Klaus Naumann (Hg.)

Nachkrieg in Deutschland

576 Seiten
ISBN 978-3-930908-72-1
Erschienen Oktober 2001

Zum Buch

Wann endete die deutsche Nachkriegszeit, falls sie überhaupt als beendet gelten kann? Diese Frage beschäftigt Publizisten und Historiker seit Jahrzehnten.

Von der Währungsreform 1948 über die Protestbewegung von 1968 bis zur deutschen Vereinigung 1989/90 wurde praktisch jede wichtige Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik mit dem Etikett »Ende der Nachkriegszeit« versehen. Das Unvermögen, sich über diesen Zeitpunkt zu einigen, deutet auf ein unterschwelliges Gefühl der Unsicherheit über den Begriff Nachkrieg, das die bundesdeutsche Geschichtsschreibung bis in die heutige Zeit begleitet hat.

Genau bei dieser Irritation setzen die Beiträge dieses Buches an: Explorativ oder essayistisch versuchen sie anhand empirischen Materials, die Geschichte der Bundesrepublik – mit Seitenblicken auf die SBZ/DDR – so zu beleuchten, daß die Unwahrscheinlichkeiten und Kontingenzen, die schweren Beschädigungen und die bis ins Private reichenden Konflikte in dieser auf der Gewalt eines totalen Krieges gegründeten Gesellschaft erkennbar werden.

Unter den Rubriken »Integration«, »Trauma« und »Generationen« hat Klaus Naumann Beiträge zu verschiedenen Aspekten der deutschen Kriegsfolgengesellschaften versammelt, um der Nachkriegsgeschichte noch einmal mit einem gleichsam ungläubigen Staunen zu begegnen. Ob und unter welchen Bedingungen ein Ende der Nachkriegszeit vorstellbar wäre oder ob Nationalsozialismus und Krieg so lange Schatten werfen, daß sie eine spezifische Haltung oder einen politischen Stil prägen, der bis in die Berliner Republik hineinreicht, bleibt letztlich offen. Die von Angst, Unsicherheit und Lebenszweifeln geprägten Unterströmungen jener Erfolgsstory, als die zumindest die Geschichte der westdeutschen Gesellschaft gemeinhin angesehen wird, treten jedoch deutlich zutage.

AutorIn/Hg.

Klaus Naumann

Dr. phil., Historiker; 1992 – 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Politik und Geschichte der Bundeswehr, Erinnerungspolitik, Nachkriegszeit.

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Inhalt

Enthaltene Beiträge
 

Klaus Naumann
Einleitung


Robert G. Moeller
Deutsche Opfer, Opfer der Deutschen
Kriegsgefangene, Vertriebene, NS-Verfolgte: Opferausgleich als Identitätspolitik


Frank Biess
»Russenknechte« und » Westagenten«
Kriegsheimkehrer und die (De)legitimierung von Kriegsgefangenschaftserfahrungen in Ost-und Westdeutschland nach 1945


Thomas Kühne
Zwischen Vernichtungskrieg und Freizeitgesellschaft
Die Veteranenkultur der Bundesrepublik (1945-1995)


Michael Schwartz
»Zwangsheimat Deutschland«
Vertriebene und Kernbevölkerung zwischen Gesellschaftskonflikt und Integrationspolitik


Elizabeth Heineman
Die Stunde der Frauen
Erinnerungen an Deutschlands » Krisenjahre« und westdeutsche nationale Identität


Heide Fehrenbach
»Ami-Liebchen« und »Mischlingskinder«
Rasse, Geschlecht und Kultur in der deutsch-amerikanischen Begegnung


Franka Schneider
»Einigkeit im Unglück?«
Berliner Eheberatungsstellen zwischen Ehekrise und Wiederaufbau


Uta Poiger
Krise der Männlichkeit
Remaskulinisierung in beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften


Michael Geyer
Der Kalte Krieg, die Deutschen und die Angst
Die westdeutsche Opposition gegen Wiederbewaffnung und Kernwaffen


Thomas W. Neumann
Der Bombenkrieg
Zur ungeschriebenen Geschichte einer kollektiven Verletzung


Svenja Goltermann
Im Wahn der Gewalt
Massentod, Opferdiskurs und Psychiatrie 1945-1956


Vera Neumann
Kampf um Anerkennung
Die westdeutsche Kriegsfolgengesellschaft im Spiegel der Versorgungsämter


Regina Mühlhauser
Vergewaltigungen in Deutschland 1945
Nationaler Opferdiskurs und individuelles Erinnern betroffener Frauen


Micha Brumlik
Deutschland — eine traumatische Kultur


Jörg Echternkamp
Arbeit am Mythos
Soldatengenerationen der Wehrmacht im Urteil der west- und ostdeutschen Nachkriegsgesellschaft


Klaus Naumann
Nachkrieg als militärische Daseinsform
Kriegsprägungen in drei Offiziersgenerationen der Bundeswehr


Stephan Braese
Unmittelbar zum Krieg — Alfred Andersch und Franz Fühmann


Jörg Lau
Auf der Suche nach der verlorenen Normalität
Helmut Kohl und Hans Magnus Enzensberger als Generationsgenossen


Dagmar Herzog
Antifaschistische Körper
Studentenbewegung, sexuelle Revolution und antiautoritäre Kindererziehung


Harald Welzer
Krieg der Generationen
Zur Tradierung von NS-Vergangenheit und Krieg in deutschen Familien