Michael Wildt

Volk, Volksgemeinschaft, AfD

160 Seiten
ISBN 978-3-86854-309-4
Erschienen März 2017

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Wir sind das Volk. Die Anderen nicht.
Der Historiker Michael Wildt über die Ambivalenzen und Abgründe des politischen Konzepts des Volkes.

»Wir sind das Volk!« Das ist ein mächtiger und anspruchsvoller Satz, vor allem in einer Demokratie, in der das Volk herrscht. »Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus« heißt es im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.

Doch: Wer ist das Volk? Die wahlberechtigten Staatsbürgerinnen und Staatsbürger? Die Demonstranten gegen die Diktatur in Leipzig im Oktober 1989? Die orangefarbenen Massen auf dem Maidan in Kiew, die 2013/14 erfolgreich die Neuwahl des Präsidenten erzwangen? In der langen Geschichte des Volkes wurde stets darum gestritten, wer zu ihm gehörte und wer nicht. Frauen zum Beispiel erhielten in den meisten Staaten erst im 20. Jahrhundert das Wahlrecht. Und was geschieht, wie Sebastian Haffner1933 fragte, wenn das Volk die Demokratie nicht mehr will?

Die historisch-politische Intervention von Michael Wildt lotet die Ambivalenzen und Abgründe des politischen Konzepts des Volkes aus sowie die rassistisch-antisemitische Radikalisierung in der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. Auf dieser Grundlage hinterfragt er die populistischen Äußerungen der AfD, die sich lauthals auf das Volk beruft. Auch hier geht es um verschiedene Volkskonzepte. Die kulturell definierte Ausgrenzung von Minderheiten bei der AfD birgt die Gefahr radikaler Exklusion aus dem »Volk«. Jedoch auch das Beharren darauf, dass Volk demos und nicht ethnos sei, gelangt über die tückische Imagination eines einheitlichen Volkes nicht hinaus.

Wäre es nicht stattdessen vielmehr an der Zeit, Hannah Arendts Gedanken aufzugreifen und nicht das Volk, sondern den Menschen und sein Recht, Rechte zu haben, in den Mittelpunkt unseres demokratischen Denkens zu stellen?

AutorIn/Hg.

Michael Wildt

Michael Wildt ist Professor für Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit einem Schwerpunkt in der Zeit des Nationalsozialismus an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 1997 bis 2009 arbeitete er als Wissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung. Er ist Mitherausgeber der Zeitschriften WerkstattGeschichte und Historische Anthropologie sowie der Studienreihe zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts in der Hamburger Edition.

 

 

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Inhalt

Einleitung   7

I    Volk   15
     Das klassische Volk   15
     Das Volk Gottes   19
     Souveränität   22
     We the people   27
     Volk und Recht   37

II  Volksgemeinschaft   51
     Alle Gewalt geht vom Volke aus   53
     Inklusion  58
     Exklusion   65
     Teilhabe   79
     Krieg   83
     Nachkrieg   87

III Das Volk der AfD   91
     Populismus in Europa   92
     Das missachtete Volk   97
     Kritik der Repräsentativität   100
     Ethnische Homogenität   105
     Volksgemeinschaft   114

»Alle sind das Volk«. Ein Ausblick   121

     Literaturverzeichnis    145
     Dank   156
     Zum Autor   157

Leseprobe

»Wir sind das Volk!« Ein anspruchsvoller Satz, vor allem in einer Demokratie, in der Macht und Regierung vom Volk ausgehen soll. Doch: Wer ist das Volk?

Das Volk als Ganzes bleibt unsichtbar. In der Regel tritt es alle vier oder fünf Jahre indirekt in Erscheinung und gibt bei Wahlen seine Stimme ab, um die Abgeordneten in der Volksvertretung, dem Parlament, zu wählen. Demnach bestünde das Volk aus den wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürgern. So will es auch das Grundgesetz, das im Artikel 20 ausführt: »Sie [die Staatsgewalt, M.W.] wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt. «

Nimmt man zur Kenntnis, dass Kinder und Jugendliche bis zu einem bestimmten Alter ebenso nicht wählen dürfen wie zahlreiche Menschen, die in Deutschland leben und hier ihre Steuern und Sozialversicherungsbeiträge bezahlen, und erinnert man außerdem daran, dass in allen europäischen Staaten Frauen erst im Laufe des 20. Jahrhunderts das aktive und passive Wahlrecht erkämpft haben, dann wird rasch deutlich, dass das »Volk« keineswegs mit der Bevölkerung übereinstimmt und sogar nur eine Minderheit darstellen kann.

Zieht man dann noch in Betracht, dass ein Großteil der Staatsbürgerinnen und Staatsbürger ihr Wahlrecht nicht mehr ausüben, könnte man selbst bei Großen Koalitionen von Minderheitsregierungen sprechen. Das Volk, so Niklas Luhmann spöttisch, ist »nur ein Konstrukt, mit dem die politische Theorie Geschlossenheit erreicht.

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Termine

Stuttgart, Stadtarchiv, 25. Juli 2017

Michael Wildt: Volk, Volksgemeinschaft, AfD

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Hamburg, Hamburger Insitut für Sozialforschung, 18. Juli 2017

Michael Wildt: Volk und Volksgemeinschaft in der aktuellen Politik

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Berlin, Linke Buchtage, 16. Juni 2017

Michael Wildt: Volk, Volksgemeinschaft, AfD

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