Yfaat Weiss

Verdrängte Nachbarn

Wadi Salib - Haifas enteignete Erinnerung

Aus dem Hebräischen von Barbara Linner
286 Seiten
ISBN 978-3-86854-243-1
Erschienen März 2012

Zum Buch

Mitten in Haifa befindet sich ein Ruinenareal, das bis Ende der 1950er Jahre das Armenviertel Wadi Salib war. In der israelischen Geschichte ist Wadi Salib vor allem durch die Proteste der damals dort wohnhaften jüdisch-marokkanischen Bewohner im Jahr 1959 verankert, die gegen ihre zum Teil erbärmlichen Lebensbedingungen aufbegehrten. Deren Auseinandersetzungen mit der Polizei brachte die Spannungen zwischen Immigranten und Alteingesessenen, zwischen aus arabischen und aus europäischen Ländern stammenden Juden zum Vorschein und erzeugte erstmals ein politisches Bewusstsein für die innerhalb der jüdischen Bevölkerung existierende ethnische Diskriminierung.

Doch das ist nur ein Teil der Geschichte: Die Tatsache, dass Wadi Salib nur wenige Jahre zuvor noch ein intaktes arabisches Viertel gewesen war, war 1959 bereits vollkommen aus der Erinnerung gewichen – und das ist bis heute so geblieben. Im Zuge der Kämpfe von 1948 mussten die arabischen Bewohner aus ihren Häusern flüchten. Europäische und marokkanische Juden – Flüchtlinge ihrerseits – wurden dort einquartiert; sie lebten schließlich in den verlassenen Wohnungen, inmitten des Mobiliars und der persönlichen Habseligkeiten der geflüchteten arabischen Bewohner. Wie kam es dazu, dass solch eine dramatische Auslöschung der arabischen Präsenz in der Stadt innerhalb so kurzer Zeit vergessen wurde?

Von der verdrängten arabischen Präsenz in der Stadt Haifa erzählt dieses Buch, befasst sich gleichsam mit den Erinnerungen der dort angesiedelten Juden aus Marokko und wirft so Licht auf einen blinden Fleck der israelischen Geschichtsschreibung. Auf diese Weise wird Wadi Salib zu einer Gedächtnisikone israelischer Geschichtserfahrung, in der sich die verschiedenen Narrative des Landes – das arabisch-palästinensische, das jüdisch-mizrachische und das jüdisch-aschkenasische – ebenso miteinander verbinden wie sie sich aneinander brechen.

Yfaat Weiss erzählt mehr als die Geschichte eines Stadtviertels: Das Buch handelt ebenso von der Gründung Israels, die hier in den Kontext der dramatischen Verschränkung von Bevölkerungstransfer, Vertreibung und ethnosozialen Konflikten gestellt wird und im Zusammenhang der Ereignisse des europäischen 20. Jahrhunderts eine besondere Lesart erfährt.

AutorIn/Hg.

Yfaat Weiss

Prof. Dr. phil., ist seit April 2017 Direktorin des Simon-Dubnow-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig. Sie ist außerdem Professorin für Jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem und leitet dort das Franz Rosenzweig Minerva Zentrum für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte. Weiss erhielt 2012 den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken.

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Inhalt

Einleitung    9

Prolog: »Die Nachbarn, die auf unsere Kosten reich werden«    18

Krieg    27
Diachronische Nachbarn    27
»Es ist gut ohne Araber, es ist leichter …«    40
»Es stimmt, früher haben sie separat gelebt«    54
»Wo endet Kolonisation und beginnt Zwangstransfer?«    66
Bevölkerungsaustausch    78

Aufruhr    89
»Und ich dachte, ich mache etwas Hübsches, wie es am Hadar oben gibt«    89
»Man winkt ihnen mit den Lichtern vom Hadar und Karmel von oben«    100
Mismatch    113
Das Jahr der Teilung    120
»Sind Sie ohne Vereinbarung eingezogen?«    127
Selektivität    139
»Stellen Sie sich vor, dass es unter denen aus Europa welche gab, die in luxuriösen Wohnungen gelebt haben«    144

Evakuierung    153
Lichter der Großstadt    153
Bevölkerungsverteilung    159
»Was weißt Du schon von der Geschichte der Besiedlung des Landes?«     166
Retusche    174
»Sie vermischen sich und vergessen die Herkunft«    183
»Ich bin in ein Grab geraten, um dort zu wohnen, während wir noch am Leben sind«    191
»Regelrecht menschlicher Abfall«    199
Semi-Stadt    208
»Ich habe gefragt, ob es eine Synagoge gibt, sie sagten, es gibt eine«     214
Reinheit und Gefahr    221

Chirbe    233
Altneuland    233
»Haifa hat keinen besonderen historischen oder architektonischen Charakter«    244
Zukunft    253

Epilog: Efrat Goschen und seine Frau Mirjam ziehen in Saids Haus in Hallisa    261

Bibliographie    271
Dank    285