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Die Leseprobe »Zwei Leerstellen der neueren Kapitalismustheorie« von Wolfgang Knöbl finden Sie hier. 


Friedrich Wilhelm Graf/Friedrich Lenger

Einführung

(...) Weder scheint es möglich, die Genese einer Theorie in Absehung von den vielschichtigen Erkenntnisinteressen und Prägungen ihres Urhebers umfassend zu rekonstruieren, noch lässt sich ihre Gültigkeit aus den vielfältigen, durchaus auch widersprüchlichen Bezügen auf die historischen Bedingungen herauslösen, die zum Zeitpunkt der Genese ihren Erkenntnisgegenstand bestimmten. (... Die hier versammelten) Arbeiten wollen mit ihrem Blick auf »Klassiker« und wichtige Debatten der letzten 250 Jahre vor allem die aktuelle Diskussion über den Kapitalismus bereichern. (...)


Thomas Welskopp

Kapitalismus als Landnahme. Zu einem Theoriestrang von Karl Marx bis Rosa Luxemburg

(...) In dieser Problemkonstellation sind Rosa Luxemburgs theoretische Ausarbeitungen zur Akkumulation des Kapitals zu verorten. Ein halbes Jahrhundert nach der Veröffentlichung des ersten Bands von Marxens Hauptwerk hatte der Kapitalismus eine beispiellose Dynamik entfaltet, von der dort wenig zu lesen war. Gleichzeitig schienen sich mit dem Aufstieg des Imperialismus die Rahmenbedingungen nationaler wie internationaler wirtschaftlicher Entwicklung entscheidend verändert zu haben. Vor diesem Hintergrund waren Fragen nach den Bedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten des Kapitalismus beziehungsweise nach dem Wann und Wie seines Endes neu zu stellen. (...)


Jürgen Kocka

Schöpferische Zerstörung. Joseph Schumpeter über Kapitalismus

(...) Mit dieser Betonung der Kreditvergabe und damit des Schuldenmachens, aber auch der Zukunftsorientierung als zentraler Merkmale des Kapitalismus leistete Schumpeter einen originellen Beitrag zu dessen Beschreibung und Analyse, dem angesichts des überproportionalen Wachstums des Finanzkapitalismus in den letzten Jahrzehnten heute zweifellos besondere Aktualität zuzugestehen ist. Schumpeter, der Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsgeschichte zu verbinden suchte, führte für seine These auch historische Evidenz ins Feld, doch vor allem begründete er sie theoretisch: Sein Erkenntnisinteresse war in erster Linie auf die Beschreibung und Erklärung wirtschaftlicher Dynamik – wirtschaftlicher »Entwicklung«, wie er sagte – gerichtet. (...)


Frank Adloff/Marie Rotkopf

Unregierbar sein. Poetische Kraft oder die unmögliche Rezeption des Unsichtbaren Komitees in Deutschland

(...) Nun ist das Unsichtbare Komitee wieder da. Gerade ist das Buch Jetzt im Hamburger Nautilus Verlag erschienen, nachdem die französische Originalausgabe im April dieses Jahres unter dem Titel Maintenant herausgekommen war. Die Überschrift Maintenant zitiert mit Auguste Blanqui einen bedeutenden sozialistischen Revolutionär des 19. Jahrhunderts: »Maintenant, il faut des armes.« (»Jetzt brauchen wir Waffen.«) Es wird sich nicht zufällig um ein verkürztes Zitat handeln. Das Jetzt scheint gegenwärtig wichtiger zu sein als die Waffen. Worte und der Augenblick, die Präsenz eines Übergangs, sind nun die Waffen. Und immer noch sind Waffen vor allem Gesten. (...)

Friedrich Lenger

Adam Smiths Wohlstand der Nationen. Historische Kontexte und aktuelle Perspektiven

(...) Adam Smith als Lobsänger der Arbeitsteilung (welche zur Steigerung der Produktivität führe) und Apostel des Freihandels (welcher die produktive Spezialisierung durch Ausweitung der Märkte vorantreibe), sind vertraute Elemente, die gleichwohl durch die hier vorgenommene Kontextualisierung in ein anderes Licht gerückt werden. (...) Geht man in der angedeuteten Art und Weise von den Problemen der Zeit aus und nimmt Smiths Anspruch ernst, eine »Politische Ökonomie, verfolgt als Zweig der Wissenschaft, die eine Lehre für den Staatsmann und Gesetzgeber entwickeln will«, zu entwerfen, dann ermöglicht das auch ein besseres Verständnis (...) des Wohlstands der Nationen. (...)

 


Friedrich Wilhelm Graf

Ursprüngliche Akkumulation ganz anders. Der sehr deutsche Diskurs über die Genese des Kapitalismus um 1900

(...) Harter Fleiß galt hier als genuin protestantisch und Müßiggang als typisch katholisch. Dieses Stereotyp wurde nicht nur von protestantischen Kulturdeutern geprägt, sondern auch von vielen katholischen und jüdischen Gelehrten mit formuliert. Es bestimmte die ideenpolitischen Kulturkämpfe des 19. Jahrhunderts und entfaltet bis in die Gegenwart hinein diskursive Wirkungsmacht: Wo in den aktuellen Debatten über die »Euro-Krise« zugespitzt zwischen dem seriöser wirtschaftenden, auch fleißigeren Norden Europas und dem in Produktivkraft, Technologie und ökonomischer Konkurrenzfähigkeit zurückgebliebenen, schuldenfreudigeren und reformunfähigeren »Latin Europe« beziehungsweise den »Südländern« unterschieden wird, sind immer auch alte konfessionskulturelle Stereotype mit im Spiel. (...)


Wolfgang Knöbl

Zwei Leerstellen der neueren Kapitalismustheorie. Über Mehrwert und Profit

(...) Die marginalistische Revolution in den Wirtschaftswissenschaften der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machte zu Recht auf die theoretischen Defizite in Marxens Werk aufmerksam, hatte ihrerseits aber kein Sensorium für die Wandlungsdynamik im Kapitalismus. Zudem bestand kein Interesse mehr an soziologischen Sachverhalten, was die Sozialwissenschaften in einer Art Vakuum zurückließ: Sie waren zwar stets mit den gesellschaftlichen Folgen von Produktion und Distribution befasst, machten diese selbst jedoch nicht mehr angemessen zum Thema. In der Konsequenz verkam die Wirtschaft zum unverstandenen Außen der Sozialwissenschaften. (...)


Wolfgang Kraushaar

Aus der Protest-Chronik: 27. März 1972, West-Berlin

An einem Montagabend trifft in der am Savignyplatz gelegenen Berliner Dependance der Deutschen Presseagentur ein mysteriöser Brief ein, der mit dem Etikett »Eilzustellung/Exprès« versehen ist. Er trägt keinen Absender. Als ein Mitarbeiter den Umschlag öffnet, findet er einen DIN-A4-Bogen nebst dem Foto einer jungen Frau vor, die offenbar misshandelt worden ist. Ihr durch eine dunkle Flüssigkeit verunstalteter Kopf ist tief nach unten gebeugt, außerdem hat man ihr ein Schild mit einer zynisch anmutenden Aufschrift umgehängt. (...) »DAS IST EDELGARD G. DIESE DENUNZIANTIN STECKT MIT DEN KILLERSCHWEINEN UNTER EINER DECKE. ES LEBE DIE RAF!« (...)