Ulrich Bielefeld

Nation und Gesellschaft

Selbstthematisierungen in Deutschland und Frankreich

416 Seiten
ISBN 978-3-930908-83-7
Erschienen April 2003

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Ulrich Bielefeld zeigt, dass Anerkennung in der Weltgesellschaft weiterhin im Nationalstaat erlangt werden kann. Die Form der Nation jedoch hat sich verändert.

Spätestens seit der Französischen Revolution wird moderne Gesellschaft als nationale thematisiert, die sich selbst schafft und ihre innere Struktur und Dynamik aus sich selbst heraus erklären muß. Bis heute ist der nationale Staat die anerkannte politische Organisationsform der Gesellschaft, gleichzeitig aber hat sich der Begriff der Gesellschaft von dem der Nation gelöst.

Ulrich Bielefeld untersucht die Selbstthematisierungsformen der nationalen Vergesellschaftung anhand der Beispiele Frankreich und Deutschland. Es sind die zwei klassisch gewordenen Typen der Nation, die den beiden Ländern zugeordnet werden: Staatsnation und Kulturnation. Diese Typisierung ist aber nicht nur Selbstbeschreibung, sondern auch Mittel zur Herstellung der behaupteten Differenz. Vorstellungen und Darstellungen sind Bestandteil der Wirklichkeit, sie haben in der Moderne die besondere Funktion der Gründung und Begründung politischer Gesellschaften. So werden zum Beispiel Wissenschaft, Literatur, Geschichte, Soziologie, Philosophie, Nationalökonomie, aber auch Rassenlehre, zu Foren der Selbstthematisierung von Nation.

Anhand dreier deutsch-französischer Paarbildungen wird die Thematisierung des Nationalen herausgearbeitet: Johann Gottlieb Fichte und Maurice Barrès, Émile Durkheim und Max Weber, Ernst von Salomon und Louis Ferdinand Destouches, genannt Céline.

Fichtes »Reden an die Deutsche Nation« wurden später als Programmatik eines ethnischen Nationalismus betrachtet. Während sich der Philosoph Fichte zur Zeit der napoleonischen Besetzung engagierte, die deutsche Nation zu bilden, sah der Franzose Barrès 1870 die deutschen Truppen einmarschieren. Fichte lesend entdeckte Barrès als junger Mann sein Ich und das große Wir, er wurde der Literat des »Kultus des Ich« und bekämpfte schließlich den inneren (Dreyfus) und äußeren (Deutschland) Feind.

Den literarischen und philosophischen Selbstthematisierungen steht die sich zum Ende des 19. Jahrhunderts institutionalisierende soziologische Form der Selbstthematisierung gegenüber. Durkheim und Weber erarbeiteten zur gleichen Zeit einen je anderen Entwurf der Soziologie. Durkheim denkt Gesellschaft als Nation der moralischen Individuen, Weber als die des absoluten Wertes und der Herrschaft.

Nach 1918 setzt sich kollektive, nationale Selbstbestimmung von Gesellschaft international durch. Dem steht als paradoxe Bewegung die Auflösung des Begriffs der Nation gegenüber. Der Auflösungsprozess der Nation wird in einer doppelten Version ihrer Selbstthematisierung vorgestellt: der Schriftsteller und Aktivist Ernst von Salomon löst den Begriff der Nation ins Geheimnis und in die Tat auf, verabsolutiert das Wir im aktivistischen Ich. Für Céline, dem Schöpfer des »delirierenden Ich«, das dieser Welt ausgesetzt ist, festigt sich dieses nicht in der Nation, sondern in der Rasse. Céline wird zum Kollaborateur avant la lettre.

 

 

AutorIn/Hg.

Ulrich Bielefeld

PD Dr. phil., Soziologe, seit 1989 im Hamburger Institut für Sozialforschung.
Seine Arbeitsschwerpunkte sind Nation, Kollektives Bewusstsein, politische Gesellschaft und Migration.

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Inhalt

Vorwort und Dank 7

Selbstthematisierung und Nation 9

Nation und Gesellschaft 46

Nation als Fiktion und als Ort des Politischen 46
Soziologie, Gesellschaft und Nation 51
Einheit und Differenzierung 60
Selbstbestimmung und Nationalismus 68
Nation und Gebiet 80
Nation und Differenz 92
Kultur und Nation und der Mythos der Integration 104

Paarbildungen: Das freigesetzte Ich und das politische Kollektiv 110

I. Die Dramatik des Ich/Wir. Johann Gottlieb Fichte und Maurice Barrès 110
Ein thematisches Vorspiel: Rembrandt im Blick von Georg Simmel 112
Johann Gottlieb Fichte und das Urkollektiv: Ein frühes Konzept eines ethnischen Nationalismus – universalistisch begründet 121
Der nationalistische Nationalismus: Von Ernest Renan zu Maurice Barrès 138
Der Fall Maurice Barrès: Die Nation – Friedhof und Lehrstuhl 157
II. Idee und Wert, Herrschaft und Moral. Émile Durkheim und Max Weber 187
Émile Durkheim und die Nation: Die Realität der Repräsentation 191
Das Kollektiv und der Einzelne 201
Das Symbol und das Ganze 211
Max Weber: Nation, Herrschaft, die Moral der Lebensführung und die Realität der fiktiven Gemeinschaft 219
Die Nation als Wert und als Form politischer Vergesellschaftung und Vergemeinschaftung 230
Ethnischer Gemeinsamkeitsglaube und politische Gemeinschaft 237
Nation, Herrschaft und Staat 245
Zu einer Soziologie der Nation im Anschluß an Weber und Durkheim 250
III. Die Auflösung der Nation. Ernst von Salomon und Louis Ferdinand Céline 255
Der nationalistische Nationalismus und die Auflösung der Nation 255
Ernst von Salomon und das »angedrehte Wir« des Volkes 272
»Bewaffnet bis an die Zähne und gerüstet bis ans Herz« 275
Die geheime Nation im Film: Carl Peters 285
Ernst von Salomon und die Bundesrepublik nach 1945 292
Louis Ferdinand Céline: Der »kalte Enthusiast«, zweite Ausprägung 305
Biographische Fiktion: Erfindung, Erfahrung und Wahrheit 311
Das Verschwinden der Nation 320
Flucht, Gefängnis, Lager, Säuberung und Stil 337
Exkurs: Die Auflösung der Nation und die Herstellung der Volksgemeinschaft in der »Weltanschauung« des Nationalsozialismus 343

Selbstbestimmung und Selbstthematisierung 358

Die Ambivalenz der Selbstbestimmung 362
Selbstbestimmung und die eingehegte Nation 367
Die Sozialstruktur der Weltgesellschaft 372
Zur aktuellen Problematik der Bildung existentieller politischer Kollektive 377

Literatur 390