenden Widerstand gegen die Organisation. Sie zeigt, wie mutige Initiativen von Frauen, ungeachtet gewalttätiger Einschüchterungsversuche, zur Entstehung lokaler Anti-Mafia-Kampagnen geführt haben.

»'Die Cosa nostra ist nicht unbesiegbar. Sie ist eine von Menschen aufgebaute Struktur, und wie alles, was von Menschen gemacht ist, hatte sie einen Anfang und wird auch ein Ende haben.' (Giovanni Falcone) Wenn das stimmt, und ich glaube, daß es stimmt, wünsche ich mir, daß die Frauen in Zukunft immer mehr dazu beitragen mögen.«

AutorIn/Hg.

Renate Siebert

geb. 1942 in Kassel, studierte am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main. Seit 1970 lebt sie in Süditalien und lehrt seit 1974 an der Università della Calabria Soziologie des sozialen Wandels.

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Inhalt

Einleitung   9

Teil I Die Mafia durch das Geschlechterprisma gesehen

1. Eine reine Männergesellschaft   23
   Die Initiationsriten   23
   Jagd und Festgelage   29
   Primitive Gewalt   31
   Eine esoterische Gruppe?   34
2. Die Familie   41
   Die Ausnutzung der Verwandtschaftsbande   41
   Schein und Sein   47
   Ehre, Scham, Vendetta   50
   Die Überlieferung    58
3. Die Frau   66
   Mythos und Wirklichkeit   66
   Liebe und Sexualität   70
   Mißtrauen    75
   Frauen oder Mütter?   78
4. Der Tod   83
   Die Macht   83
   Der Zwang zu töten   91
   Die »Banalität des Bösen«   95
   Der Preis des Lebens   101
5. Eros gegen Thanatos   103
   Die Lebensqualität   103
   Ein neuer Anfang   110
   Ria Atria: nicht vergessen   113
   Rosetta Cerminara: eine beispielhafte Geschichte   125

Teil II Frauen mit der Mafia

1. Emanzipation?   137
   Fremdheit und Komplizenschaft   137
   Unternehmerinnen, Strohfrauen, Mittlerinnen   142
   Mafiosa? Nein, bloß Ehefrau   150
2. Unterordnung und Ausbeutung   157
   Die Drogenkuriere   157
   Mütter als Dealerinnen   167
   Ermordete Frauen und Kinder   172
3. Offene Komplizenschaft   181
   »Nonna Eroina«   181
   Die Frauen der Bosse   187
   Der diskrete Charme der Gewalt   201

Teil III Frauen gegen die Mafia

1. Gefühle als Ressource   221
   Wörter sind Steine   221
   »Zuviel Blut, es gibt keine Liebe hier«   225
   Moralischer »Familismus«   232
2. Trauernde Mütter, Schwestern und Witwen: allein gelassene Frauen   239
   Die Mafia bei mir zu Hause   239
   Ausgegrenzt im eigenen Milieu   257
   Von den Institutionen im Stich gelassen   272
3. Frauen von »Männer gegen die Mafia«   289
   »Gepanzertes Leben«   289
   Leben zwischen »Vorher« und »Nachher«   295
   Die Hinterlassenschaft der Berufsethik   318
4. Frauen und Entführungen   333
   Das Leben als Tauschwährung   333
   Der Mut von Angela Casella   337
   Wider die Staatsräson   344
5. »Zwischen Töten und Sterben gibt es einen dritten Weg: leben«   348
   Die Zentren und Vereinigungen   348
   Mütterliches Denken als Form des öffentlichen Protests:
   ...die Bettlaken-Aktion...   360
   ...und die Hungerstreiks   366
Anmerkungen der Übersetzerin   375
Bibliographie   378

 
Originalausgabe Le Donne, la Mafia: Il Saggiatore: 1994