Christian Teichmann

Macht der Unordnung

Stalins Herrschaft in Zentralasien 1920-1950

294 Seiten
ISBN 978-3-86854-298-1
Erschienen März 2016

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Kein Land setzte im 20. Jahrhundert so vehement auf die künstliche Bewässerung als Mittel zur Ausbreitung staatlicher Herrschaft wie die Sowjetunion. Der Bau von Kanälen und Staudämmen veränderte überall im Land des Sozialismus das Zusammenleben der Menschen, ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten und ihren Umgang mit der Natur.

Das sowjetische Wasserbauprogramm begann 1920 mit Lenins »Plan zur Elektrifizierung« des Landes und gipfelte 1950 in Stalins »Plan zur Umgestaltung der Natur«. Ein entscheidendes Element dieser Umgestaltung war Stalins Projekt der Baumwollautarkie, mit dem die zentralasiatische Peripherie in den Prozess der sowjetischen Staatswerdung integriert werden sollte. Zu diesem Zweck waren neue Grenzen und Institutionen, aber auch die Massenmobilisierung der Bevölkerung und vor allem technisches Know-how notwendig. Mithilfe künstlicher Bewässerung sollte eine industrielle Baumwollproduktion entstehen, um die Sowjetunion vom Import dieses wichtigen Cash Crop unabhängig zu machen.

In Stalins Sowjetunion beruhte die Staatswerdung nicht allein auf der Neuordnung der Verhältnisse, ihr leitendes Prinzip war vielmehr das Schaffen von Unordnung. Zudem unterminierten Willkür, Terror und Chaos jegliche Handlungs- und Erwartungssicherheit. Im sowjetischen Baumwollstaat wurde Unordnung zum zentralen Instrument der Herrschaftssicherung. Gleichzeitig machte sie die größte Schwachstelle der Staatsbildung aus. Paradoxerweise definierte die Macht der Unordnung die Durchsetzungskraft des Staates ebenso wie seine eng gezogenen Handlungsgrenzen.

Alle Titel aus der Reihe »Studien zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts«

AutorIn/Hg.

Christian Teichmann

Christian Teichmann, Dr. phil., ist Osteuropahistoriker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität Berlin. Er hat Germanistik und Geschichte an den Universitäten Leipzig und Warschau studiert, war 2002/2003 Lektor an der Staatlichen Universität Samara, Russland und hält sich seitdem regelmäßig zu Forschungsaufenthalten in Russland, Zentralasien und den Vereinigten Staaten auf.

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Inhalt

1 Rotes Land, Weißes Gold – Künstliche Bewässerung, Baumwollwirtschaft und der sowjetische Staat    7

2 Koloniale Revolutionen – Zentralasien zwischen Zaren und Sowjets, 1885–1922    22
Land der Wüsten und Oasen: Ein wirtschaftsgeografischer Überblick    24
Amerikanische Träume: Der Baumwollboom in Turkestan, 1885–1914    29
In der Hungersteppe: Erste Experimente im Wasserbau    36
Kolonisierung: Russische Siedler in Turkestan    37
Kriege und Revolutionen, 1914–1920    42
Safarows »wilde« Landreformen, 1921–1922    47

3 Grenzen ziehen, Wasser teilen – Moskau und die indigenen Eliten, 1923–1929    52
»Dekolonisierung der Kolonie«: Ein politisches Programm    54
Die Schaffung der zentralasiatischen Sowjetrepubliken, 1924–1925    57
Grenzkonflikte, Wasserkonflikte    61
Revolution ohne soziale Basis: Die Landreformen in Usbekistan    69
Zwischen Intrige und Ideologie: Die »Parteisäuberungen«, 1928–1929    77

4 Fußvolk mit Eigensinn – Ingenieure und Bolschwiki, 1923–1929    84
Im Wandel: Wahrnehmungen der »traditionellen« Bewässerung    85
Vor Ort: Arbeit und Alltag der russischen Ingenieure 90
Ein Revolutionär als Bürokrat: Michail Rykunow und die Zentralasiatische Wasserbehörde    95
Scheitern im Wasserbau: Das Fiasko am Usboj    102
Politik der Zerstörung: »Rationalisierung« und ein Schauprozess gegen »bourgeoise Spezialisten«   107

5 Eine Zeit der Wirren – Forcierter Baumwollanbau und Kollektivierung, 1929–1932    114
Von der Getreidekrise zur Kollektivierung, 1928–1929    116
Stalins »Baumwolloffensive«, 1929    121
Widersprüchliche Befehle: Kollektivierung in Usbekistan, 1930    127
Despotismus und Gewalt in der Baumwollzone, 1931–1932    135

6 Utopie im Ausnahmezustand – Ein Großbau in Tadschikistan, 1930–1937    142
Baumwollgarten in der Wüste: Das Wachsch-Tal und die sowjetische Staatswerdung    144
Chaotische Anfänge: Mangel, Flucht, Gewalt    147
Strategien in der Krise: Die Macht der stalinistischen Direktoren    151
Zwischen Erfolg und Vernichtung: Ein »alter« Ingenieur in einer »neuen« Welt    156
Feindliche Natur: Die Folgen technischer Fehlplanung    162
Landschaft der Unordnung: Terror, Deportationen und ein fragiler Staat, 1934–1937    165

7 Planerfüllung ohne Plan – Baumwollwirtschaft und Staatsterror, 1933–1937    173
Medien der Macht: Statistik und Ressourcenallokation    176
Institutionen der Gewalt: Politische Abteilungen, Beschaffungskampagnen, Trojkas    183
Wirkungen der Willkür: »Traditionalismus« und »Rückständigkeit«    191
Improvisieren statt Planen: Deichbau am Amudaria, 1937    195
Der Staat als Spektakel: »Großer Terror« in Usbekistan und der Moskauer Schauprozess, 1937–1938    204

8 Kriegslandschaften – »Volksbaustellen« und der Zweite Weltkrieg, 1937–1950    211
Massenmobilisierung: Usman Jusupow und der Große Ferghanakanal, 1937–1939    214
Die Grenzen des Mobilisierungsregimes, 1939–1941    220
Krieg an der Heimatfront: Usbekistan in der Krise, 1941–1943    224
Keine Wende, keine Flexibilität: Baumwolle, Terror und Hunger, 1943–1945    231
Bleierne Jahre: Die Nachkriegszeit, 1945–1950    237

9 Macht der Unordnung – Ein Resümee    240

Anhang
Begriffe, Namen, Archive 259
Glossar 263
Quellen und Literatur 264
Namens- und Ortsregister 284
Dank 287

Leseprobe

Rotes Land, Weißes Gold – Künstliche Bewässerung, Baumwollwirtschaft und der sowjetische Staat

Kein Land setzte im zwanzigsten Jahrhundert so vehement auf künstliche Bewässerung als Mittel zur Ausbreitung staatlicher Herrschaft wie die Sowjetunion. Dämme, Kanalanlagen und Stauwerke veränderten im Land des Sozialismus das Zusammenleben der Menschen, ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten und ihren Umgang mit der Natur. Das sowjetische Wasserbauprogramm begann mit Lenins »Plan zur Elektrifizierung « des Landes in den frühen 1920er Jahren und gipfelte in Stalins »Plan zur Umgestaltung der Natur« Ende der 1940er Jahre.

Schon die Fertigstellung des Dnjepr-Staudamms 1931 und die Eröffnung des Weißmeer- Kanals 1933 sorgten für internationale Aufmerksamkeit. Die Eröffnung des Moskau-Wolga-Kanals im Juli 1937 übertraf diese glänzende Außenwirkung noch. Das Bauprojekt zeigte, dass der sowjetische Staat »Berge versetzte« und es ihm so gelang, »ein Riesenland zu einem Gesamtorganismus« zusammenzubinden.

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