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Juni/Juli 2014

Schwerpunkt: Shulamith Firestone - eine radikale Feministin

€ 9,50

 
Abstracts

Nina Power

Technologie der Antifamilie: Geschlecht, Klasse und die Überwindung der Natur
In diesem Beitrag werden Shulamith Firestones Thesen aus The Dialectic of Sex vor dem Hintergrund der künstlichen Reproduktionsmöglichkeiten des 21. Jahrhunderts einer genauen Prüfung unterzogen. Firestone setzt große Hoffnungen in die Fähigkeiten dieser Technologie, biologische Einschränkungen zu überwinden, doch ihr Revolutionsprojekt leidet darunter, dass darin verschiedene Konzepte der Zeit miteinander vermischt werden. Darüber hinaus scheint die Reproduktionstechnologie des 21. Jahrhunderts gar keinen Zusammenbruch der Kernfamilie ausgelöst zu haben, wie ihn Firestone vorausgesagt hatte. Insgesamt lässt sich argumentieren, dass ihre Theorie zwar ein radikales Bild von Klasse, Geschlecht und Politik zeichnet, aber an mehreren Schlüsselstellen logische Brüche aufweist.
 

Ilona Ostner

Feministische Ideen im Alltagstest: Soziologische Anmerkungen zum Abschied von der Familie
Shulamith Firestone vertrat einen radikalen Feminismus, dem in den siebziger Jahren nur wenige Feministinnen folgen wollten. Ihr radikales Plädoyer dafür, dass Frauen im Interesse von Gleichheit und Freiheit möglichst von ihrer Leiblichkeit abstrahieren und die Fortpflanzung der modernen Technik überantworten sollten, widersprach damals feministischen Forderungen nach sozialpolitischer Anerkennung der mütterlichen Sorgearbeit zuhause und nach einer paritätischen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Inzwischen haben sich viele westliche Gesellschaften den radikal egalitären Vorstellungen Firestones angenähert, ohne sich dabei explizit auf deren Gedanken zu beziehen. Dieser Beitrag verdeutlicht diese Annäherung unter anderem anhand der abnehmenden politischen Relevanz mütterlicher Sorgeleistungen, der Erosion der Familienkindheit und der geschlechtsneutralen Formulierungen politischer Erwartungen an Familien.

Seite 1: »Men act…«

Men act and women appear.
John Berger, »Ways of Seeing: Men Looking at Women«
London 1972, S.115


Bilder: Counter // Culture mit Janusgesicht


Martin Bauer

Editorial
Ihre Freundinnen nannten sie »Shulie«. Sie war eine kleine, aber selbstbewusste, energische und streitbare Frau. Überempfindlich und reizbar zu sein, wurde ihr gelegentlich bei Auseinandersetzungen vorgeworfen, die heftig verliefen. Offenbar konnte sie argumentieren, aber auch scharf werden und austeilen. Geboren im Jahr des Kriegsendes, wuchs Shulamith Firestone in St. Louis und Kansas City auf. Die Familie war jüdisch-orthodox. Shulamith und ihre fünf Geschwister litten unter einem tyrannischen Vater. Sie muss eine begabte Schülerin gewesen sein, übersprang eine Klasse. Um Malerei zu studieren, ging sie an das Art Institute of Chicago. Neben dem Studium engagierte sich Firestone in der Bürgerrechtsbewegung und den Protesten gegen den Vietnamkrieg. Sie gehörte zur revolutionären US-amerikanischen Linken, die den Kapitalismus und den Rassismus bekämpfte. Doch hatte sie schon in Chicago eine Frauengruppe mitbegründet, die sich regelmäßig traf, die Erfahrungen von Frauen thematisierte und für einen sozialistischen Feminismus eintrat. Im Oktober 1967 verabschiedete sich Firestone von der »Westside Group« und verließ die Stadt. Sie war 22 Jahre alt und brach nach New York City auf.
Niemand hätte geahnt, dass sie nur drei Jahre später ein Buch veröffentlichen würde, das ein Bestseller und in viele Sprachen übersetzt werden sollte. Mit The Dialectic of Sex hatte Shulamith Firestone das für die zweite Welle der Frauenbewegung bahnbrechende Manifest des Radikalfeminismus verfasst. Als es 1970 erschien, war sie eine ebenso berühmte wie umstrittene Feministin, eine exponierte Vertreterin der Bewegung, eine charismatische Figur. In Erscheinung trat Firestone, weil sie ihre Stimme erhoben und das Wort für die Notwendigkeit einer Revolution ergriffen hatte: Die sollte als soziale Revolution die Klassengesellschaft abschaffen und als feministische den Unterschied zwischen Frauen und Männern beseitigen. Aber Firestone hat nicht nur geredet und geschrieben, sondern auch gehandelt, diverse Frauengruppen ins Leben gerufen, an zahlreichen Protestaktionen teilgenommen, ihre Kraft nicht zuletzt in die Frage investiert, wie die Befreiung der Frauen politisch zu organisieren sei. (…)

Weitere Beiträge von Martin Bauer


Susan Faludi

Tod einer Revolutionärin. Shulamith Firestone und die Frauenbewegung der siebziger Jahre
Als Shulamith Firestones Leichnam Ende August 2012 in ihrem Apartment im fünften Stock eines fahrstuhllosen Mietshauses in Manhattan, East Tenth Street, gefunden wurde, war sie schon seit ein paar Tagen tot. Firestone war 67 Jahre alt, hatte seit Jahrzehnten mit ihrer Schizophrenie gekämpft und von Sozialhilfe gelebt. In ihrer Wohnung gab es nichts zu essen, weshalb der Verdacht aufkam, sie sei verhungert. Auf Wunsch ihrer jüdisch-orthodoxen Familie wurde jedoch keine Autopsie durchgeführt. Für alle, die Firestone in den späten sechziger Jahren gekannt hatten, wäre ein so einsames Ende unvorstellbar gewesen. Damals stand sie im Mittelpunkt der radikalfeministischen Bewegung – und von den Frauen aus ihrem Umfeld fanden sich einen Monat nach ihrem Tod auch einige in der St. Mark’s Church In-the-Bowery ein, um ihr die letzte Ehre zu erweisen.
Der Gedenkgottesdienst kam einem Revival des radikalen Feminismus gleich. Frauen verteilten Flyer zur Bewusstseinsbildung und legten Kopien alter Texte der »Redstockings« aus, einer New Yorker Frauengruppe, die Firestone mitbegründet hatte. Fran Luck, Moderatorin des Radiosenders WBAI, rief dazu auf, die Wohnung in der Tenth Street in ein »Shulamith Firestone Memorial Apartment« umzuwandeln und »auf unbegrenzte Dauer« an eine »bedeutende ältere Feministin . zu vermieten. Kathie Sarachild, die zu den Vorkampferinnen für eine feministische Bewusstseinsbildung gehört und 1968 die Parole »Sisterhood is powerful« geprägt hatte, regte an, eine Shulamith-Firestone-Gedächtniskonferenz zum Thema »Was tun?« zu organisieren. (…)

Nina Power

Technologie der Antifamilie. Geschlecht, Klasse und die Überwindung der Natur
Das Jahr 1970 scheint lange zurückzuliegen für alle, die damals noch nicht geboren waren, aber wahrscheinlich auch für diejenigen, die bereits auf der Welt waren. Dabei ist Shulamith Firestones Buch Frauenbefreiung und sexuelle Revolution, das in diesem Jahr kurz nach Kate Milletts Sexus und Herrschaft erschien, voller Zukunftsversprechen: eine Welt, in der sich das Es »frei ausleben« kann, in der die Frau kraft Technik endlich von der »Last« ihrer Biologie befreit und die fundamentale Ungleichheit der Geschlechter für immer beseitigt sein würde. Zwar mag die Natur diese »fundamentale Ungleichheit« hervorgebracht haben, doch werde eine umfassende Anwendung von Reproduktionstechnologien, so Firestones Erwartung, den Frauen die Risiken des Gebärens ersparen, die Familie ein für alle Mal zerstören und eine neue Ära unbegrenzter politischer und sexueller Gleichheit einläuten. Firestones kurze Abhandlung liefert mit all ihren Stärken und Schwächen eine schlechterdings einzigartige Deutung der Vergangenheit, Gegenwart und möglichen Zukunft menschlicher Befreiung. Ihre »materialistische Sichtweise der Geschichte, deren Ausgangspunkt das Geschlecht selbst ist«, versucht über Marx und Engels hinaus nicht nur die Produktions-, sondern auch die Reproduktionsmittel zu erfassen. (…)

Ilona Ostner

Feministische Ideen im Alltagstest. Soziologische Anmerkungen zum Abschied von der Familie
Der radikale Feminismus, den Shulamith Firestone als eine der ersten und wohl kompromisslosesten Aktivistinnen vertrat, kann als Gegenbewegung zu den in den sechziger Jahren entstandenen Aktionsgruppen verstanden werden, in denen liberale, egalitär orientierte Frauen wie Betty Friedan den Ton angaben. Friedans 1963 erschienenes Buch The Feminine Mystique war ein wichtiger Antrieb für den Aufschwung der Zweiten Frauenbewegung, die sich zunächst in den USA formierte. Friedan hatte darin auf die »Schizophrenie« hingewiesen, die das amerikanische Hausfrauenleben der vermeintlich »goldenen Zeit«, der Blütezeit des Ernährermodells, ihrer Ansicht nach mit sich brachte. Nach der herrschenden Meinung hätten Vollzeithausfrauen, die meist auch Vollzeitmütter waren, glücklich und zufrieden sein müssen. Hatten nicht der steigende Wohlstand, der auch den unteren Schichten zugutekam, und die Verbreitung neuer Haushaltsgeräte aller Art, zunehmend auch des Autos, ihr Hausfrauendasein immer komfortabler gemacht? Dennoch zeigten sich viele Hausfrauen unglücklich mit ihrer eintönigen Existenz, die ihnen umso mehr zu schaffen machte, als sie während der Abwesenheit ihrer Männer zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs ein aktiveres und unabhängigeres Leben hatten führen können. Andere Frauen plagte ein schlechtes Gewissen, weil sie entgegen dem Rollenideal der Zeit erwerbstätig waren – selbst wenn sie es sein mussten. Kurz: Viele litten unter einem Problem, das noch keinen Namen hatte. (…)

Karin Wieland

Forlorn. Shulamith Firestone, New York City 1970
»Girls Say Yes to Guys Who Say No«, lautet Ende der sechziger Jahre einer der beliebten Männersprüche der New Left. Das »No« steht für das Nein zum Krieg in Vietnam und damit für ein Nein zur amerikanischen Politik der victory culture. Selbstbewusst setzen die Kriegsgegner ihre männliche Potenz gegen die Waffenpotenz der Militärmacht USA.
Shulamith Firestone wusste, wie diese coolen Revolutionäre mit ihren eigenen Waffen zu schlagen sind. Sie nahm sich keinen Geringeren als Maximilien de Robespierre zum Vorbild. Ihre 1968 veröffentlichte erste Publikation trug den Titel »Notes from the First Year«. Analog zum 1793 eingeführten Revolutionskalender, nach dem die neue Zeitrechnung mit dem Sturm auf die Bastille einsetzte, wählte sie 1967 als Beginn einer neuen Ära. Was war in diesem Jahr geschehen? Auf der »National Conference for New Politics« der Anti-Vietnam-Fraktion in Chicago war Firestone für ihre feministischen Forderungen von den Linken ausgelacht worden. Hautnah hatte sie erfahren, dass Frauen nicht in deren Befreiungsplan vorgesehen sind. Danach vollzieht sie einen radikalen Bruch. Ihre neue Zeitrechnung setzt mit der Frage nach der Rolle des Geschlechts ein. Sie erklärt, dass es sie nicht interessiert, ob etwas radikal, normal, reformistisch oder revolutionär ist. Die einzige Frage, die für sie zählt, ist, ob eine Sache gut oder schlecht für Frauen ist. (…)

Leseprobe
Weitere Beiträge von Karin Wieland


John Borneman

Schwimmbecken und Pornokinos. Wovon wollten Töchter und Söhne sich eigentlich befreien?
Shulamith Firestone schrieb Frauenbefreiung und sexuelle Revolution mehr als ein Jahr vor den Stonewall-Unruhen, die am 28. Juni 1969 in New York City ausbrachen und gemeinhin als Initialzündung für die US-amerikanische Schwulenbewegung gelten. Somit hatten Firestones für die Frauenbefreiung impulsgebende Ideen bereits Gestalt angenommen, bevor die Schwulen- und Lesbenbewegung begann, Rechte und Anerkennung einzuklagen. Gleichwohl teilte Firestones radikaler Feminismus mit anderen sozialen Bewegungen der sechziger und siebziger Jahre gewisse emanzipatorische Ziele, was sie vermutlich freute und ihr Engagement beflügelte. Doch je erbitterter Firestone trotz der unverhohlenen Ablehnung durch ihre Familie und der Feindseligkeit gerade der Frauen, die sie zu befreien suchte, an diesen Zielen festhielt, desto entschiedener schlug ihre Freude offenbar in das Gefühl des Scheiterns um, von dem in der eingangs zitierten Passage die Rede ist. Firestones Ringen um politische wie persönliche Emanzipation zeichnet Susan Faludi in ihrem bewegenden Nachruf bis ins Einzelne nach.
Was die Frauenbewegung neben den emanzipatorischen Absichten, die sie mit anderen sozialen Bewegungen teilte, ausgezeichnet hat, war ihr exemplarisches, in Reflexion begründetes Engagement für eine Politik des Sexuellen. Diese Politik verdichtete der – nicht zuletzt durch Firestone popularisierte – Slogan: »Das Private ist politisch.« (…)

Weitere Beiträge von John Borneman


Elisabeth Subrin

Shulie entsorgen. Vom Umgang mit einer feministischen Geschichte
Der Experimentalfilm Shulie, den ich 1997 gedreht habe, nutzt die Instrumente des amerikanischen direct cinema, um die Nachwirkungen der sechziger Jahre zu erkunden und den Stellenwert historischer Zeugnisse zu hinterfragen. Ein ziemlich unbekannter 16-Millimeter-Dokumentarfilm über eine junge Kunststudentin in Chicago brachte mich auf die Idee. Der Film, den die Filmstudenten Jerry Blumenthal, Sheppard Ferguson, James Leahy und Allan Rettig an der Northwestern University 1967 produziert hatten, porträtierte die junge Shulamith Firestone, einige Monate bevor sie nach New York ging, um eine Revolution anzuzetteln. Nach einigen Vorführungen im Jahr 1968 war der Streifen dreißig Jahre irgendwo auf einem Regal verstaubt.
Mein Film Shulie, nennen wir ihn Shulie (2), ist eine Rekonstruktion des Originals, das ebenfalls den Titel Shulie trägt. Shulie (1) habe ich Szene für Szene an ursprünglichen Drehorten in Chicago mit Schauspielern nachgestellt. In dem Film plädiert eine merkwürdig gegenwartsnah wirkende zweiundzwanzigjährige Frau selbstbewusst und zynisch für ein Leben am Rand der Gesellschaft. (…)

Literaturbeilage

Detlef Siegfried

K-Gruppen, Kommunen und Kellerclubs. Sven Reichardt erkundet das westdeutsche Alternativmilieu

Die alte Frage, ob – und, wenn ja, wie – ein »richtiges« Leben im »falschen« möglich sei, ist nach wie vor nicht beantwortet. Daher bietet sich ein genauerer Blick auf Wahrnehmungen und Lebensweisen jenes alternativen Milieus an, das ebendiese Möglichkeit systematisch zu erproben suchte – mit gemischten Bilanzen. Um es gleich vorab zu sagen: Nachdem in den vergangenen Jahren bereits erste Tiefenlotungen vorgenommen worden sind, liegt mit Sven Reichardts Opus magnum nun eine kluge und umfassende Darstellung vor, die für die künftige Forschung Maßstäbe setzt. Das Buch untersucht »die soziokulturellen Gemeinsamkeiten und kulturellen Verbindungen«, die das Alternativmilieu zusammenhielten. (…)


Aus der Protest-Chronik

17.-19. November 1968
Der Beginn der neuen Frauenbewegung wird nicht ganz zu Unrecht auf gewisse Strömungen und Begebenheiten innerhalb der 68er-Bewegung zurückgeführt. Zu behaupten, sie sei in dieser politisch wie soziokulturell turbulenten Zeit bereits zur vollen Entfaltung gelangt, wäre jedoch übertrieben. Denn davon lässt sich zumindest für die Bundesrepublik erst ab1971 sprechen, als die Kampagne gegen den § 218 Fahrt aufnahm, die mit zahlreichen Demonstrationen einherging und eigene Aktionsformen hervorgebracht hat. Was dem vorausging, war eher – wie das einige federführende Akteurinnen im Nachhinein auch selbst formuliert haben–eine .Revolte in der Revolte. Sie spielte sich innerhalb des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) ab, jener einige Jahre zuvor aus der SPD hinausgeworfenen Hochschulorganisation, und richtete sich gegen die dort herrschende, von den Aktivistinnen als unerträglich empfundene Dominanz der Männer. Schauplatz des Geschehens waren zwei Delegiertenkonferenzen im Herbst 1968, die in Frankfurt beziehungsweise in Hannover stattfanden. Während das erste Treffen durch die berühmte, von manchen zu einer Urszene der Frauenbewegung erhobene Tomatenwurfaktion in die Annalen eingegangen ist, blieb die Überlieferung des zweiten Treffens vergleichsweise blass. Das überrascht umso mehr, als der Auftritt der Studentinnen in Hannover sehr viel konfrontativer und in Form und Ton sehr viel unerbittlicher verlaufen ist. (…)