Svenja Bethke

Tanz auf Messers Schneide

Kriminalität und Recht in den Ghettos Warschau, Litzmannstadt und Wilna

317 Seiten
ISBN 978-3-86854-295-0
Erschienen September 2015

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Am Beispiel der Ghettos Warschau, Litzmannstadt und Wilna beschreibt Svenja Bethke, auf welche Weise die jüdischen Instanzen bemüht waren, das Recht als Instrument des Schutzes der Gemeinschaft und der Aufrechterhaltung einer internen Moral einzusetzen. Sie schildert die tragische Chancenlosigkeit und den letztlich aussichtslosen Versuch einer Anpassung an erzwungene Lebensverhältnisse.

»Kriminalität« und »Recht« in nationalsozialistischen Ghettos – ein Thema, das auf den ersten Blick vielleicht verblüfft, sah man doch das Leben der von den Deutschen verfolgten und schließlich mehrheitlich ermordeten Juden Europas eher in einem rechtsfreien Raum der absoluten Willkür angesiedelt, der alle Rechtsvorstellungen ad absurdum führte. Und doch entwickelte sich in den Ghettos eine eigene Rechtssphäre.

Die Deutschen erzwangen oft unmittelbar nach der Besetzung die Einrichtung von sogenannten Judenräten. Ihnen wurde in den Ghettos die Aufgabe zugewiesen, die antijüdischen Maßnahmen zu verkünden und zu vollziehen, die Umsetzung der von den Deutschen aufgestellten Forderungen nach Wertgegenständen und Arbeitskräften zu organisieren und letztlich den Massenmord reibungsloser zu ermöglichen.

Die Judenräte entwickelten neue Definitionen von Kriminalität und Recht, die sie mit Hilfe der jüdischen Polizei, von Gerichten und Gefängnissen im Ghetto durchzusetzen versuchten. Stets ging es dabei um Handlungen, die als Gefahr für die Ghettogemeinschaft eingeordnet wurden. Neben Schmuggel gab es Delikte wie »illegale Süßwarenproduktion«, das Fälschen von Lebensmittelkarten, sexuellen Missbrauch und ghettointerne Morde.

Svenja Bethke zeichnet ein vielschichtiges Bild der Ghettogemeinschaft, bei der es sich – entgegen häufigen Überlieferungen – nicht einfach um eine solidarische Opfergemeinschaft gehandelt hat, die als Kollektiv ums Überleben kämpft, sondern um eine sozial heterogene, unterscheidliche Interessen verfolgende Zwangsgemeinschaft.

Alle Titel aus der Reihe »Studien zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts«

AutorIn/Hg.

Svenja Bethke

Svenja Bethke, Dr. phil., lehrt seit 2016 als Lecturer an der University of Leicester und ist am dortigen Stanley Burton Centre for Holocaust and Genocide Studies tätig. Bis Ende 2015 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg. Sie hat an der Universität Hamburg ein Studium der Geschichte, Jura, Politologie und Osteuropastudien absolviert. Sie erhielt für ihre Studie »Tanz auf Messers Schneide. Kriminalität und Recht in den Ghettos Warschau, Litzmannstadt und Wilna« den Immanuel-Kant-Forschungspreis der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und den Forschungspreis des Generalkonsuls der Republik Polen in Hamburg.

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Inhalt

Einleitung   7

I. Kriminalität und Recht in der »Lebenswelt Ghetto«   28
»Lebenswelt Ghetto« – »jüdische« oder »menschliche« Erfahrung?   28
Definitionen von Kriminalität und Recht   32

II. Nationalsozialistische »Judenpolitik« in Osteuropa und die Perspektive der Judenräte   41
Die Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung   41
Deutsche Kerninteressen im Wandel   50
Neue Definitionen von Kriminalität   53
Willkürliches Handeln und paradoxe Entwicklungen   62
Die Überlebensstrategien der Judenräte   67

III. Die Bekanntmachungen der Judenräte – Definitionen von kriminellem Handeln   96
Deutsche Forderungen und ihre Überführung in die ghettointerne Zuständigkeit   99
Ghettointerne Regeln und Sanktionen   107
Deutsche Forderungen im Rahmen der Deportationen   119

IV. Die jüdische Polizei als Exekutivorgan   124
Die Einrichtung der jüdischen Polizeiorgane   124
Versuche interner Gestaltung   136
Strafverfolgung und Ermittlungen   147
Deliktdefinitionen in der Praxis der jüdischen Polizeiorgane   153

V. Die ghettointernen Gerichte   163
Institutionelle Rahmenbedingungen 163
Offizielle und inoffizielle Abgrenzungen zur deutschen Gerichtsbarkeit   169
Rechtstraditionen und Berufserfahrungen   173
Exkurs: Jüdische Gerichte und jüdisches Recht in historischer Perspektive   179
Verhandelte Rechtsfälle   184
»Mildernde Umstände« und Amnestien   209
Spezifische Rechtsprobleme   216

VI. Der Strafvollzug im Ghetto   223
Das Spektrum der Strafen   224
Die ghettointernen Zentralgefängnisse   239

VII. Die »einfachen« Ghettobewohner und ihr Bezug auf die »inneren« und »äußeren« Autoritäten   253
Zum Umgang mit ghettointernen Rechtsinstanzen   254
Wege der Beschwerde   265
Kriminalität als Widerstand?   283

Kriminalität und Recht zwischen »äußerer Macht« und »innerer Autonomie« – Schlussbetrachtungen   292

Danksagung   303

Anhang
Abkürzungsverzeichnis   305
Quellen- und Literaturverzeichnis   305

Leseprobe

Einleitung

Die auf Befehl der Deutschen eingerichteten Judenräte waren mit dem Dilemma konfrontiert, deutsche Forderungen erfüllen und deutsche (Rechts-)Vorstellungen in den Ghettos umsetzen zu müssen. Sie hofften, auf diesem Wege das Überleben der Ghettogemeinschaft, zumindest eines Teils, sichern zu können. Bei der Ausgestaltung zweifelsohne eingeschränkter und sich verändernder Handlungsspielräume versuchten sie, die Pläne der Deutschen gemäß rationalen, vernunftgeleiteten Kriterien zu verstehen und sich so wahrgenommene deutsche Interessen – beispielsweise an Arbeitskraft – zunutze zu machen. [...]

Ausgangspunkt dieser Studie ist die These, dass sich das Dilemma der Judenräte in besonderer Weise im Bereich der ghettointernen Rechtssphäre verdichtete. Vor diesem Hintergrund wird untersucht, welche Definitionen von Kriminalität und Recht die Judenräte in den von den Deutschen eingerichteten Zwangsgemeinschaften formulierten und wie diesen zur Durchsetzung verholfen werden sollte. Hier, wie insgesamt im Ghetto, bewegte sich das Handeln der Judenräte zwischen dem Erfüllen deutscher Forderungen und der Sorge um das Wohl der Ghettogemeinschaft. Mit der Zeit sollte sich zeigen, dass beide Anliegen angesichts der deutschen Mordpläne nicht miteinander zu vereinbaren waren.

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Termine

Berlin, Mehringhof, 4. Juni 2016

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