Zygmunt Bauman

Moderne und Ambivalenz

Das Ende der Eindeutigkeit

Aus dem Englischen von Martin Suhr
Neuausgabe
451 Seiten
ISBN 978-3-936096-52-1
Erschienen Oktober 2005

3. Auflage

Zum Buch

Baumans Buch ist ein überzeugendes Plädoyer für eine tolerante Ambivalenz und damit ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Diskussion um Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Nationalismus.

Der Anspruch der Moderne, den Menschen Klarheit, Transparenz und Ordnung zu bringen – eine durchschaubare Welt zu schaffen –, war von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil mit ihm die grundsätzliche Ambivalenz der Welt und die Zufälligkeit unserer Existenz, unserer Gesellschaft und Kultur geleugnet wurde.

Erst die Postmoderne verabschiedete sich von diesem Versprechen. War der Schlachtruf der Moderne »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit«, so war »Freiheit, Verschiedenheit, Toleranz« die Waffenstillstandsformel der Postmoderne. Und wenn Toleranz in Solidarität umgewandelt wird, kann aus dem Waffenstillstand sogar Frieden werden.

 

 

AutorIn/Hg.

Zygmunt Bauman

Zygmunt Bauman (1925-2017) war von 1972 bis 1990 Professor für Soziologie an der Universität Leeds. 1925 in Posen geboren, floh er 1939 vor den Nazis in die Sowjetunion. Ab 1954 lehrte er Soziologie an der Universität Warschau. Er verließ Polen 1968, ging nach Israel und hielt Vorlesungen an der Universität Tel Aviv.

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Inhalt

Danksagung 8
Einleitung: Die Suche nach Ordnung 11

Der Skandal der Ambivalenz 38

Der Traum der gesetzgebenden Vernunft 41
Der Staat als Gärtner 51
Gärtnerische Ambitionen und der Geist der Moderne 57
Wissenschaft, rationale Ordnung, Genozid 71
Über Inhumanität berichten 81

Die gesellschaftliche Konstruktion der Ambivalenz 92

Die Angst vor dem Unbestimmten 97
Der Kampf gegen das Unbestimmte 105
Mit der Unbestimmtheit leben 111
Die Verlagerung der Last 123

Die Selbsterzeugung der Ambivalenz 125

Ausschluß in die Objektivität 129
Exkurs: Franz Kafka oder Die Wurzellosigkeit der Universalität 140
Die neolithische Revolution der Intellektuellen 148
Die Universalität der Wurzellosigkeit 154
Die Bedrohung und die Chance 159

Eine Fallstudie zur Soziologie der Assimilation I:
In der Falle der Ambivalenz 166

Der Fall der deutschen Juden 174
Die Modernisierungslogik der jüdischen Assimilation 178 
Die Dimensionen der Einsamkeit 189
Das wirkliche Deutschland imaginieren 199
Scham und Verlegenheit 207
Die inneren Dämonen der Assimilation 213
Unbeglichene Rechnungen 221
Das Assimilationsprojekt und Strategien der Reaktion 226
Die letzten Grenzen der Assimilation 238
Die Antinomien der Assimilation und die Geburt der modernen Kultur 247

Eine Fallstudie zur Soziologie der Assimilation II:
Die Rache der Ambivalenz 255

Der Gegenangriff der Ambivalenz 264 Freud oder Ambivalenz als Macht 275
Kafka oder Die Schwierigkeit des Benennens 285
Simmel oder Das andere Ende der Moderne 292
Die andere Seite der Assimilation 299

Die Privatisierung der Ambivalenz 311

Die Suche nach Liebe oder Die existentiellen Grundlagen des Fachwissens 316
Die Verschiebung der Fähigkeiten 329
Die Selbst-Reproduktion des Fachwissens 335
Marktkenntnis 348
Sich vor der Ambivalenz verbergen 352
Die Tendenzen und Grenzen der von Experten entworfenen Welt 358

Die Postmoderne oder: Mit Ambivalenz leben 364

Von der Toleranz zur Solidarität 369
»Der Exorzist« und »Das Omen« oder Moderne und postmoderne Grenzen des Wissens 374
Neotribalismus oder Die Suche nach Schutz 385
Die Antinomien der Postmoderne 396
Die Zukunft der Solidarität 404
Sozialismus: Die letzte Festung der Moderne 414
Hat Sozialtechnologie eine Zukunft? 424
Die politische Tagesordnung der Postmoderne 427

Anhang

Namenregister 443
Sachregister 448

Leseprobe

Weil die Erfahrung der Ambivalenz von Angst begleitet wird und Unentschiedenheit zur Folge hat, erfahren wir sie als Unordnung - und werfen entweder der Sprache Mangel an Genauigkeit oder uns selbst sprachlichen Mißbrauch vor. Und gleichwohl ist Ambivalenz nicht das Ergebnis der Pathologie der Sprache oder Rede. Sie ist viel eher ein normaler Aspekt der sprachlichen Praxis. Sie entsteht aus einer der Hauptfunktionen der Sprache: der des Nennens und Klassifizierens. Ihr Umfang wächst in Abhängigkeit von der Effektivität, mit der sie diese Funktion erfüllt. Ambivalenz ist deshalb der alter ego der Sprache und ihr permanenter Begleiter - ja, ihr Normalzustand.

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Originalausgabe Modernity and Ambivalence: Cambridge: Polity Press 1991