Robert Castel

Negative Diskriminierung

Jugendrevolten in den Pariser Banlieues

Aus dem Französischen von Thomas Laugstien
122 Seiten
ISBN 978-3-86854-201-1
Erschienen Februar 2009

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Robert Castel untersucht anhand der Jugendunruhen die Stigmatisierungs- und Deklassierungsmechanismen, die Migranten zu »Bürgern zweiter Klasse« machen, sowie die auch daraus resultierenden neuen Formen von Prekarität und Ausgliederung.

Justizministerin Rachida Dati gilt wegen ihrer Herkunft aus einer nordafrikanischen Einwandererfamilie als Aushängeschild der französischen Regierung. Sie scheint die dreifache Benachteiligung überwunden zu haben, die Geschlecht, soziale Herkunft und ethnische Zugehörigkeit normalerweise bedeuten. Doch die Mehrzahl der heute in Frankreich lebenden Menschen, die dem sozialen Profil der Justizministerin entsprechen, sind nicht nur besonders stark von Arbeitslosigkeit, Beschäftigungsunsicherheit, Armut und schlechten Wohnverhältnissen betroffen, sondern potentielle Opfer fremdenfeindlicher oder rassistischer Angriffe. Sie alle leben in einer Gesellschaft, die negative Diskriminierung offiziell verbietet und gleichzeitig massiv praktiziert.

Dieser denkwürdige Widerspruch kristallisiert sich in der Situation der Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den französischen Banlieues, deren Revolte vom Herbst 2005 nach Robert Castel Ausdruck einer Enttäuschung ist. Erfahren zu müssen, dass die Hautfarbe, der Name oder die Adresse dazu führen, dass man keine Arbeit bekommt, bedeutet nicht nur das Fortbestehen von Armut und Hoffnungslosigkeit, sondern wird auch als Ungerechtigkeit erlebt und als Angriff auf die eigene Würde.

Castel arbeitet heraus, dass die Situation der eingewanderten Arbeiter durch die Gleichsetzung des Islam mit dem Islamismus – heute als Bedrohung unseres Gesellschaftssystems schlechthin wahrgenommen – noch problematischer wird und der ihnen entgegengebrachte, mit Verachtung gemischte Argwohn sich in eine Angst vor dem Muslim verwandelt, der die Grundlagen der westlichen Zivilisation in Frage stellt. Vor diesem Hintergrund erkennt Castel selbst im Abbrennen von Autos eine Botschaft: In den Banlieues wurde unübersehbar, dass den dort lebenden Franzosen die politischen und sozialen Bürgerrechte vorenthalten werden.

Der Abbau dieser Benachteiligungen kann durch positive Diskriminierungsmaßnahmen gelingen, durch Bildungsförderungsgesetze und eine veränderte Stadtpolitik. Da sich die Probleme des Zusammenlebens unterschiedlicher ethnischer Gruppen durch Migrationsströme und eine neue demographische Konstellation verstärken werden, müssen die Voraussetzungen für einen plurikulturellen und pluriethnischen Staat entwickelt werden. In sofern ist die Banlieue eine Baustelle, auf der viel zu tun, aber auch viel zu lernen ist. 

AutorIn/Hg.

Robert Castel

Robert Castel war einer der einflussreichsten Soziologen Frankreichs mit hohem internationalen Renommee. In den 1960er Jahren arbeitete er mit Pierre Bourdieu und orientierte sich an der Schule Michel Foucaults. Er war Forschungsdirektor an der École des hautes études en sciences sociales und Mitgründer der Gruppe GRASS – Groupe d´analyse du social et de la sociabilité. In der Hamburger Edition erschienen »Die Stärkung des Sozialen« (2005) und »Negative Diskriminierung« (2009). Robert Castel starb am 12. März 2013 im Alter von 79 Jahren.

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Inhalt

Einleitung  9

Die Konstruktion eines Abschiebungsraums  17

Von der »Strahlenden Stadt« zur Schlafstadt  18
Ethnisierung und Pauperisierung  21

Weder drinnen noch draußen  26

Noch keine Ghettos  27
Noch keine Ausgegrenzten  32

Die Ungleichbehandlung der ethnischen Minderheiten  37

Diskriminierung durch Polizei und Justiz  38
Diskriminierung in Beschäftigung und Beruf  41
Bildungsbarrieren  44
Stigmatisierung der Religionszugehörigkeit  48

Vom Rand ins Zentrum  54

Politische Illegitimität uns soziale Disqualifizierung  54
Vom Nutzen der gefährlichen Klassen  60
Die Umkehrung des Stigmas  65

Staatsbürger oder »Eingeborene«?  69

Der Gefahrenpegel steigt  70
Das Stigma der Rasse  80
Kann es eine multikulturelle Republik geben?

Schluss  100

Anhang  105

 
Originalausgabe La discrimination négative. Citoyens ou indigènes?: Èdition du Seuil