Heft 1 - Februar/März 2008

Zum Verständnis der Zukunft des Krieges

€ 9,50 Print

Weitere Hefte zu "Kriege"

Seite 1: Von Feminismus kann gesprochen werden

Eine unbeirrbare Gesinnung zu haben, sie durch alle wechselnden und so oft ungünstigen Konstellationen hindurch solange zu behaupten, bis irgendeine zufällig günstige (auf deren Erscheinen man zudem noch keinerlei Einfluß hat) sie endlich honoriert – das ist ein Lebensplan, den man wohl nur Menschen zumuten kann, die zum Heroismus oder Fanatismus bereit sind, also nicht sehr vielen. Eine andere, auch nicht selten zu beobachtende Form der Anpassung ist die Selbstauslöschung, die Flucht in die Unauffälligkeit, der Totstellreflex. Eine dritte sehr wichtige besteht in einer Art Feminisierung, in der Entwicklung der Konsumenteneinstellung und einer neuartigen Passivität. Von Feminismus kann deswegen gesprochen werden, weil wenigstens bisher der ganz vorbehaltlose, mit dem besten Gewissen betriebene Konsum, zumal der Luxuskonsum, ein Privileg der Frauen gewesen ist.

Arnold Gehlen, Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in der industriellen Gesellschaft, Hamburg 1957, S. 41–42

Dokumente: Hans-Jürgen Benedict / Hannah Arendt: Briefwechsel


Wolfgang Kraushaar

Hannah Arendt und die Studentenbewegung. Anmerkungen zum Briefwechsel zwischen Hans-Jürgen Benedict und Hannah Arendt

Das Verhältnis der Studentenbewegung zu Hannah Arendt ist ziemlich eindeutig. Ein Satz reicht aus, um es zu benennen: Es hat keines existiert. Dafür lassen sich gleich mehrere Gründe benennen: Arendt war weder eine Marxistin noch eine Feministin, ihre Totalitarismuskritik galt den meisten linken Studenten als überholt, wenn nicht gar als verfehlt, und sie selbst als eine Ideologin des Kalten Krieges; ihre von Aristoteles und Heidegger maßgeblich beeinflussten Schriften wurden von den damaligen Aktivisten fast vollständig ignoriert. Selbst die linken Studenten sprachen auf dem Campus von Chicago zumeist nur herablassend von »Tante Hannah«. Sie hielten ihre Professorin für antiquiert. Sie sahen in ihr eine philosophische Traditionalistin, die keinen angemessenen Zugang zum Marxismus gefunden hatte. Das Urteil fiel eindeutig aus: Als Idealistin im Grunde liebenswert, gelegentlich auf sympathische Weise querulantisch, theoretisch allerdings hoffnungslos überholt. (…)

Weitere Beiträge von Wolfgang Kraushaar


Dierk Walter

Asymmetrien in Imperialkriegen. Ein Beitrag zum Verständnis der Zukunft des Krieges

Asymmetrische Kriegführung an der Peripherie des europäischen Weltsystems ist in jüngster Zeit auch für die deutschsprachige Geschichtswissenschaft wieder zum Thema geworden. Nicht allein dank der hundertsten Jährung von Schlüsselereignissen wie dem Boxerkrieg 1900/01 und den deutschen Kolonialkriegen in Südwestafrika 1904/05 und Ostafrika 1905–07 finden die eigene Kolonialgeschichte und ihre gewalthaften Erscheinungsformen hierzulande neuerdings wieder Aufmerksamkeit. Auch die Analyse des nationalsozialistischen Expansionskrieges und Genozids 1941–45 greift seit einigen Jahren verstärkt auf die Untersuchung etwaiger kolonialer Wurzeln für Motivationen, Handlungsmuster und Rechtfertigungsstrategien zurück. Ist das neue Interesse für die koloniale Vergangenheit daher im Kern erneut auf die Nationalgeschichte ausgerichtet, so hat sich doch zumindest in einem kleinen Zirkel auch ein Ansatz etabliert, der Kriege, die von der »Ersten« in der »Dritten« Welt geführt werden, systematisch und international vergleichend als distinktes historisches Phänomen zu verstehen und zu beschreiben versucht. (…)

Weitere Beiträge von Dierk Walter


Literaturbeilage

Thomas Powers

Im Zentrum des Sturms. Was Tenet wirklich wusste

Wie es uns in den Irak verschlagen hat, ist die Frage, die allen unter den Nägeln brennt, doch in der Denkschrift seiner sieben Jahre als Leiter der Central Intelligence Agency (CIA) nimmt sich George Tenet alle Zeit der Welt, um sich ganz allmählich an sie heranzutasten. Er zögert, weil er viel erklären muss: Die von Tenets CIA mit »großer Gewissheit« aufgestellten Behauptungen, dass der Irak gefährliche Waffen besitzt, haben sich alle als falsch herausgestellt. Nun sind Fehler eine Sache, die man entschuldigen kann, auch wenn sie gravierend sind; nicht zu entschuldigen wäre es hingegen, Kongress und Bevölkerung mittels geheimer Absprachen hintergangen zu haben, um den Krieg zu ermöglichen – so der Vorwurf. Mithilfe dieses sorgsam geschriebenen Buches möchte Tenet vor allem widerlegen, »dass wir uns die Berichte« über die irakischen Massenvernichtungswaffen »irgendwie aus den Fingern gesogen hätten«. Dieses Thema variiert er unermüdlich. »Was wir dem Präsidenten über die irakischen Massenvernichtungswaffen sagten, sagten wir ihm, weil wir es glaubten.« (…)

Dirk Tänzler

Korruption als Metapher. Tatsachen, Wahrnehmungen, Deutungsmuster

In den letzten Jahren avancierte Korruption zu einem Modethema. An den Tatsachen kann es nicht gelegen haben, denn weder in quantitativer noch in qualitativer Hinsicht sind während dieser Zeit irgendwelche Auffälligkeiten zu registrieren gewesen. Dennoch ist eine veränderte gesellschaftliche Wahrnehmung und Bewertung korrupten Verhaltens zu konstatieren. In der öffentlichen Debatte werden nicht mehr nur singuläre und spektakuläre Skandale, in die einige schwarze Schafe verwickelt sind, verhandelt – Vorgänge, die gern als Auslöser gesellschaftlicher Selbstreinigungsprozesse gedeutet werden und bezeugen sollen, dass Deutschland keine Bananenrepublik, sondern eine funktionierende Demokratie sei. Gegenüber solch konservativen, im Grunde beschwichtigenden Deutungen, wie sie etwa in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die Kohl-Affäre zu finden sind, geht es aus (links )liberaler (vgl. Süddeutsche Zeitung) und neowirtschaftsliberaler Sicht dagegen unisono um die Bekämpfung strukturell bedingter Verfehlungen in der Gesellschaft. (…)

Beitrag lesen


Autoren


Aus der Protest-Chronik

8./18. Oktober 1968
Eine Kommune sorgt in Hamburg mit zwei kurz aufeinander folgenden Aktionen, die als Happenings inszeniert werden und eine als verlogen empfundene Sexualmoral attackieren sollen, für Schlagzeilen. Die Gruppierung ist aus der 1964 gegründeten Künstlerassoziation Cruizin 4 hervorgegangen. Sie gilt als besonders experimentierfreudig und trägt den ungewöhnlichen Namen Ablaßgesellschaft. Nicht ohne Ironie bezieht sich die Selbstbezeichnung der Hamburger Kommunarden auf den Ablasshandel des Dominikanermönchs Johann Tetzel (1465–1519), dessen Geschäftigkeiten seinerzeit Martin Luther auf den Plan riefen und insofern zur Vorgeschichte der Reformation gehören. Die Hamburger Ablaßgesellschaft, die sich wie andere Kommunen auch von der Berliner Kommune I hat inspirieren lassen, setzt sich aus 18 Personen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren zusammen. Sie leben in zwei Großraumwohnungen in der Innocentiastraße 21 und in der Eilenau 9. Haupteinnahmequelle der Gruppe ist ein von ihr betriebenes Fotostudio, wo einzelne Mitglieder – wie beispielsweise das Model Mascha Rabben, das gelegentlich im Satire-Magazin Pardon abgebildet ist – an shootings teilnehmen. (…)

 
Pressestimmen
»Mittelweg 36, die Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, hat zwei Briefe in Faksimile veröffentlicht, versehen mit einem Kommentar von Wolfgang Kraushaar. Aus ihnen kann man Hannah Arendts Haltung zu den 68ern ablesen. (…) Arendts ausführliche Antwort auf dreieinhalb Schreibmaschinenseiten an den ihr persönlich unbekannten jungen Deutschen, Hans-Jürgen Benedict, ist eine schöne Unterweisung in Pädagogik, politischer Urteilskraft und Engagement. Gerne gesteht sie Irrtümer zu und macht sich Sorgen um die amerikanischen Irrwege. (…) Fatalerweise haben die 68er Arendts Einsicht, die sie in ihrem Brief so pointiert formuliert hatte, erst spät begriffen: ›Worauf es politisch ankommt, ist limitiert denken lernen.‹«
Alexander Cammann, die tageszeitung, 27. Februar 2008
»Wie ist unter den Bedingungen der Globalisierung politische Verantwortung – nicht der Funktionsträger, sondern der einzelnen Individuen – zu denken? Würde Hannah Arendt das dezidierte Plädoyer für eine Limitierung des politischen Handelns und Denkens aufrechterhalten, mit dem sie Ende der sechziger Jahre auf Fragen der deutschen Studentenbewegung reagierte? Die Zeitschrift Mittelweg 36 dokumentiert Arendts damalige Auseinandersetzung mit dem Marburger Theologiestudenten Hans-Jürgen Benedict durch einen bisher unveröffentlichten, von Wolfgang Kraushaar kommentierten Briefwechsel. In ihm ging es unter anderem um die Frage nach der Verantwortung gegenüber der Dritten Welt im Allgemeinen und Vietnam im Besonderen. Arendt wollte damals unterscheiden zwischen möglichst universalem wahrnehmenden Engagement und konkreter politischer Verantwortung.«
Barbara von Reibnitz, Neue Zürcher Zeitung, 27. Februar 2008