Berthold Vogel

Wohlstandskonflikte

Soziale Fragen, die aus der Mitte kommen

348 Seiten
ISBN 978-3-86854-200-4
Erschienen Februar 2009

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Die Mitte. Nicht erst, seit Angela Merkel vor dem Motto des CDU-Parteitags abgelichtet wurde, ist der Kampf um diesen politischen und sozialen Standort ein zentrales Thema in der deutschen Gesellschaft. Doch gerade diese vielbeschworene und schwer zu verortende Mitte ist Berthold Vogels Analyse zufolge von Wohlstandskonflikten und Abstiegssorgen geprägt.

Der Autor nutzt vier Perspektiven, um den Zustand einer Gesellschaft zu erkunden, in der soziale Konflikte zunehmend als Statusgefechte um Anrechte auf Wohlstand und um die Pflicht zu dessen Sicherung ausgetragen werden.

Soziologisch werden soziale und politische Kategorien zur Charakterisierung der Mitte kritisch reflektiert. Zeitdiagnostisch werden das sich wandelnde Verhältnis von Staat und Gesellschaft und der Übergang vom sorgenden zum gewährleistenden Wohlfahrtsstaat beleuchtet. Konzeptionell wird das Zusammenspiel von politischer Ordnung und sozialökonomischen Prozessen im Hinblick auf die Entstehung von Ungleichheit und Klassen untersucht. Und empirische Forschungsbefunde, zum Beispiel zur Leiharbeit, verdeutlichen, wie weit berufliche und soziale Prekarität bereits in Kernbereiche des Wirtschaftlebens hineinreicht.

Sichtbar wird eine »nervöse Mittelklasse«, deren Status durch wohlfahrtsstaatliche Reformen entsichert wurde und deren Arbeitsleben an Verbindlichkeit verliert. Facharbeiter bangen um die Früchte früherer Aufstiege, qualifizierte Angestellte fürchten den Verlust erworbener Privilegien. Doch nicht nur Abstieg und Deklassierung bestimmen das Klima, denn für bestimmte Professionen eröffnen sich auch neue Gelegenheiten, wenn Positionskämpfe in den mittleren Lagen der Gesellschaft markant an Kraft gewinnen. Die Mitte der Gesellschaft zerfällt nicht, sie spaltet sich auf.

Eingehend befasst sich Berthold Vogel mit dem öffentlichen Dienst und dessen Wandel von einem Ort stabiler Karriereerwartung und materieller Sicherheit zu einem unruhigen Experimentierfeld für »neue Beschäftigungsformen«. Dieses Zentrum von Gemeinwohl und Daseinsvorsorge ist zunehmend gefährdet, wenn in den kommunalen Verwaltungen, in der Jugendhilfe oder im Gesundheitswesen Mini-Jobber und Zeitarbeiter die Folgen von Unsicherheit und Armut bewältigen sollen. Die Prekarisierung des öffentlichen Dienstes droht die normativen Maßstäbe der gesellschaftlichen Verantwortung zu demontieren.

Nicht die Dramatisierung sozialer Unterschiede steht im Vordergrund dieses Buches, sondern die Herausforderungen einer in Wohlstandskonflikten verstrickten Gesellschaft. Berthold Vogel zeigt, dass produktive Antworten auf diese Herausforderungen nur dann zu finden sein werden, wenn der Staat weiterhin bereit ist, die gesellschaftlichen Beziehungen aktiv mitzugestalten.

AutorIn/Hg.

Berthold Vogel

Prof. Dr. disc. pol., Projektleiter im Arbeitsbereich »Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland« am Hamburger Institut für Sozialforschung, Dozent für Sozialwissenschaften an der Universität Kassel und Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts an der Georg-August-Universität in Göttingen. Seine Arbeitsschwerpunkte: Arbeitssoziologie; Soziologie des Wohlfahrtstaates; soziale Ungleichheit.

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Inhalt

Einleitung    9

I. Wohlstandspanik und Statusbeflissenheit

Perspektiven auf die nervöse Mitte der Gesellschaft    21
   Gefährdete Mitte. Zeitdiagnose aus der Erfahrung der Sozialreportage    24
   Gesuchte Mitte. Anforderungen an die soziologische Strukturanalyse    32
   Gedachte Mitte. Lokalisierungen sozialer Ordnungsvorstellungen    38

II. Wohlfahrtspolitik und Gesellschaftsgestaltung

Die formative Kraft des Wohlfahrtsstaates    46
   Die Programmatik. Staatspflichten und soziale Infrastrukturen    57
   Die Konflikte. Handicapologie und Privilegienkämpfe    69
   Die Architektur. Sorge und Gewährleistung    80

III. Wohlfahrtsstaat und Klassenbildung

Sozialstrukturelle Effekte und normative Erwartungen    116
   Klassenbildung. Versorgungsklassen und Dienstklassen als Prototypen    124
   Klassendynamik. Der öffentliche Dienst als Berufslaufbahn und Beschäftigungskohorte    135
   Klassenbewusstsein. Statussuche und Aufstiegsorientierung    161

IV. Soziale Verwundbarkeit und prekärer Wohlstand

Neue Erfahrungen und Strukturen sozialer Ungleichheit    170
   Ungleichheitsvokabular: Soziale Verwundbarkeit und Prekarität    181
   Ungleichheitsvielfalt. Pluralität und Dekonstruktion    195
   Ungleichheitsprozesse. Minusvisionen und neue Gelegenheiten    209
   Ungleichheitsorte. Formverluste der Industriearbeit und öffentlicher Dienste    229

V. Wohlstandsfragen

Soziologische (Aus-)Blicke auf die Maßstäbe der Wohlstandsqualität    270
   Öffentliche Dienste und Sorgeleistungen    284
   Rechtsbeziehungen und Schutzwirkungen    294
   Kommunalität und Gesellschaftsgestalt    300

Die Wohlstandsmitte. Ein Ort sozialer Konflikte    307

Literatur    315
Danksagung    347

Termine

Paris, DHI, 4. Mai 2015

Berthold Vogel: Wohlstandskonflikte

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