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Mittelweg 36, Heft 5 – Oktober/November

Politische Tiere

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Christina Müller

Editorial

Wie kommen Tiere in den Mittelweg 36? Ist das nicht eine ungewöhnliche Themenstellung für eine Zeitschrift, die ihren Blick in aller Regel auf soziale Konflikte und Ungleichheiten sowie auf Krieg und Gewalt richtet? Aber spielt denn Gewalt in unseren Beziehungen zu Tieren keine  Rolle, etwa wenn eine Legehenne auf allerengstem Raum mit Tausenden Artgenossinnen Zusammengepfercht wird? Und muss man nicht von eklatanter Ungleichheit sprechen, wenn ein Rind dazu bestimmt ist, eines Tages geschlachtet und verspeist zu werden, während seine Besitzerin durch Gesetze und Polizei vor derartigen Übergriffen geschützt wird? Man mag spontan einwenden, ein solcher Vergleich sei abwegig und unstatthaft, doch genau um die Klärung derartiger Fragen geht es, sobald die Rechte von Tieren zum Thema werden.
Faktisch sind Tiere Teil unserer Gesellschaft, auch wenn wir sie nur als Nahrungslieferanten, lästige Parasiten oder Spielzeuge betrachten. Allein in Deutschland leben 31 Millionen Haustiere, zwei Drittel davon sind Hunde und Katzen; hinzu kommen circa 12 Millionen Rinder, 28 Millionen Schweine und 35 Millionen Legehennen, um nur die größten Gruppen der sogenannten Nutztiere aufzuzählen. All diese Lebewesen bilden zusammengenommen nur einen kleinen Teil der bundesrepublikanischen Tierwelt, doch sind sie zumindest zahlenmäßig der hiesigen Wohnbevölkerung überlegen. Sich das soziale Leben der Bundesrepublik ohne sie – also nicht nur ohne ihr Fleisch, ihre Eier und ihre Milch, sondern auch ohne Blindenhunde, Polizeipferde oder für die medizinische Forschung benötigte Labortiere – vorzustellen, ist schlicht unmöglich. (...)

Sue Donaldson/ Will Kymlicka

Bill und Lou in der Zoopolis. Über Tiere als Mitbürger

In unserem Buch Zoopolis haben wir eine dezidiert »politische Theorie der Tierrechte« vertreten. Wir werden unseren Standpunkt im Folgenden weiterentwickeln, auf einige kritische Einwände eingehen und uns dabei vor allem mit der neuen Idee der »Staatsbürgerschaft für Tiere« beschäftigen.
Zu Beginn möchten wir unseren Ansatz kurz im Kontext der allgemeineren Tierrechtsdebatte verorten. Eines der Ziele unseres Buches bestand darin, über eine Diskussion hinauszukommen, die sich fast ausschließlich auf den intrinsischen moralischen Status von Tieren konzentriert hat. Viele Leserinnen werden mit dieser seit nunmehr vier Jahrzehnten geführten Debatte vertraut sein, dennoch seien hier die wichtigsten Punkte in Erinnerung gerufen:

– Tierrechtstheoretikern zufolge kommt den Tieren, weil sie empfindungsfähig sind oder Bewusstsein haben, mithin ein subjektives Wohl besitzen, derjenige moralische Status zu, aus  dem sich gewisse unveräußerliche Rechte ergeben – wie das Recht auf Leben und Freiheit sowie insbesondere das Recht, nicht als ein Mittel für menschliches Wohlergehen benutzt zu werden.
– Dem wurde entgegengehalten, dass, um Träger unverletzlicher Rechte zu sein, mehr erforderlich sei als Empfindungsfähigkeit oder ein subjektives Wohl. Nötig seien angeblich höhere Vermögen, namentlich kognitive Fähigkeiten wie Rationalität, Autonomie oder moralische Urteilskraft. (...)

 

Bernd Ladwig

Tierrechte ohne Staatsbürgerschaft

Sue Donaldson und Will Kymlicka wollen die Theorie der Tierrechte weitereinwickeln, indem sie Normen der Staatsbürgerschaft (citizenship), der Einwohnerschaft (denizenship) und der Souveränität auf Mensch/Tier-Beziehungen übertragen. Damit heben sie hervor, dass zwischen Menschen und anderen Tieren politisch erhebliche Beziehungen bestehen. Die bisherige Tierrechtstheorie könne zu solchen Beziehungen wenig sagen, weil sie vor allem den moralischen Status individueller Tiere zu klären beanspruche. So entgingen ihr Möglichkeiten einer gerechteren Regelung unserer Interaktionen mit anderen Tieren – wenn sie nicht überhaupt voraussetze, dass eine gerechte Welt von allen solchen Interaktionen frei wäre.

Ich selbst teile die Ausgangsidee, dass erlebensfähige nicht menschliche Tiere (im Folgenden kurz: Tiere) moralische Rechte haben. Genauer, ich teile sie nach Maßgabe einer interessenorientierten Konzeption moralischer Rechte. Ebenso finde ich es verdienstvoll, dass Donaldson und Kymlicka die Rechte von Tieren als ein Thema für die politische Philosophie erschlossen haben. Fragwürdig ist nur, wie sie dies getan haben: Die genuin politischen Begriffe, mit denen sie auf gerechte Mensch/Tier-Beziehungen abzielen, gehen an den rechtlich schützenswerten Interessen von Tieren vorbei.

Die Theorie der Tierrechte in Zoopolis, so will ich zeigen, ist in falscher Weise politisch, weil sie den Pfad einer interessenbezogenen Begründung von Rechten verlässt. Die Idee der Tierrechte selbst soll hier nicht so sehr Gegenstand als vielmehr Grundlage der Diskussion sein. Darum sei nur an das Standardargument erinnert, mit dem sie gewöhnlich gerechtfertigt wird. Die spezifische Deutung der politischen Dimension solcher Rechte durch Donaldson und Kymlicka werde ich beispielhaft hinterfragen (…)

Peter Niesen

Kooperation und Unterwerfung. Vorüberlegungen zur politischen Theorie des Mensch/Nutztier-Verhältnisses

Die politische Theorie ist ein Nachzügler, was den allgegenwärtigen animal turn betrifft. Dass sie sich über lange Zeit gegenüber Neubeschreibungen des Mensch/Tier-Verhältnisses, wie sie in Literatur und Journalismus, Kulturwissenschaften und Philosophie entwickelt wurden, abschotten konnte, verdankt sich aber gerade nicht mangelndem Innovationsgeist der Disziplin, sondern ihrer frühzeitigen umweltpolitischen Modernisierung. Indem sie seit den 1970er Jahren Fragen des Mensch/Tier-Verhältnisses in einem ökologischen, an Fragen der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen orientierten Rahmen abhandelte, blieb der politischen Theorie ein spezifischerer Zugang, der tierpolitische Fragen von allgemeineren Umweltthemen hätte abgrenzen können, zunächst versperrt. Damit folgte sie gesellschaftstheoretischen Vorgaben. Wer »gesellschaftliche Naturverhältnisse« thematisierte, schlug von der ersten Generation der Frankfurter Schule bis zu Luhmanns Ökologischer Kommunikation nichtmenschliche Tiere der Naturseite, nicht der Gesellschaftsseite zu. Auch dort, wo sie als empfindungs- und leidensfähige, mit Menschen interaktionsfähige Wesen angesehen wurden, bildeten Tiere doch gemeinsam mit den Pflanzen, den Meeren und den Meteoriten das Andere der Politik. Noch die radikale Umkehrung dieses Ansatzes, die Inklusion der Mitwelt insgesamt in eine universelle politische Gesellschaft, wie sie in Bruno Latours Parlament der Dinge angestrebt wird, illustriert, wie schwer es selbst Vertretern avancierter Gesellschaftstheorie fällt, die Herausforderung tierpolitischer Fragestellungen exakt zu bestimmen.

Die neueren Diskussionen des Mensch/Tier-Verhältnisses vereint disziplinenübergreifend ein Motiv, das Tiere von allen anderen nichtmenschlichen Existenzformen unterscheidet, nämlich dass sie als Individuen mit eigenen Ansprüchen auftreten. (…)