Heft 2 - April/Mai 2008

Arbeitslosigkeitsforschung

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Dokumente: Post an die Kommune I, 1967/68


Thema

Heinz Bude

Die Arbeitslosigkeitsforschung und der Begriff der sozialen Exklusion

Berthold Vogel wirft die Frage auf, ob sich die anschwellende Popularität von Begriffen wie »Prekarität« und »Exklusion« für die Thematisierung der sozialen Frage unserer Zeit nicht einem bestimmten Vergessen verdankt. Selbst wenn man einräumt, dass beim herrschenden Ungleichheitsempfinden das vertikale Schema von oben und unten durch das horizontale von drinnen und draußen überlagert wird, weil sich für immer mehr Menschen die panische Frage stellt, ob man noch dazugehört oder nicht schon längst abgeschrieben ist, muss doch gefragt werden, ob nicht der Dreh- und Angelpunkt dieser Umstellung in der Wahrnehmung von Ungleichheit die Kollektiverfahrung von Arbeitslosigkeit ist. Dreht sich am Ende nicht doch alles um den sozialen Tatbestand einer weder wegzukriegenden noch wegzudenkenden Massenarbeitslosigkeit, wenn die Entsolidarisierung der Gemeinwesen, die Ermüdung der politischen Teilnahme und die Entfriedlichung des Alltagslebens ins Auge gefasst werden? (…)

Weitere Beiträge von Heinz Bude

Berthold Vogel

Biographische Brüche, soziale Ungleichheiten und politische Gestaltung. Bestände und Perspektiven soziologischer Arbeitslosigkeitsforschung

Es ist bemerkenswert, dass sich die Sektion »Soziale Ungleichheit und Sozialstrukturanalyse« auf ihrer Herbsttagung des Stichworts »Arbeitslosigkeit« annimmt: schnörkellos und ohne Untertitel – nur »Arbeitslosigkeit«. Was ist daran derart bemerkenswert? Die Themenwahl unterstreicht, dass es offensichtlich eine Bilanzierungsbedürftigkeit angesichts des Themas »Arbeitslosigkeit« gibt. Zu Recht, denn wir stehen in der Soziologie nicht mit leeren Händen da, sondern blicken auf eine reiche Tradition der Arbeitslosigkeitsforschung. Wir können mit respektablen Wissensbeständen operieren, und deren Durchsicht verdeutlicht, dass die soziologische Forschung auf verschiedenen methodischen Wegen und entlang unterschiedlicher konzeptioneller Fragestellungen unsere Kenntnisse erweitert. (…)

Weitere Beiträge von Berthold Vogel

Ralf M. Damitz, Frank Eierdanz

Entbettung und Einbeziehung. Über Uneindeutigkeiten im Verhältnis von Prekarität und Exklusion

Die Stimmung im Land scheint schlecht zu sein. Während die Daten für wirtschaftliche Entwicklungen von den einschlägigen Experten als durchaus positiv beurteilt werden, stellt sich ein anderes Bild ein, wenn man die Wohnbevölkerung der Bundesrepublik um ihre Einschätzung bittet. Auf die Frage beispielsweise, ob die sozialen Notlagen zukünftig eher zu- oder eher abnehmen werden, gaben 91% der Befragten zu Protokoll, dass ihrer Meinung nach die sozialen Notlagen eher zunehmen werden. Diese Momentaufnahme lässt sich problemlos in Stimmungsbekundungen einreihen, die ein deutliches Unbehagen angesichts der gesellschaftlichen Wandlungsprozesse artikulieren. Ein Panorama der deutschen Gegenwartsgesellschaft ist facettenreich, doch glaubt man sozialwissenschaftlichen Zeitdiagnosen, so sind die einschneidenden Strukturveränderungen, deren Zeugen wir gegenwärtig sind, das dominierende Thema. (…)

Weitere Beiträge von Ralf M. Damitz


Literaturbeilage

Benjamin Ziemann

Folter diskutieren. Utilitaristische Aufweichungen des Folterverbots

Kaum ein politisches Thema ist in den letzten Jahren derart ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt wie die Folter. Dafür sorgt nicht allein die nicht abreißende Kette von Enthüllungen und Presseberichten über die Praktiken der US-amerikanischen Sicherheitsbehörden und Militärs wie etwa das berüchtigte »Waterboarding«. Worum es hier geht, ist am besten in den Worten eines CIA-Dokuments beschrieben, das in die Hände der »ABC-News« gelangt ist: »The prisoner is bound to an inclined board, feet raised and head slightly below the feet. Cellophane is wrapped over the prisoner’s face and water is poured over him. Unavoidably, the gag reflex kicks in and a terrifying fear of drowning leads to almost instant pleas to bring the treatment to a halt.« Diese Foltertechnik wurde unter anderem an dem Al-Qaida Verdächtigen Khalid Sheich Mohammed angewandt. (…)

Weitere Beiträge von Benjamin Ziemann


Formen des Nihilismus, Nazismus und moderne Metaphysik. Ein Gespräch mit dem Philosophen Dieter Henrich


Autoren


Gerd Hankel

Die Politik der Taschenkarte. Wie das Verteidigungsministerium das humanitäre Völkerrecht relativiert

An die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr werden gewöhnlich Taschenkarten verteilt, die wichtige Informationen oder Merksätze »in Griffnähe« verfügbar machen sollen. Da die Bundesrepublik Deutschland seit ihrem Bestehen nach eigenem Verständnis und in der Wahrnehmung der internationalen Gemeinschaft ein völkerrechtsfreundlicher Staat ist und das Bundesverfassungsgericht Mitte der 1990er Jahre zudem grünes Licht für die Zulässigkeit von Auslandseinsätzen der Bundeswehr gegeben hatte, war es nur folgerichtig, dass auch die wesentlichen Vorschriften des humanitären Völkerrechts, also die zentralen Regeln, die bei der Kriegführung zu beachten sind, auf einer Taschenkarte zusammengefasst den Soldaten zur jederzeit auffrischbaren Kenntnis gebracht wurden. »Die Taschenkarte gehört in die Hand aller Angehörigen der Bundeswehr. Sie ist, soweit nicht anders befohlen, bei jedem Auslandseinsatz in der äußeren linken Brusttasche des Kampfanzuges mitzuführen«, heißt es auf dem Deckblatt der Taschenkarte über die Grundsätze des humanitären Völkerrechts in bewaffneten Konflikten vom Juni 1996. (…)

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Aus der Protest-Chronik

22. Juni 1974
Sportliche Großveranstaltungen dienen politischen Regimes häufig als Bühne propagandistischer Selbstdarstellung. Am krassesten hatten das Adolf Hitler und die Nazis bei den Olympischen Sommerspielen 1936 vor Augen geführt. Die Wettbewerbe wurden zu einem politisch aufgeheizten Massenspektakel degradiert, bei dem selbst die Mitglieder anderer Olympiamannschaften aus vermeintlicher Ehrerbietung gegenüber den Gastgebern häufig den »Führergruß« entboten. Als 38 Jahre später im selben Stadion in West-Berlin einige Spiele der 10. Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen werden, lassen es sich linke Demonstranten nicht nehmen, die Wettkämpfe in einem genau entgegengesetzten Sinne als Plattform des Protests gegen eine Militärdiktatur zu nutzen. (…)

 
Pressestimmen
»Jan Philipp Reemtsma ist unter dem spröden Titel ›Formen des Nihilismus, Nazismus und moderne Metaphysik‹ ein großartiges Philosophen-Gespräch geglückt. Sein Gegenüber ist Dieter Henrich, Jahrgang 1927, Gadamer-Schüler und einer der maßgeblichen Subjektivitäts-Theoretiker der Gegenwart.«
Alexander Cammann, die tageszeitung, 7. Mai 2008
»Berthold Vogel behauptet, dass wir ›mit den Fragen nach der Exklusion zugleich die Aufmerksamkeit für sozialstrukturelle Zwischentöne, für die Widersprüche und Uneindeutigkeiten‹ verlieren. In einem bemerkenswerten Aufsatz kehrt Vogel zum Kernproblem, der kollektiven Erfahrung von Arbeitslosigkeit zurück, entwirft ein anspruchsvolles Programm vernünftiger Arbeitslosigkeitsforschung und bestreitet den Anspruch der Exklusionstheoretiker, auf der Höhe der Zeit zu sein.« (…) »In einer Antwort auf Vogels Einwände verweist Heinz Bude auf drei Momente, die dazu nötigen, von ›Ausgeschlossenen‹ zu reden: die ›Feminisierung der Arbeit‹, die ›Ethnizität der Ungleichheit‹ und die ›Transformation des Wohlfahrtsstaats‹, der nicht länger den Status sichert, sondern aktivierten, sprich erziehen will. ›Metaphern wie Spaltung, Entkoppelung und Verwüstung‹, so Bude, ›halten das Versprechen einer Zugehörigkeit für alle aufrecht.‹«
Jens Bisky, Süddeutsche Zeitung, 5. Mai 2008
»In einem Gespräch des emeritierten Münchener Philosophen Dieter Henrich mit Mittelweg 36 geht es um die Quellen des Nihilismus und Möglichkeiten, ihm zu entkommen. Die Tendenz zur nihilistischen Weltsicht ist immer vorhanden, sobald der Mensch sich seiner Sterblichkeit bewusst wird: ›Er kann zu Einsichten kommen, die alle seine etablierten Selbstbilder wesenlos werden lassen, und er kann dann aus einem verstohlenen Blick in den Abgrund zerstörerische Schlussfolgerungen für die Behauptung seiner Zentralposition in der Welt ziehen.‹«
Ingeborg Harms, Frankfurter Allgemeiner, 29. April 2008