Christian Gerlach

Kalkulierte Morde

Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944

Studienausgabe
1232 Seiten
ISBN 978-3-930908-63-9
Erschienen November 2000

Zum Buch

Der Historiker Christian Gerlach hat sich der bisher nur bruchstückhaft aufgearbeiteten Besatzungsgeschichte Weißrußlands (1941 bis 1944) in einer monumentalen Studie angenommen. Auf breiter Quellenbasis gibt seine Darstellung tiefe Einblicke in die Praxis der Vernichtung.

Nach drei Jahren deutscher Besatzung war nichts mehr wie zuvor. Nahezu 1,7 von zehn Millionen Einwohnern waren ermordet, fast 400000 als Zwangsarbeiter verschleppt worden.

Der Terror richtete sich gegen sowjetische Kriegsgefangene, Juden, Intelligenzler«, Bauern, Kinder, Geisteskranke, Sinti und Roma, vermeintliche Partisanen und Hungerflüchtlinge. Die Städte des Landes waren zum Großteil in Ruinenfelder verwandelt, drei Millionen Menschen waren obdachlos. Die industrielle Kapazität tendierte gegen Null, und der Viehbestand war um 80 Prozent gesunken. Weißrußland schien fast ausgelöscht.

Erstmals wird für ein Territorium die Vernichtungspolitik gegenüber allen betroffenen Bevölkerungsgruppen gleichermaßen untersucht und der Zusammenhang mit militärischen, wirtschaftlichen und politischen Zielen und Handlungen umfassend analysiert. Die praktische Zusammenarbeit zwischen Organen und Akteuren verschiedener Ebenen, von Reichsministerien, SS, Wehrmacht, Zivilverwaltungen, Wirtschaftsgesellschaften und einheimischer Hilfspolizei wird eindrucksvoll belegt.

Trotz Rivalitäten unter den beteiligten Institutionen blieb eine gemeinsame Strategie des Terrors bestimmend, die vor allem auf der untersten Handlungsebene effektiv und in einer für die Opfer unheilvollen Weise funktionierte. Sie ging aus von der Umsetzung des Plans, Millionen Zivilisten und Kriegsgefangene in der Sowjetunion verhungern zu lassen. Dabei zeigt sich: Zwischen Wirtschaftsinteressen und Massenmord bestanden bisher unbekannte Verbindungen.

AutorIn/Hg.

Christian Gerlach

Historiker, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Bern. Arbeitsschwerpunkte: Globale und transnationale Geschichte; europäische Geschichte der Moderne; deutsche Sozial- und Wirtschaftsgeschichte; vergleichende Studien zur Massengewalt.

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Inhalt

1. Einleitung   11
1.1 Thema und Forschungsstand   11
1.2 Zielstellung   19
1.3 Quellen und Methodenprobleme   24
1.4 Vorgehensweise   35

2. Deutsche Planungen für Weißrußland und ihre Grundlagen   36
2.1 Die historischen Voraussetzungen in Weißrußland   36
2.2 Die Entstehung deutscher Vernichtungspläne gegen die sowjetische Bevölkerung   44
a) Der Hungerplan gegenüber der sowjetischen Bevölkerung   46
b) Die kriegs- und ernährungswirtschaftliche Lage Deutschlands in der ersten Jahreshälfte 1941 und die wirtschaftlichen Ziele im Krieg gegen die Sowjetunion   59
c) Die Anwendung der Überbevölkerungstheorie auf Weißrußland   76
d) Die Vorbereitung des Einsatzes von SS- und Polizeieinheiten, die »verbrecherischen Befehle« und die Grundlagen der antijüdischen Politik   81
2.3 Politische Konzeptionen für Weißrußland und das deutsche Weißrußland-Bild   94
a) Politische Konzeptionen   94
b) Das deutsche Weißrußland-Bild und Pläne zur »Modernisierung«   100
2.4 Deutsche Besiedlungspläne für Weißrußland und die Volksdeutschen   111
a) Siedlungspläne   111
b) Deutsche in Weißrußland 1941–1944   120

3. Aufbau und Funktion der Besatzungsverwaltung   128
3.1 Die Kampfhandlungen in Weißrußland   128
3.2 Die Militärverwaltung   134
a) Allgemeine Militärverwaltung   134
b) Die Wirtschaftsverwaltung   142
c) Die Generalquartiermeisterabteilung im OKH und die Quartiermeisterabteilungen als Schaltstellen von Massenverbrechen   150
3.3 Die Zivilverwaltung   156
3.4 Der SS- und Polizeiapparat   180
3.5 Die weißrussische Lokalverwaltung   196
a) Verwaltung   196
b) Polizei   202
c) Politische Kollaboration   209
3.6 Die Besatzungstruppen   214
3.7 Die Kontrolle über die Bevölkerung   218
3.8 Zum deutschen Verwaltungspersonal im besetzten Gebiet   222

Hauptteil I
Die deutsche Wirtschaftspolitik in Weißrußland 1941–1944   231

4. Landwirtschafts- und Ernährungspolitik   231
4.1 Die landwirtschaftlichen Verhältnisse   231
4.2 Der landwirtschaftliche Ausbeutungsapparat und die »Erfassung«   233
a) Der Ausbeutungsapparat   233
b) Die »Erfassung«   239
c) Die »Versorgung aus dem Lande«   253
4.3 Die Ernährung der Zivilbevölkerung   265
a) Der Streit um Richtlinien und Rationierung   265
b) Organisation und örtliche Bedingungen der Ernährung   278
c) Hunger   289
d) Zwangsaussiedlungen aus den Städten 1941/42   292
e) Die Hungerkrise von 1942 und die Änderungen in der Organisation der Ernährung   301
f) Der »Ausschluß von der Versorgung«   313
4.4 Probleme der landwirtschaftlichen Produktion   319
a) Die Hemmnisse für eine Produktionssteigerung   319
b) Möglichkeiten der landwirtschaftlichen Intensivierung und ihre Mittel: »Produktionsfaktor Mensch«   329
c) Staatsgüter (Sowchosen) und Maschinen-Traktoren-Stationen   333
d) SS- und Polizeigüter   339
4.5 Die Änderung der landwirtschaftlichen Betriebs- und Bevölkerungsstruktur: die deutsche Agrarreform in Weißrußland   342
a) Die Entstehung der »Neuen Agrarordnung«   342
b) Bestimmungen und Ziele der Agrarreform   347
c) Die Durchführung der Reform in Weißrußland    356
d) Bevölkerungspolitische Aspekte der Agrarreform   365

5. Die deutsche Politik der Entindustrialisierung und Entstädterung   371
5.1 Die Zerstörungen in den ersten Kriegswochen und die sowjetische Evakuierungsaktion   371
5.2 Die verbliebenen Produktionskapazitäten, Schwierigkeiten bei ihrer Nutzung und die Politik der Entindustrialisierung   385
a) Größenverhältnisse und Kapazitäten   385
b) Die Entindustrialisierung: Drosselung und Stillegung intakter Produktionsanlagen   390
c) Beispiele: Metallindustrie und Textilwirtschaft   395
d) Schlüsselbereiche für den verhinderten industriellen Wiederaufbau: Energie/Torfbergbau und Verkehrswesen   404
5.3 Die deutsche Entstädterungspolitik: Bevölkerungsentwicklung, Stadtplanung und Wohnungsfrage 1941 bis 1944   418
5.4 Investitionspolitik und begrenzter wirtschaftlicher »Aufbau« in Weißrußland   428
a) Das Generalquartiermeister-Programm   428
b) Minimales Risiko: Deutsche Unternehmensinteressen in Weißrußland   431
c) Leistungssteigerung und »Sozialpolitik«   442

6. Die Arbeitskräftepolitik   449
6.1 Der Aufbau der Arbeitsverwaltung und die anfängliche Phase des geringen Arbeitskräftebedarfs   449
6.2 Die Verschleppung von Zwangsarbeitern nach Deutschland   456
a) Entschlußbildung und Anfänge   456
b) Gesamtumfang und zahlenmäßige Entwicklung   459
c) Die Organisation und ihre Methoden   464
d) Die Erweiterung des Instrumentariums und die Intensivierung des Zugriffs   470
e) Lager, Deutschlandeinsatz und Rückkehr   476
6.3 Die Optimierung des Arbeitskräfteeinsatzes innerhalb Weißrußlands 1942–1944, ihre Methoden und Folgen   480
a) Der regionale Arbeitskräftebedarf   480
b) Beschaffung von Arbeitskräften in den Städten   483
c) Die gewaltsame Umkehr der Stadtflucht: Beschaffung von Arbeitskräften aus der Landwirtschaft   486
d) Zwangsarbeitslager   493
e) Rückzüge, Evakuierung und totale Selektion der Bevölkerung   497

Hauptteil II
Die deutsche Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944   503

7. Die Ermordung der weißrussischen Juden   503
7.1 Der Beginn der Judenverfolgung   503
a) Die Zivilgefangenenlager   503
b) Erste antijüdische Maßnahmen: Entrechtung   514
c) Die Ghettobildung   521
d) Die Umsiedlung der Juden in Rayon- und Gebietsstädte   533
e) Die Mordaktionen im Juni und Juli 1941   536

7.2 Der Beginn der vollständigen Vernichtung der weißrussischen Juden im Spätsommer und Herbst 1941   555
a) Die »Aktion« der SS-Kavallerie-Brigade im Polesje   555
b) August 1941   566
c) Die Frage der jüdischen Arbeitskräfte   574
d) Die Auslöschung der großen jüdischen Gemeinden in Ostweißrußland (September bis Dezember 1941)   585
e) Die Massenmorde zur Dezimierung der Juden im Generalkommissariat Weißruthenien (Oktober bis Dezember 1941)   609
f) Die Frage der Entschlußbildung: »Absichten« und »Befehle« zum Mord an den weißrussischen Juden   628

7.3 Das Leben und Sterben in den Ghettos – Ausbeutung und Vernichtung   655
a) Arbeit   658
b) Ernährung   668
c) Wohnen und Besitz   675

7.4 Die Vernichtung der weißrussischen Juden 1942/43   683
a) Die vollständige Vernichtung im Militärverwaltungsbereich   683
b) Die Mordkampagne im GK Weißruthenien im Sommer 1942   688
c) Die Ausrottung im weißrussischen Teil des Generalkommissariats Wolhynien und Podolien (September–Oktober 1942)   709
d) Die Vernichtung der Juden aus dem weißrussischen Abschnitt des Bezirks Bialystok (November 1942–März 1943)   723
e) Die Vernichtung der übrigen Ghettos im GK Weißruthenien 1943   733
f) Jüdischer Widerstand und jüdische Flüchtlinge   743

7.5 Die Deportation ausländischer Juden nach Weißrußland   747
a) Deutsche, österreichische und tschechische Juden   747
b) Die Verschleppung von Juden aus anderen Ländern nach Weißrußland   761

7.6 Infrastruktur des Mordens: Gaswagen und Todeslager   764

8. Die Vernichtung sowjetischer Kriegsgefangener auf dem Boden Weißrußlands   774
8.1 Verbrechen der deutschen Fronteinheiten auf dem Schlachtfeld im Sommer 1941   774
8.2 Richtlinien zur Behandlung und Versorgung der Kriegsgefangenen in der Kriegsvorbereitungsphase   781
a) Die Richtlinien   781
b) Der organisatorische Aufbau des Kriegsgefangenenwesens in Weißrußland   785

8.3 Die Vernichtung sowjetischer Kriegsgefangener durch Hunger und Unterversorgung   788
a) Die Anfangsphase (Juni bis August 1941)   788
b) Die Verschärfung der Versorgungspolitik, ihre Ursachen und Folgen (September bis November 1941)   796
c) Die Massenvernichtung der Kriegsgefangenen in Weißrußland im Winter 1941/42   819
d) Die weitere Entwicklung 1942 bis 1944   829

8.4 Offene Massenmorde an Kriegsgefangenen   834
a) Die Vernichtung politischer und »rassischer« Gegner unter den Gefangenen   834
b) Die Vernichtung auf Märschen und Transporten   843
c) Massenexekutionen sowjetischer Kriegsgefangener   848

8.5 Die Gesamtzahl der Opfer und die Bedeutung des Massenmordes an den sowjetischen Kriegsgefangenen   855

9. Strukturpolitik durch Terror: die »Partisanenbekämpfung«   859
9.1 Überblick über die Geschichte der weißrussischen Partisanenbewegung 1941–1944   860
9.2 Stufe I: Kollektive Gewaltmaßnahmen, präventive Bekämpfung und der »Kampf gegen die Ortsfremden« (1941 bis Anfang 1942)   870
a) Methoden der Partisanenbekämpfung   870
b) Die Verschärfung der Verfolgung im September und Oktober 1941   875

9.3 Stufe II: Die »Großunternehmen« (Frühjahr 1942 bis Frühjahr 1943)   884
a) Einführung und Funktionieren der neuen Taktik   884
b) Die Entwicklung bis 1943   919
c) Andere Gesichtspunkte der Partisanenbekämpfung   959

9.4 Der Zusammenhang von Wirtschaftsinteressen und Gewalt bei der Partisanenbekämpfung   975
a) Die Steuerung der Vernichtung nach landwirtschaftlichen Gesichtspunkten   975
b) Die systematische Deportation von Zwangsarbeitskräften bei der Partisanenbekämpfung und der Massenmord an den »Arbeitsunfähigen«   996
c) Widersprüche und Konflikte im Kontext wirtschaftlich begründeter Partisanenbekämpfung   1007

9.5 Stufe III: Die Konzepte zur Schaffung »toter Zonen« 1943   1010
a) Die Aktionen im Raum Witebsk-Polozk   1012
b) Deportationen nach Auschwitz und Lublin   1015
c) »Tote Zonen« im Polesje, die strategischen Überlegungen in der deutschen Führung und bei der Heeresgruppe Mitte    1018
d) Das tatsächliche Ausmaß der »toten Zonen«   1032

9.6 Stufe IV: Das Wehrdorfprojekt (1944)   1036
a) Das Stützpunktsystem und die »Sonderkommandos zur Sicherung der landwirtschaftlichen Aufbauarbeit«   1036
b) Die Wehrdörfer   1040
c) Die Ansiedlung von bewaffneten Kollaborateuren der Kaminski-Bewegung, Kosaken und Kaukasiern in Weißrußland 1943/44   1052

10. Weitere Opfer der deutschen Vernichtungspolitik   1055
10.1 Kommunisten, städtischer Widerstand und »Ostmenschen«   1055
10.2 Die Verfolgung der polnischen Intelligenz   1060
10.3 Die Morde an den Sinti und Roma   1063
10.4 Die Morde an psychisch und physisch Kranken   1067
10.5 Krieg gegen Kinder   1074
10.6 Die Verbrechen in der Schlußphase und auf den Rückzügen   1092

11. Die Beteiligung einiger Angehöriger der Offiziersopposition gegen Hitler an den Massenverbrechen in Weißrußland   1104

12. Zusammenfassung und Schlußfolgerungen   1126

Quellen und Literatur
1. Quellen   1162
2. Justizakten   1171
3. Darstellungen   1174

Abkürzungsverzeichnis   1201
Danksagung   1205
Personenregister   1207
Ortsregister   1221