Reinhard Müller

Menschenfalle Moskau

Exil und stalinistische Verfolgung

501 Seiten, 14 Abbildungen
ISBN 978-3-930908-71-4
Erschienen Oktober 2001

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Am 5. März 1933 traf sich in der Moskauer Wohnung von Elsa und Hermann Taubenberger ein Kreis von KPD-Mitgliedern, von denen sich einige bereits aus der Zeit der Münchner Räterepublik kannten. Der Ingenieur Taubenberger verfügte über ein privates Radio und man verfolgte und diskutierte gemeinsam die Ergebnisse der Reichtagswahl in Deutschland. Nach einer parteiamtlichen Untersuchung gerieten 1935 mehrere Teilnehmer dieser Wahlnacht aufgrund einer Denunziation ins Visier des stalinistischen Geheimdienstes. Eine vom NKWD angefertigte Übersicht listete 70 Personen oder »Verbindungen« auf, die seit 1936 nach dem Prinzip der Kontaktschuld als Teilnehmer der sogenannten »konterrevolutionären, trotzkistisch-terroristischen Organisation« um Erich Wollenberg und Max Hoelz verhaftet, gefoltert, in den Gulag geschickt oder in Moskau erschossen wurden.

Zu den prominentesten Opfern gehörten die Witwe des im Konzentrationslager Oranienburg ermordeten Dichters Erich Mühsam, die Brecht-Schauspielerin Carola Neher und Werner Hirsch, der frühere Chefredakteur der »Roten Fahne«.

Der disziplinierte Kader hatte im Moskauer Exil seine bedingungslose Treue in den Beichtritualen der Selbstkritik durch das Geständnis seiner früheren Parteisünden zu beweisen. Die archivierten Lebensläufe bildeten neben Denunziationen die Grundlage für »Dossiers« und Listen von »schlechten Elementen«, die von der Kaderabteilung der Kommunistischen Internationale an das NKWD weitergereicht wurden. Auch Herbert Wehner lieferte 1937 sowohl für die KPD wie für das NKWD bereitwillig Meldungen über Zenzl Mühsam, Erich Wollenberg und andere Emigranten. Permanente Überwachung, wechselseitige Bespitzelung und traumatische Angst gehörten zum Alltag der Moskauer »Politemigranten«, von denen 1938 bereits 70 Prozent verhaftet worden waren.

Erich Wollenberg wurde als erster aus der Partei ausgeschlossen und flüchtete 1934 nach Prag. Max Hoelz, der »proletarische Robin Hood«, beging die »Todsünde«, Kontakt mit der deutschen Botschaft in Moskau aufzunehmen, und kam bald darauf in der Nähe von Nishni Nowgorod ums Leben. Zenzl Mühsam, seit vielen Jahren mit Wollenberg befreundet, stand schon seit ihrer Prager Exilzeit, ebenso wie Carola Neher, unter Verdacht. Die Aussicht auf die Veröffentlichung des Nachlasses von Erich Mühsam hatte sie nach Moskau gelockt. Trotz heftiger internationaler Proteste wurde sie im Laufe der folgenden 20 Jahre dreimal verhaftet und verbannt, bis sie 1955 in die DDR ausreisen konnte. Hier wurde sie von der SED »betreut« und von der Stasi überwacht.

Reinhard Müller beschreibt anhand der Schicksale einzelner Politemigranten und des Falls der konstruierten »Wollenberg-Hoelz-Verschwörung« die Strukturen des stalinistischen Terrors und die Funktionsweise der verflochtenen Verfolgungsbürokratien von NKWD, Kommunistischer Internationale und KPD.

AutorIn/Hg.

Reinhard Müller

geb. 1944, Historiker, bis Dezember 2009 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich »Theorie und Geschichte der Gewalt«.

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Inhalt

Kult um das Staatsgeheimnis   10

Logik des Terrors   17
Mythen der Stalinschen Verfassung   20
Feindmuster und Vernichtungsrhetorik   26

Opfer und Täter als Doppelgestalt   36
Umbau zum »Parteisoldaten«   39
Stalinistische Inquisition   44
Partei als Panopticon   47

Moskau 1933: Die Wahlnacht   59
Die Teilnehmer und ihre »Verbindungen«   60
Parteigericht und Straftheater der Komintern   87

Vom proletarischen Heros zur Unperson: Max Hoelz   104

Die Jagd nach »deutschen Trotzkisten«   127

Von Prag nach Moskau: Zenzl Mühsam   147

Fluchtstation Prag und Moskauer Asylpraxis   169
Selektionsverfahren und Spitzelverdacht   171
Phantasma der Botin: Carola Neher   187
Verhaftet und ausgewiesen: Olga Meese   195

Fall und Verschwörungskonstrukt   199
Der Denunziant: Hans Schiff   199
Der Homosexuelle: Peter Holm   216
Der Querkopf: Herbert Berndt   230

Der Geheimprozeß gegen Zenzl Mühsam (1936)   241
Die Verhöre   241
Die Anklage   252
Internationaler Protest   257
Denunziation und Meldungen   266
Herbert Wehner und Zenzl Mühsam   278

Feindbilder und Verschwörungssyndrome   287
Bolschewistische Wachsamkeit   291
Die Physiognomie der Schädlinge   297
Verschwörungen gegen die Sowjetmacht   304

Folterverhöre: Anatol Becker und Carola Neher   314
Die Anklage   317
Das »Geständnis«   324
Gefängnis und GULag   332

Das NKWD-Konstrukt einer »trotzkistischen Terrororganisation«   336
Der »Rechtstrotzkist« Werner Rakow   336
Verhaftung und Verhör: Elsa und Hermann Taubenberger   344
Vom KZ in die Lubjanka: Werner Hirsch   351

Zweite Verhaftung von Zenzl Mühsam   377

Dritte Verhaftung und Verbannung   413

Zenzl Mühsam und das MfS   424

Anhang:
Verfolgt, verhaftet, verurteilt: Liste der Opfer   429
Dokumente   435
Literaturverzeichnis   455
Abkürzungsverzeichnis   488
Personenregister   490