Heft 1 - Februar/März 2010

Stalinismus-Forschung

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Seite 1: Die Vergangenheit ist nicht flüchtig

Diese eingebildete Ferne der Vergangenheit ist vielleicht einer der Gründe, die es begreiflich machen, dass sogar große Schriftsteller in den Werken mittelmäßiger Mystifikatoren wie Ossian Schönes und Geniales gefunden haben. Es überrascht uns, dass Barden ferner Zeiten moderne Ideen haben konnten, und wenn wir in dem, was wir für einen alt-gaelischen Gesang halten, eine finden, die uns bei einem Zeitgenossen nicht besonders geistreich vorgekommen wäre, so sind wir schon entzückt. Ein talentvoller Übersetzer braucht einem Alten, den er mehr oder weniger treu erneuert, nur Stücke einzufügen, die, von einem Zeitgenossen gezeichnet und einzeln veröffentlicht, nur eben leidlich erscheinen würden, und schon gibt er seinem Dichter, den er so auf der Klaviatur mehrerer Jahrhunderte spielen lässt, etwas ergreifend Großartiges. Dieser Übersetzer hätte es nur zu einem mittelmäßigen Buch gebracht, wenn dies Buch als sein eignes Werk veröffentlicht worden wäre. Als Übersetzung ausgegeben, scheint es die eines Meisterwerks zu sein. Die Vergangenheit ist nicht flüchtig, sie bleibt an ihrer Stätte.

Marcel Proust, Auf den Spuren der verlorenen Zeit,
in der Übersetzung von Walter Benjamin und Franz Hessel

Thema

Reinhard Müller

Verfolgt unter Hitler und Stalin. Lebenswege der Münchner Kommunisten Anna Etterer und Franz Schwarzmüller

Der Münchner Kommunist Franz Schwarzmüller gehörte nicht zu den »großen Männern« im Moskauer Exil, die wie Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht und Herbert Wehner im »Hotel Lux« logierten. Er und seine Lebensgefährtin Anna Etterer wurden auch nicht in das jüngste Biographische Handbuch der Deutschen Kommunisten aufgenommen. Eine umfassende Überlieferung von Quellen aus Moskauer und deutschen Archiven erlaubt jedoch eine dichte biografische Beschreibung ihrer doppelten Verfolgung unter Hitler und Stalin. In einem Buchprojekt sollen diese Quellen für die deutschen Emigranten in der Sowjetunion wohl exzeptionellen Dokumente zusammen mit der Enkelin Silvana Hilliger und Jürgen Zarusky vorgestellt und kommentiert werden. Dazu gehören neben den Kaderakten der Kommunistischen Internationale und NKWD-Untersuchungsakten auch sieben Briefe Anna Etterers aus dem Gulag und zahlreiche Eingaben Schwarzmüllers an Stalin, Berija, Dimitroff. Nicht nur in diesen Ego-Dokumenten verschränken sich Parteitreue und Widerspruch, »bolshevik speaking« und bajuwarischer Eigensinn. Jenseits der kommunistischen Mythenproduktion überliefern diese Selbstzeugnisse auch Deutungsangebote für die Mentalitätsgeschichte von Kommunisten, für die Ambivalenz von Traum und Trauma im Stalinismus. (…)

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Weitere Beiträge von Reinhard Müller

Jochen Hellbeck

Alltag in der Ideologie. Leben im Stalinismus

Als eines der fesselndsten und aufschlussreichsten Dokumente über den Alltag in der Sowjetunion unter Stalin entpuppten sich die täglichen Aufzeichnungen eines ukrainischen Bauernjungen, der vor der tödlichen Welle der Kollektivierungskampagne aus seinem ukrainischen Dorf nach Moskau geflohen war. Der Vater des Jungen, Filip Podlubnyj, war unter dem Vorwurf des kapitalistischen Wirtschaftens als »Kulakenbauer« in die Verbannung geschickt worden. Seinen 16-jährigen Sohn Stepan verdächtigte man, die feindliche Klassennatur des Vaters geerbt zu haben. Um sich den kommunistischen Fanatikern zu entziehen, suchte Stepan Zuflucht in Moskau, wo ihn niemand kannte. Doch begriff er sein neues Leben in der Stadt auch als Chance, einen Industriearbeiter und gebildeten Bürger aus sich zu machen, um seine Klassenzugehörigkeit zu überwinden und das, was er für seine problematische kulakische Psychologie hielt, hinter sich zu lassen. In diesem Zusammenhang erfüllte sein Tagebuch mehrere Funktionen. Auf einer Ebene betrachtete Stepan Podlubnyj es als einen seiner wenigen Freunde, dem er das Geheimnis seiner verborgenen Herkunft anvertrauen konnte. Auf einer anderen Ebene diente es ihm als eine Art Bewusstseinsfilter, mit dessen Hilfe er seine problematische Vergangenheit auszuscheiden vermochte. Zugleich führte Podlubnyj sein Tagebuch mit einem ganz bestimmten Hintergedanken: Es sollte ihm als Rohmaterial für ein autobiografisches Werk dienen, das er eines Tages zu publizieren gedachte, einen Roman, für den er bereits einen Titel hatte: »Das Leben einer überlebten Klasse, ihre geistige Wiedergeburt und Anpassung an die neuen Bedingungen«. (…)

Der Fall Heinz Just

Im Zeitraum von 1950 – dem Jahr der Wiedereinführung der Todesstrafe in der Sowjetunion – bis 1953 – dem Todesjahr Stalins – verhängte das sowjetische Militärtribunal des Truppenteils 48240, das oberste SMT auf dem Territorium der DDR, 927 Todesurteile gegen deutsche Staatsangehörige. Die Opfer waren unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Kooperation mit der DDR-Staatssicherheit verhaftet und der Spionage bezichtigt worden. Die Urteile erfolgten nach dem berüchtigten Artikel 58 des sowjetischen Strafgesetzbuchs, der für dieses Delikt die Todesstrafe vorsah. Als Spionage konnte in diesen Fällen jeder Kontakt nach West-Berlin oder Westdeutschland oder der Besitz eines westlichen Druckerzeugnisses gelten. Viele der Opfer, so auch im nachfolgend dokumentierten Fall des Dresdner Studenten Heinz Just, waren Jugendliche. (…)
Fridrikh Firsov

Die Komintern. Außenpolitisches Instrument des Stalin’schen Regimes

Anhand neuer Dokumente, in erster Linie Chiffretelegrammen und chiffrierten Funksprüchen, lässt sich aufzeigen, welche Rolle der Komintern bei der stalinistischen Durchdringung der kommunistischen Bewegung zukam. Ferner ist es interessant, zu verfolgen, in welchem Maße diese Korrespondenz zu einem besseren Verständnis des Wesens der Komintern und der ihr zugewiesenen Funktionen beiträgt.
Um die Weltrevolution zu beschleunigen, bedienten sich die Begründer der Komintern einer zentralisierten Organisationsstruktur. Die Zentralisierung bedingte ein Anwachsen des Apparates der kommunistischen Parteien und eine Ausweitung bürokratischer Führungsmethoden. Mitte der 1920er Jahre war die Kommunistische Partei der Sowjetunion die einzige reale Kraft in der Komintern, die sie darüber hinaus finanziell trug. Bedeutung und Rolle der Komintern hatten sich grundlegend gewandelt. Im Frühjahr 1929 schrieb Klara Zetkin, die Komintern habe sich »in einen toten Mechanismus verwandelt, der auf der einen Seite in russischer Sprache verfasste Befehle schluckt und sie auf der anderen in verschiedenen Sprachen ausscheidet«. (…)

Weitere Beiträge von Fridrikh Firsov


Literaturbeilage

Reiner Tosstorff

Trotzki-Biografien. Ein Streifzug

Drei Männer, die die Welt erschütterten, so lautet der Titel der ersten deutschen Ausgabe der ursprünglich 1948 erschienenen Biografie von Lenin, Stalin und Trotzki, anhand derer Bertram D. Wolfe das Schicksal der Russischen Revolution darstellt. Die personale Dreierkonstellation fasziniert Historiker, erweckt sie doch die Erwartung, über sie Widersprüche, Gegensätze und Konfrontationen auf dem Entwicklungsweg einer neuen Gesellschaft darstellen zu können. Das amerikanische Original wie später erschienene deutsche Ausgaben waren interessanterweise mit Drei, die eine Revolution machten betitelt, obgleich Stalin, einer Untersuchung des amerikanischen Historikers Slussers folgend, eher als Der Mann, der die Revolution verpasste zu bezeichnen wäre. Seine angeblich herausragende Rolle in der Oktoberrevolution ließ er sich im Zuge der Machtkämpfe nach Lenins Tod zuschreiben, in denen er sich das Erbe der 1917er Revolution aneignete, um schließlich die Generation, die deren Träger war, im euphemistisch »Säuberungen« genannten großen Terror nach 1934 fast vollständig auszurotten. (…)

Weitere Beiträge von Reiner Tosstorff

Jutta Hercher, Wolfgang Petrovsky

»Besuch bei Erhard Frommhold«

Gerd Hankel

Machtpolitische Impressionen aus Afrika

2006 erschien der Roman Geheime Melodie von John le Carré. Sein Inhalt ist, kurz gefasst und unter Auslassung ausgiebig ausgebreiteter Liebeswirrnisse, der Folgende: Ein Dolmetscher zentralafrikanischer Herkunft und als solcher einer Reihe wenig bekannter Sprachen mächtig, wird, da schon mehrfach für den britischen Geheimdienst tätig, für eine Konferenz verpflichtet, die auf einer Insel irgendwo im Norden Großbritanniens stattfindet. Er soll dort allerdings nicht nur dolmetschen. Wichtiger ist den Organisatoren der Konferenz – eine Gruppe von Geheimdienstlern und Afrikaexperten mit Anbindung an höchste politische Kreise –, dass er ihnen berichtet, was hinter den Kulissen gesprochen, gestritten und konspiriert wird. Gegenstand der Konferenz ist die Umgestaltung eines Landes oder vielmehr eines beträchtlichen Teils – die aus den Provinzen Nord- und Süd-Kivu bestehende Kivu-Region im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Unterdrückung, Ausplünderung und Korruption sollen der Vergangenheit angehören und durch eine für die Bevölkerung menschenwürdige Perspektive ersetzt werden. (…)

Weitere Beiträge von Gerd Hankel


Aus der Protest-Chronik

8. September 1979
In der Nähe des Bois de Boulogne in Paris fällt Spaziergängern ein etwas ramponierter Kleinwagen auf. Es ist ein weißer R5. Durch die Scheiben ist im Innern ein großes Wollknäuel zu erkennen. Die Passanten sind beunruhigt und alarmieren die Polizei. Als diese den Wagen aufbricht, entdeckt sie zwischen dem Vorder- und Rücksitz einen in einer Decke eingehüllten weiblichen Leichnam. In einer Hand der Frau befindet sich ein Zettel. Auf ihm sind die handschriftlich verfassten Zeilen zu lesen: »Vergib mir. Ich kann nicht länger leben mit meinen Nerven.« Das macht ganz den Eindruck eines Abschiedsbriefes. Die Frau muss seit mehreren Tagen tot sein; ihr Körper ist bereits in den Verwesungszustand übergegangen. Es stellt sich schnell heraus, dass es sich um die seit einiger Zeit als vermisst geltende 41-jährige Filmschauspielerin Jean Seberg handelt. Nicht nur den Franzosen ist sie vor allem aus Jean-Luc Godards Meisterwerk Außer Atem bekannt, in dem sie eine grazil wirkende amerikanische Studentin spielt, die einen von Jean-Paul Belmondo verkörperten Gangster abblitzen lässt und ihn schließlich an die Polizei verrät. Das Bild der damals 21-jährigen Seberg, die mit ihrer blonden Kurzhaarfrisur, in Röhrenjeans und T-Shirt auf den Champs Élysées die New York Herald Tribune zum Verkauf anbietet, ist zum Synonym für Coolness geworden. Sie gilt seitdem als das Gesicht der Nouvelle Vague und als Stil-Ikone. (...)