Heft 1 - Februar/März 2014

Unsere Medien, unsere Täter

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Seite 1: »Ich will eine Zukunft…«

»Ich will eine Zukunft haben und einen Plan für danach.«
Steffi, 16 Jahre

Süddeutsche Zeitung, jetzt.de,
Montag, den 30. Dezember 2013


Bilder: Barack Obama’s Jazz

© Juan Carlos Pagán


Ulrike Weckel

Zeichen der Scham. Reaktionen auf alliierte ›atrocity‹-Filme im Nachkriegsdeutschland

Eine Ende Mai 1945 fertiggestellte Folge der Wochenschau British Movietone News zeigt in ihrem ersten Beitrag »Burning of Belsen« eingangs, wie vier deutsche Soldaten unter der Aufsicht eines bewaffneten britischen Bewachers eine ausgemergelte Leiche in einer Decke zu einem Massengrab tragen. Die von den Deutschen absichtsvoll herbeigeführten Zustande im »atrocity camp« Belsen seien derart fürchterlich, erläutert der Kommentator, dass selbst nach der Befreiung des Lagers noch Tausende seiner Insassen an Krankheiten und den Folgen der Unterernährung stürben. Der Zuschauer sieht einen jüdischen und einen anglikanischen Militärgeistlichen am offenen Grab Bestattungsrituale vollziehen und wird dann Zeuge davon, wie britische Soldaten mit Bulldozern einige Lagerbaracken niederreisen und andere mit Flammenwerfern in Brand schießen. Vor riesigen dunklen Qualmwolken flattert an einem Fahnenmast der Union Jack. Den Schmutz auszuräuchern und so die Seuchengefahr einzudämmen sei ebenso notwendig, wie daran zu erinnern, was die Deutschen hier angerichtet hatten, erklärt der Sprecher und fährt fort: »Fire helps to purify the horror of Belsen, but what can ever cleanse the guilt of Germany?« Auf dieses Stichwort hin erfolgt ein Schnitt auf eine Menge wohlgekleideter Zivilisten, die vor einem Kino Schlange stehen. (…)

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Hanne Leßau, Janosch Steuwer

»Wer ist ein Nazi? Woran erkennt man ihn?«. Zur Unterscheidung von Nationalsozialisten und anderen Deutschen

Im Sommer 1940 veröffentlichte Sebastian Haffner im englischen Exil seine erste Analyse des nationalsozialistischen Deutschlands. Mit Blick auf die propagandistische Selbstdarstellung des NS-Regimes und die öffentlichen Debatten in Frankreich wie in Großbritannien war das Anliegen des jungen Emigranten, durch das Buch Germany. Jekyll & Hyde den »übermäßig vereinfachenden Diskussionen darüber ein Ende zu bereiten, ob die Deutschen so oder so sind«. Folglich beleuchtete Haffner in seinem Soziogramm des nationalsozialistischen Deutschlands die »verschiedenen Gedanken und Gefühlswelten«, welche die Deutschen charakterisierten, und verfasste im Resultat eine der ersten entlang der Erfahrungen der Zeitgenossen strukturierten Untersuchungen der Gesellschaft des Nationalsozialismus überhaupt. In ihrem Mittelpunkt stand die Frage, ob die nationalsozialistische Herrschaft die Deutschen verändert und zu »Nazis« gemacht habe. Diese Fragestellung erforderte eine möglichst präzise Definition des Begriffs »Nationalsozialist«, um die anderen Deutschen von ihren nationalsozialistischen Mitbürgern unterscheiden zu können. (…)

Christoph Classen

Opa und Oma im Krieg. Zur Dramatisierung des Zweiten Weltkriegs im Fernsehmehrteiler ›Unsere Mütter, unsere Väter‹

Mit unverhohlenem Stolz präsentiert das ZDF auf seiner aufwendig gestalteten Homepage den dreiteiligen, viereinhalb Stunden langen Fernsehfilm Unsere Mütter, unsere Väter, der im März 2013 zur besten Sendezeit auf deutschen Bildschirmen zu sehen war. Ein Gesamtetat von circa 14 Millionen Euro, acht Jahre Arbeit am Drehbuch, 86 Drehtage an 141 Sets in Litauen, Lettland und ganz Deutschland, so ist dort zu erfahren, brachten 150 Stunden Rohmaterial ein, dessen Schnitt ein volles Jahr in Anspruch genommen habe. Auch die Ausstattung sprengte die üblichen Dimensionen, sogar im Wortsinne: 2 000 echte und 50000 Platzpatronen, 200 Kilogramm Schießpulver und 650 Kilogramm Steinpulver wurden verbraucht, bis das Melodram über das Schicksal fünf junger Deutscher im Krieg gegen die Sowjetunion im Kasten war. An manchen Stellen lesen sich die Berichte des Teams von den Dreharbeiten so, als sei es selbst in den Krieg gezogen (…)


Literaturbeilage

Norman Ächtler

»Sieh in die Grube, scheener Herr aus Daitschland!«. Vom Auftauchen der Täter im deutschen Kriegsroman

Publizistik wie Wissenschaft haben der deutschen Nachkriegsliteratur im Allgemeinen und dem Kriegsroman im Besonderen seit jeher eine mangelnde Aufarbeitung der Verbrechen in Vernichtungskrieg und Holocaust attestiert. Der Autor Rolf Schroers warnte bereits 1953 vor der »Bedrohung unserer Würde als Menschen«, vor einem »Nichtaussprechen, das sich zum Ressentiment verkapselt«. Die Verfasser von Kriegsromanen, zu denen Schroers selbst gehört, rühmten ihre kriegerischen Heldentaten und versperrten sich dabei der Einsicht, dass sie »ein Land der Verbrennungsöfen verteidigt« hatten. Fritz J. Raddatz konstatierte diesbezüglich an prominenter Stelle, im Almanach der Gruppe 47 von 1962: »Die wichtigen Autoren Nachkriegsdeutschlands haben sich allenfalls mit dem Alp der Knobelbecher und Spieße beschäftigt.« Aus demselben Grund beklagte auch Reinhard Baumgart 1965 die »penetrante Kurzsichtigkeit« der Kriegsliteratur. Im Gedenkjahr 1975 schließlich resümierte Peter Jokostra das Abebben der Publikationsflut Mitte der 1960er Jahre: »Der Kriegsroman wurde als suspekt deklariert, es wurde nicht mehr nach ihm gefragt. Das Thema wurde tabu, ehe auch nur eine Schmutzecke der deutschen Vergangenheit ausgeräumt werden konnte.« (…)

Jens Wietschorke

»Baedekers Generalgouvernement«. Raumrepräsentation und Geopolitik in einem Reisehandbuch aus dem Jahr 1943

Im Jahr 1943 – auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkrieges und damit der deutschen Gewaltherrschaft und Vernichtungspolitik in Osteuropa – erschien bei Karl Baedeker in Leipzig ein Reisehandbuch über das Generalgouvernement. Eingeschlagen in den vertrauten rot-goldenen Einband der Marke Baedeker, führte es seine Leser auf einen aktuellen Hauptschauplatz der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen: Auf 264 Seiten wird das seit Oktober 1939 unter Besatzung stehende polnische Kerngebiet um Warschau, Krakau, Radom und Lublin sowie den im August 1941 hinzugekommenen Distrikt Galizien mit Lemberg als Zentrum als neues »deutsches Nebenland« vorgestellt. Der vorliegende Artikel liefert eine historisch-kulturwissenschaftliche Analyse dieses heute nur schwer greifbaren Bandes. Er fragt nach der geopolitischen Perspektive, die Baedekers Generalgouvernement zugrunde liegt, nach der Art und Weise, wie die obsessive Idee vom »deutschen Osten« hier behandelt und umgesetzt wurde. Er befragt die praktischen Informationen des Reiseführers im Hinblick auf die unter den extremen Bedingungen des Krieges reorganisierte Infrastruktur der Region. Vor allem aber untersucht er seine Funktion als Format und Medium der Raumrepräsentation: Welche Effekte haben die Darstellungskonventionen des »Baedeker« auf die Art und Weise, den Raum zu denken? (…)

Aus der Protest-Chronik

1. April 1997
Eigentlich schien die Zeit der Utopien 1989/90 endgültig vorüber zu sein. Nach dem Mauerfall in Berlin, dem Ende des Kalten Krieges und dem Untergang des Sowjetimperiums wirkten nun auch linke Utopien so gründlich diskreditiert, dass es kaum noch jemand wagte, unter diesem Begriff einer idealen Gesellschaft, die noch keinen Ort hat, politische Alternativen zum Bestehenden zu propagieren. Besonders ausgeprägt waren diese Vorbehalte in jenen osteuropäischen Ländern, die 1940 von der Sowjetunion okkupiert, nach dem Zweiten Weltkrieg zu Sowjetrepubliken erklärt und ein halbes Jahrhundert lang besetzt gehalten worden waren. Doch vielleicht ist es ja ein Merkmal des utopischen Impulses, die gesellschaftspolitische Großwetterlage zu ignorieren und sich um Denkverbote jedweder Art nicht zu scheren. Jedenfalls entstand nur wenige Jahre nach der neuerlich errungenen Unabhängigkeit in einem dieser Länder eine Art Freistaat in Miniaturform, der in mancher Hinsicht an die 1971 in Kopenhagen gegründete »Freistadt« Christiania erinnert. (…)