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August/September 2014

Schwerpunkt: Kriegsschuld und demokratischer Neuanfang

€ 9,50

 
Abstracts

Tim B. Müller

Krieg und Demokratisierung: Für eine andere Geschichte Europas nach 1918
Der Erste Weltkrieg war nicht nur die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, er öffnete nicht nur die »Büchse der Pandora«, wie gegenwärtig zu lesen ist – der Große Krieg erwies sich zugleich als die Initialzündung für die moderne Massendemokratie. Dieser Beitrag plädiert dafür, den demokratischen Neuanfang ernst zu nehmen und die Geschichte der Demokratie nach 1918 aus dem demokratischen Erwartungshorizont jener Jahre zu erschließen. Wenn die Ereignisse von 1933 oder die Vorstellung einer Krise der Demokratie das Bild überschatten, wird historisches Erkenntnispotenzial preisgegeben. Welche Demokratie wollten die Menschen nach dem Ersten Weltkrieg, und wie funktionierte sie? Wird der Zugang nicht durch das spätere Geschehen überwölbt, dann ist die immer weiter fortschreitende Grundlegung der modernen demokratischen Welt zu erkennen, der Demokratie als Regierungsform und als Lebensweise: vom Wahlrecht, den Verfassungen und den Institutionen über den Aufbau eines demokratischen Staates und einer demokratischen Wirtschaftsordnung, die gleichzeitig ein demokratischer Kapitalismus und ein demokratischer Wohlfahrtsstaat sein sollte, bis zur Ausbildung und Pflege einer demokratischen Kultur.
 

Jens Hacke

»Volksgemeinschaft der Gleichgesinnten«: Liberale Faschismusanalysen und die Wurzeln der Totalitarismustheorie
Die Anfälligkeit der bürgerlichen Milieus für den Faschismus und die Faszination, die dieser in den 1920er Jahren bis in liberale Kreise hinein ausübte, ist weithin bekannt. Darüber ist allerdings in Vergessenheit geraten, dass liberale politische Denker zu den frühen und entschiedenen Kritikern Mussolinis gehörten. Die Entwicklungen in Italien nach dem »Marsch auf Rom« beobachteten sie aufmerksam und erkannten in der entstehenden Diktatur ein neuartiges, ideologisch begründetes Herrschaftssystem, das sich radikal gegen den Rechtsstaat, den Parlamentarismus und die Freiheitswerte der Aufklärung richtete. Strukturelle Ähnlichkeiten zum Bolschewismus waren für liberale Intellektuelle wie Fritz Schotthöfer und Moritz Julius Bonn unübersehbar und regten eine Totalitarismustheorie avant la lettre an, die zur Richtschnur einer intellektuellen Verteidigung der westlichen »wehrhaften« Demokratie werden sollte – zunächst im Kampf gegen die sogenannten Achsenmächte, späterhin im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion.

Seite 1: »Im Stockwerk tiefer…«

Im Stockwerk tiefer liegen Bauch- und Rückenmarkschüsse, Kopfschüsse und beiderseitig Amputierte. Rechts im Flügel Kieferschüsse, Gaskranke, Nasen-, Ohren- und Halsschüsse. Links im Flügel Blinde und Lungenschüsse, Beckenschüsse, Gelenkschüsse, Nierenschüsse, Hodenschüsse, Magenschüsse. Man sieht hier erst, wo ein Mensch überall getroffen werden kann. (...)

Erich Maria Remarque, Im Westen nichts Neues,
[1928] Köln 2014, S.232f.


Bilder: Aber wir waren ja Franzosen

© aus: Jaques Tardi, Grabenkrieg. Für die deutschsprachige Ausgabe Edition Moderne 2013


Friedrich Kießling

Vergesst die Schulddebatte!. Die Forschung zum Ersten Weltkrieg überwindet liebgewonnene Denkblockaden
Im Herbst vergangenen Jahres fand in Potsdam eine öffentliche Diskussion zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs statt. Mit auf dem Podium des überfüllten Saals saß Christopher Clark. Dessen Buch Die Schlafwandler war wenige Wochen zuvor auf den deutschen Markt gekommen. Von Unterschieden in Einzelaspekten abgesehen, waren sich die Fachvertreter relativ einig. Die Fischer-Kontroverse spielte kaum eine Rolle, aber in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum war die Schuldfrage schnell präsent. Die Leute wollten doch eigentlich nur eines wissen, konstatierte ein Zuschauer unter dem Beifall des Saals: »Wer war denn nun schuld am Ersten Weltkrieg?« Hinterher war in einem Zeitungsbeitrag zu lesen, angesichts der Thesen von Christopher Clark hätten die (deutschen) Kritiker versucht, von der Orthodoxie zu retten, was zu retten sei. Die Überschrift lautete: »Besessen von der deutschen Kriegsschuld«.
Es sind Erlebnisse wie diese, die einen im aktuellen Gedenken an den Kriegsausbruch vor hundert Jahren an den Rand der Verzweiflung bringen können. (…)

Bernd Greiner

Casino Royale. Barbara Tuchmans Klassiker über die Anfänge des Ersten Weltkriegs
Von wegen alles gesagt! Zum Ersten Weltkrieg wird wohl nie das letzte Wort gesprochen sein, auch wenn in der anhaltenden Debatte über den Kriegsausbruch vor hundert Jahren hin und wieder dieser Eindruck erweckt wird. Zwar sind die Emotionen der Streitereien über Deutschlands vermeintliche Alleinschuld nur noch in Spurenelementen vorhanden – künstlich am Leben erhalten oder zu neuem Leben erweckt aus Gründen, die viel mit Aufmerksamkeitsökonomie und wenig mit Wissenschaft zu tun haben. Aber zugleich gibt es, wie die Flut einschlägiger Publikationen zeigt, eine Vielzahl neuer und auf absehbare Zeit kontroverser Fragen: Welche Spuren hat dieser Krieg hinterlassen? Reicht sein Erbe bis in die heutige Zeit? Und umgekehrt: Wie beeinflusst unsere Gegenwart die Deutung des Vergangenen, wie viel Zeitdiagnose steckt in der Zeitgeschichte?
Wer sich dem Thema auf diese Weise nähert, wird an einem 1962 erstmals in den USA publizierten und seither in zig Auflagen weltweit vertriebenen Buch Gefallen finden: August 1914 oder (im amerikanischen Original) The Guns of August von Barbara Tuchman. (…)

Leseprobe
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Tim B. Müller

Krieg und Demokratisierung. Für eine andere Geschichte Europas nach 1918
Am 26. April 1945, in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges in Europa, war es die deutsche Geschichte nach dem Ersten Weltkrieg, die den britischen Premierminister Winston Churchill beschäftigte. Ihn trieb der Gedanke um, dass Deutschland auch einen anderen Weg hätte beschreiten können als den, der in die globale Katastrophe geführt hatte. Auch bedauerte er verpasste Chancen der Kooperation mit der deutschen Demokratie. Reflexionen über eine kontrafaktische Geschichte, über eine Historiografie des Möglichen durchziehen immer wieder die geschichtlichen Abhandlungen und Erinnerungswerke Churchills. Aber seine knappen Überlegungen zu Deutschland nach 1918 sind angesichts des Zeitpunkts doch erstaunlich – und regen dazu an, seit Jahrzehnten vertraute Deutungsmuster zu revidieren. Schließlich hätten Churchill in dieser Situation so viele andere, deutlich näherliegende Interpretationen der deutschen Geschichte zur Verfügung gestanden.
Bald nach Beginn des Krieges, als Frankreich teils gefallen war und teils die Seiten gewechselt hatte, stand Großbritannien allein gegen das nationalsozialistische Deutschland. Die deutschen Bomben hagelten auf England nieder; dieser Bombenkrieg, den die Deutschen entfesselt hatten, musste nach Deutschland zurückgetragen werden. »Damit müssen wir ihn [Hitler] besiegen. Einen anderen Weg sehe ich nicht«, erklärte Churchill im Juli 1940 gegenüber seinen Vertrauten. (…)

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Jens Hacke

»Volksgemeinschaft der Gleichgesinnten«. Liberale Faschismusanalysen und die Wurzeln der Totalitarismustheorie
Die Totalitarismustheorie gilt gemeinhin als ideologische Waffe des Kalten Krieges. Wird sie auf ihren Ursprung zurückverfolgt, so hält man sich zumeist an den Begriff, an die langsame Evolution eines politikwissenschaftlichen Paradigmas, das die Erfahrungen von Stalinismus und Nationalsozialismus verarbeitete, um deren Gemeinsamkeiten in systematischer Absicht herauszustellen. Terror, Gewalt, Kollektivismus, Einparteienherrschaft und ideologische Begründung beziehungsweise Finalisierung politischen Handelns bezeichneten den gemeinsamen Nenner totalitärer Herrschaftssysteme, die der liberalen Demokratie feindlich gegenüberstanden. Die politikwissenschaftlichen Schlüsselwerke zu diesem Paradigma wurden unter anderem von Hannah Arendt und Carl J. Friedrich in den 1940er/50er Jahren veröffentlicht, wenngleich die Denkfigur der einander berührenden politischen Extreme auch vorher schon geläufig war. Es ist unmöglich, die kaum mehr zu überblickende Debatte zur Totalitarismustheorie in Abgrenzung zu verschiedenen Faschismustheorien und Diktaturkonzepten an dieser Stelle neu aufzurollen. Im folgenden Beitrag soll hingegen an die wichtige Phase einer Totalitarismustheorie avant la lettre erinnert werden: an die liberale Auseinandersetzung mit dem Aufkommen der ideologischen Massenbewegungen nach dem Ersten Weltkrieg.
Der Blick auf Debattenlagen der Zwischenkriegszeit liefert bereits die Schablonen für eine Totalitarismustheorie, die im Zeitalter der Blockkonfrontation nach 1945 zur Legitimationsressource des Westens avancierte. (…)

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Julia Eichenberg

In fremden Uniformen. In Polen wird ein vergessener Krieg wiederentdeckt
Mit einem seiner berüchtigten Bonmots bezeichnete Winston Churchill den Ersten Weltkrieg im Osten bereits 1931 als »unbekannten Krieg«. Heutzutage macht es die öffentliche und mediale Aufmerksamkeit für das hundertjährige Gedenken an 1914 allerdings schwer, uns die Erinnerung an den »Großen Krieg« anders als umfassend europäisch oder sogar global vorzustellen. Dennoch lässt sich das polnische Verhältnis zum Ersten Weltkrieg auch im Jahr 2014 wohl am besten mit den Worten Churchills zusammenfassen – oder aber denen des Historikers Robert Traba, der dem Begriff des »Großen Krieges« im Westen den »Vergessenen Krieg« Polens entgegenstellte.
Das erinnerungspolitische Gefälle zwischen Ost und West veranschaulichen folgende Zahlen: Für die staatlichen Gedenkfeiern zum »Centenary/Centenaire«, für Generalüberholungen der staatlichen Museen, öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen und Ähnliches stellt die britische Regierung mit Unterstützung der britischen Lottogesellschaft ein Budget von 60 Millionen Pfund Stirling bereit; die französische Regierung finanziert ihr Programm mit 50 Millionen Euro. Selbst Neuseeland, ein außerhalb des anglophonen Sprachraums nahezu vergessener Alliierter, plant mit einem Budget von 19 Millionen Dollar, und Australien investiert sogar 140 Millionen Dollar. Allein schon die Verwendung des Begriffs centenary bzw. centenaire bringt die Bedeutung der Gedenkfeiern in diesen Ländern auf den Punkt. Er ist derzeit so eng mit dem Ersten Weltkrieg verbunden, dass man ihn selbst außerhalb historischer Fachkreise ohne weitere Erläuterungen benutzen kann. Die deutsche Regierung misst dem Gedenken an den in der nationalen Geschichte im Schatten des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus stehenden Krieg hingegen wesentlich geringere Bedeutung bei. (…)

Reinhard Merkel, Jan Philipp Reemtsma

Von Nachbarn, Töchtern und Pistolen. Ein Streitgespräch über die Annexion der Krim
Jan Philipp Reemtsma: Ich darf Sie alle und insbesondere Reinhard Merkel als Gast und als Verfasser eines Textes, über den wir heute sprechen, vielleicht auch streiten wollen, herzlich begrüßen. Es geschieht zwar nicht allzu häufig, dass wir politische, in diesem Falle weltpolitische Aktualitäten zum Ausgangspunkt einer Diskussion machen, aber wir haben es in der Vergangenheit schon einige Male getan. In diesem Fall verbindet sich die politische Aktualität des Themas mit Fragen, die im Hause immer wieder diskutiert worden sind und die mit der völkerrechtlichen Bewertung von Politik zu tun haben.
Anlass unserer Debatte ist ein Artikel von Reinhard Merkel in der FAZ vom 7. April, »Kühle Ironie der Geschichte«. Es hat, wenn ich das hier einleitend interpretieren darf, sicher zwei Motive gegeben, diesen Text zu schreiben: einmal die Nonchalance hinsichtlich der völkerrechtlichen Begrifflichkeit, mit der Journalisten und Politiker die Vorgänge auf der Krim kommentiert haben. Es wird wahrscheinlich uns allen aufgefallen sein, dass in der öffentlichen Debatte kein besonderer Wert darauf gelegt wurde, das Geschehen zunächst einmal ordentlich
zu sichten, ganz unbeschadet der Frage, welche politische Stellung man dazu dann einnimmt. Das zweite Motiv wird im letzten Teil des Artikels deutlich. Ich will nicht das Wort der Doppelzüngigkeit verwenden, weil es dort nicht vorkommt, aber es geht letztlich um das, was man gemeinhin double standards in der west-östlichen Auseinandersetzung nennt.
Die Lektüre des Artikels hatte mich insofern gefreut, als ich die Mängel der öffentlichen Diskussion ganz ähnlich empfunden hatte und sehr froh war, dass jemand darauf hinwies und die Dinge zurechtrückte. Auf welcher Grundlage erfolgt die völkerrechtliche Bewertung von Referenden, was ist eigentlich eine Annexion, wann kann man diese Begriffe wie anwenden und wann nicht? (…)

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Aus der Protest-Chronik

18. März 2014
Hausbesetzungen sind nicht unbedingt eine Seltenheit. Seit über vier Jahrzehnten wird diese von England und Norditalien ausgehende Protestform in den unterschiedlichsten Ländern praktiziert. Dass Institutionen besetzt werden, kommt dagegen schon sehr viel seltener vor, insbesondere wenn es um eine Einrichtung geht, die wie das Parlament als Krone der Demokratie gilt. Doch das, was sich beispielsweise in Deutschland noch nie ereignet hat, geschieht in diesem Frühjahr in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh. In den späten Abendstunden eines Dienstags im März dringen mehrere hundert Studenten in das dortige Parlamentsgebäude ein und erklären es für besetzt. Sie wollen damit gegen eine Entscheidung der Regierung protestieren, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit zustande kam. Sie betrifft ein mit der Volksrepublik China vereinbartes Freihandelsabkommen im Dienstleistungssektor, das im Laufe des Sommers in Kraft treten und die Zusammenarbeit zwischen den beiden so ungleichen Ländern auf eine neue Grundlage stellen soll.
Die Verantwortung für diesen so gewagten wie umstrittenen Schritt trägt in erster Linie Präsident Ma Ying-jeou (*1950). Der Politiker, der der einstigen Staatspartei KMT, den Kuomintang, angehört und seit 2008 im Amt ist, gilt nicht umsonst als »Waishengren«, als Festlandchinese. Dieser doppeldeutige Begriff soll zum einen ausdrücken, dass er von dort stamme, zum anderen aber auch, dass seine Politik den Interessen der Volksrepublik diene. (…)