Klaus Holz

Nationaler Antisemitismus

Wissenssoziologie einer Weltanschauung

616 Seiten
ISBN 978-3-86854-226-4
Erschienen Oktober 2010
Erstausgabe 2001

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»Die Juden sind unser Unglück«, postulierte 1879 der angesehene Historiker Heinrich von Treitschke in den »Preußischen Jahrbüchern«. 1920 verbreitete sich der Parteiagitator Adolf Hitler im Münchner Hofbräuhaus über die »fürchterliche Gefahr«, die dem »Ariertum« durch die »jüdische Rasse« drohe. 1986, anläßlich der Waldheim-Affäre, beschuldigte die größte Tageszeitung Österreichs »Amerikas Massenmedien«, diese inszenierten gegen Kurt Waldheim eine »Nazi-Kampagne«, und beklagte »die unsachliche Hysterie, in die sich jüdische Journalisten jedesmal hineinsteigern, wenn es um die NS-Zeit geht«.

Drei Zitate von völlig unterschiedlichen Personen, aus einem Zeitraum von über hundert Jahren sind sie Beispiele ein und desselben Antisemitismus? Was ist überhaupt unter »Antisemitismus« zu verstehen? Um diese Fragen zu beantworten, präsentiert Klaus Holz in seiner Studie eine detaillierte Analyse paradigmatischer Ausprägungen des modernen Antisemitismus: Untersucht werden der postliberale Antisemitismus von Treitschke, der christlich-soziale von Adolf Stöcker, der rassistische von Édouard Drumont, der nationalsozialistische von Hitler, der antizionistische der Volksdemokratien und der auf die Vergangenheitsbewältigung konzentrierte Nachkriegsantisemitismus in Österreich.

Hierbei zeigt sich, daß der moderne Antisemitismus ein »nationaler« Antisemitismus ist. Das antisemitische Bild der »Juden« fungiert als Gegenbild zum Selbstbild der Wir-Gruppe als »Volk« und »Nation«. In den »Juden« wird personifiziert, was dem Selbstbild, eine »nationale Gemeinschaft« zu sein, antagonistisch entgegensteht: Die »Juden« stehen für »Gesellschaft«, für konkurrierende Interessen, abstrakte Verhältnisse und für kontingente und konstitutiv unsichere Sozialbeziehungen, sie personifizieren die störende Erinnerung an die von Deutschen vollzogene Vernichtung der Juden, die einer »nationalen Identität« im Wege steht. Infolge ihrer gleichen Grundstruktur tendieren alle untersuchten Formen des nationalen Antisemitismus zur gleichen Lösungsperspektive für die »Judenfrage«, auch wenn eine solche nur selten explizit entwickelt wird. Doch innerhalb dieser Weltanschauung ist nur ein Ziel kohärent: die Entfernung der Juden.

Durch sein länderübergreifendes, systematisch vergleichendes Vorgehen präpariert Holz die allen Ausprägungen gemeinsamen Grundstrukturen des Antisemitismus heraus. Das Ergebnis bildet ein empirisch fundierter, präziser Begriff des modernen Antisemitismus.

AutorIn/Hg.

Klaus Holz

Dr. habil., Soziologe; Generalsekretär die Geschäftsstelle der Evangelischen Akademien in Deutschland. Seine wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkte sind Antisemitismusforschung, sozial- und kulturwissenschaftliche Theorie.

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Inhalt

Vorwort   9

Einleitung   11
Nationalismus und Antisemitismus   12
Die Entkopplung von Soziologie und Antisemitismusforschung  19

I. Forschungsgegenstand und Forschungsstand   26
Der Forschungsgegenstand: Semantik, Weltanschauung, Kultur   27
Funktionalistische Theorien   49
Korrespondenztheoretien   62
Kausale Theorien   77
Differenztheorien   95
Forschungsfragen   111

II. Methode der Rekonstruktion   116
Kritik subsumtionslogischer Interpretation   120
Sinnbegriff   128
Text und objektiver Sinn   135
Sequenzanalyse und Darstellungsproblem   141
Begriff der Rekonstruktion   149
Generalisierung   153
Glossar   157
Generalisierte Regeln   157
Verzeichnis der Hypothesen   160

III. Postliberaler Antisemitismus (Treitschke)   165
Kontext: Liberalismus und Reichsgründung   165
Leidenschaftliche Bewegung?   175
Von der ›Bewegung‹ zur ›deutschen Judenfrage‹   189
Ethnisierung und Ontologisierung   196
Keine Lösung   210
Gemeinschaft und Gesellschaft   218
›Jüdische‹ Nicht-Identität und ›nationale‹ Identität   225
Resümee   237

IV. Christlich-sozialer Antisemitismus (Stoecker)   248
Kontext: Wider die Sozialdemokratie   248
›Die Judenfrage‹   253
Abgestorbene Religionsform   259
Volk im Volke   263
Die soziale Frage   279
Bekehrung als Struktursicherungsoperation   289
Resümee   294

V. La France Juive (Drumont)   298
Kontext: Dritte Republik und Rassenbegriff   298
Sprache und Rasse   307
›Semit‹ und ›Jude‹   327
Der sozialpsychologische Vergleich   333
Biologisierung   343
Rasse und Nation   349
Resümee   355

VI. Nationalsozialistischer Antisemitismus (Hitler)   359
Kontext: Semantik und Judenvernichtung   359
Gemeinnützige Arbeit   367
Drei Eigenschaften der ›nordischen Rassen‹   376
›Arier‹ bilden Staaten   384
Der Rassenantagonist   389
Produktive Arbeit, reine Nation und Rassenseele   399
Die Rede von der Tat   413
Resümee   425

VII. Marxistisch-leninistischer Antizionismus (Slánsky-Prozeß)   431
Kontext: Marxismus-Leninismus   431
Antizionismus als Camouflage   440
Verrat in der Volksdemokratie   445
Die falsche Klasse   456
Zionismus oder das ›falsche Volk‹   462
Der ›wahre‹ Anti-Antisemitismus   470
Volksparteigemeinschaft   475
Resümee   480

VIII. Antisemitismus nach Auschwitz (Waldheim-Affäre)   483
Kontext: Kommunikationslatenz in Österreich   483
Unbewältigte Vergangenheit   494
›Jüdische‹ Schuldkomplexe   506
Die Schlechtigkeit des ›guten Juden‹   517
Exkurs: Sekundäranalyse einer Umfrage   524
Resümee   532

Zusammenfassung   540

Literaturverzeichnis   553

Personenregister   600

Sachregister   610