Claudia Weber

Krieg der Täter

Die Massenerschießungen von Katyń

450 Seiten
ISBN 978-3-86854-286-8
Erschienen März 2015

Zum Buch

»Claudia Webers Buch ist ein Beispiel für eine Geschichtsschreibung, die nicht nur erklärt, sondern auch zu erzählen versteht. Ein brillanter Text mit vielen neuen Einsichten über die Geschichte des Massakers, seiner Verwertung und Verarbeitung. So ist diese Geschichte noch nie erzählt worden.«
Jörg Baberowski

Im Frühjahr 1943 wurde in der Nähe des russischen Ortes Katyń ein grauenvoller Fund gemacht: Massengräber mit Tausenden Toten. Wie Claudia Weber erstmals zeigt, ist die Täterschaft ist zu diesem Zeitpunkt längst bekannt. Dennoch drehte sich die Geschichte der Massenerschießungen von Katyń Jahrzehnte um die Frage, ob nun das »Dritte Reich« oder Stalins Sowjetunion für das brutale Kriegsverbrechen verantwortlich war, dem im Frühjahr 1940 über 22 000 polnische Armeeangehörige zum Opfer fielen. Inmitten der militärischen Schlachten des Zweiten Weltkriegs wurde ein »Täterkrieg« entfacht: Während sich der deutsche Nationalsozialismus im Wald von Katyń als Entdecker sowjetischer Kriegsgräuel und als Bollwerk gegen den Roten Terror präsentierte, setzte sich der Stalinismus als Opfer einer Verleumdungskampagne der »Hitleristen« in Szene.

Auf der Basis neu gelesener Dokumente und bisher unbekannter Quellen aus russischen Archiven und dem Archiv der DDR-Staatssicherheit legt Claudia Weber eine umfassende historische Analyse der Akteure, Mechanismen und Ziele der nationalsozialistischen und der stalinistischen Propaganda – ihrer Erfindungen, Täuschungsmanöver und Lügen – vor. Sie beschreibt die erstaunliche Wirkungsmacht und lange Dauer der diktatorischen Katyń-Inszenierungen, denen es gelang, die komplexe Geschichte des deutsch-sowjetischen Weltkriegsterrors auf eine gelöste »Täterfrage« zu reduzieren. Der »Täterkrieg« um Katyń war ein Scheingefecht, das noch in den ideologischen Geschichtsscharmützeln des Kalten Krieges in Westeuropa mit Verve ausgetragen wurde.

Claudia Weber plädiert mit ihrem Buch für eine neue Verflechtungsgeschichte des Zweiten Weltkriegs, die den Terror, die Kriegs­verbrechen und die Gräuelpropaganda von Nationalsozialismus und Stalinismus in ihren situativen Dynamiken zusammendenkt.

AutorIn/Hg.

Claudia Weber

Prof. Dr., lehrt an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder); Studium der Geschichte, Südslawistik und Politologie in Leipzig, Moskau, Sofia und Athens (Ohio); bis 2014 arbeitete sie als Historikerin am Hamburger Institut für Sozialforschung. 

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Inhalt

Einleitung  13

Verträge und Verbrechen  26

Im Lager  34
Bevölkerungsaustausch und Vernichtungsaktionen  46
Spione, Feinde, Ballast  57
Der gescheiterte Austausch  76
Die Erschießungen  86
Die Suche nach den Kriegsgefangenen  103

Katyń. Ein Propagandakrieg um Kriegsverbrechen  130

Die deutsche Inszenierung. Eine Sensation, die keine war  131
Im Krieg um Kriegsverbrechen  139
Propaganda und »Entdeckungsgeschichten«  149
Propaganda und Inszenierung  173
Besucher. Die Internationale Ärztekommission  209
Reaktionen. Die Katyń-Berichte von Sir Owen O'Malley und John Van Vliet  217
Die sowjetische Inszenierung. Burdenkos Reise nach Orël  249
Das NKVD und die sowjetische Kriegsverbrechenpolitik  255
Der Auftrag. Burdenko und die Sonderkommission der ČGK 265
Besucher und Reaktionen. Kathleen Harriman in Smolensk  273

Katyń vor Gericht. Das Nürnberger Militärtribunal und Stalins Politik  290

Entsorgungsstrategien. Die sowjetische Katyń-Politik und die Londoner Viermächtekonferenz  293
   Exkurs: Stalins Personal  301
Der Konflikt um die Anklageschrift  304
Pokrovskijs Fehler und Stahmers Gesuch  320
Die Zeugenanhörungen. Stalins Niederlage in Nürnberg  345

Getrennte Geschichte - Katyń im Kalten Krieg  355

Aktivisten und Antikommunisten  357
Epizentrum New York. »Kreuzfahrer des Kalten Krieges« und das Katyń-Komitee  366
Die Gunst der Stunde. Der Katyń-Untersuchungsausschuss  374
West-Östliche Verflechtungen und das Ende des »Täterkriegs«  393

Ausblick  433

Dank  443
Abkürzungsverzeichnis  444
Quellen- und Literaturverzeichnis  446
   Archive  446
   Publizierte Quellen und Literatur  447
   Zeitungen/Zeitschriften  462
   Internetquellen  462
Personenregister  464

Leseprobe

Die in den Massenerschießungen von Katyń hingerichteten polnischen Kriegsgefangenen – einige waren Juden – gehören bis heute zu den weltweit bekanntesten Opfern jener Zeit. In Polen begründete ihr Sterben einen nationalen Opfermythos und wird als eine kollektive Tragödie betrachtet, deren Schicksalshaftigkeit der Absturz der polnischen Präsidentenmaschine am 10. April 2010 bei Smolensk – die Insassen waren auf dem Weg zur Gedenkfeier des 70. Jahrestages der Erschießungen – auf beklemmende Art und Weise zu bestätigen schien. Katyń ist aber nicht nur in Polen, sondern in ganz Osteuropa und auch im Westen zu einem Symbol für die Gewalt des Stalinismus im 20. Jahrhundert geworden. Woher rührt diese Prominenz? Warum wurde ausgerechnet der Tod der polnischen Kriegsgefangenen zum Sinnbild für den Terror der ersten zwei Weltkriegsjahre, in denen es doch zahlreiche Vernichtungsaktionen und Massentötungen von deutscher und sowjetischer Seite gegeben hatte?

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Termine

Hamburg, Mahnmal St. Nikolai, 30. August 2015

Claudia Weber: Krieg der Täter
Die Massenerschiessungen von Katyn

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Leipzig, Zeitgeschichtliches Forum, 14. März 2015

Claudia Weber: Krieg der Täter

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