Stefan Wiese

Pogrome im Zarenreich

Dynamiken kollektiver Gewalt

336 Seiten, 4 Abbildungen, 2 Karten
ISBN 978-3-86854-304-9
Erschienen September 2016

Zum Buch

»Ein Pogrom kann man nach Belieben machen – mit zehn Opfern oder mit zehntausend, ganz nach Wunsch.«
Fürst Sergej D. Urusov in der russischen Staatsduma, 1906

Russland war das Land der Pogrome, so sah es zumindest die europäische Öffentlichkeit um 1900. Deshalb bürgerte sich auch in den meisten Sprachen das russische Wort »Pogrom« für diese Form von meist antijüdischer Gewalt ein. Aber was machte die Pogrome aus? Wer waren die Akteure? Geschahen sie spontan oder organisiert? Und warum war ihre Zahl gerade im Russischen Reich so hoch?

Antworten findet Stefan Wiese in den Handlungen aller Beteiligten, also der Täter, der Opfer, der Zuschauer und der Vertreter der Staatsmacht. Jede Gruppe verfügte über spezifische Ressourcen und verfolgte eigene Ziele, jede Gruppe beobachtete die übrigen und handelte dementsprechend. Aus dieser Dynamik ergaben sich Situationen, die Gewalt ermöglichten oder verhinderten. Laut Stefan Wiese waren bei Pogromen gegen Juden Strategien und Ressourcen der Akteure wichtiger als das Erbe des Antisemitismus, wie der Vergleich mit der Pogromgewalt gegen Armenier, Deutsche und die Intelligenzija bestätigt.

Stefan Wiese zeigt, was Pogrome sind, wie sie beginnen, vollzogen werden und wie sie enden. Er kontextualisiert die Pogrome neu, betont die Kontingenz von  Raum und Gelegenheit und untersucht das Verhalten der staatlichen Organe. Mit seinem Buch über eine spezifische Form kollektiver Gewalt in den letzten Jahrzehnten des Russischen Reiches liegt eine analytische Phänomenologie des Pogroms vor. Die Untersuchung erweitert die Perspektive des Nachdenkens über Pogrome und Massengewalt, auch über das Zarenreich hinaus.

Alle Titel aus der Reihe »Studien zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts«

AutorIn/Hg.

Stefan Wiese

Dr. phil., studierte Geschichte, Psychologie und Musikwissenschaft in Leipzig und Sankt Petersburg. Von 2008 bis 2012 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist seit 2011 Redakteur bei H-Soz-Kult.

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Inhalt

Einleitung    9
   Was ist ein Pogrom?    10
   Zur Pogromforschung    15
   Leitgedanken    24
   Historische Kontexte    29
   Schreibweisen    31

1 Pogrom als Improvisation    35
   Auftakt in Elisavetgrad    36
   Die Akteure    55
   Dynamik der Gewalt    77

2 Gewalt als Epidemie    89
   Russland und die Cholera    89
   Pogrome an der Wolga    93
   Ausbreitung von Gewalt    106

3 Gerüstet ins Pogrom    115
   Schauplatz Žitomir    115
   Die jüdische Selbstwehr    148
   Die Schwarzhunderter    185

4 Einberufungspogrome    241
   Pogrom in Astrachan’    241
   Gewalt gegen wen?    246
   Rekruten als Täter    251

5 Vom Pogrom zum Massaker    259

Schluss    278

Anhang    292
   Dank    292
   Schlüssel zu in den Fußnoten verwendeten Abkürzungen und Termini    294
   Archive    295
   Als Quellen verwendete Zeitschriften und Zeitungen    296
   Publizierte Quellen und Sekundärliteratur    297

Leseprobe

»Ein Pogrom kann man nach Belieben machen – mit zehn Opfern oder mit zehntausend, ganz nach Wunsch.«

»Ein Knopfdruck hier, und schon gibt es ein Pogrom in Kiew, ein Knopfdruck dort – ein Pogrom in Odessa.«

In den letzten Jahrzehnten des Zarenreichs gab es Hunderte Pogrome, bei denen mehr als 1000 Menschen starben und viele Tausend verletzt wurden. Doch mehr noch als die Zahl der Opfer bedrückte es viele Zeitgenossen, wie leicht es offenbar war, die Gewalt gezielt hervorzurufen. Kaum jemand zweifelte daran, dass das so war. Das erste oben angeführte Zitat stammt aus einer Rede des liberalen Fürsten Sergej D. Urusov vor der Staatsduma, dem Parlament des Russischen Reiches. Ein hoher Mitarbeiter der Geheimpolizei habe ihm diese Information gegeben und Urusov konnte darauf vertrauen, dass die linken Abgeordneten, an die er sich vor allem richtete, keinen Zweifel an dieser Selbstentlarvung des Regimes hegen würden; tatsächlich erntete er tosenden Applaus.

Das zweite Zitat stammt von der anderen Seite des ideologischen Spektrums, es wurde Alexander I. Dubrovin, dem Vorsitzenden des berüchtigten ultranationalistischen »Bundes des Russischen Volkes« (SRN) zugeschrieben. Ob es authentisch ist, lässt sich nicht belegen. Wichtiger ist, dass Anatolij A. Rejnbot, der frühere Stadthauptmann von Moskau, es im Salon der Bogdanovičs, einer Hochburg der Petersburger Konservativen, vortragen konnte, ebenfalls ohne fürchten zu müssen, dass das dortige Publikum den zugrunde liegenden Gedanken, nämlich die Machbarkeit von Massengewalt, infrage stellen würde. Sehr viele Zeitgenossen, ob Gegner oder Befürworter der Autokratie, dachten in dieser Weise über Pogrome.

Die Gewalt galt als das Werk skrupelloser Hintermänner, und deshalb musste man sich, wo Juden, Armenier oder andere Bevölkerungsgruppen massenhaft verprügelt und ausgeraubt wurden, weder für die Details der Taten interessieren noch für die Täter. Denn diese führten nur aus, was ihnen die eigentlich Verantwortlichen eingeflüstert hatten. Weil dieses Denken zu den Gemeinplätzen der Zeit gehörte, findet es sich fast durchgängig in den heute zur Verfügung stehenden Quellen und hat folglich in einen erheblichen Teil der Forschungsliteratur Eingang gefunden.

In diesem Buch geht es um eine andere Interpretation der Pogrome. Im Zentrum steht die Beobachtung, dass Täter, Opfer, Zuschauer und Staatsvertreter permanent auf das Handeln der jeweils anderen reagieren mussten. Daraus entstand eine Eigendynamik, die vorherige Absichten relativierte.

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