Jan Philipp Reemtsma

Vertrauen und Gewalt

Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne

Durchgesehene Neuausgabe
576 Seiten
ISBN 978-3-86854-270-7
Erschienen Oktober 2013
Erstausgabe 2008

Zum Buch

»Die Probleme der Gewalt sind immer noch sehr dunkel«, schrieb Hannah Arendt. Warum sich auch die Soziologie mit den Phänomenen der Gewalt so schwer tut, ist eine der zentralen Fragen, mit denen sich Jan Philipp Reemtsma beschäftigt.

Er analysiert, was Vertrauen und vor allem Vertrauen in die Moderne heißt – und in welcher Weise dieses Vertrauen an die besonderen Legitimationsanforderungen gebunden ist, denen der Gebrauch von Gewalt in der Moderne unterworfen ist. Wie kann extreme Destruktivität neben dem modernen Programm der Gewalteinschränkung oder trotz dieses Programms bestehen und warum besteht das Vertrauen in die Moderne ungeachtet der Gewaltexzesse des 20. Jahrhunderts fort.

Jan Philipp Reemtsma untersucht die Phänomene der Gewalt in ihrem unterschiedlichen Körperbezug und in ihrem Verhältnis zur Ausübung von Macht, er fragt, aus welchem Grund bestimmte Gewaltformen in der Moderne tabuisiert worden sind, obwohl sie nach wie vor fortbestehen, und in welcher Weise dieses Fortbestehen besondere Wahrnehmungs- und Analyseschwierigkeiten produziert.

Dieser Blick auf die Moderne konkurriert nicht mit anderen, sondern ergänzt sie und bedient sich dabei einer besonderen Beschreibungstechnik. Weiträumige Überblicke über historische, politische, literarische oder philosophische Entwicklungen von der Antike bis in unsere Gegenwart wechseln mit einer Konzentration auf konkrete Ereignisse ab; soziologische Reflexionen und historisches Beispielmaterial werden durch philologische Analysen ergänzt und anhand einer Auseinandersetzung zum Beispiel mit William Shakespeare als einem Theoretiker von Macht und Gewalt oder anhand einer Betrachtung von Friedrich Schillers Konzeption des Desperado im »Wilhelm Tell« verdeutlicht.

Jan Philipp Reemtsma leistet einen bedeutenden Beitrag zum Verständnis der Beziehung, die zwischen Vertrauen, Gewalt und Macht herrscht.

AutorIn/Hg.

Jan Philipp Reemtsma

Jan Philipp Reemtsma, Prof. Dr. phil., lebt und arbeitet vorwiegend in Hamburg. Er ist Gründer des Hamburger Instituts für Sozialforschung sowie der Arno Schmidt Stiftung, Geschäftsführender Vorstand der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur und Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Hamburg. Er hat zahlreiche Aufsätze und Bücher zu literarischen, historischen, politischen und philosophischen Themen veröffentlicht.

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Inhalt

Vorbemerkung   9
Einleitung: Das Rätsel   13

Vertrauen und Moderne   25

Krull im Abteil   27
Vertrauen   30
Praxisgestütztes Vertrauen   39
Vertrauen als Ernstfall – Die Gretchenfrage   47
Vertrauen und Wir-Konstruktion   55
Man kann nicht nicht vertrauen   66
Umorientierung   69
Träger vormodernen sozialen Vertrauens   76
Das Problem des Vertrauens in der Moderne   85
Vertrauen in die Moderne   96

Macht und Gewalt   101

Kratos und Bia   103
Eine Phänomenologie körperlicher Gewalt   104
Lozierende Gewalt   108
Raptive Gewalt   113
Autotelische Gewalt   116
Reduktion auf den Körper   124
Psychische Gewalt / Autotelischer Bias   129
Fragmentierungen; Zerstörung des Ich   134
Komplemente   137
Macht – ohne Gewalt   141
Macht als Sanktionsmacht   147
Zeitlichkeit der Macht   149
Gratifikationsmacht, Sanktionsmacht und Gewalt   150
Der fehlerhafte Gewaltkalkül oder »Richard III.«   154
Konsens als Funktion der Zeitlichkeit   158
Partizipationsmacht, Vertrauen, Verrechtlichung   162
Monopol   168
Delegation   170
Dynamiken der Entmonopolisierung   175
Partizipationsmacht und Gewalt   180
Moderne und Gewalt   182

Delegitimationen / Relegitimationen   185

Marsyas   187
Max bleibt sitzen   189
Erlaubt, verboten, geboten   190
Zivilisation und Barbarei   196
Ich / Mensch   205
Der Ekel   215
Shakespeare oder Die Erfindung des gewaltempfindlichen Gewissens   233
Beschränkung der Gewalt, Strategien des Vertrauenserhalts: Temporalisierung /Spatialisierung /Verrätselung   256
Rhetoriken der Relegitimierung (1) – Die Rhetorik des Zivilisationsauftrags und die Nation   269
Die Einhegung des Nationalen   294
Die Guillotine / Die Geschichte vom Hündchen   297
Rhetoriken der Relegitimierung (2) – Rhetorik der eschatologischen Säuberung   307
Rhetoriken der Relegitimierung (3) – Rhetorik des Genozids   314
Das Unbehagen in der Moderne   322

Vertrauen in Gewalt   327

Gewalt /Vertrauen /Macht: Der Teufel und der kleine Bischof   329
Auschwitz /Gulag /Hiroshima?   335
Eskalation der Gewaltmittel   344
Modernisierung durch Bandenbildung   360
Entmodernisierung durch Bandenbildung   386
Terroratio   405
Macbeth   419
Warum die Juden?   423
Es nicht für möglich halten   430
Vertrauen in Gewalt: Das Personalproblem   433
Selbstvertrauen in der Gewalt   436

Gewalt und Kommunikation   453

Cola Gentile redet   455
Die Soziologie schweigt   458
Das Verschwinden des Dritten   467
Coping (1): Delegitimierung durch Verfahren und die Ausschließung des Dritten   482
Coping (2): Das Opfer als Autorität und die Ersetzung des Dritten   488
Coping (3): Instrumentelle Deutung und Verleugnung der Kommunikation   493
Exkurs: Kleine Theorie der Figur des Desperados oder Hat Wilhelm Tell eigentlich die Schweiz befreit?   505
Die Instrumente wieder zeigen?   527
Angst und Selbstbewusstsein   532
Polonius’ Testament    538

Bibliographie    541

Leseprobe

Vorbemerkung

Es ist eine sozialwissenschaftliche Tradition, immer mal wieder nach den Bedingungen und Besonderheiten des Sonderwegs der Moderne zu fragen, und je nach Vorlieben des Theoretikers, der das Fragen unternimmt, wird der Akzent unterschiedlich gesetzt – auf Rationalität etwa, auf funktionelle Differenzierung, worauf auch immer. Die vorliegende Studie reiht sich in diese Tradition ein und widmet sich einem Thema, das ihrem Verfasser vernachlässigt scheint: dem Zusammenhang von Vertrauen und Gewalt. Sie geht dabei vor allem auf drei Fragen ein. Erstens: Wie ist es zu jener Besonderheit der Moderne, das heißt zu jener europäisch-transatlantischen kulturellen Formation, die aus den Krisen des 16. und 17. Jahrhunderts hervorgegangen ist, gekommen, die sie von, wie es scheint, allen anderen kulturellen Formationen unterscheidet, nämlich dem besonderen Legitimationsbedarf, unter den sie die Anwendung von Gewalt stellt? Zweitens: Wie gelingt es ihr, diesen Legitimationsbedarf und ihr Selbstbild auf dem Weg zu einer maximal gewaltreduzierten Zukunft mit ihrer tatsächlich vorhandenen Gewalttätigkeit zu vereinbaren? Drittens: Warum haben die Gewaltexzesse des 20. Jahrhunderts das Selbstbild der Moderne zwar gravierend tangiert, aber – vorerst – nicht dazu geführt, sich achselzuckend von ihrem Sonderweg abzuwenden?

Die Studie will weder eine neue Soziologie der Moderne schreiben, noch gehört sie ins historiographische Fach. Sie bedient sich einiger Ergebnisse der Geschichtsschreibung sowie der Soziologie, wenn sie auch bei der Darlegung dessen, was sie unter »Vertrauen« versteht, eigene Wege gehen musste, da die äußerst interessante soziologische Diskussion um diesen Begriff zurzeit noch reichlich disparat ist. Auch zum Thema der Phänomenologie körperlicher Gewalt sowie des Zusammenhangs von Macht und Gewalt konnte sie von Vorhandenem ausgehen, aber nicht dabei stehenbleiben. Die Studie gehört zu jenen Arbeiten, die die Beleuchtung ändern, gleichsam die Scheinwerfer auf ein bekanntes Terrain neu ausrichten und auf diese Weise Areale herausheben wol- Vorbemerkung 9 10 Vorbemerkung len, die vorher im Dunkeln lagen, Schattenwürfe verändern etc., und so zeigen, dass man das Terrain auch anders sehen kann, als man zuvor gewohnt war. Die Studie konkurriert also nicht mit anderen Blicken auf die Moderne, sondern ergänzt sie.

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Termine

Göttingen, Paulinerkirche, 16. Oktober 2017

Jan Philipp Reemtsma: Vertrauen und Gewalt
Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne

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Köln, Sankt Peter, 2. Juni 2015

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Stuttgart, Schauspielhaus, 11. Januar 2015

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