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Der Gewalt ins Auge sehen

Anfang August erscheint Ausgabe 4/2015 der Zeitschrift "Mittelweg 36"

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Im Fokus:

Gesellschaftsentwürfe

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InstitutsMontage

Am 5. Oktober beginnt die neue Reihe der InstitutsMontage, die sich mit "Demokratisierung in Europa. Konzepte, Erwartungen, Enttäuschungen" beschäftigt.

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Mittelweg 36, Heft 4 – August/September

Der Gewalt ins Auge sehen

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Editorial

Es gibt vieles, was Pariser Vorortrevolten, den Terrorismus der RAF und den Entschluss deutscher Jugendlicher, sich in den Nahen Osten aufzumachen und für den IS in den Heiligen Krieg zu ziehen, unterscheidet. Gibt es auch etwas, das diese Phänomene verbindet?
Am 5. Juni 2015 hat sich Jan Philipp Reemtsma mit dem Vortrag »Gewalt als attraktive Lebensform betrachtet« vom Hamburger Institut für Sozialforschung verabschiedet. Seine Reflexion der Gewaltforschung, die wir in diesem Heft dokumentieren, wendet sich entschieden gegen die Vorstellung, Gewalt – zumal solche, die als überschießend, gar entgrenzt wahrgenommen wird oder als Massengewalt auftritt – heische eine besondere Erklärung. Dieses Erklärungsbegehren, das verborgene Gründe aufdecken will, so Reemtsma, sehe ein Rätsel, wo keines ist, und weiche der verstörenden Erkenntnis des Offensichtlichen aus: Die Zugehörigkeit zu Gewaltmilieus und die (kollektive) Ausübung von Gewalt bieten Gratifikationen, die in der bürgerlichen Gesellschaft ihresgleichen suchen – eine als grenzenlos erlebte Möglichkeit der Entsublimation. Die Mischung aus Abwehr und Faszination, die der kulturellen Bearbeitung von Gewalt stets eigen ist, gehört. zur spezifischen Signatur der Moderne.
Zwei Kommentatoren nehmen die ins Feld ihrer jeweiligen Disziplin gespielten Bälle auf. Michael Wildt, der lange im Institut zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts geforscht hat, betrachtet in einem ersten Kommentar die Geschichtswissenschaft als eine zivilisatorische Technik der Sublimation; Wolfgang Knöbl, der neue Direktor des Instituts, fragt in einem zweiten, ob die von Reemtsma postulierte Gewaltforschung im Modus der Beschreibung nicht sehr wohl sozialwissenschaftliche Erklärungen liefert.
Die Beschäftigung mit Gewalt verbindet auch alle weiteren Beiträge des Heftes. (...)


Michael Wildt

Ist Gewalt historisierbar?

Auch die Geschichtsschreibung gehört zu den zivilisatorischen Techniken der Sublimation. Denn analog zur menschlichen Grunderfahrung, dass es ein Vorher und ein Nachher, also Zeit, gibt, ordnet sie Geschehen in einem Zeitbogen sinnvoll nacheinander. Mit dem suggestiven Satz, dass nur, wer die Vergangenheit verstanden habe, in der Lage sei, die Zukunft zu gestalten, stellt die Historiografie Sinnzusammenhänge in der Zeit her und behauptet, sie seien wichtig, um die Aufgaben in der Gegenwart zu bewältigen.
Ja, in früheren Zeiten, als der Glaube an die Steuerung und Planbarkeit von gesellschaftlichem Handeln noch geholfen hat, konnten sich Historiker als Fortschrittsdeuter ausgeben, die verlässliche Aussagen über die zukünftige Entwicklung der Geschichte treffen konnten.Doch selbst heute, wo niemand mehr so recht an die Gesetzhaftigkeit der Geschichte glaubt, ist das Entwicklungsparadigma der bürgerlichen Gesellschaft beziehungsweise – heruntergebrochen auf das Individuum – der biografischen Selbstbeobachtung wie Selbstdeutung verbunden mit der Aufforderung, jeder und jede von uns müsse sich ständig entwickeln, so mächtig, dass Geschichtsdeutungen, also Interpretationen von Entwicklungen, nach wie vor hohe gesellschaftliche Aufmerksamkeit genießen.
Die Frage: Wie konnte es dazu kommen?, wird unausweichlich, sobald es um das Gewaltgeschehen des 20. Jahrhunderts geht. Warum konnten, eine Frage, die insbesondere im vergangenen Jahr diskutiert wurde, zivilisierte Nationen sich in einen verheerenden Weltkrieg stürzen? Gierig nach der Weltmacht greifend, antworteten die einen, schlafwandlerisch, die anderen – und wieder einmal den Koch vergessend, den auch die Cäsaren des 20. Jahrhunderts bei sich hatten. (…)

Jan Philipp Reemtsma

Gewalt als attraktive Lebensform betrachtet

(…) Warum brennen in den Vorstädten Autos – ohne dass gleichzeitig Proklamationen erscheinen, die dafür einen politischen Grund angeben? Warum macht sich eine Handvoll Bürgerinnen und Bürger mit der Unterstützung von ein paar Dropouts daran, Menschen zu entführen, zu erschießen und Bomben zu werfen? Warum zieht – ausgerechnet – ein Rapper aus Köln in den Irak, um als Dschihadist zu kämpfen und vor laufender Webcam Leute zu ermorden?
Ich möchte hingegen fragen, warum wir so fragen. Warum meinen wir, die Soziologie, die Psychologie und in gewissem Sinne die Historiografie könnten uns etwas »erklären«, soll heißen: uns sagen, was dahintersteckt, in Wirklichkeit passiert, die wahren Gründe/Motive/wasauchimmer sind – und so weiter? – Lassen Sie uns banal miteinander werden. Wenn einer irgendetwas tut, nehmen wir an, dass er das tut, weil er es tun will. Wir fragen ihn manchmal, warum er das tut / tun will – und dann fragen wir nach Gründen, oft nach Legitimationen. Wir fragen, wie er, was er tut, begründet und legitimieren kann. Das tun wir, weil es uns betrifft und wir uns möglicherweise mit seinem Tun befassen wollen, mit ihm, der das tut. Wir sondieren das Terrain, auf dem wir uns befinden. Wenn jemand uns anrempelt, und wir sagen: »Was fällt Ihnen ein?«, und er sagt: »Ich hab’s eilig!«, nehmen wir es entweder hin oder wir sagen: »Das ist noch lange kein Grund!« Eine Reaktion à la »Ja, das sagen Sie so, aber warum tun Sie’s wirklich?« würde uns als Sonderlinge ausweisen. (…)

 


Wolfgang Knöbl

Ist Gewalt erklärbar?

(…) Die Warnung lautet ungefähr so: »Liebe Studierende, in den Sozialwissenschaften hat man es mit bestimmten Phänomenen wie etwa Gewaltausbrüchen zu tun, die schwer zugänglich und verständlich sind. Nicht wenige, durchaus auch berühmte Sozialwissenschaftler behalfen und behelfen sich oft damit, dass sie diesen Phänomenen zumindest im Nachhinein bestimmte Funktionen zuschreiben und sie damit scheinbar ›erklären‹. In Wahrheit liegt allenfalls eine Pseudoerklärung vor, weil sich solche Funktionen immer erfinden lassen und die Benennung von Funktionen somit nichts über tatsächliche kausale Zusammenhänge aussagt, sondern lediglich über die blühende Fantasie von Forschern. Liebe Studierende, passt also auf, lasst euch nicht vorschnell zu solchen Funktionszuschreibungen verführen!« Der französische Kollege Fabien Jobard, von dessen Auftritt hier am Hamburger Institut für Sozialforschung Jan Philipp Reemtsma berichtete (…), hat diese Lektion offenbar vergessen, schrieb er den gewalttätigen Plünderungen in den französischen Vorstädten doch im Rückblick eine politische Funktion zu, obwohl von einer artikulationsfähigen politischen Agenda bei den Akteuren tatsächlich nichts zu sehen war. Reemtsma ist darüber zu Recht einigermaßen ungehalten, belässt es aber bei ganz wenigen kritischen Sätzen. Wichtiger ist ihm in diesem Zusammenhang der allgemeine Verweis darauf, dass gerade auch linke Theoretiker von Massenbewegungen und Revolutionen – Marx zählte zu ihnen – immer ein Problem mit bestimmten Gruppen in der Gesellschaft hatten, deren oft unerfreuliches Verhalten – weil irgendwie unpolitisch – mit den herkömmlichen Kategorien nicht zu erklären war. (…)


Das vollständige Inhaltsverzeichnis sowie Leseproben der Ausgabe 4/2015, »Der Gewalt ins Auge sehen«, finden Sie hier.