Mittelweg 36
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April/Mai 2013

Schwerpunkt: Rückkehr der politischen Ökonomie

€ 9,50


 
Abstracts

Charles S. Maier

Das Politische in der Ökonomie: Zur Machtvergessenheit der Wirtschaftswissenschaft
In Zeiten wirtschaftlicher Probleme kehrt die politische Ökonomie, als eine alternative Herangehensweise an das ökonomische Denken, in Politik und Geschichte zurück. Sie ist eine Methode für stürmische Zeiten und ist deshalb seit der Finanzkrise, die 2008 begann, wiedererwacht, wie schon einmal in den 1970er Jahren. Die politische Ökonomie impliziert, dass Produktionsfaktoren – insbesondere Kapital und Arbeit – nicht nur eingesetzt und belohnt werden bis zu dem Punkt, an dem ihre abnehmende Grenzerträge gegen Null gehen, sondern auch gemäß der kollektiven Stärke, die ihre jeweiligen Produzenten kontrollieren können. Gesellschaftliche Belohnungen – Löhne und Gehälter und die Preise der Vermögenswerte – werden auf einem Marktplatz bestimmt, der nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch ist. Macht zählt. Es gibt Wahlmöglichkeiten.
 

Adam Tooze

Diesmal ist es wirklich anders: Amerikas »Große Rezession« im Spiegel der Geschichte
Die gegenwärtige ökonomische Krise ist ein Ereignis von historischer Bedeutung. Aber was bedeutet das? In Europa ist die Krise vor allem vor dem Hintergrund der europäischen Integration und der damit verbundenen Spannungen zu sehen. In den Vereinigten Staaten wird sie als nationales Narrativ erzählt. Dieser Aufsatz erörtert eine Reihe von zentralen Beiträgen zu der Debatte in den USA – von Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff, George Akerlof und Robert Shiller und von Raghuram Govind Rajan – um das Koordinatensystem an Möglichkeiten freizulegen, innerhalb dessen die Krise historisiert worden ist. Man betrachtet die Krise als lediglich eine weitere typische Offenbarung der perversen menschlichen Natur. Sie wird als ein Moment der Keynesschen Offenbarung aufgefasst. Oder sie wird als Teil eines strukturierten Entwicklungsprozesses gesehen, der den amerikanischen Traum in Frage stellt. Der Text zeigt dann, wie Paul Krugman, einer der einflussreichsten Kommentatoren der Krise, alle drei Möglichkeiten eingesetzt hat, um seine Intervention aufzuladen. Diese Flexibilität verleiht Krugman eine enorme rhetorische Kraft. Die daraus resultierenden Aporien werden jedoch von Krugman dadurch aufgelöst, dass er regelmäßig in einen alarmierenden ökonomischen Nationalismus verfällt. Angesichts des Aufstiegs Chinas ist es fraglich, ob diese Art der Historisierung der Krise im 21. Jahrhundert lange überleben kann.
 

Peter Fritzsche

Seien wir realistisch! Über harte und weiche Fakten
Angesichts der gegenwärtigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und der Krise der politischen Legitimität sehen sich Menschen weltweit mit dringenden »Tatsachen« konfrontiert, die das Vertrauen in der Nützlichkeit von Beschreibungen der Gegenwart unterminieren. Bedrohliche materielle Bedingungen stellen die Architektur der Geisteswissenschaften in Frage, insbesondere ihre Betonung der Mehrdeutigkeit, Ironie und Polyvalenz. Dennoch bleibt die Idee des »Realen« politisch aufgeladen, besonders in Krisenzeiten. Die Unerbittlichkeit der Tatsachen führt nicht zur Unerbittlichkeit der Interpretation. Letztlich können und sollen die »weichen« Werte der Kulturanalyse nicht ersetzt werden durch die »harten« Umrisse einer ökonomischen oder »realistischen« Erklärung. Gleichzeitig sollen die Geisteswissenschaften selbst der Gefahr widerstehen, mitschuldig zu werden an der Fragmentierung gemeinsamer Werte oder der Auslöschung der Vorstellung von gemeinsamen Deutungen und Mythen.

Seite 1: »Marx lebt sehr zurückgezogen«

»Marx lebt sehr zurückgezogen […] und wenn man zu ihm kommt, wird man statt mit Komplimenten mit ökonomischen Kategorien empfangen.«
Wilhelm Pieper an Friedrich Engels, London, Januar 1851

Bilder: Die Dinge, mit denen wir leben


Martin Bauer, Stefan Mörchen

Editorial
Alle Beiträge im Themenschwerpunkt dieser Ausgabe des Mittelweg 36 sind – mit Ausnahme des Interviews, das die New Left Review mit dem amerikanischen Ökonomen Robert Duncan geführt hat – aus einer Konferenz hervorgegangen, die das »Berliner Colloquium zur Zeitgeschichte« im September letzten Jahres veranstaltete. Bettina Greiner und Bernd Greiner hatten eine international besetzte Gruppe von Historikern und Ökonomen in die Europäische Akademie geladen, um zwei Tage lang über das inhaltlich von Tim B. Müller vorbereitete Thema »Die Rückkehr der politischen Ökonomie« zu diskutieren. Das zeitdiagnostisch virulente Thema, der abgeschiedene Ort im alten Westen der neuen Hauptstadt und der Zeitpunkt des Treffens erwiesen sich als glückliche Wahl. Es kam zu einem außerordentlich lebhaften Gedankenaustausch, der sich nicht zuletzt auf die Frage konzentrierte, welche analytischen Impulse Geschichtswissenschaft, Wirtschaftsgeschichte und politische Ökonomie einem tiefenscharfen Verständnis der gegenwärtigen Krise zu geben vermögen. Deutlich vernehmbar sind die Echos dieser Fragestellung in den Aufsätzen von Adam Tooze, Wirtschaftshistoriker an der Yale University, und Charles S. Maier, der Zeitgeschichte an der Harvard University lehrt. Doch hat sich auch Peter Fritzsche, Professor an der University of Illinois in Urbana und Vertreter der kulturgeschichtlichen Strömung der jüngeren Historiografie, durch die Wirtschafts- und Sozialhistoriker zu einem Beitrag herausfordern lassen, der das Verhältnis von Kultur und Ökonomie sondiert und dabei Stellung zum diskursiven Ort des ökonomischen Wissens nimmt. Selbstverständlich kann es sich mit den hier veröffentlichten Überlegungen nur um den Beginn einer Debatte handeln. Bereits im nächsten Heft unserer Zeitschrift wird ein Aufsatz von Aaron Sahr einige der ausgelegten Fäden aus geldsoziologischer Perspektive wieder aufgreifen. Sicherlich, so ist mit Charles Maier zu vermuten, wird uns die politische Ökonomie auch in Zukunft schon deshalb zu interessieren haben, weil sie in die Tagespolitik zurückgekehrt ist: als politische Frage nach der Macht in der ökonomischen Sphäre und nach der Verteilung von Reichtum.
Die Bilder auf den vorangegangenen Seiten stammen von dem amerikanischen Fotografen Peter Menzel, der vor 20 Jahre für sein Projekt »Material World« statistisch durchschnittliche Familien in der ganzen Welt aufgesucht und mit all ihren Besitztümern vor ihrem Haus fotografiert hat. Seine Bilder machen die globale Ungleichheit auf ungewohnte Weise augenfällig. Zugleich erzählen sie von Wohlstand und Wohlstandshoffnungen in der Globalisierung und zeigen, wie eng materielle und kulturelle Aspekte des alltäglichen Lebens miteinander verwoben sind.

Weitere Beiträge von Martin Bauer


Charles S. Maier

Das Politische in der Ökonomie. Zur Machtvergessenheit der Wirtschaftswissenschaft
»Die Rückkehr der politischen Ökonomie in die Zeitgeschichte« – so lautete im vergangenen Jahr der Titel des 9. Berliner Colloquiums zur Zeitgeschichte. Aber war die politische Ökonomie zwischenzeitlich wirklich verschwunden? Es mag zwar sein, dass ihr die Historiker verglichen mit anderen Fachgebieten in den vergangenen Jahrzehnten weniger Aufmerksamkeit schenkten. Aber deswegen ist die politische Ökonomie doch nicht weniger relevant für die weltgeschichtlichen Entwicklungen gewesen, denen sich die Historiker in aller Regel zuwenden. Warum wurde sie trotzdem nicht mehr als Methodik oder Forschungsansatz genutzt? Der vorliegende Essay versucht, diese Frage zu beantworten. Ein ähnliches Problem trieb übrigens auch die Wirtschaftswissenschaftler um, denen das Verschwinden der Wirtschaftsgeschichte und der Theoriegeschichte der Ökonomie aus ihrer Disziplin aufgefallen war. Um Abhilfe zu schaffen, lud das Institute for New Economic Thinking zwei Monate nach dem Berliner Treffen Ökonomen und Wirtschaftshistoriker zu einer Diskussion nach Cambridge, Massachusetts, ein. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie die Wirtschaftsgeschichte wieder eine gewichtigere Rolle sowohl in den wirtschaftswissenschaftlichen als auch den historischen Fakultäten erlangen könnte. (...)

Leseprobe


Adam Tooze

Diesmal ist es wirklich anders. Amerikas »Große Rezession« im Spiegel der Geschichte
In jüngster Zeit erliegt man auf beiden Seiten des Atlantiks zunehmend der Versuchung, eine grundsätzliche historische Auseinanderentwicklung der Vereinigten Staaten und Europas zu konstatieren. 2003 entwarfen Habermas und Derrida eine prototypische Erzählung der europäischen Andersheit, um ihre Ablehnung des Irakkriegs zu begründen. Zur Verteidigung Amerikas zeichnete Robert Kagan sein skizzenhaftes Porträt Europas als der Weltgegend, die von der Wirklichkeit vergessen worden war. Die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise ist eine heilsame Erinnerung daran, wie eng beide Kontinente in Wirklichkeit miteinander verflochten sind, in schlechten wie in guten Zeiten. Denn in allererster Linie handelt es sich um eine atlantische Krise. Kein anderer Teil der Weltwirtschaft ist so stark von ihr betroffen wie Europa und Amerika. Und was die Ursachen des Debakels betrifft, kann auch keine der beiden Seiten ihre Hände in Unschuld waschen. Obwohl aber ihre Ursachen diesseits und jenseits des Atlantiks miteinander verknüpft waren, haben sich im Zuge der Entfaltung der Krise doch unterschiedliche Entwicklungspfade und Krisenerzählungen herausgebildet. Für die Europäer stellt die anhaltende Krise in der Eurozone gerade die Erzählung in Frage, die Habermas und Derrida heraufbeschworen hatten – das Projekt der europäischen Einigung, den Wohlfahrtsstaat, die Erinnerung an die Gewalttaten des Zweiten Weltkriegs, die jüngeren Hinterlassenschaften des Kalten Kriegs sowie Südeuropas Kampf um die Demokratie seit den 1970er Jahren.(...)

Peter Fritzsche

Seien wir realistisch!. Über harte und weiche Fakten
Dieser Tage werden in Barcelona Hunderte Spanier in Müllcontainern nach Lebensmitteln wühlen, in Athen Tausende Griechen ohne dringend benötigte Medizin und eine angemessene gesundheitliche Versorgung auskommen müssen. Überall in der Welt berichten Menschen, dass ihnen die erhofften beruflichen Perspektiven und das Vertrauen in die Früchte harter Arbeit abhandengekommen sind. Natürlich gibt es noch ausgedehnte Inseln des Optimismus, beispielsweise in China, Brasilien und Deutschland, doch brodelt unter der Oberfläche der über den ganzen Globus verteilten Anzeichen für bessere oder schlechtere Zeiten ein wachsendes und prinzipielles Misstrauen gegenüber den Wohlstandsversprechen des Kapitalismus. Sogar in den Vereinigten Staaten hegt eine beträchtliche und wachsende Minderheit ernste Vorbehalte gegenüber dem Begriff »Kapitalismus«. Nach Erkenntnissen des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Group begegnen vor allem jüngere Amerikaner, Afroamerikaner und geringverdienende Beschäftigte dem Kapitalismus mit Skepsis. (…)

Richard Duncan

Eine neue Weltwirtschaftskrise?

New Left Review: Sie gehörten zu den wenigen Experten, die die Finanzkrise in ihrem ganzen Ausmaß vorhergesagt haben. Schon im Jahr 2003 haben Sie vor einer bevorstehenden Kreditklemme mit Auswirkungen auf den gesamten Hypothekenmarkt gewarnt, die gigantische Rettungspakete für die US-Baufinanzierer Fannie Mae und Freddy Mac sowie für die Kreditversicherungsbranche erforderlich machen würde. Sogar eine Kernschmelze im billionenschweren Derivatemarkt könne die Folge sein, schrieben Sie damals. So viel Voraussicht stand im scharfen Gegensatz zur Selbstgefälligkeit der meisten Mainstream-Ökonomen. Können Sie uns sagen, wie Sie dazu kamen, Ihr Buch The Dollar Crisis zu schreiben, wie sich Ihre Überlegungen dazu entwickelt haben und inwieweit Sie dabei von Ihren Erfahrungen als Wertpapier-Analyst für Ostasien profitierten?
Richard Duncan: Ich bin in Kentucky aufgewachsen und habe die Vanderbilt University in Tennessee besucht. Eigentlich wollte ich nach dem College Jura studieren, bekam aber keinen Studienplatz. Plan B war, nach Frankreich zur Weinlese zu gehen. Stattdessen fand ich einen Job in Paris als Chauffeur für reiche Amerikaner und verdiente damit genug Geld, um ein Jahr als Rucksacktourist durch die Welt zu reisen. Das war 1983/84. Ich hatte also das Glück, als sehr junger Mensch etwas von der Welt zu sehen. Ich verbrachte einige Monate in Thailand, Malaysia und Singapur, und diese paar Monate genügten, um mir zu sagen: »Go east, young man!«
New Left Review: Warum ausgerechnet in den Osten?
Richard Duncan: Wegen der wirtschaftlichen Möglichkeiten. Der Boom dort war nicht zu übersehen: Überall entstanden neue Wolkenkratzer, und vielerorts konnten die Leute nicht mal mehr die eigene Straße auf dem Stadtplan erkennen. (...)


Aus der Protest-Chronik

10. November 2010
In der Innenstadt von London protestieren 50 000 Studierende, und mit ihnen auch zahlreiche Hochschullehrer, gegen die Absicht der rechtsliberalen Regierungskoalition unter Premier David Cameron, die staatlichen Ausgaben für die universitäre Lehre von jährlich 7,1 auf 4,2 Milliarden Pfund zusammenzustreichen – das entspricht einer Kürzung um rund 40 Prozent – und im Gegenzug die Studiengebühren zu verdreifachen. Die Kosten für ein Bachelor-Studium etwa sollen von bislang höchstens 3000 Pfund im Jahr auf maximal 9000 Pfund (umgerechnet 10 700 Euro) angehoben werden. Die Regierung Cameron verfolgt dabei langfristig das Ziel, die staatliche Finanzierung der Hochschullehre auf ein Minimum zu reduzieren. Mit den Maßnahmen, von denen im Übrigen hauptsächlich die Geistes- und Sozialwissenschaften, naturwissenschaftliche Fächer und die Medizin hingegen kaum betroffen wären, soll ein »freier« Hochschulmarkt durchgesetzt werden, in dem Angebot und Nachfrage die Studienlandschaft prägen. Der drastische, von den Betroffenen als »barbariccut« geschmähte Sparplan beruht auf Vorschlägen einer Kommission unter der Leitung von Lord John Browne, einem Vertreter des Oberhauses, und war eine Woche zuvor vom Staatsminister für Universitäten und Wissenschaften, dem Konservativen David Willetts, dem Unterhaus vorgelegt worden. (…)