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Im April erscheint die neue Ausgabe des »Mittelweg 36«

Affekte regieren 

Ein Doppelheft mit 272 Seiten

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Im Fokus:

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Am Anfang der Dienstleistungsgesellschaft stand eine Utopie. Friederike Bahl und Philipp Staab zeigen die Realität.

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Am 13. April setzt Tim B. Müller mit seinem Vortrag "Die Domestizierung der Demokratie" die InstitutsMontage fort.

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»Affekte regieren«

Der Titel wirft Fragen auf. Denn wer regiert hier wen? Müssen wir unsere Affekte kontrollieren, um nicht von ihnen beherrscht zu werden? Und welche Tragweite haben diese Fragen? Sind unsere Gefühle unsere Privatsache? Oder sind sie ein Politikum, das uns alle angeht? Das Doppelheft der Zeitschrift »Mittelweg 36« (1–2/2015) nähert sich dieser komplexen Problematik in drei Schritten. Nachdem Valentin Groebner und Michael Wildt mit der Fallstudie »Leni Riefenstahl, Końskie, 12. September 1939«, ins Thema eingeführt haben, stellt Jan Philipp Reemtsma die Gretchenfrage: »Warum Affekte?« Darauf bieten Andreas Reckwitz mit »Praktiken und ihre Affekte« und Frédéric Lordon mit »Institutionen in der Gesellschaft der Affekte« erste systematische Antworten an, während Juliane Rebentisch in »Der schwache Bürger, die unreine Souveränität und das Phantom Öffentlichkeit» sowie Veith Selk und Karsten Malowitz mit »Angst in Bielefeld« demokratietheoretische Aspekte der Thematik unter die Lupe nehmen.
Historisch interessierte Beiträge zur gesellschaftspolitischen Bedeutung der Affekte liefern Tim B. Müller mit »›Education sentimentale‹ nach dem Ersten Weltkrieg« und Bernd Greiner mit »Made in U.S.A.«, bevor Sven Opitz in »Zeitnotstandsgesetze« die Konsequenzen einer Antiterrorpolitik im emotionalen Ausnahmezustand beleuchtet und damit die Brücke zum dritten, soziologisch geprägten Abschnitt des Heftes schlägt. Dort diskutiert Ulrich Bröckling in »Gute Hirten führen sanft« die entpolitisierende Wirkung von Mediationsverfahren, und Greta Wagner untersucht, ob Menschen mithilfe von Medikamenten oder Ratgebern »Besser werden können«. Zu guter Letzt spürt Jens-Christian Rabe in »Agieren, reagieren, abreagieren« dem Hass als Motiv in der Popmusik nach. (...)

Das vollständige Inhaltsverzeichnis sowie Leseproben des Doppelheftes »Affekte regieren« finden Sie hier.


Jan Philipp Reemtsma

Warum Affekte?

Man spricht im Allgemeinen und recht allgemein über Affekte, als seien sie etwas, das zu einer Handlung, einem Benehmen hinzukommt, es färbt, ihm Intensität verleiht, jedenfalls als seien sie etwas, das einem anderen beigeordnet sei. Sozialwissenschaftlich fragt man, in welcher Weise »Affekte eine Rolle spielen bei …«. Etwas geschieht, etwas kommt hinzu, und es geschieht auf (etwas) veränderte Weise: vorzeitig, schneller, heftiger, länger.

Oder: Es geschieht auf (scheinbar) veränderte Weise, und man muss herausfinden, was es »hinter dem Schleier der Emotionen« mit dem Ereignis »wirklich« auf sich hat. So betrachtet scheint die Wirkung von Emotionen der eines Brandbeschleunigers vergleichbar, der ja ebenfalls nicht »die eigentliche Ursache« des Brandes ist. Oder sie werden als etwas verstanden, das, indem es hinzukommt, ein Ereignis in eine andere Bahn lenkt oder es gleichsam denaturiert (»verselbständigt«). Es ist dann etwas anderes geworden – aber nur scheinbar. Die Theorie leistet nun, was in der Realität nicht geschehen ist – sie kühlt die Sache ab. (...)


Frédéric Lordon

Institutionen in der Gesellschaft der Affekte

»Dramatisierung« nennt Gilles Deleuze die Methode, ein Problem zu stellen, die auf Wesensbestimmungen und »Was ist …?«-Fragen verzichtet. Stattdessen konzentriert sie sich auf operative Sondierungen und strategische Untersuchungen der Effizienz und Wirksamkeit: »Wo? Wann? Wer? Wieviel? Wie?« Wahrscheinlich täte es den Sozialwissenschaften gut, ihr
Nachdenken über Institutionen zu »dramatisieren«, macht man sich einmal klar, dass die Frage »Was sind Institutionen?« bisher (fast) ihre gesamte Aufmerksamkeit beansprucht hat. Schon der Begriff der Institution ist derart weit gefasst, wenn nicht dehnbar, seine Verwendung innerhalb verschiedener Theorieströmungen derart unterschiedlich und speziell, auch wenn unausgesprochen stets der Oberbegriff »die Institutionen« reklamiert wird, dass es keineswegs überflüssig gewesen ist, für ein wenig Ordnung zu sorgen. Allerdings hat sich der aus diesem Ehrgeiz hervorgegangene Definitionsstreit, was seine Ergiebigkeit anlangt, entweder als wahnsinnig oder als trostlos erwiesen, je nach Standpunkt – wahnsinnig in Anbetracht der Fülle an Allgemeindefinitionen, die mittlerweile in Umlauf sind, trostlos im Hinblick auf ihre ungeheure Streuung und den daraus resultierenden nahezu vollständigen Mangel an begrifflicher Übereinstimmung, sowie schließlich auch angesichts des minimalen Fortschritts gegenüber der weitgefassten Umschreibung, die seinerzeit Paul Fauconnet und Marcel Mauss mit feinem Gespür vorgenommen hatten. (...)

Valentin Groebner / Michael Wildt

Leni Riefenstahl, Końskie, 12. September 1939. Hinschauen, fühlen, fotografiert werden

Das Foto zeigt nicht das Entsetzliche, sondern nur seine Wirkung auf diejenigen, die es mit eigenen Augen sehen. Eine Gruppe von Wehrmachtssoldaten und eine Frau schauen über den Kopf des Fotografen hinweg auf etwas Unsichtbares, das sich vor ihnen abspielt, jedoch im Rücken des Betrachters. Das Gesicht der Frau ist verzerrt, der Mund halb geöffnet, in einer Grimasse, die sich als Schrecken und Abwehr deuten lässt. Ihre Mimik wirkt umso stärker, als der Gesichtsausdruck des schnauzbärtigen Mannes direkt neben ihr betont kühl und gefasst erscheint; auch die Gesichter der beiden jüngeren Soldaten im Vordergrund sind wenig bewegt. Aufgenommen wurde die Fotografie wenige Tage nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, am 12. September 1939 in dem polnischen Dorf Końskie. An diesem Nachmittag sollten in Końskie vier deutsche Soldaten begraben werden, deren Leichen gefunden und in der örtlichen Kirche aufgebahrt worden waren. Gerüchte schwirrten, sie seien grausam verstümmelt worden. Soldaten einer Luftaufklärungseinheit der 10. Armee, die sich zu der Zeit in Końskie befand, trieben aus den Häusern etwa vierzig bis fünfzig polnische Juden zusammen, die auf dem Marktplatz eine Grube ausheben sollten. Einigen gab man Schaufeln, andere mussten mit den bloßen Händen graben. (...)

 


Andreas Reckwitz

Praktiken und ihre Affekte

Die Praxistheorien haben den Anspruch, einen anderen Blick auf das Soziale wie auf das menschliche Handeln zu werfen. Das intensive Interesse, das praxeologische Ansätze in den letzten zehn Jahren in den Sozialwissenschaften international auf sich gezogen haben, ist in einer weit verbreiteten Wahrnehmung des Ungenügens überkommener sozialtheoretischer Vokabulare begründet. Sie vermögen die gegenwärtige empirische Forschung offenbar nur mangelhaft zu inspirieren. Dieses Ungenügen betrifft vor allem den
Dualismus zwischen individualistischen Ansätzen, die am nutzenkalkulierenden Handlungsakt ansetzen, und holistischen Ansätzen, die von Normsystemen oder übersubjektiven Kommunikationsprozessen ausgehen. Es betrifft ebenso den Dualismus zwischen einem radikalen Kulturalismus der Diskurse und Zeichensysteme und einem Materialismus biologischer Prozesse.

Bei aller Unterschiedlichkeit im Detail markiert die praxeologische Theoriefamilie in beiden Hinsichten eine Gegenposition. Zentral für sie ist, dass der Ort des Sozialen nun in Praktiken gesucht wird, (...).


Juliane Rebentisch

Der schwache Bürger, die unreine Souveränität und das Phantom Öffentlichkeit

Der Titel von Walter Lippmanns 1925 erschienenem Buch The Phantom Public musste all jenen Zeitgenossen, die von demokratischer Volkssouveränität träumten, wie eine gigantische Provokation erscheinen. Lippmanns Destruktion des Rousseau’schen Traums von einer Demokratie, in der sich alle Bürger zusammenschließen, um einen vernünftigen Gemeinwillen auszubilden, der über die öffentlichen Angelegenheiten entscheidet, mochte vielmehr auf den ersten Blick selbst politisch suspekt erscheinen: Hier schien einer der demokratischen Öffentlichkeit nicht zuletzt deshalb zu misstrauen, weil er selbst den alten Eliten anhing. Doch die Einwände von Lippmann enthielten – trotz der unzweifelhaft elitären Perspektive, aus der sie vorgebracht sind – auch Punkte, die gerade von erklärten Demokraten ernst genommen wurden. So nahm John Dewey Lippmanns The Phantom Public gegen den Vorwurf des Undemokratischen mit dem Hinweis in Schutz, dass das Buch nicht mit der Demokratie aufräumen wolle, sondern lediglich mit einer falschen, einer irreführend enthusiastischen Demokratietheorie, die den »Verstand abgelenkt und die Leidenschaften aufgestachelt« habe. Lippmann hingegen trete für eine realistische, eine ernüchterte und gemäßigte Demokratietheorie ein, die sich aber gerade dadurch als politisch anschlussfähig erweise. Denn um funktionieren zu können, brauche »die Demokratie gezügelte Leidenschaften und klaren Verstand«. (...)