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April/Mai 2014

Schwerpunkt: Von Walden Pond nach Waikiki Beach

€ 9,50




 
Abstracts

William E. Scheuerman

Edward Snowden: Ziviler Ungehorsam im Zeitalter der totalen Überwachung
Die Reaktion der Medien auf Edward Snowden hat einen wesentlichen Aspekt seines Falls ausgeblendet, nämlich die moralische und politische Ernsthaftigkeit, mit der er die Öffentlichkeit vom Ausmaß der NSA-Überwachung in Kenntnis setzte. Wir sollten Snowdens Vorgehen als ein Handeln interpretieren, das die meisten der anspruchsvollen Bedingungen erfüllt, die die politische Theorie an zivilen Ungehorsam stellt. Wie Thoreau, Gandhi, King und viele andere hat er eine starke Erklärung dafür geliefert, weshalb er sich zu seinem politisch motivierten Gesetzesbruch moralisch verpflichtet fühlte. Er hat außerdem eindrucksvolle Anstrengungen unternommen, um sein Handeln von gewöhnlicher Kriminalität zu unterscheiden und aufzuzeigen, warum sein Vorbild nicht zwangsläufig zu unbesonnenen Gesetzesbrüchen anstiftet. Sein Beispiel trägt dazu bei, herkömmliche Darstellungen des zivilen Ungehorsams zu verbessern: Erstens offenbart es gute Gründe, weswegen wir die Akzeptanz einer Strafe nicht als Voraussetzung der Legitimität von zivilem Ungehorsam ansehen sollten; zweitens erinnert uns Snowden daran, dass in unserer Zeit Globalisierungsprozesse jede Facette unserer politischen Existenz unmittelbar prägen. Verteidiger des zivilen Ungehorsams müssen ihre Überlegungen dementsprechend erweitern.
 

Martin Kronauer

Matthäuseffekt und Teufelskreis: Inklusion und Exklusion in kapitalistischen Gesellschaften
Wer gesellschaftlich »inkludiert« ist, ist dies in der Regel nicht nur in einer, sondern in allen relevanten gesellschaftlichen Dimensionen – wer hat, dem wird gegeben. Wessen Inklusion aber in einer zentralen Dimension brüchig wird, der oder die läuft Gefahr, dass Ausgrenzungsprozesse von einer Dimension auf andere überspringen, sodass ein Teufelskreis der Exklusion entsteht. Woher aber rühren die Stabilität der Inklusion und die destruktive Dynamik der Exklusion? Diese Frage betrifft die Konstitutionsbedingungen »funktional differenzierter« Gesellschaften und zentrale Aspekte heutiger gesellschaftlicher Spaltungen. Der Beitrag argumentiert, dass es nicht genügt, den »Primat der Ökonomie« in der »funktionalen Differenzierung« wiederzuentdecken. Die Rede vom Geld als »universales Inklusionsmedium« in diesem Zusammenhang führt leicht in die Irre. Stattdessen ist es notwendig, den Kern kapitalistischer Herrschaft, die Lohnarbeitsverhältnisse und deren institutionalisierte Formen wieder in den Blick zu nehmen.
 

François Dubet

Der Wille zur Gleichheit: Ein Zwischenruf zu Ungleichheit und Solidarität in Europa
Die zunehmende soziale Ungleichheit in Europa wird üblicherweise auf ökonomische Entwicklungen in kapitalistischen Gesellschaften zurückgeführt. Allerdings unterschätzt eine solche Erklärung die Bedeutung der Tatsache, dass sich die Politik immer mehr vom Ziel der sozialen Gleichheit verabschiedet hat. Das schrumpfende Interesse daran, Gleichheit zu fördern und zu schützen, hat seinen Ursprung in der abnehmenden Solidarität und Brüderlichkeit innerhalb der Gesellschaft und wird von Prozessen der sozialen und kulturellen Segregation noch verstärkt. Wie können wir die grundlegenden Prinzipien der Solidarität in Europa wiederbeleben?

Seite 1: »Rule Britannia!«

Rule Britannia!
Britannia rule the waves. Britons never, never, never shall be slaves.

Patriotisches Lied nach dem Gedicht »Rule, Britannia« von James Thomson aus dem Jahr 1740
 


Bilder: Überwachung analog


Stefan Mörchen

Editorial
Im Sommer 1845 zog sich Henry David Thoreau in eine Hütte am Ufer des Walden Pond in der Nähe seiner Heimatstadt Concord, Massachusetts, zurück, um dort, wie er später in seinem berühmten Buch über diese Zeit der Einkehr schrieb, »mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten«. Zu seinen Reflexionen über das einfache Leben und das rechte Verhalten gehörte auch, über die Notwendigkeit des Widerstands gegen eine ungerechte Regierung nachzudenken – Steuern zu entrichten an einen Staat, der die Sklaverei tolerierte und mit einem Krieg gegen sein Nachbarland noch auszuweiten trachtete, kam für ihn nicht in Frage. Zurück in der Stadt, legte er in einem Vortrag seine Haltung dar, die unter dem Begriff civil disobedience (ziviler Ungehorsam) bekannt werden und politische Denker und Aktivisten wie Mahatma Gandhi und Martin Luther King, Jr., prägen sollte.
Von Walden Pond nach Waikiki Beach ist es ein weiter Weg. Edward Snowden lebte auf Hawaii nach eigenem Bekunden »wie im Paradies«, bis er den Entschluss fasste, die Überwachungs- und Ausspähprogramme der NSA zu enthüllen. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler William E. Scheuerman setzt in seinem Beitrag auseinander, warum Snowdens whistleblowing als Akt des zivilen Ungehorsams in der Tradition Thoreaus zu verstehen ist und inwiefern sein Beispiel der theoretischen Auseinandersetzung mit dieser Form der politischen Intervention wichtige neue Impulse geben kann.  (…)

Weitere Beiträge von Stefan Mörchen


William E. Scheuerman

Edward Snowden. Ziviler Ungehorsam im Zeitalter der totalen Überwachung
Wenige Ereignisse haben in den vergangenen Jahren die globale Medienberichterstattung so dominiert wie Edward Snowdens Aufdeckung der Überwachungsmaßnahmen der amerikanischen National Security Agency (NSA) im Juni 2013. Seine brisanten Enthüllungen über die amerikanische Spionage, die ihn für manche zum Helden, für andere zum Verräter machten, haben zudem, ganz wie von ihm erhofft, eine weltweite politische Diskussion über staatliche Überwachungsprogramme mittels neuester Technologien entfacht, deren Konsequenzen die meisten Politiker oder gar einfachen Bürger kaum abzuschätzen vermögen. (…) Leider hat der Medienrummel einen weniger augenfälligen, letztlich aber wesentlicheren Aspekt der Ereignisse verdeckt. Ich spreche von dem moralischen und politischen Ernst, der Snowden antrieb, die bis dato geheim gehaltene Reichweite und Größenordnung der NSA-Überwachung öffentlich zu machen. Wie wir heute wissen und wie Snowden voraussah, musste er für seinen Entschluss zu dieser Tat einen hohen persönlichen Preis zahlen. (…)

Weitere Beiträge von William E. Scheuerman


Wolfgang Schivelbusch

»Perfides Albion«. oder Eine Seenahme im Cyberspace
Heute möchte ich ein paar Überlegungen zu einem Aspekt des gegenwärtigen Abhör- und Ausspähskandals anstellen, der in der bisherigen Debatte zwar verschiedentlich bemerkt, aber meines Wissens noch nicht näher unter die Lupe genommen worden ist. Gemeint ist das unterschiedliche öffentliche Echo diesseits und jenseits des Atlantiks, das die Enthüllungen Edward Snowdens hervorriefen, wobei ich zum atlantischen Jenseits auch die andere, also die britische Seite des Ärmelkanals rechne. Es geht mir folglich um die unterschiedlichen Reaktionen in Deutschland und im kontinentalen Europa auf der einen sowie in den USA und Großbritannien auf der anderen Seite. (…)

Jan Philipp Reemtsma

Homo quisquis. Laudatio für Wolfgang Schivelbusch
Wenn jemand von Ihnen in diesen Tagen gegen, sagen wir, sieben Uhr morgens auf dem Bahnsteig einen Pappbecher »Kaffee Togo«, wie es mitunter gerne heißt, zu sich nimmt, um sich die für den Tag nötige Wachheit und Stoßunempfindlichkeit zuzulegen, dann befinden Sie sich in der Schnittlinie dreier Untersuchungen von Wolfgang Schivelbusch: einer Studie zur Eisenbahn(fahrt), der künstlichen Beleuchtung (etwa von öffentlichen Großräumen) und der Karriere des Genussmittels Kaffee als dem bürgerlichen Frühstücksgetränk schlechthin. Und wenn Sie dann im Zug sitzen – über Bahnlektüre und die Ursachen respektive Gründe ihres Aufkommens finden Sie einen Abschnitt in der Eisenbahnreise – und eine Zeitung oder Zeitschrift zur Hand nehmen, wo Sie etwas zum Thema 2014/1914 finden, sind Sie schon in Schivelbuschs Buch über die Bibliothek von Löwen und seinem Buch über Kulturen der Niederlage. So könnte ich weitermachen, ohne mich und Sie groß anzustrengen. Aber die wenigen Andeutungen mögen genügen: Der Kulturhistoriker Schivelbusch hat zu der Frage, wie Sie, wie wir, wurden, was wir sind, viel – multa et multum – geschrieben. (…)

Weitere Beiträge von Jan Philipp Reemtsma


Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte

Mischa Gabowitsch

Umkämpfte Tote. Gefallene Soldaten, Angehörige und der Staat
Der moderne Nationalstaat wäre ohne den Kult um die Gefallenen kaum denkbar. Kaum eine politische Praxis besitzt eine stärkere Legitimationskraft, kaum ein Ritual bindet den Einzelnen enger an den Staat als das staatlich organisierte oder eingefasste Gedenken an diejenigen, die als Soldaten ihr Leben für die Gemeinschaft ließen. So ist es ganz selbstverständlich, dass der politische Totenkult, also das Aufkommen der modernen Gefallenenkulte seit der Französischen Revolution und den Napoleonischen Kriegen, meist zwar kritisch und nicht ohne Unbehagen, aber dennoch als nationalstaatliche Erfolgsgeschichte beschrieben wird. (…)

Weitere Beiträge von Mischa Gabowitsch

Kirk Savage

Leere Gräber. Bürgerkrieg und nationale Gedenkpraktiken
In der schönen, sanft geschwungenen Hügellandschaft des südwestlichen Pennsylvania mit ihren Äckern und Feldern liegt, eine Autostunde von Pittsburgh entfernt, an einem abgeschiedenen Hang ein kleiner, von der Welt vergessener Friedhof. Wie so viele ländliche Friedhöfe in den Vereinigten Staaten wurde auch dieser im frühen 19. Jahrhundert angelegt, doch gibt es die Kirche und Kirchengemeinde nicht mehr, zu der er gehörte, und alles, was ihn zuletzt noch vor dem endgültigen Verschwinden bewahrte, war die pflichtbewusste Pflege, die ihm eine örtliche Farmerin angedeihen ließ. Der größte Gedenkstein auf diesem bescheidenen Friedhof ist ein Obelisk, mit dem zweier Brüder gedacht wird, die im Amerikanischen Bürgerkrieg als Freiwillige der Unionsarmee starben. (…)

Edward Madigan

»The Burden of Our Sorrow«. Zum Umgang mit den britischen Kriegstoten des Ersten Weltkriegs
Ein Jahrhundert nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist keiner seiner Veteranen mehr am Leben. Selbst Menschen, die die Jahre von 1914 bis 1918 als kleine Kinder erlebt haben, weilen kaum noch unter uns. Rein zeitlich gesehen ist uns der Krieg inzwischen so fern, wie es denen, die ihn mitgemacht haben, die Napoleonischen Kriege waren. Obwohl es also keine lebendige Erinnerung mehr an dieses Schlüsselereignis der Weltgeschichte gibt, ist es im gesamten Vereinigten Königreich nach wie vor von größtem öffentlichem und wissenschaftlichem Interesse. Diese Aufmerksamkeit dürfte sich im Zuge der Gedenkveranstaltungen zu den hundertsten Jahrestagen seiner wichtigsten militärischen Etappen zwischen 2014 und 2018 noch einmal verstärken und wohl auch ihren Höhepunkt erreichen. Was genau es mit dem britischen Interesse am Ersten Weltkrieg auf sich hat, ist eine komplexe Frage. (…)

Heonik Kwon

Brüderlich vereint. Bürgerkriegstote in Vietnam und Europas
Moderne Soldatenfriedhöfe verkörpern einige zentrale Grundsätze des modernen politischen Lebens wie die der Gleichheit und der Brüderlichkeit. Die Kriegsgräberstätten aus dem Ersten Weltkrieg, die sich durch Nordfrankreich und Westflandern an der ehemaligen Westfront entlangziehen, sind in dieser Hinsicht besonders bemerkenswert. Die sterblichen Überreste der gefallenen Soldaten wurden hier in schmucklosen, identischen Einzelgräbern beerdigt, ohne dass dabei Rücksicht auf die soziale Herkunft der Toten und etwaige Klassenunterschiede genommen worden wäre – weshalb man diese Form der prinzipiellen Gleichbehandlung auch als »Demokratie des Todes« bezeichnet hat. (…)

Weitere Beiträge von Heonik Kwon


Martin Kronauer

Matthäuseffekt und Teufelskreis. Inklusion und Exklusion in kapitalistischen Gesellschaften
In den Gesellschaften Europas breiten sich die soziale Entsicherung und Exklusion von Lohnabhängigen aus. Neue Spaltungslinien brechen auf, die die Fundamente demokratischen Zusammenlebens zerstören. Um Exklusion verstehen und erst recht, um ihr entgegenwirken zu können, ist es unverzichtbar, sich über zwei zentrale Aspekte des Problems Rechenschaft abzulegen: über die Mehrdimensionalität von Inklusion und Exklusion sowie, in engem Zusammenhang damit, über den Prozesscharakter von Exklusion. Beide werfen grundlegende theoretische und praktische Fragen auf. Welche Dimensionen sind für Zugehörigkeit und Teilhabe besonders relevant, welche weniger, und warum? Vor allem aber stellt sich die Frage: In welcher Beziehung stehen diese Dimensionen zueinander? (…)

Weitere Beiträge von Martin Kronauer


François Dubet

Der Wille zur Gleichheit. Ein Zwischenruf zu Ungleichheit und Solidarität in Europa
Nach dreißig »wunderbaren« Jahren des Abbaus sozialer Ungleichheiten im Nachkriegseuropa wächst die Ungleichheit heute überall auf dem Kontinent. Die Schwerreichen sind noch reicher geworden, die Ungleichheit der Vermögen übertrifft die der Einkommen. Arbeitslosigkeit und Prekarität breiten sich aus, während die Erwerbsarmut zunimmt und in den Städten »Ghettos« entstehen, in denen sich Einwanderer und die Ärmsten der Armen zusammendrängen. Man sieht wieder mehr Bettler auf den Straßen. Gleichzeitig scheinen die Ideen, Überzeugungen und Institutionen, die für ein gewisses Maß an Solidarität sorgen, durch den Rückzug des Wohlfahrtsstaates in Mitleidenschaft gezogen. Sie werden geschwächt durch den zunehmenden Populismus und Rassismus, das allgemeine Misstrauen in die Politik, den Sicherheitswahn, nationalistische Bestrebungen wohlhabender Regionen, die nicht mehr für die anderen mitbezahlen wollen, Betrug und Steuerflucht, die Abwendung all jener, die sich gegen Arme und Ausländer abschotten, die Exit-Strategie derer, die öffentliche Dienstleistungen durch private ersetzen … (…)

Leseprobe
Weitere Beiträge von François Dubet


Gerd Hankel

Ruanda. Überlegungen zum Völkermord aus dem Abstand von zwanzig Jahren
(…) Drei Monate brauchte die Rebellenarmee, um das Land zu erobern. Ein großer Teil der Hutu-Bevölkerung, darunter viele Täter, befand sich auf der Flucht in das benachbarte Ausland, vor allem nach Zaire, wie der Kongo damals noch hieß. Ein Staat Ruanda existierte nur noch dem Namen nach, als eine völkerrechtliche Hülle über Leichenfeldern, mit mehr Hunden und Geiern als menschlichen Überlebenden. Augenfälliger war ein Versagen der vielbeschworenen internationalen Gemeinschaft nicht vorstellbar. Umso intensiver gestaltete sich ihr Einsatz, nachdem alles vorbei war. Wie um das eigene Versagen vergessen zu machen, unterstützten die USA, Großbritannien, Belgien und weitere europäische Staaten, unter ihnen auch Deutschland, die neue ruandische Regierung mit erheblichen Geldsummen und technischem Wissen beim Wiederaufbau des Landes. (…)

Weitere Beiträge von Gerd Hankel


Aus der Protest-Chronik

23. Juli 1968
Obwohl die erste überlieferte Flugzeugentführung bereits 1931 stattfand, treten derartige Ereignisse erst Jahrzehnte später ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. In den 1960er Jahren nehmen Meldungen über Passagiermaschinen, die beispielsweise nach Kuba entführt werden, deutlich zu. In den meisten Fällen handelt es sich um Verzweiflungstaten von Flüchtlingen. Besonders drastisch steigt die Anzahl der Entführungen im Jahr 1968an – man zählt insgesamt 27 Fälle. Im Sommer dieses Jahres erfährt das aircraft hijacking, wie die Luftpiraterie international gemeinhin bezeichnet wird, zudem einen dramatischen Wandel, denn es vollzieht sich eine Entwicklung von bis dato individuell geplanten Flugzeugentführungen hin zur Verwendung entführter Flieger im Zuge einer terroristischen Strategie. Nun geht es nicht mehr um Einzelfälle, sondern um miteinander verknüpfte Terrorakte, hinter denen eine organisierende Kraft steckt, für die derartige Operationen ein probates Mittel in einem militärischen Kampf zwischen ungleichen Gegnern darstellen. (…)