Hedwig Richter

Moderne Wahlen

Eine Geschichte der Demokratie in Preußen und den USA im 19. Jahrhundert

700 Seiten, 70 Abb.
ISBN 978-3-86854-313-1
Erschienen August 2017

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Freie Wahlen sind ein essenzielles Element jeder Demokratie. Doch wie ein Blick auf die Geschichte der Wahlen zeigt, ist das Verhältnis beider zueinander — und zum Volk als Hauptakteur – überaus zwiespältig und keineswegs selbstverständlich.

Warum wählen wir? Warum haben sich politische Wahlen als das große Legitimationsmittel für Herrschaft durchgesetzt? Die Antwort scheint schnell gegeben: Wahlen ermöglichen den Menschen Freiheit und Gleichheit, und gegen alle Widrigkeiten haben Frauen und Männer sich immer wieder dieses Recht erkämpft und Demokratien errichtet.

Hedwig Richters umfassend angelegte Historiografie des Wahlrechts und der Wahlpraxis rekonstruiert über den Vergleich von Preußen und den USA im 19. Jahrhundert die Geschichte der Demokratie anhand der Wahlen. Mit ihrem innovativen Ansatz, der nicht nur auf Ideen und Gesetzestexte schaut, sondern auch die Wahlpraxis in den Blick nimmt, hinterfragt sie die Erzählung vom großen Freiheitskampf des Volkes um die Einführung allgemeiner Wahlen.

Die Autorin widerlegt die These vom anthropologischen Bedürfnis des Menschen nach Partizipation und politischer Verantwortung. Stattdessen verweist sie darauf, dass das Wahlrecht häufig von oben eingeführt und als Disziplinierungsinstrument der Herrschenden genutzt wurde.

Der Fokus auf den konkreten Akt des Wählens erlaubt zudem einen neuen Blick auf die alte Frage, warum im Laufe des 19. Jahrhunderts zwar immer mehr Männer als »gleich« anerkannt wurden und sukzessive das Wahlrecht erhielten, die Gleichheit der Frau jedoch erst Jahrzehnte später gedacht werden konnte. Denn der Einsatz des Körpers und Vorstellungen vom (männlichen) Körper gestalteten wesentlich die Stimmabgabe mit.

Was bedeuten diese Erkenntnisse für unsere Zeit? Demokratie ist kompliziert und alles andere als selbstverständlich. Wie historische und aktuelle Beispiele zeigen – so gegenwärtig im Irak und in Afghanistan – lässt sie sich nicht einfach modellhaft von außen installieren.

»Hedwig Richters Buch füllt eine Lücke in der vergleichenden Kulturgeschichte der Wahlen des 19. Jahrhunderts und stellt einen Meilenstein der Wahlhistorie dar.«
Thomas Kühne, Professor für Geschichte und Direktor des Strassler Center for Holocaust and Genocide Studies, Clark University

»Mit ihren Analysen insbesondere zur Rolle von Männlichkeitsbildern bei der Etablierung des Massenwahlrechts und der Transformation von Wahlpraktiken ist Hedwig Richter eine bahnbrechende Leistung in der Wahlrechtsforschung gelungen.«
Hubertus Buchstein, Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Greifswald

AutorIn/Hg.

Hedwig Richter

PD Dr. phil., Historikerin. Seit 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsgruppe »Demokratie und Staatlichkeit« am Hamburger Institut für Sozialforschung.

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Inhalt

Einleitung
Demokratie als Fiktion    7

1 Elitenprojekt. Wahlen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts    37
Bürgerliche Lauheit und die preußische Städteordnung    39
Obrigkeitliche Interessen und Wahltechniken    56
Republikanische Eliten in den USA    71
Das vermögende Subjekt    94
Der statistisch Erfasste    111
Der sesshafte Bürger im Herrschaftsterritorium    116
Lebensalter und Partizipation: Der mündige Mann    126

2 Mobilisierung. Die Gemeinschaft der Männer in der Jahrhundertmitte    137
Die Nation an der Urne    139
Der Hunger und die Eieraufkäufer    156
Parteienzirkus in Amerika    166
Wer ist das Volk? Wahlen als Marker für Zugehörigkeit    184
Gewalt. Staatsmacht und Volkswille    193
Staatsbürgerliche Männlichkeit    208
Kommunikation    228

3 Wahlen in traditionsbedürftigen Zeiten    235
Das Dreiklassenwahlrecht, der Hybrid zwischen Tradition und Moderne    237
Traditionale Bedenken    253
Demokratie und ihre Einhegung    268
Neuinterpretationen und konservative Aneignung    280
Krieg    301
Boykott und Wahlabstinenz    309

4 Freiheit und Manipulation. Probleme moderner Herrschaft    321
Allgemeines und gleiches Männerwahlrecht in den USA und Deutschland    323
Wahlmanipulationen der preußischen Obrigkeit    351
Bürgerliche Aneignung der Wahlen und nicht-staatliche Manipulationen    379
»Das Dynamit des Gesetzes«. Staatliche Bemühungen um das universal suffrage    392
Wahlen als Gesinnungstest    409
Korruption und Mord bei amerikanischen Wahlen    418
Neue Bedenken gegen die Demokratie    437

5 Massenpartizipation als Konsens vor dem Weltkrieg    445
Rationalisierung    447
Reformdiskurse, Skandalisierung und Fortschrittsoptimismus    462
Die Bildung der Bürger    481
Die Ordnung der Dinge im Wahllokal    499
Beschleunigte Zeiten    517
Rassismus    527
Universalisierung partizipativer Techniken und Erster Weltkrieg    531

Fazit    553
Beförderung des Wahlrechts durch die Herrschenden    556
Ideale, Praktiken und Strukturen    561
Analogien und Unterschiede zwischen Preußen und den USA    565

Anhang    573
Abkürzungen    575
Quellen    576
Literatur    587
Register    645
Dank    656
Zur Autorin    657

Leseprobe

Warum haben sich politische Wahlen durchgesetzt, sodass die Legitimation politischer Herrschaft seit Beginn des 20. Jahrhunderts kaum noch ohne Massenpartizipation möglich ist? Wie lässt sich der Erfolg dieses Verfahrens erklären? Als Antwort finden sich recht eindeutige Erzählungen: Wahlen ermöglichen den Menschen ein gleiches, allgemeines, direktes und freies Mitspracherecht. Folglich haben sich Männer und Frauen dieses Recht im Laufe der Jahrhunderte in Form von Massenwahlen und gegen die politische Autorität erkämpft. Zuerst geschah das in England, dann prominent in den USA und Frankreich. Andere Länder zogen nach, während Preußen mit seiner Demokratieunfähigkeit auf den Abgrund undemokratischer Entwicklungen verweist. »In jedem von uns gibt es etwas, das nach Freiheit schreit«, rief Martin Luther King im Kampf für das Wahlrecht der Afroamerikaner, und gegen alle Widrigkeiten haben sich Frauen und Männer immer wieder diese Freiheit angeeignet, Demokratien errichtet und damit Gleichheit und Gerechtigkeit installiert.

Diese Geschichten sind populär, und sie werden vielfach von der Forschung aufgegriffen. Doch wollten die Menschen tatsächlich von jeher wählen? Und warum wurde der Schrei nach Freiheit ausgerechnet seit der Aufklärung so laut? Und kam er tatsächlich zunächst nur aus den Kehlen von angloamerikanischen oder französischen Männern (denn tatsächlich sind Frauen in diesem Chor lange Zeit kaum zu hören)? Warum setzte sich ausgerechnet das Verfahren der Massenwahlen durch, dessen Technik durch seine Manipulations- und Korruptionsanfälligkeit besonders viele Fallstricke birgt?

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Termine

Oldenburg, Landesbibliothek, 30. November 2017

Hedwig Richter: Moderne Wahlen
Eine Geschichte der Demokratie in Preußen und den USA im 19. Jahrhundert

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