Tim B. Müller/Adam Tooze (Hg.)

Normalität und Fragilität

Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg

Aus dem English von Jürgen Bauer/Edith Nerke
518 Seiten
ISBN 978-3-86854-294-3
Erschienen September 2015

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Wenn heute die Fragilität der Demokratie wieder in den politischen Horizont rückt und von »gefährlichen Zeiten« für die Demokratie die Rede ist – dann bietet der Blick zurück in die Epoche, in der die Demokratie zur Normalität wurde, aber diese Normalität nicht ohne Fragilität zu denken war, erstaunliche Erkenntnisse auch für die heutige Zeit.

Die moderne Demokratie ist eine noch junge Erfindung. Sie war das politisch Neue, das Charakteristische und Dynamische des Zeitalters nach dem Ersten Weltkrieg. In diesen Jahrzehnten wurde Demokratie zur Normalität, zur umfassenden Regierungs-­ und Lebensform, deren Ablösung undenkbar schien. Und diese Entwicklung fand in vielen, vor allem in europäischen Gesellschaften gleichzeitig statt.

Historikerinnen und Historiker aus zahlreichen europäischen Ländern und aus Amerika befassen sich mit Kernfragen der vergleichenden Demokratieforschung: mit der gesellschaftlichen Akzeptanz der Demokratie, der Vielfalt ihrer Ausdrucksformen in Politik und Alltagsleben oder der Ausbildung eines dauerhaften demokratischen Erwartungshorizonts. Sie gehen der Frage nach, wie die Demokratie selbstverständlich wurde und es auch in existenziellen Krisen blieb – und warum sie dennoch in einigen Fällen zerstört wurde. In der Zusammenschau werden die transnationalen Gemeinsamkeiten und Gleichzeitigkeiten sichtbar, aber auch die durch die nationalen Kontexte bedingten Unterschiede.

 

 

AutorIn/Hg.

Tim B. Müller

Dr. phil., ist Historiker am Hamburger Institut für Sozialforschung; seit 2007 Redaktionsmitglied der »Zeitschrift für Ideengeschichte«.

Seine Arbeitsschwerpunkte: Deutsche, westeuropäische und amerikanische Ideen- und Wissenschaftsgeschichte; politische und Gesellschaftsgeschichte des Kalten Krieges, der Weltkriege und der Zwischenkriegszeit.

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Adam Tooze

ist Professor für Geschichte und Direktor des European Institute an der Columbia University. Er war von 2009 bis 2015 Professor für moderne Geschichte und Kodirektor des Programms International Security Studies an der Yale University.

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Inhalt

Tim B. Müller | Adam Tooze
Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg   9

I Konstellationen, Kontinuitäten und Konvergenzen

Adam Tooze
Ein globaler Krieg unter demokratischen Bedingungen   37

Hedwig Richter
Die Konvergenz der Wahltechniken und die Konstruktion des modernen Wählers in Europa und Nordamerika   70

Benjamin Schröder
Wer ist Freund, wer Feind?
Parteien und Wähler in politischer Unsicherheit   91

Laura Beers
Frauen für Demokratie
Möglichkeiten und Grenzen des zivilgesellschaftlichen Engagements   111

Andrea Rehling
Demokratie und Korporatismus – eine Beziehungsgeschichte   133

Philipp Müller
Neuer Kapitalismus und parlamentarische Demokratie
Wirtschaftliche Interessenvertreter in Deutschland und Frankreich   154 

Moritz Föllmer
Führung und Demokratie in Europa   177

II Nationale Kontexte, Konflikte und Kontingenzen

Helen McCarthy
Das »Making« und »Re-Making« der demokratischen Kultur in Großbritannien   201

Ben Jackson
Keynes, Keynesianismus und die Debatte um Gleichheit   218

Jessica Wardhaugh
Demokratische Experimente in der politischen Kultur Frankreichs   239

Tim B. Müller
Demokratie, Kultur und Wirtschaft in der deutschen Republik   259

Philipp Nielsen
Verantwortung und Kompromiss
Die Deutschnationalen auf der Suche nach einer konservativen Demokratie   294

Stefanie Middendorf
Finanzpolitische Fundamente der Demokratie?
Haushaltsordnung, Ministerialbürokratie und Staatsdenken in der Weimarer Republik   315

Urban Lundberg
»Volksheim« oder »Mitbürgerheim«?
Per Albin Hansson und die schwedische Demokratie   344

Jeppe Nevers
Demokratiekonzepte in Dänemark nach dem Ersten Weltkrieg   379

Johanna Rainio-Niemi
Die finnische Demokratie in der Zwischenkriegszeit   392

Elisabeth Dieterman
Demokratische Perspektiven in den Niederlanden der 1930er Jahre   421

Andrea Orzoff
Das Personal und das Vokabular der Demokratie
Die Erste Tschechoslowakische Republik   436

Till Kössler
Demokratie und Gesellschaft in Spanien
Populäre Vorstellungen der Zweiten Republik 1931–1936   463

Jason Scott Smith
Der New Deal als demokratisches Projekt
Die Weltwirtschaftskrise und die Vereinigten Staaten   496

Zu den Autorinnen und Autoren   512

Enthaltene Beiträge
 

Tim B. Müller/Adam Abbott
Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg


Adam Tooze
Ein globaler Krieg unter demokratischen Bedingungen


Tim B. Müller
Demokratie, Kultur und Wirtschaft in der deutschen Republik


Leseprobe

Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg

Gibt es eine Geburtsstunde der modernen Demokratie? Die jüngste Forschung bietet Grund, zur Untersuchung dieser Frage in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und insbesondere auf die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg zu blicken. Das ist auch der Ansatz, den dieser Band vorschlägt und verfolgt. Sein Thema ist das making of democracy im Ersten Weltkrieg und vor allem nach 1918. Er begreift die Demokratie dieser Zeit konsequent als etwas im Entstehen Begriffenes. Eine solche Lesart folgt aus einer vergleichenden, nationale Grenzen überschreitende Betrachtungsweise.
Aber damit wird die Vorgeschichte nicht ausgeblendet.

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