Heft 1 - Februar/März 2011

Einsamkeit und Freundschaft im Kommunikationszeitalter

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Weitere Hefte zu "Soziale Beziehungen"

Seite 1: Zum neuen Jahr

Indem wir Ihnen im voraus ergebenst danken,
begrüssen wir Sie mit aufrichtiger Hochachtung.

László Moholy-Nagy, in einem Brief vom 20. Oktober 1923


Bilder: Verzweifelte Schilder


Aleida Assmann

Hier bin ich, wo bist du?. Einsamkeit im Kommunikationszeitalter

Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieben die Soziologen neue Formen der Einsamkeit. Tönnies, Durkheim und Simmel schilderten die akuten Gefahren der sozialen Desintegration bis hin zum Zerbrechen des Gesellschaftsvertrags in der anonymen Massengesellschaft. In der neuen Einsamkeit sahen sie die Kosten der Modernisierung, die den Bruch mit Traditionen und Loyalitätsbindungen forciert hatte. Max Weber war erfüllt von der Sorge, dass der Mensch selbst aufgrund der Rationalisierungstendenzen der Moderne in sämtlichen Bereichen der Gesellschaft zum Gefangenen im Kerker eines stahlharten Gehäuses werden könnte. Anfang des 21. Jahrhunderts bietet sich uns ein ganz anderes Bild. Statt des stahlharten Gehäuses haben wir das Internet bekommen. Und es sieht so aus, als hätte diese neue Kommunikationstechnologie das Gespenst der Einsamkeit ein für alle Mal vertrieben. (…)

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Janosch Schobin

Sorgende Freunde. Fragen an eine andere Lebensform

Freundschaft ist zum sozialen Hoffnungsträger, zum Fluchtpunkt multipler sozialer Erwartungen geworden. Sie gilt vielen als Weg jenseits der durch Anrechte versicherten Fürsorge des Staates, der durch den Besitz garantierten Selbstversorgung auf dem Markt und der durch Blut und Sex gewährleisteten Umsorgung im Kreis der Familie. Um diesen Sachverhalt stellvertretend an drei Namen festzumachen: Der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf propagiert das Modell der Alters-WG, in der sich Freunde zusammenschließen, um den Lebensabend zu verbringen. Scherf glaubt, nur so könne man den absehbaren Herausforderungen des Pflegenotstands human begegnen. Der Sozialforscher Meinhard Miegel meint, dass wir uns in Zukunft auf eine Welt einstellen müssen, in der das Immaterielle wieder gegen das Materielle stark zu machen ist, weil die Wohlstandsentwicklung in unserer Gesellschaft rückläufig sein wird. Das Immaterielle, das ein Leben jenseits der Konsum- und Besitzchancen erfüllen soll, ist dabei nicht zuletzt der Freundeskreis. Der Dritte im Bunde, der Psychiater Horst Petri, schreibt in einem seiner populären Ratgeber, Freundschaft sei eine Überlebensstrategie im Angesicht knapper und fragiler Bindungen. (…)

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Literaturbeilage

Steven E. Aschheim

»Wenn wir uns aber wiedersehen wollen …«. Zum Briefwechsel zwischen Gershom Scholem und Hannah Arendt

Endlich ist der lang erwartete, den beträchtlichen Zeitraum von 1939 bis 1964 umfassende Briefwechsel zwischen den beiden talentiertesten, wirkmächtigsten – und eigenwilligsten – jüdischen Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts erschienen. Zugegeben, die Korrespondenz zwischen Hannah Arendt und Gershom Scholem zeugt nicht von so bedingungslosem Vertrauen wie Arendts sogar noch längerer, von 1926 bis 1969 wahrender Briefwechsel mit ihrem Mentor und Vertrauten Karl Jaspers, dem Philosophen, der 1946 mit Die Schuldfrage die bekannteste (und vielleicht erste) intellektuell ernstzunehmende Abrechnung mit der Nazivergangenheit aus deutscher Feder schrieb. Sie wartet auch nicht mit solchen geistigen Feuerwerken auf, wie sie sich in vielen der Briefe zwischen Scholem und dem für ihn einflussreichsten und am meisten bewunderten Menschen seines Lebens finden, Walter Benjamin – jenem quecksilbrigen marxistischen Mystiker, Philosophen, Soziologen, Literaturkritiker, Übersetzer und Essayisten, der am 27. September 1940 auf der Flucht vor den Nazis im katalonischen Portbou auf tragische Weise Selbstmord beging. Wenig nur dürfte mit den polemischen Höhenflügen vergleichbar sein, zu denen sich Scholem und Benjamin gegenseitig in den 1930er Jahren anstachelten, als sie einander ihre divergierenden und gewagten theologischen Kafkalektüren sandten. Dessen ungeachtet, und obwohl einige der substanzielleren Briefe von Arendt und Scholem bereits veröffentlicht waren, umfasst der vorliegende, von Marie Luise Knott sorgfältig edierte und annotierte Band die gesamte Korrespondenz, soweit bekannt, und vertieft auf wertvolle Weise unsere Kenntnis der Konturen und der Dynamik einer vielschichtigen Beziehung. (…)

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Dierk Walter

»The Enemy Must Be Brought to Battle«. Westliche Schlachtniederlagen in Imperialkriegen

Abgelegene, unwirtliche weite Landstriche zu erobern und zu besetzen ist immer eine schwierige Aufgabe. Führen die Verteidiger, unterstützt von Teilen der einheimischen Bevölkerung, einen Guerillakrieg, wird die Befriedung zur Sisyphusarbeit. In dieser Art von Krieg sind Erfolge bestenfalls lokal und temporär. Setzt der Angreifer nicht überwältigende Macht ein – was meist nicht nur politisch unklug, sondern vor allem technisch unmöglich ist –, kann er ein Territorium allein mit militärischen Mitteln nicht befrieden. Wo die Invasionsarmee auftritt, erobert sie fast mühelos; zieht sie aber weiter, fällt das scheinbar befriedete Land wieder dem unsichtbaren Gegner anheim. Die Guerilla muss nur der offenen Schlacht ausweichen, um dem Angreifer den strategischen Sieg zu verwehren und am Ende seinen politischen Siegeswillen zu überdauern. Das belegt die Erfahrung in Zeit und Raum so weit voneinander entfernter Armeen wie der britischen in den Südstaaten der späteren USA wahrend des Unabhängigkeitskrieges, der französischen in Spanien im frühen oder in Algerien im mittleren 19. Jahrhundert oder der amerikanischen in Südvietnam in den 1960ern. (…)

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Klaus Naumann

Paradoxe Intervention. Deutschland im afghanischen Transformationskrieg

»Wie in einem Brennglas werden in dem Vorfall (der Luftangriff auf zwei Tanklaster bei Kunduz am 4. September 2009) alle grundsätzlichen Fragen sichtbar, die wir uns seit Beginn des Einsatzes der Bundeswehr in Afghanistan immer wieder stellen müssen.« Diesen Ausführungen der Bundeskanzlerin wahrend der Regierungserklärung vom 8. September 2009 folgten umgehend Antworten, wahrend die Fragen gar nicht erst formuliert wurden. Wer aber beginnt, sich besagte Fragen zu stellen, wird auf immer neue Probleme stoßen. Der Afghanistan-Einsatz, besser gesagt die komplexe Mission von ISAF und UNAMA, erweist sich nämlich in der Tat als Lupe für eine Problematik, die über den ursprünglichen Anlass internationaler terroristischer Bedrohungen (New York »9/11«), aber auch weit über die beklagenswerten Fehlleistungen militärischer Einsatzführung (Kunduz »9/4«) hinausführt. (…)

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Aus der Protest-Chronik

15. Oktober 1981 
Die wichtigste Nachricht auf der Frankfurter Buchmesse ist zumeist die Bekanntgabe jenes Autors, der als Nächster mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet werden soll. Diesmal ist es die Meldung, dass der in Bulgarien geborene und abwechselnd in Zürich und London lebende Schriftsteller Elias Canetti die ihm vom Stockholmer Preiskomitee zuerkannte Auszeichnung – traditionell am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels – in der schwedischen Hauptstadt erhalten werde. Der Neuigkeitswert dieser Nachricht wird jedoch von dem einer rätselhaften Werbeaktion überboten, die Aussteller und Besucher tagelang in Atem hält. Unbekannte haben eine Broschüre hergestellt und an zahlreichen Verlagsständen ausgelegt, mit der angeblich für eine neue Buchreihe geworben werden soll. Sie trägt den Titel »edition sual« und wird erstmals in einer geradezu sensationell anmutenden Kooperation zwischen dem Suhrkamp Verlag, der wie kein Zweiter den Nimbus erlangt hat, eine klassisch gewordene Moderne zu verlegen, und dem Lebensmittel-Discounter Aldi, der wie kein anderes bundesdeutsches Unternehmen den Massenkonsum dominiert, auf den Markt gebracht. (…)