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April/Mai 2012

Schwerpunkt: Jean Améry

€ 9,50


 
Abstracts

Ulrich Bielefeld

»Es ist«: Musik, Gewalt und Erfahrung

Ausgangspunkt des Beitrags ist Jean Amérys berühmte Definition der Folter als die Essenz des Nationalsozialismus, wonach im Nationalsozialismus Folter beziehungsweise das Foltern zu einem Ziel an sich wurde. Aber die Folter war auch ein zentrales Thema des kolonialen Diskurses der 1950er und 1960er Jahre und war dabei wiederholt verbunden mit Hinweisen auf Hitler, so etwa in Aimé Césaires »Discours sur le colonialisme«. Das Beschreiben und Theoretisieren von Folter bietet Möglichkeiten, nicht nur zwischen dem Kolonialismus und dem Nationalsozialismus zu differenzieren, sondern auch Fragen von Existenz und Identität zu verknüpfen; von Juden und Schwarzen als die europäischen Anderen; von Gewalt, dem kolonialen Kampf und Zugehörigkeit. Jean-Paul Sartre, den Améry als sein »Lehrer« bewunderte, schrieb das berühmte Vorwort zu Franz Fanons »Die Verdammten dieser Erde«. Sartre hatte bereits das Thema Jüdischsein und Schwarzsein in seinem ersten Roman »Der Ekel« (1938) eingeführt, in einer Bezugnahme auf das Lied »Some of These Days«. Hier konzeptualisiert Sartre die Erfahrung dessen, was als schwarze Musik imaginiert wurde, als authentische Form. Aber Sophie Tucker, die im Roman ohne Nennung eines Namens als schwarze Sängerin dargestellt wird, war in der Realität eine weiße Jüdin. Umgekehrt schildert Améry in seinem Text »Im Banne des Jazz« die Geschichte des Musikers Mezz Mezzrows, ein weißer Jude, der, nachdem er Diskriminierung erfahren hat, beschloss, Schwarzer zu werden und das Leben eines Schwarzens zu leben. Diese Vorgänge werden im Text aufgegriffen, um Formen der Identifikation und Konzepte von Gewalt und Identität zu ergründen. Indem er sich selbst als wahrhaftig schwarz verstand, hat Mezzrow auf die Anerkennung seiner Gemeinschaft verzichtet; Améry zog seinerseits eine Grenze zwischen dem Jüdischsein und dem Judentum, eine Differenz, die er nicht überwinden konnte.

 

Dan Diner

Verschobene Erinnerung: Jean Amérys »Die Tortur« wiedergelesen
Der Beitrag zielt darauf ab, die historische und existentielle Bedeutung von Amérys Text über die von ihm 1943 als Mitglied des Widerstands gegen den Nationalsozialismus erlittene Folter zu entziffern. Amérys Niederschrift des Textes erfolgte erst 1965, im Nachhall und vor dem Hintergrund des öffentlichen Diskurses in Frankreich zu den französischen Gräueltaten im Algerienkrieg. Im Aufsatz wird argumentiert, dass Améry, unter anderem auf Grund einer damals obwaltenden diskursiven Hegemonie, zwei unterschiedliche, persönlich erfahrene, existentielle Ereignisse – Auschwitz und Folter – in einer Narration verbunden und dabei die Folter über die Wahrnehmung der Vernichtung erhoben hat.
 

Nicolas Berg

Jean Améry und Hans Egon Holthusen: Eine Merkur-Debatte in den 1960er Jahren
Mit der Veröffentlichung von fünf Aufsätzen in der von Hans Paeschke mitherausgegebenen Zeitschrift »Merkur« in den 1960er Jahren nahm Jean Améry erstmals nach Kriegsende an der öffentlichen Diskussion über Deutschlands NS-Vergangenheit teil. Diese Texte wurden 1966 unter dem Titel »Jenseits von Schuld und Sühne« in Buchform publiziert. Etwa zur gleichen Zeit veröffentlichte Hans Egon Holthusen, ehemals Mitglied der NSDAP und der SS, in derselben Zeitschrift den Beitrag »Freiwillig zur SS«. Der Holocaust-Überlebender Améry antwortete darauf mit der Feststellung, diese schmutzige Vergangenheit sei nicht entschuldbar in der Art, wie Holthusen es seiner Leserschaft glauben machen wolle. Holthusen, seit den 1950ern einer der einflussreichsten Literatur- und Kulturkritiker der Bundesrepublik, hatte in seinem »Merkur«-Beitrag darauf bestanden, dass ihm als Individuum das »Recht auf Irrtum« zustehe. Améry hatte dem scharf widersprochen mit dem Hinweis, die »mildernden Umstände«, die Holthusen in Bezug auf seinen SS-Dienst geltend gemacht hätte, seien keineswegs eine rein private Angelegenheit. Amérys öffentliche Verurteilung Holthusens kann als sein stärkster Protest gegen die blinden Flecken gelten, die Deutschlands Selbstbild in dieser Zeit kennzeichneten. In diesem Beitrag wird versucht, die Vorgeschichte dieser Auseinandersetzung und ihren Folgen aufzuspüren und unter Einbeziehung von persönlichen Dokumenten der beiden Kontrahenten aus den Archiven in Hildesheim und Marbach/Neckar zu rekonstruieren.
 

Jan Philipp Reemtsma

Monsieur Bovary

»Charles Bovary. Landarzt« ist Jean Amérys letztes Werk, wenngleich nicht das letzte Werk, an dem er gearbeitet hat. Der Text wird überschattet von Amérys Selbstmord, und so ergibt sich die Versuchung, eine Verbindung zwischen Selbstmord und Literatur herzustellen. Das führt offensichtlich in die Irre (und über Selbstmord und irgendeinen »Grund dafür« zu spekulieren ist ohnehin irreführend). Es entsteht auch eine weitere Versuchung, nämlich die, nach so etwas wie einer Botschaft zu suchen. Wie auch immer man das Werk bezeichnen mag – als Roman, als essayistischer Roman, als Essay mit romanhaften Einschüben – für dessen Rezeption ist es nicht wichtig, es wie eine Art letzter Wille zu lesen. Vielmehr sollte man auf die verschiedenen Emotionen achten, für die Améry versucht, einen literarischen Ausdruck zu finden.


Ulrich Bielefeld, Yfaat Weiss

Editorial
…als Gelegenheitsgast, ohne jedes Engagement… – unter diesem Titel führten das Franz-Rosenzweig Minerva Zentrum für deutschjüdische Literatur- und Kulturgeschichte in Jerusalem und das Hamburger Institut für Sozialforschung am 13./14. November 2011 an der Hebräischen Universität eine gemeinsame Tagung zu Jean Améry durch. Mit dem Vorhaben, sich Werk und Wirkung Amérys aufs Neue zu nähern, war nicht zuletzt das Motiv der Historisierung verbunden – eine aus inzwischen gewonnener Distanz vorzunehmende Kontextuierung der mit der Arbeit des Schriftstellers und Essayisten verbundenen Fragen; Fragen von Gewalt und Zugehörigkeit, der von ihm für sich in Anspruch genommenen, Erkenntnis verheißenden Regung des Ressentiments, der Ethik der Erinnerung an Auschwitz, von Introspektionen in die aktuelle Zeit des Kalten Krieges und den Verarbeitungen der moralischen Herausforderung der Dekolonisierung. In der Herausarbeitung des zeitlich Gebundenen sollten die Themen aktualisiert werden. (…)

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Ulrich Bielefeld

»Es ist«. Musik, Gewalt und Erfahrung

Eine nach Jahren erneute Lektüre einiger Texte von Jean Améry hat sich als eine ganz eigene intensive Erfahrung erwiesen. Am Abend Passagen etwa aus den Örtlichkeiten laut lesend, ließ mich Jean Améry zum einen als Zeitzeugen der fünfziger und sechziger Jahre der Bundesrepublik wiederentdecken, zum anderen stellte sich bei der Lektüre doch eine möglicherweise zeitlich grundierte, aber auch inhaltliche Distanz ein. Zudem nahm ich bewusster wahr, dass es außer mit den vertrauten Themen Gewalt und Zugehörigkeit, Kolonialismus und Befreiung,  Existenzialismus und Engagement, die mich seit meinen Arbeiten zur Selbstbestimmung, Ethnizität und Identitätspolitik interessierten, eine weitere Interessenüberschneidung gab, die sich zumindest in den frühen Jahren der Schreibarbeit Jean Amérys dokumentiert hatte. Es geht dabei um Amérys Interesse an Musik, am Jazz als Musik des 20. Jahrhunderts und an Jazzmusikern. Ich las Jean Améry so gleichermaßen rückwärts, las auch die Texte aus der Phase der Kolportage-Tätigkeit, aus der Zeit der Schweizer Redaktoren. (…)

Leseprobe
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Dan Diner

Verschobene Erinnerung. Jean Amérys »Die Tortur« wiedergelesen
Die Lektüre von Jean Amérys Text »Die Tortur« aus dem Jahre 19651 war seinerzeit gewissermaßen Pflicht, und der Satz »Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt« von einer einprägsamen Eindringlichkeit. In diesem nachdrücklichen Text unternimmt Améry zweiundzwanzig Jahre nach der an ihm exekutierten Folterung so etwas wie eine philosophisch-anthropologische Introspektion in die damals seinem Körper wie seiner Seele widerfahrene Pein; eine mikrologisch präzise Bestandsaufnahme in Gewebeschichten einschneidender, Knochen mutwillig beschädigender Gewaltanwendung – beginnend mit der Zertrümmerung von Weltvertrauen durch die Fundamentalerfahrung des ersten Schlages. (…)

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Nicolas Berg

Jean Améry und Hans Egon Holthusen. Eine Merkur-Debatte in den 1960er Jahren
Im Juli 1972 erhielt Jean Améry den Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. In der Urkunde dieser Ehrung wird er als »brillanter Essayist« und als »einfühlsamer Kritiker« bezeichnet. Die Jury würdigte zu diesem Anlass ein »außerordentliches Werk«, in welchem, so heißt es hier, »die radikale und schonungslose Analyse der Person mit der eines Zeitalters zusammentrifft«. Die Brüsseler Literaturwissenschaftlerin und Biographin Amérys, Irene Heidelberger-Leonard, hat auf die mit Händen zu greifende Ironie des Schicksals hingewiesen, die sich im Moment der Übergabe dieses Dokumentes an den Geehrten offenbarte, denn die Urkunde trug die Unterschrift von Hans Egon Holthusen, der seinerzeit Präsident der Akademie war. Bitter ironisch war diese Koinzidenz, weil es Holthusen war, der nur wenige Jahre zuvor mit dem Bekenntnis »Freiwillig zur SS« in der Zeitschrift Merkur den Einspruch Amérys provoziert hatte, in ebenjener Zeitschrift also, deren Verdienst es auch ist, im Verlaufe der zweiten Hälfte der 1960er Jahre Jean Amérys Stimme in Deutschland wieder öffentliches Gewicht verliehen zu haben. (…)

Jan Philipp Reemtsma

Monsieur Bovary
In ihrer Biographie »Jean Améry. Revolte in der Resignation« schreibt Irene Heidelberger-Leonard, Jean Amérys Roman »Charles Bovary. Landarzt« sei ein »zutiefst autobiographisches« Werk und »der Charles, dem zu seiner Ichfindung eigens eine Sprache erfunden wird, ist auch Jean Améry, der zu uns spricht. Jean Améry, der mit diesem Buch seine letzte Klage vor dem Tribunal der Welt erhebt, seine eigene Todesklage vorwegnimmt, seinen Freitod literarisch inszeniert.« Jean Améry hat kurz nach der Veröffentlichung von »Charles Bovary. Landarzt« sein Leben beendet, aber nichts spricht dafür, diesen Roman so zu lesen, wie Heidelberger-Leonard es tut. (…)

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Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte

Michael Ignatieff

Fortschrittliche Politik in schwierigen Zeiten
Dies ist ein Vortrag zu Ehren Tony Judts – des Historikers, Schriftstellers, Lehrers und Freunds –, und so soll er auch von einem Thema handeln, das dieser zu seinem gemacht hatte: der Zukunft fortschrittlicher Politik in Europa und Nordamerika. Meine Fragen sind die, die auch er gestellt hat: Wie erfindet man eine neue egalitäre Politik für ein Zeitalter wachsender Ungleichheit? Wie baut man in einer Zeit der Austerität öffentliche Güter aus, zu denen alle den gleichen Zugang haben? Und wie bekräftigt man in einem Augenblick der Krise und Desillusionierung die europäische Einheit? (…)

Carl Tham

Tony Judt und die Sozialdemokratie
»In der Welt, in der ich aufgewachsen bin, war der sozialdemokratische Staat die Norm, nicht die Ausnahme«, hat Tony Judt in einem Interview mit der Zeitschrift The Nation gesagt. In Wirklichkeit ist die Sozialdemokratie in den fünfziger Jahren überall ziemlich schwach gewesen, außer in den skandinavischen Ländern. Im restlichen Europa einschließlich Großbritannien kehrte sie erst in den sechziger Jahren an die Macht zurück – für wenig mehr als ein Jahrzehnt. Doch beherrschte die Idee eines starken Wohlfahrtsstaates und einer regulierten Ökonomie, wenn nicht einer Planwirtschaft, das politische Denken. Sie gehörte zum Geist der Zeit. Und es war eine Zeit großer Fortschritte: hohes Wachstum, zunehmende soziale Sicherheit, Ausbau öffentlicher Leistungen (Bildung, Gesundheitsfürsorge), gradueller Abbau der Einkommensunterschiede, je nach Stärke der sozialdemokratischen Kräfte in den einzelnen Ländern. (…)

Martin H. Geyer

Das Ende des »sozialdemokratischen Konsenses«?. Überlegungen zu Tony Judts »Ill Fares the Land«
Wie lassen sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts wohlfahrtsstaatliche Interventionen begründen? Schließlich wurde schon vor über 40 Jahren das Ende des »sozialdemokratischen Konsenses« der Nachkriegszeit ausgerufen. Auch wird der Begriff »Reform« längst nicht mehr mit dem Ausbau, sondern vielmehr mit dem Ab-, Rück- und Umbau bestehender Sozialstaaten assoziiert. Und selbst Vertreter von New Labour haben in den 1990er Jahren die neoliberale Agenda übernommen. Wie also ist diese Frage zu beantworten? In seinen Lebenserinnerungen, Interviews und Beiträgen – unter anderem in der New York Review of Books (NYRB) – sowie dem langen Essay »Ill Fares the Land« versucht Tony Judt eine Antwort zu geben. Es handelt sich um ein emphatisches Plädoyer, »Gesellschaft zu denken« und »individuelle Interessen« gegenüber
Gemeinwohlinteressen zurückzustellen. (…)

Tony Judt's Legacy

Aus der Protest-Chronik

2. Dezember 1970
Zu den radikalsten gewaltfreien Protestformen zählt der Hungerstreik. Weil dabei der eigene Körper als »Waffe« eingesetzt wird, ist er mit nicht unerheblichen Risiken verbunden. Denn der freiwillige Verzicht auf die Zufuhr von Nahrungsmitteln kann zu gesundheitlichen Schäden, in Ausnahmefällen sogar zum Tod des Hungerstreikenden führen. Dieses selbstdestruktive Moment kann – sofern es entsprechend öffentlich vermittelt wird – allerdings auch den politischen Druck und damit die Chancen, ein Protestziel zu erreichen, erheblich steigern. Insbesondere dann, wenn es um die Unterstreichung eines moralischen Anliegens geht, stellen Hungerstreiks – wie das Mahatma Gandhi in seinem gewaltfreien Kampf gegen das britische Kolonialregime bereits in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat – ein durchaus aussichtsreiches Unterfangen dar. (…)