Heft 1 - Februar/März 2009

Sexuelle Gewalt in kriegerischen Konflikten

€ 9,50 Print

Weitere Hefte zu "Kriege"
Weitere Hefte zu "Gewalt"

Seite 1: Habitués der Spielhöllen

Es ist unmöglich, zu erwarten, es werde einem Bourgeois jemals gelingen, die Phänomene der Verteilung der Reichtümer zu begreifen. Denn in dem Maße, wie die mechanische Produktion sich entwickelt, wird das Eigentum entpersönlicht und in die kollektive unpersönliche Form der Aktiengesellschaften gekleidet, deren Geschäftsanteile schließlich im Strudel der Börse herumwirbeln… Sie werden… von den einen verloren, von den anderen gewonnen, und zwar in einer Weise, die so sehr dem Spiele ähnelt, daß die Börsengeschäfte tatsächlich Spiel genannt werden. Die ganze moderne ökonomische Entwicklung hat die Tendenz, die kapitalistische Gesellschaft mehr und mehr in ein riesiges internationales Spielhaus umzuwandeln, wo die Bourgeois Kapitalien gewinnen und verlieren infolge von Ereignissen, die ihnen unbekannt bleiben… Das »Unerforschliche« thront in der bürgerlichen Gesellschaft wie in einer Spielhölle… Erfolge und Mißerfolge, aus unerwarteten, im allgemeinen unbekannten und dem Anschein nach vom Zufall abhängigen Ursachen prädisponieren den Bourgeois zur Seelenverfassung des Spielers… Der Kapitalist, dessen Vermögen in Börsenwerten angelegt ist, deren Preis- und Dividendenschwankungen er in ihren Ursachen nicht kennt, ist ein professioneller Spieler. Der Spieler aber… ist ein höchst abergläubisches Wesen. Die Habitués der Spielhöllen haben immer magische Formeln, um das Schicksal zu beschwören; der eine murmelt ein Gebet zum heiligen Antonius von Padua oder irgend einem anderen Geiste des Himmels, ein anderer setzt nur, wenn eine bestimmte Farbe gewonnen hat, ein dritter hält mit der linken Hand eine Hasenpfote fest usw. Das Unerforschliche sozialer Art umhüllt den Bourgeois, wie das Unerforschliche der Natur den Wilden.

Paul Lafargue, »Die Ursachen des Gottesglaubens«, in: Die Neue Zeit, Wochenzeitschrift der Deutschen Sozialdemokratie, Stuttgart 1906, XXIV, S. 512; zit. von Walter Benjamin in: Gesammelte Schriften V.1, S. 621.

Bilder: Bilder


Thema

»Meine Not ist nicht einzig«. Sexuelle Gewalt in kriegerischen Konflikten - ein Werkstattgespräch

Kirsten Campbell

Transitional Justice und die Kategorie Geschlecht. Sexuelle Gewalt in der Internationalen Strafgerichtsbarkeit

In den derzeitigen Diskussionen zur Transitional Justice wird immer deutlicher, dass beim Umgang mit Konflikten und Konfliktfolgen auch die Kategorie Geschlecht berücksichtigt werden muss. Einen deutlichen Schub erhielt diese Anerkennung der geschlechtlichen Dimension durch die Entwicklung der internationalen Regelungen zu sexueller Gewalt in bewaffneten Konflikten.
Im Folgenden beleuchte ich die komplexe Beziehung zwischen der Frage des Geschlechts und den Mechanismen der rechtlichen Verantwortung in der internationalen Transitional Justice. Ich untersuche, wie das Geschlecht die rechtlichen Mechanismen strukturiert, wobei ich mich auf den sich derzeit rasch entwickelnden Bereich der strafrechtlichen Verfolgung sexueller Gewalt in bewaffneten Konflikten konzentriere. Im Mittelpunkt der Analyse steht die These, dass bisher völkerrechtliche Regeln und Praktiken die bestehenden hierarchischen Geschlechternormen verkörpern und fortschreiben, statt sie zu transformieren. Ich betrachte zunächst die Konzeption sexueller Gewalt als eines strafbaren Vergehens im Internationalen Recht und analysiere im Anschluss daran die geschlechtsspezifische Rechtspraxis in diesbezüglichen Strafverfahren. Abschließend skizziere ich eine Definition des Straftatbestands sexuelle Gewalt in bewaffneten Konflikten, durch die eine gerichtliche Verfolgung sicherzustellen wäre. (…)
Patricia Viseur-Sellers

Die anderen Stimmen. Übersetzer und Ermittler sexueller Gewalttaten in der Internationalen Strafverfolgung

Die Ad-hoc-Gerichtshöfe für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) und Ruanda (ICTR) haben eine beispiellose Sorgfalt bei der Ermittlung, Verfolgung und Rechtsprechung zu sexuellen Gewalttaten gemäß dem humanitären Völkerrecht und dem Internationalen Strafrecht hervorgebracht. Die inzwischen vertraute Aneinanderreihung von Fällen wie Akayesu, Kunarac, Furundžija und Kvočka legen Zeugnis davon ab, dass sexualisierte Gewalt – dazu gehören Vergewaltigungen, Folter und sexuelle Versklavung – heute als Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Akt des Völkermords anerkannt werden kann. Die Statuten der in jüngerer Zeit eingerichteten gemischten, nationalen und internationalen, Gerichte in Sierra Leone und Osttimor und natürlich des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC) umfassen eine differenzierte Aufzählung sexueller Gewaltverbrechen und lassen darauf hoffen, dass die internationale Gemeinschaft daran festhalten wird, geschlechtsspezifische Verbrechen (sex-based crimes) anzuklagen und bei der Durchsetzung internationalen Rechts eine größere Aufmerksamkeit gegenüber dem Faktor Geschlecht (gendered consciousness) walten zu lassen. (…)

Literaturbeilage

Ingwer Schwensen

Sexuelle Gewalt in kriegerischen Konflikten. Auswahlbibliographie für die Erscheinungsjahre 2002 bis 2008


Christian Schneider

Wozu Helden?

Stellen Sie sich folgende Szene vor – sie hat sich tatsächlich ereignet: Ein junger, müde und abgerissen wirkender Mann betritt eine Kneipe. Er ist fremd hier, niemand kennt ihn, aber von seiner Erschöpfung, von seinem Auftritt geht eine gewisse Faszination aus. Desto mehr, als er sich danach erkundigt, ob in dieser Kneipe denn manchmal die Polizei vorbeischaue. Plötzlich hat die Erschöpfung für die anderen Kneipenbesucher eine Erklärung, einen Ursprung, eine Verortung: Der Fremde ist auf der Flucht, er muss sich vor der Polizei hüten. Also hat er ein Verbrechen begangen. Nun geschieht zweierlei. Zum einen wird dem Fremden bedeutet: Nein, mit der Polizei habe man es hier nicht so, er sei an diesem Ort vor ihr sicher. Zum anderen beginnt eine vorsichtige Recherche, warum er die Polizei denn zu fürchten habe. Es beginnt eine Art Verbrechensquiz: Was er denn wohl auf dem Kerbholz habe? (…)

Beitrag lesen
Weitere Beiträge von Christian Schneider


Aus der Protest-Chronik

29. Oktober 1965
Der marokkanische Oppositionsführer Mehdi Ben Barka hat sich mit Filmleuten in der Brasserie Lipp auf dem Boulevard Saint-Germain in Paris verabredet. Das Bistro, das mit seiner deftigen elsässischen Küche nicht gerade als Gourmet-Tempel gilt, hat sich gleichwohl einen Namen als Prominenten-Treffpunkt gemacht. In der Brasserie kehrten bereits Schriftsteller wie Antoine de Saint-Exupéry, André Gide, Alberto Moravia, Françoise Sagan, Ernest Hemingway, Albert Camus und André Malraux ein. Und kurz zuvor fand dort sogar ein von Staatspräsident Charles de Gaulle arrangiertes Versöhnungstreffen zwischen Georges Pompidou und Valéry Giscard d’Estaing statt, das die Presse mit gebührender Aufmerksamkeit bedacht hatte. (…)