Heft 1 - Februar/März 2012

Poor Whites

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Seite 1: Die Unterrichtsstunde

Professor: Das, was die Sprachen voneinander unterscheidet, sind nicht die Worte, die absolut dieselben sind, ist nicht die Struktur der Sätze, die eine völlig gleiche ist, noch die Betonung, die keinerlei Ungleichheit aufweist, noch der Rhythmus der Sprache, (...) das, was sie voneinander unterscheidet, (...)
Schülerin: Das ist was?
Professor: Das ist etwas Unaussprechliches, etwas Ungeheuerliches, das man erst nach sehr langer Zeit entdecken und mit sehr viel Geduld und sehr großer Mühe...
Schülerin: Ach?
Professor: Ja, Fräulein, dafür gibt’s keine Regel. Man muß ein Gefühl dafür haben, das ist alles. Aber um es zu bekommen, muß man studieren, studieren und nochmals studieren.

Eugène Ionesco, Die Unterrichtsstunde


Susanne Schleyer, Michael J. Stephan

Poor Whites

Ich heiße Adri E. und bin 1971 geboren, am 17. August. Ich bin direkt in Springs aufgewachsen, geboren wurde ich aber in Boksburg. Meine Kindheit habe ich in der Umgebung von Springs verbracht, da bin ich zur Schule gegangen. Die Highschool habe ich in Hugenote in Springs besucht. (...)
Meine Eltern sind gestorben, als ich noch sehr jung war. Ich war 13, als mein Vater gestorben ist, und 14 beim Tod meiner Mutter. Und so war ich dann im Grunde allein damals, und ich kann mich an nicht viel aus dieser Zeit erinnern. (...)
Ich war 17 Jahre alt und bin mit meinem ersten Sohn schwanger geworden. Er ist 20. Und ich habe dann mit 17 geheiratet. Von da an hatte ich ein sehr hartes Leben. Mein Mann war nicht der unterstützende Typ, und so war ich in einer ausgesprochenen Missbrauchsbeziehung.
Er hat mich geschlagen, und da sind viele andere Dinge passiert. Für mich war es ein Kampf, aber wie Gott sagt: »Morgen wird die Sonne wieder scheinen.« Das habe ich in meinen Gedanken behalten. Und am nächsten Tag bin ich immer aufgestanden und habe gesagt: »Ich muss es für meine Kinder machen, ich habe drei Kinder.« Im Grunde habe ich es für meine Kinder getan. (...)
Ich habe drei Kinder, mein Sohn ist 20, meine älteste Tochter ist 17 und meine jüngste Tochter ist acht, sie geht noch in die Schule. Mein Sohn arbeitet im Moment nicht, er schiebt derzeit Einkaufswagen in Geschäften herum, um etwas zusätzliches Geld zu verdienen, weil ich nicht für ihn aufkommen kann. (…)

Indra Wussow

Arme Blanke. Weiße Armut im neuen Südafrika

Das Selbstverständnis der Menschen in Südafrika war während des Apartheidsystems wesentlich geprägt von Gruppenidentitäten und den aus ihnen entstehenden Dynamiken. Wer mit dem Blick eines Außenstehenden in dieses Land kommt, dem fällt schnell auf, dass es gerade die Fokussierung auf die Gruppe ist, die sich trotz des gesellschaftlichen Umbruchs unerschütterlich hält. Wissenschaftler debattieren leiden schaftlich die Frage, ob die heutige Gesellschaft Südafrikas eher als eine in Klassen denn in Rassen unterteilte zu betrachten ist. Im täglichen Leben zeigt sich gleichwohl verblüffend häufig, dass ein Kratzen an der Oberfläche ausreicht, um die alten Konflikte zutage treten zu lassen.
Mit den arme Blanke hat eine Gruppe überlebt, die es bereits im alten Südafrika gab – eine Gruppe, die sich immer noch über ihre weiße Hautfarbe definiert und deren größte Angst darin besteht, im Meer der schwarzen Armut unterzugehen. Rechtsextreme Weiße sprechen von einem Krieg gegen die armen Weißen, gar von einem »Burengenozid«, wie das Afrikaner Journal titelte, als die Regierung vorschlug, ein weißes Armenviertel zu schließen und dessen Bewohner in ein schwarzes Township umzusiedeln. (…)

Jan Süselbeck

Die zerteilte Jungfrau als Unterpfand des Genozids. Heinrich von Kleists ›Herrmannsschlacht‹ (1808) im Kontext aktueller Diskussionen um die »neuen Kriege«

Der germanische Protagonist in Kleists Drama »Die Herrmansschlacht« – laut Carl Schmitt die »größte Partisanendichtung aller Zeiten« – schreckt nicht vor der Verwüstung eigener Ländereien zurück, um den Hass auf die römischen Besatzer gezielt zu schüren: »Einen Krieg, bei Mana! will ich / Entflammen, der in Deutschland rasselnd, / Gleich einem dürren Walde, um sich greifen, / Und auf zum Himmel lodernd schlagen soll!« Kleist verfasste sein Kriegsdrama als propagandistischen Angriff auf die ihm verhassten Franzosen, gegen die auch schon August Wilhelm Anton Neidhart von Gneisenau die Provokation von chaotischen Zuständen wie im Dreißigjährigen Krieg empfohlen hatte: »Wir sind die unterjochten Völker der Römer«, so Kleists simple historische Gleichung in einem Brief an seine Halbschwester Ulrike vom 24. Oktober 1806. Peter Michalzik stellt in seiner Kleist-Biografie fest, der Dichter sei in diesem Jahr »mit einem Schlag politisch geworden« und habe ein Faible für das entwickelt, was »das 20. Jahrhundert ›Ausnahmezustand‹ und ›totaler Krieg‹ genannt hat«. Man müsse das »so deutlich sagen«, so Michalzik: »Kleist glaubte, dass sein Volk bereit wäre, mit vollem Bewusstsein in die mögliche totale Vernichtung zu marschieren.« Die österreichischen Kriegsvorbereitungen gegen Napoleon sollten nun den rechten »Augenblick« für die Uraufführung der Herrmannsschlacht markieren. (…)

Weitere Beiträge von Jan Süselbeck


Aus der Protest-Chronik

16.-18. Dezember 1965
Der Berliner Mauerbau hat für die sogenannten Kulturschaffenden der DDR zwiespältige Folgen. Einerseits müsste durch das betongewordene Monument der Unfreiheit noch dem Letzten klar geworden sein, dass dieser Staat auf der Freiheitsberaubung seiner Bürger basiert, andererseits aber wird gerade durch die geopolitische Abkapselung auch die Voraussetzung für eine offenere und weniger ideologisierte Kulturpolitik geschaffen. Filme werden gedreht, Theaterstücke verfasst, Romane und Gedichte geschrieben, die sich von den entsprechenden Vorgaben der Parteispitze immer weiter entfernen. Da zur gleichen Zeit Rockbands wie Pilze aus dem Boden schießen, deren Vorbilder die Beatles und die Rolling Stones sind, die Jugendlichen es ihren Altersgenossen im Westen gleichtun und ebenfalls Twist und Hully-Gully tanzen und sich unter ihnen – wie die Leipziger Beat-Demonstration im Herbst bewiesen hat – verstärkt ein renitentes Verhalten auszubilden beginnt, zeigt sich die Parteiführung zunehmend alarmiert. Ganz offenbar will sie den zu stärkerer Unabhängigkeit und Selbständigkeit tendierenden Autoren sowie den mit ihnen kooperierenden und sie fördernden Redaktionen die Grenzen aufzeigen. Die als unbelehrbar Geltenden sollen stigmatisiert und entweder ganz oder vorübergehend aus dem Kulturbetrieb ausgeschlossen und die anderen als nicht völlig hoffnungslos eingeschätzten Fälle eingeschüchtert und zum Einlenken auf die Parteilinie gezwungen werden. (…)

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