Heft 1-2 - April/Mai 2015

Affekte regieren

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Weitere Hefte zu "Soziale Beziehungen"

Editorial

London, Anfang der 1760er-Jahre. Samuel Johnson, der im 18. Jahrhundert nach William Shakespeare meistzitierte englische Schriftsteller, setzt einen Brief auf: »Der Mensch unterwirft sich jeder Regel«, schreibt er seinem italienischen Freund Giuseppe Baretti, »durch die er vom Joch der Stimmung und des Zufalls erlöst wird. Er ist froh, durch äußeren Zwang seinen eigenen Mangel an Stetigkeit und Entschlusskraft ausgleichen zu können, und sucht Fremdherrschaft, wenn lange Erfahrung ihn davon überzeugt hat, dass er nicht imstande ist, sich selber zu beherrschen.« Die Briefstelle hat James Boswell, Dr. Johnsons Biograf und Eckermann, überliefert, weil sie ein Grundthema europäischer Aufklärung, ja ein Leitmotiv abendländischen Denkens anschlägt. Schon Platon fragte sich, wie bei allem Wandel der inneren und äußeren Natur Beständigkeit gesichert werden könne. Durch Herrschaft, also eine Politik, die im Wesentlichen Psychagogik sein müsse, lautete die traditionsbildende Antwort der platonischen Philosophie.
Um die andauernden Veränderungen erträglich zu machen, sind Regierung und Selbstregierung unabdingbar.
Interessant ist, dass Dr. Johnson im Zufall, jener launenhaften Göttin, die Machiavelli zwei Jahrhunderte zuvor auf den Namen »fortuna« taufte, und in den Stimmungen der Menschen die mächtigsten Widersacher aller Stetigkeit ausmacht. Seine Sichtweise subjektiviert das Ordnungsproblem: Da die Launen, Stimmungen, Gefühle und Leidenschaften unsere Souveränität gefährden, müssen die Affekte regiert werden. (...)

Valentin Groebner, Michael Wildt

Leni Riefenstahl, Końskie, 12. September 1939. Hinschauen, fühlen, fotografiert werden

Das Foto zeigt nicht das Entsetzliche, sondern nur seine Wirkung auf diejenigen, die es mit eigenen Augen sehen. Eine Gruppe von Wehrmachtssoldaten und eine Frau schauen über den Kopf des Fotografen hinweg auf etwas Unsichtbares, das sich vor ihnen abspielt, jedoch im Rücken des Betrachters. Das Gesicht der Frau ist verzerrt, der Mund halb geöffnet, in einer Grimasse, die sich als Schrecken und Abwehr deuten lässt. Ihre Mimik wirkt umso stärker, als der Gesichtsausdruck des schnauzbärtigen Mannes direkt neben ihr betont kühl und gefasst erscheint; auch die Gesichter der beiden jüngeren Soldaten im Vordergrund sind wenig bewegt.
Aufgenommen wurde die Fotografie wenige Tage nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, am 12. September 1939 in dem polnischen Dorf Końskie.1 An diesem Nachmittag sollten in Końskie vier deutsche Soldaten begraben werden, deren Leichen gefunden und in der örtlichen Kirche aufgebahrt worden waren. Gerüchte schwirrten, sie seien grausam verstümmelt worden. Soldaten einer Luftaufklärungseinheit der 10. Armee, die sich zu der Zeit in Końskie befand, trieben aus den Häusern etwa vierzig bis fünfzig polnische Juden zusammen, die auf dem Marktplatz eine Grube ausheben sollten. Einigen gab man Schaufeln, andere mussten mit den bloßen Händen graben. (...)

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Jan Philipp Reemtsma

Warum Affekte?

Man spricht im Allgemeinen und recht allgemein über Affekte, als seien sie etwas, das zu einer Handlung, einem Benehmen hinzukommt, es färbt, ihm Intensität verleiht, jedenfalls als seien sie etwas, das einem anderen beigeordnet sei. Sozialwissenschaftlich fragt man, in welcher Weise »Affekte eine Rolle spielen bei …«. Etwas geschieht, etwas kommt hinzu, und es geschieht auf (etwas) veränderte Weise: vorzeitig, schneller, heftiger, länger.
Oder: Es geschieht auf (scheinbar) veränderte Weise, und man muss herausfinden, was es »hinter dem Schleier der Emotionen« mit dem Ereignis »wirklich« auf sich hat. So betrachtet scheint die Wirkung von Emotionen der eines Brandbeschleunigers vergleichbar, der ja ebenfalls nicht »die eigentliche Ursache« des Brandes ist. Oder sie werden als etwas verstanden, das, indem es hinzukommt, ein Ereignis in eine andere Bahn lenkt oder es gleichsam denaturiert (»verselbständigt«). Es ist dann etwas anderes geworden – aber nur scheinbar. Die Theorie leistet nun, was in der Realität nicht geschehen ist – sie kühlt die Sache ab.
Geht man auf diese Weise etwa an das Phänomen ethnischer Gewalt heran, so wird man vermutlich davon sprechen, dass Agitatoren Konflikte »anheizen«, oder man wird davon reden, dass Ressentiments »instrumentalisiert« werden. Meist wird man so tun, als könne man die Ereignisse und »die sie begleitenden Emotionen« gut unterscheiden. (...)

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Andreas Reckwitz

Praktiken und ihre Affekte

Die Praxistheorien haben den Anspruch, einen anderen Blick auf das Soziale wie auf das menschliche Handeln zu werfen. Das intensive Interesse, das praxeologische Ansätze in den letzten zehn Jahren in den Sozialwissenschaften international auf sich gezogen haben, ist in einer weit verbreiteten Wahrnehmung des Ungenügens überkommener sozialtheoretischer Vokabulare begründet. Sie vermögen die gegenwärtige empirische Forschung offenbar nur mangelhaft zu inspirieren. Dieses Ungenügen betrifft vor allem den Dualismus zwischen individualistischen Ansätzen, die am nutzenkalkulierenden Handlungsakt ansetzen, und holistischen Ansätzen, die von Normsystemen oder übersubjektiven Kommunikationsprozessen ausgehen. Es betrifft ebenso den Dualismus zwischen einem radikalen Kulturalismus der Diskurse und Zeichensysteme und einem Materialismus biologischer Prozesse.
Bei aller Unterschiedlichkeit im Detail markiert die praxeologische Theoriefamilie in beiden Hinsichten eine Gegenposition. Zentral für sie ist, dass der Ort des Sozialen nun in Praktiken gesucht wird, das heißt, in körperlich verankerten und von einem kollektiven impliziten Wissen getragenen Verhaltensroutinen. (...)

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Frédéric Lordon

Institutionen in der Gesellschaft der Affekte

»Dramatisierung« nennt Gilles Deleuze die Methode, ein Problem zu stellen, die auf Wesensbestimmungen und »Was ist …?«-Fragen verzichtet. Stattdessen konzentriert sie sich auf operative Sondierungen und strategische Untersuchungen der Effizienz und Wirksamkeit: »Wo? Wann? Wer? Wieviel? Wie?« Wahrscheinlich täte es den Sozialwissenschaften gut, ihr Nachdenken über Institutionen zu »dramatisieren«, macht man sich einmal klar, dass die Frage »Was sind Institutionen?« bisher (fast) ihre gesamte Aufmerksamkeit beansprucht hat. Schon der Begriff der Institution ist derart weit gefasst, wenn nicht dehnbar, seine Verwendung innerhalb verschiedener Theorieströmungen derart unterschiedlich und speziell, auch wenn unausgesprochen stets der Oberbegriff »die Institutionen« reklamiert wird, dass es keineswegs überflüssig gewesen ist, für ein wenig Ordnung zu sorgen. Allerdings hat sich der aus diesem Ehrgeiz hervorgegangene Definitionsstreit, was seine Ergiebigkeit anlangt, entweder als wahnsinnig oder als trostlos erwiesen, je nach Standpunkt – wahnsinnig in Anbetracht der Fülle an Allgemeindefinitionen, die mittlerweile in Umlauf sind, trostlos im Hinblick auf ihre ungeheure Streuung und den daraus resultierenden nahezu vollständigen Mangel an begrifflicher Übereinstimmung, sowie schließlich auch angesichts des minimalen Fortschritts gegenüber der weitgefassten Umschreibung, die seinerzeit Paul Fauconnet und Marcel Mauss mit feinem Gespür vorgenommen hatten. (...)

Juliane Rebentisch

Der schwache Bürger, die unreine Souveränität und das Phantom Öffentlichkeit

Der Titel von Walter Lippmanns 1925 erschienenem Buch The Phantom Public musste all jenen Zeitgenossen, die von demokratischer Volkssouveränität träumten, wie eine gigantische Provokation erscheinen. Lippmanns Destruktion des Rousseau’schen Traums von einer Demokratie, in der sich alle Bürger zusammenschließen, um einen vernünftigen Gemeinwillen auszubilden, der über die öffentlichen Angelegenheiten entscheidet, mochte vielmehr auf den ersten Blick selbst politisch suspekt erscheinen: Hier schien einer der demokratischen Öffentlichkeit nicht zuletzt deshalb zu misstrauen, weil er selbst den alten Eliten anhing. Doch die Einwände von Lippmann enthielten – trotz der unzweifelhaft elitären Perspektive, aus der sie vorgebracht sind – auch Punkte, die gerade von erklärten Demokraten ernst genommen wurden. So nahm John Dewey Lippmanns The Phantom Public gegen den Vorwurf des Undemokratischen mit dem Hinweis in Schutz, dass das Buch nicht mit der Demokratie aufräumen wolle, sondern lediglich mit einer falschen, einer irreführend enthusiastischen Demokratietheorie, die den »Verstand abgelenkt und die Leidenschaften aufgestachelt« habe. Lippmann hingegen trete für eine realistische, eine ernüchterte und gemäßigte Demokratietheorie ein, die sich aber gerade dadurch als politisch anschlussfähig erweise. Denn um funktionieren zu können, brauche »die Demokratie gezügelte Leidenschaften und klaren Verstand«. (...)

Karsten Malowitz, Veith Selk

Angst in Bielefeld. Über ein ausgeschlossenes Gefühl in der Systemtheorie

Seit einigen Jahren werden die politische Wirkung, Funktion und Bedeutung von Emotionen und Affekten in Soziologie und Politikwissenschaft intensiv diskutiert. Vor allem das Gefühl der Angst erfährt große Aufmerksamkeit. Trotz einiger Ausnahmen fehlt es aber weiterhin an systematischen Beiträgen sowohl zu einer politischen Theorie der Emotionen als auch zu einer politischen Theorie der Angst. In einer solchen Situation mag es nützlich sein, einen frischen Blick auf bekannte Theorien zu werfen, um sich neu zu orientieren. Die folgenden Ausführungen zielen darauf ab, das Anregungspotenzial von Luhmanns Systemtheorie der Politik auszuloten und danach zu fragen, auf welche Art und Weise das Verhältnis von Angst und Politik in ihr thematisiert, beobachtet, beschrieben und bewertet wird. Zu dem Zweck schlagen wir vor, vier Ebenen der Analyse zu unterscheiden: Erstens die Theorie-Motive, das heißt, die Erkenntnisinteressen, Ziele, Zwecke und motivationalen Triebfedern, die der Theoriebildung zugrunde liegen beziehungsweise ihr genetisch wie normativ vorausgehen. Zweitens die Ebene des Objektbereichs der Theorie, also das, was beobachtet und beschrieben wird. Drittens die kategorial-begriffliche Ebene, die Grundbegriffe, Annahmen und Register der Theorie. Und viertens die Ebene der Theorie-Wirkung, mithin die Effekte, die der Theorie als einer Form des Orientierungswissens zukommen. (...)

Tim B. Müller

»Education sentimentale« nach dem Ersten Weltkrieg. Emotionale Bestandsvoraussetzungen der Demokratie

Der historischen Methode ist es verwehrt, auf seriöse Weise historische Entwicklungen analytisch auf eine einzelne Emotion oder komplexere Affektlagen zurückzuführen. Möglich ist es ihr, die Wahrnehmungen und Thematisierungen eigener Affekte durch historische Akteure zu rekonstruieren oder den Bedeutungswandel von Begriffen, mit denen Gefühle und ihre Bündelungen benannt werden, in historischen Kontexten nachzuvollziehen. Unter diesem Gesichtspunkt kann sie auch Handlungen von Affekten ableiten oder von einem Zeitalter der Angst oder der Liebe sprechen, wenn die Quellen eine solche Wahrnehmung des eigenen Handelns oder der eigenen Gegenwart zum Ausdruck bringen. In diese Richtung zielten frühere Unternehmungen der Mentalitätengeschichte. Die Geschichtswissenschaft kann zudem vielleicht, unter behutsamer Bezugnahme auf psychoanalytische Instrumente, andeuten, welche psychischen Erschütterungen zugrunde liegen, wenn die Quellen verstummen oder über persönliche und gesellschaftliche Katastrophen Schweigen gebreitet wird.(...)

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Bernd Greiner

Made in U. S. A. . Über politische Ängste und Paranoia

»›Wenn Reverend Falck‹, entgegnete Doremus Jessup, ›mir die Antwort verzeihen will, zum Teufel mit eurem: nicht möglich! Nennt mir doch ein anderes Volk, das so viel Anlage zur Hysterie hätte wie unseres. […] Wißt ihr noch: die Zeit des roten Schreckens und der Katholikenfurcht? Als jeder wohlinformierte Mann im Lande wußte, daß […] der  republikanische Wahlfeldzug gegen den Katholiken Al Smith bei der Bergbevölkerung von Carolina unter der Parole geführt wurde, wenn Al siegt, wird der Papst ihre Kinder für unehelich erklären! […] Gedenkt der Night-riders aus Kentucky und der wilden Freude, die viele unter uns über einen Lynchmord empfinden! Bei uns nicht möglich? Hat man zur Prohibitionszeit etwa nicht Leute niedergeschossen, weil sie möglicherweise Schnaps schmuggelten? […] Wir sind in diesem Moment alle bereit, zu einem Kinderkreuzzug aufzubrechen – zu einem Kreuzzug von Erwachsenen‹.« Starker Tobak, erst recht, wenn man die Umstände der Zeit bedenkt (...)

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Sven Opitz

Zeitnotstandsgesetze. Affekte und Recht im Antiterrorkrieg

Auch wenn die Schließung des Lagers von Guantanamo Bay immer noch aussteht, befindet sich die exterritoriale Inhaftierung nicht mehr im Mittelpunkt der politischen Aufmerksamkeit. Die Signatur des weltweiten Antiterrorkampfes ist heute vielmehr die Praxis des sogenannten targeted killling. Anstelle eines konventionellen Einsatzes von Streitkräften werden dabei Zielpersonen durch Sonderkommandos sowie vor allem durch unbemannte Fluggeräte per Fernsteuerung getötet. Bemerkenswert an dieser Verschiebung vom »globalen Kriegsgefängnis« zum »globalen Schlachtraum« ist insbesondere der Umstand, dass die Intensität der moralischen Empörung tendenziell abgenommen hat. Im vergangenen Jahr wurde von amerikanischer Seite zum 500. Mal eine Operation der gezielten Tötung außerhalb der offiziellen Kriegsschauplätze im Irak und in Afghanistan durchgeführt, ohne dass die Maßnahmen zu größeren Kontroversen geführt hätten. Nach Schätzungen haben 3 674 Menschen durch die gezielten Tötungen ihr Leben verloren, darunter 473 Personen, die als Zivilisten eingestuft werden. (...)

Ulrich Bröckling

Gute Hirten führen sanft. Über Mediation

Mediation ist ein prominentes Beispiel für die Transformation einer alltäglichen Kommunikationspraxis, hier: des Schlichtens von Konflikten durch Hinzuziehung eines unbeteiligten Dritten, in eine methodisch angeleitete, von eigens dafür ausgebildeten Experten betriebene, wissenschaftlich beforschte und institutionell abgestützte Sozialtechnologie. Ähnlich dem Aufstieg anderer Sozialtechnologien wie Supervision, Coaching oder Evaluation markiert auch die rasante Ausbreitung, Professionalisierung und rechtliche Verankerung von Mediationsverfahren, wie sie in Deutschland etwa seit Ende der 1980er-Jahre stattgefunden hat, eine Umstellung in den Modi des Regierens und Sich-selbst-Regierens oder, um einen Terminus Michel Foucaults aufzugreifen, eine Umstellung in den Formen gouvernementaler Machtausübung. Sie geht einher mit einem veränderten Verständnis von Konflikten und den daran beteiligten Akteuren, von deren Interessen, aber auch ihren Emotionen. Mediationsverfahren versprechen rationalen Interessenausgleich, sie etablieren aber auch ein spezifisches Affektregime. (...)

Weitere Beiträge von Ulrich Bröckling


Greta Wagner

Besser werden. Praktiken emotionaler Selbststeuerung

Es entstehen immer mehr Produkte, die bei der Realisierung eigener Pläne helfen sollen. Sie unterstützen Anstrengungen, das in die Tat umzusetzen, was man sich vorgenommen hat. Sogenannte self-punishing products, wie etwa die Website StickK.com, bieten sogar selbstgewählte Bestrafungen für den Fall an, dass die Kundin willensschwach wird: Sie deponiert Geld auf einem Konto und verliert den Betrag, falls sie ihr Ziel (das Rauchen einzustellen, abzunehmen etc.) nicht erreicht. Auch über den Empfänger der Summe kann sie selbst entscheiden, wobei die Kundin sich nicht auf für sie als unterstützenswert geltende NGOs beschränken muss. Mit der Wahl von »Anti-Charity, which is an organization you hate«, lassen sich potenzielle Empfänger des deponierten Betrags bestimmen, deren Ziele die Kundin ablehnt, womit sich ihre Handlungsmotivation unter Umständen noch verstärkt. Wer könnte in dem Wissen weiter rauchen, mit seiner schlechten Gewohnheit auch noch eine missliebige Partei finanziell zu unterstützen? Nur neoklassisch geschulte Ökonomen wird es überraschen, dass Akteure derlei Hilfe brauchen, um nutzenmaximierend zu handeln. Offenbar wird das Unterfangen, tatsächlich umzusetzen, was man sich vorgenommen hat, ohne sich von der Verwirklichung eigener Absichten durch Unlustgefühle abbringen zu lassen, von sehr vielen als Herausforderung wahrgenommen. (...)

Jens-Christian Rabe

Agieren, reagieren, abreagieren . Hass als populäre Kunst

Im Laufe der Befreiung von moralischen Autoritäten – die im Westen seit der europäischen Aufklärung, im Fall unseres Landes tatsächlich breitenwirksam erst seit nunmehr fünfzig, sechzig Jahren erfolgte – ist deutlich geworden, dass säkularisierte Massenkollektive, die sich bei uns als liberale kapitalistische Demokratien formiert haben, am Ende doch auf die Moral nicht ganz verzichten können. Wäre es anders, gäbe es hierzulande nicht regelmäßig große und sehr emotional geführte Wertedebatten – und niemand käme auf die Idee, dass deutscher Gangster-Rap, norwegischer Black Metal oder serbischer Turbofolk so etwas wie eine gesellschaftliche Bedrohung darstellen könnten. Oder dass diese Genres immerhin Überzeugungen, Einstellungen oder Affekte zum Ausdruck bringen, die wir zwar eine gute Weile ignorieren können, die am Ende aber zu resistent und zu langlebig sind, als dass sie für ein demokratisches Gemeinwesen vollkommen bedeutungslos wären.
Im Juli 2013 war die Empörung über den erfolgreichsten deutschen Gangster-Rapper Bushido dementsprechend groß. Auf der Single »Stress ohne Grund« seines Schützlings Shindy schmähte er in bislang ungekannter Härte den damaligen Berliner Oberbürgermeister Klaus Wowereit für seine Homosexualität; dem FDP-Politiker Serkan Tören und der damaligen Grünen-Chefin Claudia Roth drohte er offen mit dem Tod. (...)

Weitere Beiträge von Jens-Christian Rabe


Literaturbeilage

Christoph Nübel

Neuvermessungen der Gewaltgeschichte. Über den »langen Ersten Weltkrieg« (1900–1930)

Gewalt, wohin man schaut: Im 21. Jahrhundert scheinen sich, so wird mit Blick auf die Krisenherde der Gegenwart argumentiert, deutliche Parallelen zu den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts aufzutun. Letztere gelten in der Geschichtsschreibung als eine Epoche, die ein bislang nicht gekanntes Ausmaß an Leid und Unterdrückung kennzeichnet. Die  Gewaltgeschichte Europas – die freilich nicht auf den Kontinent selbst beschränkt bleiben kann, da Gewalt einer seiner bevorzugten Exportartikel war – hat in den letzten Jahren erhebliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Drei neuere Entwicklungen werden in der jüngeren Forschung sichtbar. Sie hat sich erstens von ihrer Fokussierung auf den Holocaust als »the defining event of the twentieth century« gelöst und fragt inzwischen allgemeiner nach der Bedeutung von Gewaltereignissen, ohne deren Relevanz allein aus einem Zusammenhang mit der NS-Vernichtungspolitik abzuleiten. Gleichwohl werden diesbezügliche Debatten immer wieder geführt, zumeist auf nur dünner empirischer Basis. Zweitens widmet sich die Forschung nun zunehmend Akten und Dynamiken der Gewalt, die sie als Formen sozialer Praxis begreift, anstatt nur nach ihren Ursachen und Folgen zu fragen, womit die eigentlichen Gewaltpraktiken unberücksichtigt bleiben würden. Gewalt ist drittens sogar zu einem historiografischen Narrativ geworden. (...)

Jan Philipp Reemtsma

Über einige Witze

Der erste Witz, an, den ich mich erinnere, den ich komisch fand und den ich weitererzählt habe – wie alt werde ich gewesen sein? Fünf? Sechs? –, ging so: »Gehen zwei an Bahngeleisen entlang. Sagt der eine: Hab ich einen Hunger! Sagt der andere (auf die Geleise zeigend): Iss doch die da! Sagt der eine: Die sind mir zu hart. Sagt der andere: Dann warte bis zu den Weichen.« Das fand ich, und alle, denen ich den Witz erzählt habe, sie waren so ungefähr in meinem Alter, komisch. Den Witz findet jemand komisch, der bereits gewohnt ist, Äquivokationen zu verwenden, aber noch nicht so lang, dass er nicht noch ein Echo aus der Zeit empfindet, in der ihm nicht selbstverständlich war, mit einem gleichlautenden Wort zwei ganz verschiedene Dinge/Sachverhalte bezeichnen zu können. So war es möglich, sich über eine ausgedachte Person zu mokieren, die das noch nicht hinbekommt. Gleichzeitig ist man aber noch nicht in eine zureichend ausgebildete Witzkultur hineingewachsen, weshalb man sich über die Pointe derartig amüsiert, ohne zu sehen, wo es hapert (dass auf die erste Frage mit einem ernsthaften »Die sind mir zu hart« geantwortet wird, der erste, vorbereitende Teil des Witzes im Grunde also absurder ist als die Pointe, die folgt). Andererseits muss man zumindest schon wissen, was »ein Witz« ist, um zu verstehen, dass man auf etwas warten muss, die Pointe, bevor auf das Ganze reagiert wird. Jemand, der wirklich »Witze kann«, wird allerdings verlangen, dass diese Erwartung nicht durch eine schlechte Pointenarchitektur (wie im vorliegenden Falle) strapaziert werden darf. (...)

Weitere Beiträge von Jan Philipp Reemtsma


Aus der Protest-Chronik

19. Mai 1973
Im Mittelmeerraum ist auf der Frequenz 1 540 Kilohertz ein bis dahin unbekannter Sender zu hören. Eine Stimme meldet sich mit den Worten: »From somewhere in the Mediterranean,
we are the Voice of Peace.« Dann ertönt ein Popsong, dessen weltweit bekannte Melodie von einer längst aufgelösten Band stammt. Er beginnt voller Spott: »Everybody’s talkin’ about bagism, shagism, dragism, madism, ragism, tagism, this-ism, that-ism, ism, ism ism … Everybody’s talkin’ ’bout ministers, sinisters, banisters and canisters, bishops and fishops, rabbis and pop eyes, bye bye, bye byes … Everybody’s talkin’ about revolution, evolution, masturbation, flagellation, regulation, integrations, meditations, United Nations, congratulations.« Und zwischendurch der wie eine unablässige Wiederholung anmutende Refrain: »All we are saying is give peace a chance«. Es ist die zwar von Paul McCartney (*1942) und John Lennon (1940–1980) gemeinsam komponierte, aber von Letzterem zusammen mit seiner Frau Yoko Ono (*1933) und anderen im Juni 1969 in Montreal gesungene Friedenshymne »Give peace a chance«. Nun erklingt sie als Startsignal für einen außerhalb der Dreimeilenzone vor der Küste Israels stationierten Piratensender. (...)