Mittelweg 36, Heft 1 – Februar/März

Wandern. Zur Globalgeschichte der Migration

Bestellen

Dirk Hoerder

Arbeitsmigration und Flucht vom 19. bis ins 21. Jahrhundert

Schon einer der Urtexte westlicher Zivilisation thematisiert Migrationsbewegungen. Das Alte Testament berichtet von zwei mit prinzipiellen Fragen befassten Dissidenten, Eva und Adam genannt, die mit dem Schwert des Landes vertrieben wurden. Für diejenigen, die diese Begebenheit einst aufgezeichnet haben, war die Geschichte vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten eine ihre Identität stiftende Erzählung. (...)
Mehr als zwei Jahrtausende später, etwa um 1800, litten die Menschen in der »Europa« genannten Großregion schlimme Not. In vielen Landstrichen gab es weder Milch noch Honig und trotz harter körperlicher Arbeit nicht einmal genug Brot zum Leben. Viele traten, zur Migration genötigt, die Wanderung za chlebem, ad panem an. Allerdings boten sich ihnen in den Städten Europas kaum Erwerbsmöglichkeiten. (...) Bereits nach dem Einschnitt der Französischen Revolution und der sich seit dem Wiener Kongress 1815 europaweit formierenden Reaktion hatten viele Millionen Männer und Frauen mitsamt ihren Kindern Europa verlassen. Die Verheerungen der beiden Weltkriege sorgten im 20. Jahrhundert dafür, dass der Strom derer, die dem Kontinent den Rücken zukehrten, nicht abriss. Bis 1955 waren etwa 55 Millionen Menschen abgewandert, darunter allein aus den Gebieten, die seit 1871 das Deutsche Reich ausmachten, etwa 7 Millionen Deutschsprachige. Die allermeisten von ihnen waren, um es in der polemischen Diktion der Gegenwart zu sagen, Wirtschaftsflüchtlinge. (...)


Didier Fassin

Vom Rechtsanspruch zum Gunsterweis. Zur moralischen Ökonomie der Asylvergabepraxis im heutigen Europa

Seit den Pariser Anschlägen vom 13. November 2015, bei denen 130 Menschen ums Leben kamen und 350 verletzt wurden, wird es immer schwerer, in Europa nüchtern über Flüchtlingsfragen zu diskutieren. Anstatt im Terrorismus einen Grund für die Delegitimierung der aus Syrien und anderswoher zu uns kommenden Menschen auszumachen, in deren Reihen sich angeblich Dschihadisten verbergen, wird man den Tatsachen eher gerecht, wenn man in der Haltung der meisten europäischen Länder – mit Deutschland als prominentester Ausnahme – eine Instrumentalisierung des Terrors zur Legitimierung eines bereits vorher existierenden Misstrauens erkennt, einer nicht selten offenen Feindseligkeit jenen gegenüber, die auf der Flucht vor Verfolgung und Gewalt sind. Dabei sind die Anschläge von Paris – mit einer Ausnahme – nach gegenwärtigem Erkenntnisstand von Franzosen und Belgiern begangen worden.
Dementsprechend ist auch festzustellen, dass die sogenannte europäische Flüchtlingskrise die augenblickliche Situation nicht geschaffen, sondern lediglich aufgedeckt hat. Wir haben es nicht mit einer demografischen Krise, sondern mit einer Krise von Politik und Moral zu tun. (...)


Peter Gatrell

Flüchtlinge ihren Platz zuweisen. Eine neue Geschichte des internationalen Asylregimes

Die gegenwärtige Flüchtlingsdebatte scheint, zumindest wenn man auf Europa blickt, durch ein erhebliches Maß an Provinzialismus und mangelnde Kenntnis der Genealogie des Mitgefühls geprägt. Wer die hiesige Presse liest, kann ihr in aller Regel nicht entnehmen, dass die meisten Flüchtlinge des Planeten fernab unserer Küste ums Überleben kämpfen. Zwar berichten Zeitungen und Rundfunkanstalten immer mal wieder über notleidende Menschen in Krisengebieten wie Syrien oder der somalisch-kenianischen Grenzregion, doch wird die öffentliche Meinung vor allem von der Angst vor einer »Überschwemmung« durch Flüchtlinge und Asylsuchende bestimmt, die in der hiesigen politischen Debatte jederzeit spürbar ist. Sie geht mit der Annahme einher, Europa sei bereits »voll« – als wäre der Kontinent ein Boot, das zu kentern drohte. (...)
Es geht mir in diesem Aufsatz nicht um die Geschichte der öffentlichen Meinung zu Flüchtlingen in Großbritannien oder anderswo. Stattdessen möchte ich zunächst zeigen, dass sich die Bemühungen der seinerzeit gerade erst gegründeten Vereinten Nationen und ihrer Mitgliedsstaaten zur Lösung der Flüchtlingskrise auf dem europäischen Festland nach dem Kriegsende 1945 ebenfalls durch eine (wenn auch andere) Form provinzieller Engstirnigkeit auszeichneten. Die Ereignisse in Europa dienten damals als Hauptrechtfertigung für die Etablierung eines neuen internationalen Flüchtlingsregimes. Doch schon ein kurzer Blick auf die Karte der Vertreibungen im Europa der späten vierziger Jahre macht die Beschränktheiten der UN-Regelungen deutlich. (...)


Wolfgang Kraushaar

Aus der Protest-Chronik: 1. Dezember 1950, Warschau

Während der im Sommer ausgebrochene Koreakrieg seinen Siedepunkt erreicht und US-Präsident Harry S. Truman am Vortag gedroht hat,  Atomwaffen einzusetzen, um den südkoreanischen und den US-Truppen aus der Defensive gegenüber dem kommunistischen Nordkorea und seinem chinesischen Verbündeten zu verhelfen, wird mitten in der polnischen Hauptstadt eine Entdeckung gemacht. Sie erinnert an die noch nicht lange zurückliegenden Schrecken der NS-Herrschaft und des Zweiten Weltkrieges. Auf dem Gelände des von den Nazis förmlich ausradierten Warschauer Ghettos gräbt man nach mehreren vergeblichen Anläufen zwei große, aus Aluminium bestehende Milchkannen aus. In ihnen befinden sich wichtige Teile eines Untergrundarchivs, die von den Mitarbeitern einer jüdischen Historikergruppe namens Oneg Schabbat (O. S., Freude des Sabbats) vor dem Zugriff der Nazis in Sicherheit gebracht worden waren. Angesichts ihres so gut wie sicheren Todes wollten sie Zeugnis von ihrem Leben und Leiden ablegen und nach ihren eigenen Worten einen »Keil unter das Rad der Geschichte« klemmen. (...)


Das vollständige Inhaltsverzeichnis sowie Leseproben der aktuellen Ausgabe des Mittelweg 36, »Wandern. Zur Globalgeschichte der Migration«, finden Sie hier.