Vejas Gabriel Liulevicius

Kriegsland im Osten

Eroberung, Kolonisierung und Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg

Aus dem Englischen von Jürgen Bauer/Fee Engemann/Edith Nerke
374 Seiten
ISBN 978-3-930908-81-3
Erschienen Oktober 2002

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Wenn von der Ostfront die Rede ist, läßt das gewöhnlich an Begriffe, Bilder und Namen denken, die sich auf den Zweiten Weltkrieg beziehen. Vergessen wird häufig, daß auch der Erste Weltkrieg im Osten geführt wurde.

Weite Teile der heutigen baltischen Staaten, Weißrußlands und der Ukraine sind schon damals von deutschen Soldaten besetzt worden, und die militärischen Erfolge prägten einen Blick auf diese Länder und ihre Bewohner, der nach Kriegsende in besonderem Maße die Entstehung und Akzeptanz weitreichender Eroberungs- und Siedlungspläne begünstigte.

Der vorliegenden Band beginnt mit einer Beschreibung der Eindrücke und Gefühle, die der erste Kontakt mit dem Osten für das Gros der deutschen Soldaten hervorrief. Das abweisende Klima, die Vielzahl und Verschiedenartigkeit der einheimischen Völker und deren überall konstatierte Rückständigkeit hatten einen doppelten Effekt, der während des Krieges in unterschiedlicher Intensität präsent bleiben sollte: Zum einen wurde die Kriegführung den geänderten Umständen angepaßt, denn einem angeblich regellos kämpfenden Feind gegenüber sah man sich selbst nicht mehr an die Kriegsregeln gebunden. Zum andern - und darauf legt Vejas Liulevicius in seiner Darstellung das Hauptgewicht - wurde mit dem Krieg eine Kulturmission verbunden, die den Menschen in den besetzten Gebieten die Überlegenheit deutscher Ordnung, Disziplin und Arbeit demonstrieren sollte. Den äußeren Rahmen dieser Mission und zugleich ein Garant für ihren Erfolg sollte ein Militärstaat nach den Vorstellungen Ludendorffs sein, ein Staat der totalen Erfassung und Kontrolle seiner Bewohner, in dem das als bedrohlich empfundene Fremde durch infrastrukturelle Maßnahmen und Kulturprogramme gemildert und zugleich beherrschbar gemacht werden sollte.

Das Projekt scheiterte. Wie der Autor an vielen Beispielen zeigt, stärkten die deutschen Bemühungen zur Festigung ihrer Dominanz lediglich den Widerstand im Besatzungsgebiet und förderten dort den Prozeß der nationalen Identitätsfindung. Entscheidend aber war, daß gut sechs Monate nach dem Sieg an der Ostfront der Krieg im Westen verloren ging. Damit wurde auch der Friedensvertrag von Brest-Litowsk, Symbol für die deutsche Herrschaft über riesige Teile des Ostens, hinfällig.

Die Idee einer Ausweitung des deutschen Machtbereichs nach Osten blieb indes lebendig. Ihr sichtbarstes Zeichen war das von offiziellen Stellen halb geduldete, halb geförderte Wüten der Freikorps im Baltikum, in dem sich wie unter einem Brennglas die mythisch und mystisch aufgeladene Wahrnehmung des Ostens äußerte. Es markierte den deutlich sichtbaren Anfang eines Radikalisierungsprozesses, in dessen Verlauf aus einem ursprünglich ethnologisch-folkloristischen Interesse ein pseudo-wissenschaftliches Konzept von Raum und Rasse wurde. Was als angeblich historisch begründbare Kulturmission begonnen hatte, machte nun Vorstellungen von einem »Ostland« Platz, für dessen Bevölkerung nurmehr ein Helotendasein unter germanischer Herrschaft vorgesehen war.

AutorIn/Hg.

Vejas Gabriel Liulevicius

wurde 1966 in Chicago geboren. Er war 1991/92 DAAD-Stipendiat und erhielt 1994 seinen Ph. D. von der University of Pennsylvania. Gegenwärtig ist er Associate Professor für Geschichte an der University of Tennessee.

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Inhalt

Vorbemerkung zu Methodik und Quellen   7

Einleitung   9

Ankunft im Kriegsland   22

Die militärische Utopie   72

Die Verkehrspolitik   116

Das Kulturprogramm   143

Das deutsche Bild vom Osten   189

Die Krise   217

Der Freikorps-Wahnsinn   278

Der Triumph des Raums   301

Schlußbemerkung   337


Danksagung   341

Abkürzungen   342

Verzeichnis der Karten   342

Bibliographie   343

Register   363

 
Originalausgabe War Land on the Eastern Front: Culture, National Identity, and German Occupation in World War I: Cambridge, MA: Cambridge University Press 2002