Ulrich Bielefeld
»Es ist«: Musik, Gewalt und Erfahrung
Ausgangspunkt des Beitrags ist Jean Amérys berühmte Definition der Folter als die Essenz des Nationalsozialismus, wonach im Nationalsozialismus Folter beziehungsweise das Foltern zu einem Ziel an sich wurde. Aber die Folter war auch ein zentrales Thema des kolonialen Diskurses der 1950er und 1960er Jahre und war dabei wiederholt verbunden mit Hinweisen auf Hitler, so etwa in Aimé Césaires »Discours sur le colonialisme«. Das Beschreiben und Theoretisieren von Folter bietet Möglichkeiten, nicht nur zwischen dem Kolonialismus und dem Nationalsozialismus zu differenzieren, sondern auch Fragen von Existenz und Identität zu verknüpfen; von Juden und Schwarzen als die europäischen Anderen; von Gewalt, dem kolonialen Kampf und Zugehörigkeit. Jean-Paul Sartre, den Améry als sein »Lehrer« bewunderte, schrieb das berühmte Vorwort zu Franz Fanons »Die Verdammten dieser Erde«. Sartre hatte bereits das Thema Jüdischsein und Schwarzsein in seinem ersten Roman »Der Ekel« (1938) eingeführt, in einer Bezugnahme auf das Lied »Some of These Days«. Hier konzeptualisiert Sartre die Erfahrung dessen, was als schwarze Musik imaginiert wurde, als authentische Form. Aber Sophie Tucker, die im Roman ohne Nennung eines Namens als schwarze Sängerin dargestellt wird, war in der Realität eine weiße Jüdin. Umgekehrt schildert Améry in seinem Text »Im Banne des Jazz« die Geschichte des Musikers Mezz Mezzrows, ein weißer Jude, der, nachdem er Diskriminierung erfahren hat, beschloss, Schwarzer zu werden und das Leben eines Schwarzens zu leben. Diese Vorgänge werden im Text aufgegriffen, um Formen der Identifikation und Konzepte von Gewalt und Identität zu ergründen. Indem er sich selbst als wahrhaftig schwarz verstand, hat Mezzrow auf die Anerkennung seiner Gemeinschaft verzichtet; Améry zog seinerseits eine Grenze zwischen dem Jüdischsein und dem Judentum, eine Differenz, die er nicht überwinden konnte.
Dan Diner
Verschobene Erinnerung: Jean Amérys »Die Tortur« wiedergelesenDer Beitrag zielt darauf ab, die historische und existentielle Bedeutung von Amérys Text über die von ihm 1943 als Mitglied des Widerstands gegen den Nationalsozialismus erlittene Folter zu entziffern. Amérys Niederschrift des Textes erfolgte erst 1965, im Nachhall und vor dem Hintergrund des öffentlichen Diskurses in Frankreich zu den französischen Gräueltaten im Algerienkrieg. Im Aufsatz wird argumentiert, dass Améry, unter anderem auf Grund einer damals obwaltenden diskursiven Hegemonie, zwei unterschiedliche, persönlich erfahrene, existentielle Ereignisse – Auschwitz und Folter – in einer Narration verbunden und dabei die Folter über die Wahrnehmung der Vernichtung erhoben hat.
Nicolas Berg
Jean Améry und Hans Egon Holthusen: Eine Merkur-Debatte in den 1960er JahrenMit der Veröffentlichung von fünf Aufsätzen in der von Hans Paeschke mitherausgegebenen Zeitschrift »Merkur« in den 1960er Jahren nahm Jean Améry erstmals nach Kriegsende an der öffentlichen Diskussion über Deutschlands NS-Vergangenheit teil. Diese Texte wurden 1966 unter dem Titel »Jenseits von Schuld und Sühne« in Buchform publiziert. Etwa zur gleichen Zeit veröffentlichte Hans Egon Holthusen, ehemals Mitglied der NSDAP und der SS, in derselben Zeitschrift den Beitrag »Freiwillig zur SS«. Der Holocaust-Überlebender Améry antwortete darauf mit der Feststellung, diese schmutzige Vergangenheit sei nicht entschuldbar in der Art, wie Holthusen es seiner Leserschaft glauben machen wolle. Holthusen, seit den 1950ern einer der einflussreichsten Literatur- und Kulturkritiker der Bundesrepublik, hatte in seinem »Merkur«-Beitrag darauf bestanden, dass ihm als Individuum das »Recht auf Irrtum« zustehe. Améry hatte dem scharf widersprochen mit dem Hinweis, die »mildernden Umstände«, die Holthusen in Bezug auf seinen SS-Dienst geltend gemacht hätte, seien keineswegs eine rein private Angelegenheit. Amérys öffentliche Verurteilung Holthusens kann als sein stärkster Protest gegen die blinden Flecken gelten, die Deutschlands Selbstbild in dieser Zeit kennzeichneten. In diesem Beitrag wird versucht, die Vorgeschichte dieser Auseinandersetzung und ihren Folgen aufzuspüren und unter Einbeziehung von persönlichen Dokumenten der beiden Kontrahenten aus den Archiven in Hildesheim und Marbach/Neckar zu rekonstruieren.
Jan Philipp Reemtsma
Monsieur Bovary»Charles Bovary. Landarzt« ist Jean Amérys letztes Werk, wenngleich nicht das letzte Werk, an dem er gearbeitet hat. Der Text wird überschattet von Amérys Selbstmord, und so ergibt sich die Versuchung, eine Verbindung zwischen Selbstmord und Literatur herzustellen. Das führt offensichtlich in die Irre (und über Selbstmord und irgendeinen »Grund dafür« zu spekulieren ist ohnehin irreführend). Es entsteht auch eine weitere Versuchung, nämlich die, nach so etwas wie einer Botschaft zu suchen. Wie auch immer man das Werk bezeichnen mag – als Roman, als essayistischer Roman, als Essay mit romanhaften Einschüben – für dessen Rezeption ist es nicht wichtig, es wie eine Art letzter Wille zu lesen. Vielmehr sollte man auf die verschiedenen Emotionen achten, für die Améry versucht, einen literarischen Ausdruck zu finden.
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