Antiakademismus

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Weitere Hefte zu "Gesellschaftsentwürfe"
Weitere Hefte zu "Institutionen"

Hanna Engelmeier, Philipp Felsch

»Gegen die Uni studieren« . Ein Vorwort

(...) Es steht außer Frage, dass die Universität nicht nur eine der ältesten, sondern auch eine der erfolgreichsten Institutionen der Moderne ist. Mit dem Entstehen der modernen Forschungsuniversität im 19. Jahrhundert begann ihr globaler Ausstrahlungs- und Ausbreitungsprozess. Nie hat sie breitere Bevölkerungskreise als heute angesprochen. Ivy League Schools wie Harvard oder Princeton zählen zu den wertvollsten Marken der Gegenwart. Doch so lange wie die Universitäten selbst existiert auch der Vorwurf, dass sie unnützes Wissen produzieren, der Verdacht, dass sie Konformismus und Mittelmaß prämieren oder – mit Louis Althusser gesprochen – ideologische Staatsapparate sind. (...)

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Geoffroy de Lagasnerie

Die Universität und ihre Kritiker. Einige Bemerkungen über Antiakademismus und Wahrheit

(...) Wir kritisieren die Universität nie genug, und unsere Kritik ist nie radikal genug. Die Notwendigkeit dieser Kritik ist zunächst gar nicht primär epistemologisch, sondern politisch begründet. Die Universität wirft ein politisches Problem auf, das den öffentlichen Raum und die Verbreitung von Ideologien betrifft. Wann immer wir die Welt um uns herum und die in ihr kursierenden Ideologien verstehen wollen, neigen wir dazu, uns auf die Medien zu konzentrieren. Dabei vergessen wir leicht, dass die Universität ein Quasimonopol auf die Herausbildung geistiger Einstellungen in der Gesellschaft besitzt – zumal derjenigen, die über Macht verfügen. Unentwegt durchlaufen zahllose Menschen die Universität. Die Diskurse, die sie vermittelt, die Kategorien, die sie einschärft, und die Gewohnheiten, die sie herausbildet, prägen nachhaltig die Ideen und Praktiken derjenigen, die in ihr studieren. (...)

Marian Füssel

Schulfüchse, Streithähne und gelehrte Affen. Topoi des Antiakademismus seit der Frühen Neuzeit

Das Phänomen des Antiakademismus ist so alt wie die Universität selbst und »gehört wie ein Schatten zu ihrem Siegeszug«. Diese Beobachtung lädt zu einer historischen Spurensuche nach Diskursen und Praktiken des Antiakademismus aus einer Perspektive »langer Dauer« ein. In der Tat begegnen uns bis heute wirksame Topoi der Wissenschaftskritik bereits im hohen Mittelalter, etwa an der Universität Paris: Hier stritten die höheren Fakultäten mit den Philosophen, besonders aber auch die Philosophen untereinander, über die Nützlichkeit der Philosophie – ein Streit, der bis heute nicht beigelegt worden ist. (...) Ich setze mit der hier präsentierten systematisierenden Betrachtung dieser Kritik in der Epoche der Frühen Neuzeit an, denn hier radikalisierten sich die Angriffe und Einwände bis zu dem Punkt, an dem man die Abschaffung der Universitäten forderte. (...)

Weitere Beiträge von Marian Füssel


Patrick Eiden-Offe

Auf dem Weg zur reinen Kritik. Die Junghegelianer als Bewegung

Wollte man das Verhältnis der Junghegelianer zum akademischen Betrieb und den akademischen Institutionen ihrer Zeit zuspitzen, so könnte man in einer Paradoxie sagen, sie seien immer schon draußen gewesen: Das Phänomen des Junghegelianismus (...) gewinnt erst in dem Augenblick Kenntlichkeit, in dem die betroffenen Intellektuellen und WissenschaftlerInnen aus den akademischen Institutionen heraustreten oder ausgeschlossen werden. (...) Wollte man die Paradoxie vom Immer-schon-draußen-Sein der Junghegelianer noch weiter zuspitzen, so könnte man sagen, dass der Prozess des Auszugs – die Sezession, die Spaltung – für die Junghegelianer auch insofern konstitutiv gewesen ist, als er für sie nie an ein Ende kommen kann: Wer immer schon draußen ist, vermag nie damit aufzuhören, weiter auszuziehen. (...)

Thomas Etzemüller

»Arme Irre«, Pseudowissenschaftler und Friedrich Kittler. Das Antiakademische als Funktion und innere Haltung

(...) Bei Friedrich Kittler schließlich stießen zwei Formen des Antiakademischen aufeinander, nämlich ein Wissenschaftler, der sich mit Hilfe seines Textes so inszenierte, als wolle er gar nicht unbedingt dazugehören, und Wissenschaftler, die im Rahmen eines Einlassprocedere entscheiden mussten, ob diese Inszenierung die Regeln des Akademischen wirklich substanziell und auf nicht tolerierbare Weise verletzte. Die Verhandlung fand also exklusiv im Feld der Wissenschaft statt, und die Frage ist, ob Kittler bei einem Scheitern des Verfahrens tatsächlich ausgestoßen worden wäre. (...)

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Stefan Höhne

Universitätsguerilla. Zum militanten Antiakademismus der italienischen Roten Brigaden

(...) Im Folgenden möchte ich diskutieren, warum militante, gegen die Universitäten gerichtete Aktionen einer Vielzahl von hochgebildeten Menschen zu dieser Zeit gerechtfertigt erschienen. Konzentrieren möchte ich mich dabei auf eine historisch spezifische Konfiguration des militanten Antiakademismus, und zwar auf die Auseinandersetzungen im Umfeld der Roten Brigaden im Italien der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre. In diesem Zeitraum ereignete sich, was den italienischen Fall zu einem besonderen macht, ein entscheidender historischer Umschlag mit weitreichenden Folgen: Der Kampf in den und um die Universitäten wandelte sich zu einem Kampf gegen sie. (...)

Diedrich Diederichsen

Hilfe, mein Lover ist Ethnologe!

(...) Dieser Antiakademismus hält der Uni das Fehlen und Unterdrücken dessen vor, was bestimmte, die Uni umgebende Systeme wie Kunst, Poesie, Boheme, durchaus reichlich zu bieten haben: Intensität, Wissenserotik, belebtes Denken. Der Antiakademismus, der sich auf diese Qualitäten bezieht, wird also von denjenigen gepflegt, die den Sinn ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit aus dem persönlichen Kontakt zu gewinnen erhoffen: Lernende, die von charismatischen Lehrenden erweckt werden, Lehrende, die in erweckte Augen schauen, und Universitätsangehörige, die gemeinsam utopische Hochschulverhältnisse ohne Macht und Arbeitsteilung herstellen wollen. Um diesen Antiakademismus soll es im Folgenden gehen. (...)

David Kaldewey

Der Campus als »Safe Space«. Zum theoretischen Unterbau einer neuen Bewegung

(...) Es geht um einen neuen Modus studentischen Protests und eine dadurch transportierte neue Vorstellung von Universität, die vielen BeobachterInnen als antiakademisch erscheint: die Idee der Universität als safe space, als ein Raum also, in dem sich alle Studierenden unabhängig von ihrer ethnischen, religiösen oder sexuellen Identität, ihrer sozialen Herkunft und unabhängig von möglichen psychischen Vorbelastungen, etwa Traumata, sicher fühlen können – sicher nicht nur im Sinne des Schutzes vor offener Diskriminierung oder gar Gewalt, sondern auch vor Infragestellungen der eigenen kulturellen Identität sowie vor Retraumatisierungen, die durch belastende Diskussionen oder Unterrichtsmaterialien ausgelöst werden könnten. (...)

Eva Geulen

Gegen Antiakademismus. Eine Polemik

(...) Noch ist die Universität ein (bedrohter) Schutz- und Freiraum mit dem Privileg der Nichtkontrollierbarkeit. Wo dieser Schutz- und Freiraum grundsätzlich in Frage gestellt wird – sei es durch falsch verstandene politische Korrektheit oder durch Indiskretion und digitale Transparenz, welche die verletzlichen Membranen der Einrichtungen zerstört, sei es durch Unterfinanzierung, voranschreitende Ökonomisierung oder durch den derzeit an Forschende, Lehrende und Lernende gleichermaßen herangetragenen Imperativ einer Politisierung der Universitäten –, da ist es mit der institutionalisierten Autonomie der Wissenschaft vorbei. Das Ende der institutionell abgesicherten akademischen Freiheit aber würde auch das Ende des Antiakademismus bedeuten, des besten und intimsten Feindes der Universität (...).

Wolfgang Kraushaar

»Unter den Talaren…«. Ein Gespräch mit Wolfgang Kraushaar über den Antiakademismus der Studentenbewegung

(...) Daraufhin stürmten etwa hundert Studierende den Amtssitz des Rektors, es ging wild zu und diverse Sachen flogen aus den Fenstern. Später forderte auf einer Abendveranstaltung, wiederum im Audimax, Daniel Cohn-Bendit, einer der Anführer der Pariser Studentenrevolte, vor 2000 Zuhörern eine »Neuordnung aller Institute und der ganzen Universität«. Plötzlich tauchte Fritz Teufel auf. In der Robe des Rektors saß er auf einem Fahrrad und radelte juxend und feixend den Mittelgang auf und ab. Das war ein ziemliches Schauspiel, Fritz Teufel mit seiner Haarpracht und dem markanten Vollbart im Ornat des Rektors. Er verkündete, er sei der neue Rektor. Um sich gnädig zu zeigen, wolle er den Studierenden die Institute überlassen – im Handstreich. (...)

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