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Schwerpunkt des aktuellen »Mittelweg 36«:

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Mittelweg 36, Heft 4 – August/September

Kriegsschuld und demokratischer Neuanfang

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Friedrich Kießling

Vergesst die Schulddebatte! Die Forschung zum Ersten Weltkrieg überwindet liebgewonnene Denkblockaden

Im Herbst vergangenen Jahres fand in Potsdam eine öffentliche Diskussion zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs statt. Mit auf dem Podium des überfüllten Saals saß Christopher Clark. Dessen Buch Die Schlafwandler war wenige Wochen zuvor auf den deutschen Markt gekommen. Von Unterschieden in Einzelaspekten abgesehen, waren sich die Fachvertreter relativ einig. Die Fischer-Kontroverse spielte kaum eine Rolle, aber in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum war die Schuldfrage schnell präsent. Die Leute wollten doch eigentlich nur eines wissen, konstatierte ein Zuschauer unter dem Beifall des Saals: »Wer war denn nun schuld am Ersten Weltkrieg?« Hinterher war in einem Zeitungsbeitrag zu lesen, angesichts der Thesen von Christopher Clark hätten die (deutschen) Kritiker versucht, von der Orthodoxie zu retten, was zu retten sei. Die Überschrift lautete: »Besessen von der deutschen Kriegsschuld«.

Es sind Erlebnisse wie diese, die einen im aktuellen Gedenken an den Kriegsausbruch vor hundert Jahren an den Rand der Verzweiflung bringen können. (...)

Bernd Greiner

Casino Royale. Barbara Tuchmans Klassiker über die Anfänge des Ersten Weltkriegs

Von wegen alles gesagt! Zum Ersten Weltkrieg wird wohl nie das letzte Wort gesprochen sein, auch wenn in der anhaltenden Debatte über den Kriegsausbruch vor hundert Jahren hin und wieder dieser Eindruck erweckt wird. Zwar sind die Emotionen der Streitereien über Deutschlands vermeintliche Alleinschuld nur noch in Spurenelementen vorhanden – künstlich am Leben erhalten oder zu neuem Leben erweckt aus Gründen, die viel mit Aufmerksamkeitsökonomie und wenig mit Wissenschaft zu tun haben. Aber zugleich gibt es, wie die Flut einschlägiger Publikationen zeigt, eine Vielzahl neuer und auf absehbare Zeit kontroverser Fragen: Welche Spuren hat dieser Krieg hinterlassen? Reicht sein Erbe bis in die heutige Zeit? Und umgekehrt: Wie beeinflusst unsere Gegenwart die Deutung des Vergangenen, wie viel Zeitdiagnose steckt in der Zeitgeschichte?

Wer sich dem Thema auf diese Weise nähert, wird an einem 1962 erstmals in den USA publizierten und seither in zig Auflagen weltweit vertriebenen Buch Gefallen finden: August 1914 oder (im amerikanischen Original) The Guns of August von Barbara Tuchman. (...)

Jens Hacke

»Volksgemeinschaft der Gleichgesinnten«. Liberale Faschismusanalysen und die Wurzeln der Totalitarismustheorien

Die Totalitarismustheorie gilt gemeinhin als ideologische Waffe des Kalten Krieges. Wird sie auf ihren Ursprung zurückverfolgt, so hält man sich zumeist an den Begriff, an die langsame Evolution eines politikwissenschaftlichen Paradigmas, das die Erfahrungen von Stalinismus und Nationalsozialismus verarbeitete, um deren Gemeinsamkeiten in systematischer Absicht herauszustellen. Terror, Gewalt, Kollektivismus, Einparteienherrschaft und ideologische Begründung beziehungsweise Finalisierung politischen Handelns bezeichneten den gemeinsamen Nenner totalitärer Herrschaftssysteme, die der liberalen Demokratie feindlich gegenüberstanden. Die politikwissenschaftlichen Schlüsselwerke zu diesem Paradigma wurden unter anderem von Hannah Arendt und Carl J. Friedrich in den 1940er/50er Jahren veröffentlicht, wenngleich die Denkfigur der einander berührenden politischen Extreme auch vorher schon geläufig war. Es ist unmöglich, die kaum mehr zu überblickende Debatte zur Totalitarismustheorie in Abgrenzung zu verschiedenen Faschismustheorien und Diktaturkonzepten an dieser Stelle neu aufzurollen. Im folgenden Beitrag soll hingegen an die wichtige Phase einer Totalitarismustheorie avant la lettre erinnert werden: an die liberale Auseinandersetzung mit dem Aufkommen der ideologischen Massenbewegungen nach dem Ersten Weltkrieg.

Der Blick auf Debattenlagen der Zwischenkriegszeit liefert bereits die Schablonen für eine Totalitarismustheorie, die im Zeitalter der Blockkonfrontation nach 1945 zur Legitimationsressource des Westens avancierte. (...)


Tim B. Müller

Krieg und Demokratisierung. Für eine andere Geschichte Europas nach 1918

Am 26. April 1945, in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges in Europa, war es die deutsche Geschichte nach dem Ersten Weltkrieg, die den britischen Premierminister Winston Churchill beschäftigte. Ihn trieb der Gedanke um, dass Deutschland auch einen anderen Weg hätte beschreiten können als den, der in die globale Katastrophe geführt hatte. Auch bedauerte er verpasste Chancen der Kooperation mit der deutschen Demokratie. Reflexionen über eine kontrafaktische Geschichte, über eine Historiografie des Möglichen durchziehen immer wieder die geschichtlichen Abhandlungen und Erinnerungswerke Churchills. Aber seine knappen Überlegungen zu Deutschland nach 1918 sind angesichts des Zeitpunkts doch erstaunlich – und regen dazu an, seit Jahrzehnten vertraute Deutungsmuster zu revidieren. Schließlich hätten Churchill in dieser Situation so viele andere, deutlich näherliegende Interpretationen der deutschen Geschichte zur Verfügung gestanden.

Bald nach Beginn des Krieges, als Frankreich teils gefallen war und teils die Seiten gewechselt hatte, stand Großbritannien allein gegen das nationalsozialistische Deutschland. Die deutschen Bomben hagelten auf England nieder; dieser Bombenkrieg, den die Deutschen entfesselt hatten, musste nach Deutschland zurückgetragen werden. »Damit müssen wir ihn [Hitler] besiegen. Einen anderen Weg sehe ich nicht«, erklärte Churchill im Juli 1940 gegenüber seinen Vertrauten. (…)