Michel Wieviorka

Kulturelle Differenzen und kollektive Identitäten

Aus dem Französischen von Ronald Voullié
246 Seiten
ISBN 978-3-930908-90-5
Erschienen Oktober 2003

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Selbst innerhalb der modernsten Gesellschaften bleiben kulturelle Differenzen nicht nur erhalten, sondern sie vervielfältigen, verstärken und erfinden sich neu. Damit wird der strikte Gegensatz zwischen Universalismus und Partikularismus hinfällig.

Mit dieser These im Gepäck wirft Michel Wieviorka im ersten Teil seines Buches einen Blick zurück auf die theoretischen und politischen Versuche, mit der Herausforderung der neuen kulturellen Differenzen fertig zu werden: nämlich auf die Kommunitarismus-Debatte einerseits und die multikulturalistische Politik andererseits. Kulturelle Vielfalt, wie sie der Multikulturalismus verstand, ähnelt einem bunten Flickenteppich scharf abgegrenzter, in sich homogener und erstarrter ethnischer Identitäten. Ein solches Modell, meint Wieviorka, trifft für unsere Gesellschaft gar nicht mehr zu; um wirksam zu sein, muß eine multikulturalistische Politik die Bevölkerungssegmente, die sie fördern will, selbst definieren, identifizieren, nach ethnischen, religiösen oder »rassischen« Kriterien kategorisieren, also im Wortsinne »diskriminieren«. Wo kulturelle Differenzen labil sind, sich mischen und neu konfigurieren, bedarf es eines anderen Modells. Wieviorka gibt deshalb der Vorstellung vermischter, mestizenhafter, hybrider Kulturen den Vorzug.

Im zweiten Teil des Bandes entwirft der Autor eine Typologie der kulturellen Differenzen. Sein leitendes Prinzip ist dabei die idealtypische Unterscheidung zwischen einer Logik der Reproduktion »primärer« Differenzen und einer Logik der Konstruktion neuer oder erneuerter, also »sekundärer« Differenzen. Im ersten Fall reklamieren die Akteure den Fortbestand einer gegebenen, tradierten Identität. Im zweiten Fall wird die Differenz von den Akteuren konstruiert, aus tradierten Elementen »zusammengebastelt« und frei gewählt. Diese Neuerfindung von Traditionen untersucht Wieviorka am Beispiel der amerikanischen Schwarzen und der zweiten und dritten Generation der Migranten in Europa.

Schließlich entwickelt Wieviorka ein Modell, welches die Spannungen, denen sich jeder einzelne durch die kulturellen Differenzen ausgesetzt sieht, im geometrischen Bild eines Dreiecks veranschaulicht. Dessen drei Ecken sind die kollektive Identität, die moderne Individualität und die Subjektivität. In einer Demokratie schließen sich die Bekundung einer kollektiven Identität und die individuelle politische Teilnahme am gesellschaftlichen Leben keineswegs aus. Allgemeines und Besonderes stehen sich nicht als binäre Opposition starr gegenüber, sondern öffnen zusammen mit dem dritten Pol – der Subjektivität – einen Raum, in dem jeder einzelne (im Idealfall) frei zirkulieren kann. Zwischen dem Extrem der totalen Assimilation und dem Extrem der totalen Einkapselung stehen dem einzelnen viele Positionen offen. Kulturelle Partikularismen können dem Individuum die Kraft verschaffen, die es benötigt, gegen Unterdrückung Widerstand zu leisten, ein kollektives Trauma psychisch zu bearbeiten, eine Stigmatisierung umzuwerten – mit einem Wort, zum Subjekt seiner Handlungen zu werden.

AutorIn/Hg.

Michel Wieviorka

Prof. Dr., ist Professor an der École des Hautes Études en Science Sociales ( EHESS ) in Paris und leitet als Nachfolger von Alain Touraine das Centre d’Analyse et Intervention Sociologiques. Er forscht insbesondere zu Antisemitismus, Rassismus und Gewalt.

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Inhalt

   Danksagungen    11
   Einleitung    12
       Von der Analyse zum Handeln    12
       Der Platz der Sozialwissenschaften    16
       Der Begriff der Kultur     21
          Die klassischen Auffassungen in der Debatte    22
          Eine neue Formulierung     26

Erster Teil Die Entstehung der Debatte    27

   1. Kulturelle Differenzen und soziale Ungerechtigkeit    29
   Zwei Wellen    29
          Eine erste Welle    30
          Eine zweite Welle    34
   Zwei Erscheinungsformen    39
   Ein Einwand    42
   Kollektive Identitäten und Individualismus    49
   Die Identitäten im Raum    51

   2. Das Moment der politischen Philosophie und der Moralphilosophie    58
   Anfänge    58
          Liberale und Kommunitaristen    60
      Die Frage des Subjekts    63
      Eine erschöpfte Debatte    65
      Fünf Auswege    67
          Die Rückkehr des Sozialen    68
          Die Frage der Demokratie    70
          Das Subjekt im Mittelpunkt der Analyse    72
          Mischformen und Vermischungen    74
          Der Multikulturalismus auf dem Prüfstand    75

   3. Kollektive Differenz oder Mischformen?    77
   Zwei Ansätze    77
   Rückkehr zu den kollektiven Identitäten     81
   Die Vermischung    85
   Kulturelle Mischung und soziale Praxis    91

   4. Der Multikulturalismus    96
   Der integrale Multikulturalismus    98
   Der gespaltene Multikulturalismus    102
   Debatten und Kontroversen    108
           Begünstigung und Gleichheit    109
           Anerkennung der Differenz oder Kommunitarismus?    112
           Wer kommt in den Genuß des Multikulturalismus?    115

Zweiter Teil Die Analyse der Differenzen    123

   5. Reproduktion und Konstruktion von Differenzen. Eine Typologie    125
   Die überrollten Minderheiten    125
   Die »primären« Minderheiten    128
   Die »unfreiwilligen« Minderheiten    131
   Die Migranten    134
   Die Identität von Bevölkerungsgruppen, die von Einwanderern abstammen    136
   Von der persönlichen Erfahrung zur kollektiven Identität    140

   6. Die Produktion von Differenzen    144
   Zwei komplementäre Bedingungen    144
   Die Umkehrung des Stigmas    148
          Die einfache Umkehrung    149
          Umkehrung plus Verschiebung    152
    Identitäten ohne Schmerzen?    157
            Distanzierung und Engagement    158
            Interaktionen und Herabwürdigung    159
            Die Rationalität der Differenz    160

   7. Das Dreieck der Differenz    162
   Die drei Komponenten der Differenz    163
          Die kollektive Identität    163
          Das moderne Individuum    165
          Das Subjekt    168
   Eine ideale Konfiguration    173
           Die Identität unter Spannung    173
           Individualismus und Identität    175
           Die Stellung des Subjekts    177
   Zirkulationsschwierigkeiten     178
          Die Schwächen der Identität    179
          Die Kontingenzen des Individuums    180
          Das Subjekt zwischen Engagement und Distanzierung     186
   Die Konfigurationen der Differenz     189
          Die Auflösung in die Elemente    189
          Die Implosion     191
          Die Inversion     193

   8. Kultur, Identität, Erinnerung    195
   Gedächtnis und Subjekt    199
          Gedächtnis und Subjektivität    200
          Kollektives Gedächtnis und individuelles Gedächtnis: Maurice Halbwachs    204
      Gedächtnis und Geschichte     209
          Die Kristallisierung    209
          Von der Entstehung eines kollektiven Gedächtnisses zu seinem öffentlichen Ausdruck    213
          Die Arbeit des Gedächtnisses und die Krise der Geschichtswissenschaft    217
          Drei Beispiele    222

   Schlußfolgerung    227
   Literaturverzeichnis    230
   Personenregister    243

 
Originalausgabe La différence: Paris: Éditions Balland 2001