Bernd Greiner

Krieg ohne Fronten

Die USA in Vietnam

Studienausgabe
595 Seiten, 67 Abb., 4 Karten
ISBN 978-3-86854-207-3
Erschienen April 2009
Erstausgabe 2007

Zum Buch

Bernd Greiner beschreibt die Geschichte hinter den verstörenden Bildern des Vietnamkriegs und geht der Frage nach, weshalb sich die USA überhaupt auf den Konflikt einließen und warum sie den Krieg selbst im Wissen um eine unausweichliche Niederlage weiterführten.

»Ich hatte meine Waffe auf Automatik gestellt. Deshalb kann man nicht sagen, wie viele man erschossen hat. Ich habe vielleicht 10 oder 15 von ihnen erschossen.« – »Männer, Frauen und Kinder?« – »Männer, Frauen und Kinder.« – »Und Babys?« – »Und Babys.« – »Sind Sie verheiratet?« – »Ja.« – »Kinder?« – »Zwei.« – »Wie alt?« – »Der Junge ist zweieinhalb, das Mädchen anderthalb.« – »Dann drängt sich doch die Frage auf, wie der Vater von zwei kleinen Kindern Babys erschießen kann.« – »Keine Ahnung. Es kommt halt vor.« – »Wie viele Menschen wurden an diesem Tag erschossen?« – »Ich schätze an die 370.«

So beschrieb Paul Meadlo in einem 1969 von CBS ausgestrahlten Interview das Massaker von My Lai. Die Bilder der zerstörten Dörfer, der von Napalm verbrannten Kinder, von einem Land, auf das mehr Bomben geworfen wurden als auf alle Schauplätze des Zweiten Weltkrieges zusammen, prägen die Erinnerung an den Vietnamkrieg und die Jahre zwischen 1965 und 1975.

Wie viele Gräueltaten in Vietnam verübt wurden, wird sich nie beantworten lassen. Deutlich wird indes, dass sie keineswegs die Ausnahme waren und mitnichten nur auf das Konto vereinzelter Exzesstäter gingen. Ausführlich werden Einheiten wie die »Tiger Force« und andere Todesschwadronen porträtiert und Operationen wie »Speedy Express« geschildert, in deren Verlauf knapp 11 000 Menschen getötet, aber nur 750 Waffen erbeutet wurden.

An diesen Beispielen wird deutlich, wie Absicht und Zufall, Planung und Unvorhersehbares zusammenwirkten und zu einer Radikalisierung kriegerischer Gewalt führten – wie aus regulären Verbänden marodierende Haufen wurden, wie Routineeinsätze in Massakern endeten. Nicht zuletzt kommen die Reaktionen von Politikern, Militärs und der Öffentlichkeit zur Sprache und mit ihnen die Art und Weise, wie in den USA über Kriegsvölkerrecht diskutiert wurde – ein Thema, dessen Echo bis in unsere Tage nachhallt.

Diese Annäherung an den Krieg war nur auf Grundlage eines Aktenbestandes möglich, der zwar seit 1994 zugänglich ist, aber bis dato kaum Beachtung gefunden hat: der riesige Bestand der »Vietnam War Crimes Working Group« und der »Peers-Kommission«.

Bernd Greiner legt die weltweit erste Buchpublikation vor, die mit diesen Quellen arbeitet, und rekonstruiert mit ihrer Hilfe die hintergründige Aktualität des Vietnamkrieges – eines asymmetrischen Krieges zwischen vermeintlich starken und vorgeblich schwachen Kontrahenten, die sich mit grundverschiedenen Mitteln und vor allem mit einer diametral entgegengesetzten Strategie bekämpften. So gesehen, gewinnt auch der historische Ort des Vietnamkrieges eine unerwartete Kontur: Er wird als »Brücke« zwischen den heißen Kriegen im Kalten Krieg und den »kleinen Kriegen« unserer Gegenwart wie der absehbaren Zukunft kenntlich.

AutorIn/Hg.

Bernd Greiner

Prof. Dr. phil., Historiker, Politikwissenschaftler und Amerikanist, seit 1989 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung, lehrt am Fachbereich Philosophie und Geschichtswissenschaft der Universität Hamburg.

mehr

Inhalt

Einleitung   9

Kriegsherren   41
Die Dynamik eines asymmetrischen Krieges   44
Politische Weichenstellungen   56

Generale   74
Militärische Weichenstellungen   76
»In the Line of Fire«: Das Zivil im Abnutzungskrieg   90

Offiziere   120
Die »Vietnam Only«-Armee   123
Die »Rules of Engagement«   132
Zuschauer, Komplizen und Mittäter   144

Krieger   157
»Grunts« und Cracks   158
Selbstzeugnisse   168
»Them and Us«   174
Hass und Selbsthass   179
Selbstermächtigung   192

1967 – Todesschwadrone in den nördlichen Provinzen   201
»Indianerland«   203
»Task Force Oregon«   211
Quang Ngai und Quang Tin   227
Skalpjäger   240

16. März 1968 – Die Massaker von »My Lai (4)« und »My Khe (4)«   256
Generale   257
Offiziere   273
Krieger   305

1968–1971 – Abnutzungskrieg in den südlichen Provinzen   357
Mehrere »My Lais«?    365
Operation »Speedy Express«   382
Verwischte Spuren   411

Richter   439
Kriegsrecht und militärische Rechtskultur   440
Ermittlungen   453
Prozesse   486

Schluss   511

Dank   546
Abkürzungsverzeichnis   548
Quellen   550
Literatur   553
Register   569
Zusammenstellung der Kampftruppen   591
Militärische Ränge und ihre deutschen Äquivalente   596

Termine

Berlin, ECCHR, 27. November 2014

Bernd Greiner: Der Vietnamkrieg und die Folgen

Details zur Veranstaltung