Nikola Tietze

Islamische Identitäten

Formen muslimischer Religiosität junger Männer in Deutschland und Frankreich

Aus dem Französischen von Ilse Utz
277 Seiten
ISBN 978-3-930908-68-4
Erschienen März 2001

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Der Islam gehört heute zum gesellschaftlichen Alltag deutscher, französischer und anderer westeuropäischer Großstädte. Nicht nur Immigranten der ersten Generation praktizieren die Religion ihres Herkunftslandes, sondern auch junge Leute, die in Deutschland oder Frankreich aufgewachsen sind. Hier wie dort ist das Bild, das sich die Öffentlichkeit von Muslimen macht, überwiegend negativ: Sie gelten als Modernitätsverweigerer und Traditionalisten, die sich nicht in die westlichen Gesellschaften integrieren wollen. Schlimmstenfalls wird der Islam mit »Fundamentalismus«, Kriminalität, Gewalt oder sogar Terrorismus gleichgesetzt.

Die politische und soziale Situation im laizistischen, zentralistisch organisierten Frankreich unterscheidet sich zwar von der Lage in Deutschland mit seiner föderalistischen Struktur, wo Kirchen Körperschaften des öffentlichen Rechts sind. Die nachindustrielle Moderne und die Globalisierung haben jedoch in beiden Ländern zu einer zunehmenden Individualisierung und zur Schwächung traditioneller Institutionen und Wertesysteme geführt. Der einzelne ist gefordert, sich seine eigene Biographie zu »basteln«. Für junge Männer aus Einwandererfamilien bietet der Islam eine Möglichkeit dazu. Er dient ihnen sowohl zur Abgrenzung von der übrigen Gesellschaft als auch zur Integration in diese.

Am Beispiel junger muslimischer Männer in Deutschland und Frankreich, die unter vergleichbaren sozialen Bedingungen leben, analysiert die Autorin Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Selbst- und Außenwahrnehmung. Anhand von Interviews und teilnehmender Beobachtung entwickelt sie auf der Grundlage relevanter wissenschaftlicher Arbeiten eine Typologie der verschiedenen Formen muslimischer Religiosität. Porträts einiger Gesprächspartner und Zitate aus den Interviews lassen ein differenziertes und oft überraschendes Bild junger Muslime in den beiden Ländern entstehen.

Nikola Tietze zeigt in ihrem Buch, daß »Muslim sein« kein statisches Programm, sondern ein Prozeß ist, in dessen Verlauf sich das Individuum stets aufs neue als handelndes Subjekt entwirft.

AutorIn/Hg.

Nikola Tietze

PD Dr. phil., Soziologin, Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur; assoziiert am Hamburger Institut für Sozialforschung. 1999 Promotion an der École des Hautes Études en Sciences Sociales Paris und der Universität Marburg; 2013 Habilitation an der Universität Hamburg; von 2000 bis 2015 Wissenschaftlerin im Hamburger Institut für Sozialforschung; Gastdozentin an den Universitäten Hamburg, Paris, Bordeaux.

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Inhalt

Muslimische Religiosität als Subjektivierungsmodus   7

Vom Islam der Immigranten zum Islam in Frankreich und Deutschland   19
   Der Islam in Frankreich: Drei historische Konfigurationen   20
   Der Islam in Deutschland: Der deutsche Umgang mit der »türkischen Frage«   32
   »Islamismus« oder »islamischer Fundamentalismus«:
   Die internationalen Entwicklungen in der französischen und in der deutschen Literatur   43

Formen muslimischer Religiosität in Frankreich und in Deutschland   56
   Porträts von jungen Muslimen   56
      Kenan und Ismail - Der islamisch geprägte Aufstiegswille   56
      Hakim - Die Konfliktualisierung der sozialen Realität durch den Islam   63
      Mourad - Der Versuch, biographische Brüche durch einen »integralistischen« Islam zu überwinden   71
      Kader und Deniz - Der Islam als Teil der sozialen Identität   78
   Die Typologie   85
   Vier Formen muslimischer Religiosität bei jungen männlichen
   Erwachsenen in einer schwierigen sozialen, ökonomischen und politischen Situation   157
      Die Zirkulation der religiösen Formen   159
      Mehmet - Der Taekwondo-Anhänger   165

Marianne und Germania erzählen ...   171
   Laizität und Körperschaft des öffentlichen Rechts   172
   Das Eigene und das Fremde in den nationalen Selbstbeschreibungen   183
   Marianne und Germania in den Turbulenzen der postindustriellen Moderne   193

In Frankreich oder in Deutschland Muslim sein   200
   Die Artikulation von Gleichsein und Anderssein   201
      Der identische »Andere«: Differenz in der deutschen Öffentlichkeit   201
      Der »Gleiche«, der zum »Anderen« wird: Differenz in der französischen Öffentlichkeit   207
   Germanias Muslime - Mariannes Muslime   215
      Die Zirkulation der religiösen Formen im öffentlichen Raum Deutschlands und Frankreichs   227

Muslimische Erfahrungen statt ein muslimisch definiertes Sein   236

Anhang   243
   Die Stadtteile   243

Literaturverzeichnis   256
   Zeitungen und Zeitschriften   272
   Unveröffentlichte Forschungsberichte und Broschüren   274

Danksagung   276