Aaron Sahr

Keystroke-Kapitalismus

Ungleichheit auf Knopfdruck

150 Seiten
ISBN 978-3-86854-315-5
Erschienen September 2017

Zum Buch

Ein Buch über ungerechtfertigtes Vermögen und eine Erzählung von ungeheuer wirksamen Mechanismen der Verschuldung, die den Takt der Weltwirtschaft vorgeben und den Wohlstand einer Minderheit mehren

Das Weltvermögen beträgt derzeit ca. 256 Billionen US-Dollar und ist damit gut 800 Mal so groß wie der Staatshaushalt der Bundesrepublik Deutschland. Dagegen steht der Rekordbestand von gut 152 Billionen Dollar Privatschulden. Beide, Schulden wie Vermögen, sind zunehmend ungleich verteilt.

Aaron Sahr beleuchtet das Dreieck von Privatvermögen, Schulden und ökonomischer Ungleichheit und stößt dabei im »Maschinenraum des Kapitalismus« auf eine paraökonomische Quelle der Vermögensbildung: das Geldschöpfungsprivileg privater Banken. Private Banken produzieren heute Geld aus dem Nichts durch einfachen Tastendruck.

Von diesem außergewöhnlichen Privileg, so die These Sahrs, profitiert vor allem eine Minderheit, ist sie doch in der Lage, sich die Renditen des Tastendruck-Systems anzueignen. Es gilt zu verstehen, durch welche Kanäle diese Aneignung gelingt, was sie für unser Verständnis des Kapitalismus bedeutet und wie mit ihr umzugehen ist.

Aaron Sahr rekonstruiert die Entkoppelung des Bankensystems vom Bedarf an Kapitaleigentum, er entlarvt die Denkfehler, die den Transfercharakter des Finanzsystems verdecken und beschreibt damit zugleich paraökonomische Mechanismen, die ökonomische Ungleichheit verschärfen.

Das Buch richtet sich an eine kritische Öffentlichkeit der politischen Ökonomie unserer Zeit, deren Debatte sich nicht nur auf ausbleibende Vermögenssteuern, exorbitante Managergehälter oder fehlende Grenzen für Spekulanten beschränken sollte. Stattdessen, so Sahrs Appell, sollte über den »Maschinenraum des Kapitalismus« gesprochen werden, und das bedeutet: über eine Reform der Geldschöpfung.

Letztendlich wird die Entwicklung uns nötigen zu entscheiden, ob demokratische Gesellschaften die Hoheitsrechte über die Produktion des Geldes wieder für sich beanspruchen sollten. Will man der wachsenden Ungleichheit entgegensteuern, gibt es dazu kaum eine Alternative.

AutorIn/Hg.

Aaron Sahr

ist Philosoph und Soziologe; Wissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung. Seine Forschungsschwerpunkte sind: ökonomische und soziologische Geldtheorien, das Banken- und Kreditsystem, Praxistheorien, internationale Buchhaltungsstandards und die Strukturen und Theorien des Finanzkapitalismus.

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Inhalt

Einleitung    8

I Schulden    21
Kapitalangebot    25
Verschuldungsstimmung    28
Von Kontrolle auf Sorge    31
Soziotechnische Innovationen     39
Auf- und Abwertungsmechanismen    43
#haben    51

II Haben     54
Von System zu Praxis     56
Ökonomische Praktiken     61
Kapitalistische Praktiken     66
#können     71

III Können     74
Geschriebene Werte     76
Verteilungsanstalten     83
Kapitalproduzenten     88
#aneignen     92

IV Aneignen     95
Zum Dualismus in der Politischen Ökonomie     98
Vermögensinflation     105
Plünderungszirkel     111
Zinsgewinne     119
#verändern     126

V Verändern      129
Legitimatorische Obdachlosigkeit     132
Instabil und dysfunktional      142
Banken ökonomisieren?     146
Geldschöpfung demokratisieren?     153
#keystrokes     161

Literatur     164
Zum Autor     177

Leseprobe

Einleitung

Es gibt auf der Welt derzeit etwa 256 Billionen US-Dollar Privatvermögen. Diese Zahl ist gut 800 Mal so groß wie der Staatshaushalt der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2016 und etwa dreieinhalb Mal so groß wie die globale Wirtschaftsleistung. In wohlhabenden OECD-Ländern wie den USA, Großbritannien oder Frankreich entspricht das Privatvermögen etwa fünf- bis sechsmal der Summe des jährlich erwirtschafteten Wertes. Und auch im poststaatswirtschaftlichen China ist das Privatvermögen inzwischen auf das Viereinhalbfache der Wirtschaftsleistung angewachsen.

Dieser Rekordwohlstand steht im Kontext zweier weiterer Befunde, die zusammen auf eine gesellschaftliche Krise verweisen und das Thema dieses Buches bilden. Gleichzeitig zum prosperierenden Privatvermögen kämpft die Welt mit einem Höchststand an Schulden: Staaten, realwirtschaftliche Unternehmen und Konsumenten sind mit 152 Billionen Dollar verschuldet, hinzu kommen gut 45 Billionen Dollar Schulden der Finanzindustrie. Dass die Welt ungeheures Privatvermögen anhäufen kann und gleichzeitig in einem solchen Maße verschuldet ist – in der Mitte des 20. Jahrhunderts unvorstellbar –, ist selbstredend kein Zufall. Natürlich sind die Schulden des einen die Vermögen des anderen.

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