Heft 2 - April/Mai 2009

Wenn Städte kreativ werden

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Bilder: Jede Etage hat ihren Reiz


Andreas Reckwitz

Die Selbstkulturalisierung der Stadt. Zur Transformation moderner Urbanität in der »creative city«

Das Schlagwort der creative city ist allgegenwärtig. Wenn seit den 1990er Jahren von einer »Renaissance der Städte« die Rede ist, dann wird diese an der Schnittstelle von politischen, medialen und sozialwissenschaftlichen Debatten regelmäßig mit dem Begriff der »kreativen Stadt« verknüpft. Von der viel diskutierten Revitalisierung von Berlins Neuer Mitte oder Hamburgs Hafenviertel über das ausgeprägte Interesse an den westeuropäischen Mittelstädten wie Barcelona, Amsterdam und Kopenhagen mit ihren neuen Stadtvierteln, ihren Schwerpunkten der Kulturindustrie und des Stadttourismus, die verstärkte Aufmerksamkeit, die insbesondere in Europa die Ästhetisierung der städtischen Architektur (Bilbaos Museumsviertel, Oslos Opernhaus etc.) auf sich zieht, und die kulturell-ökonomische Wiedergeburt New Yorks nach 2001 bis hin zum medial breit inszenierten Phänomen des Ausbaus Dubais zu einer Kulturstadt in der Wüste – überall scheint die im Zeichen der Suburbanisierung totgesagte Urbanität europäischer Prägung sich neu zu etablieren, und überall scheint »Kreativität« und »Kultur« dabei eine Leitfunktion zuzukommen. (…)

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Axel Honneth

Der Antiquar als Befreier. Laudatio auf Quentin Skinner

Die Universität Bielefeld ist über Jahrzehnte hinweg ein wissenschaftliches Laboratorium für die Behandlung genau der Probleme und Fragen gewesen, die Quentin Skinner von Anfang an in den Bann geschlagen haben. Hier hat Reinhart Koselleck seit 1973 sein ehrgeiziges Projekt einer Begriffsgeschichte verfolgt, mit dem er der Tatsache Rechnung tragen wollte, dass uns geschichtliche Entwicklungen immer nur im Lichte von erfahrungsgestützten und zugleich erwartungsstiftenden Begriffen gegeben sind; hier hat Niklas Luhmann in etwa demselben Zeitraum an seinen Studien zur Wissenssoziologie gearbeitet, in denen er den semantischen Wandlungen nachgegangen ist, die den sozialgeschichtlichen Durchbruch zur modernen, funktional differenzierten Gesellschaft begleitet haben; und hier ist schließlich unter Anstoß von Eike von Savigny eine Art Zentrum der deutschen Wittgenstein-Forschung entstanden, wo eine Auseinandersetzung vor allem mit denjenigen späteren Schriften des großen Philosophen stattfand, die auch für Quentin Skinner bis heute eine wesentliche, ja vielleicht die wichtigste Inspirationsquelle bilden. Die Universität Bielefeld ist der intellektuelle Ort in Deutschland, an dem die Spannung zwischen Historik und systematischer Philosophie, zwischen dem Bewusstsein geschichtlicher Kontingenz und rationalen Universalitätsansprüchen institutionell auf Dauer gestellt wurde; nur hier ist zur Sache einer akademischen Dauerreflexion geworden, was auch die Triebkraft und das bohrende Thema der Schriften Quentin Skinners ausmacht. (…)

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Literaturbeilage

Berthold Vogel

Streit, Zwist, Zorn. Welchen Beitrag leistet die soziologische Konflikttheorie zu einer akteursorientierten Gesellschaftsdiagnostik?

In seinen Texten »Aussichten auf den Bürgerkrieg« und »Schreckens Männer« beschreibt der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger die negativen Energien neuer sozialer Konflikte, die zersetzende Kraft des Kampfes zwischen Gewinnern und Verlierern ökonomischer Verteilung und die ohnmächtige Wut derer, die für die Formeln der Integration und des Ausgleichs nur Spott übrig haben. Enzensberger schlägt in »Aussichten auf den Bürgerkrieg« schon Mitte der 1990er Jahre den Grundton einer düsteren Zeitdiagnostik an, die sich auf den Wandel von der »Konsens- zur Konfliktgesellschaft« – so eine Formel des Bielefelder Konfliktforschers Wilhelm Heitmeyer – einzustellen beginnt. Die Konfliktgesellschaft der nahen Zukunft wird nach Enzensbergers Auffassung geprägt vom »molekularen Bürgerkrieg«, der keine Grenze zwischen Zerstörung und Selbstzerstörung mehr kennt. Und in dem Text »Schreckens Männer« wird dieser Prozess in der Person des »radikalen Verlierers« typisiert. Der radikale Verlierer ist daran interessiert, Konflikte auf die Spitze zu treiben. Sein Gewinn besteht im Verlust möglichst Vieler. (…)

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Natan Sznaider

Die Rettung der Bücher. Hannah Arendt in München (1949/50)

»Überanstrenge Dich nicht, es sind ja nur Bücher«, so schrieb Arendts Mann am 8. Dezember 1949 an seine Frau nach Deutschland, wo sie sich zum ersten Mal seit 1933 wieder aufhielt. Arendt aber strengte sich sehr an. Denn sie war in Deutschland, um von den Nazis geraubte Bücher den Juden zurückzuführen. Diese Bücher waren etwas ganz Besonderes. Diese jüdischen Bücher, dieser jüdische Kulturbesitz waren für sie Gelegenheit, in der Tat wieder etwas gutzumachen. Die Bücher waren für sie auch die Überlebenden der Katastrophe. Es ging um die jüdische kulturelle Erinnerung. Wer konnte sie verwalten? Und wohin sollte sie verlagert werden? Aber nicht nur um Vergangenheit und deren Zukunft ging es hier. Noch mehr stand auf dem Spiel. Auch ihr Verständnis von aktiver jüdischer Politik war betroffen. War eine jüdische Politik nach dem Holocaust überhaupt möglich? Und was hatten erblose Bücher mit Politik zu tun? Sowohl Arendts Praxis als auch ihre theoretischen Überlegungen können zeigen, dass sie – wie oft angenommen – alles andere als eine »deutsche« Jüdin war. Sie wurde zu einer nationalen und politischen Jüdin. (…)

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Gerd Hankel

Recht im Weltmaßstab. Warum der Erlass des Haftbefehls gegen Omar al-Bashir richtig ist

Am 4. März hat die erste Vorverfahrenskammer des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag Haftbefehl gegen den sudanesischen Staatspräsidenten Omar al-Bashir erlassen. Nach Prüfung des vom Chefankläger Luis Moreno Ocampo im Juli 2008 gestellten Antrags auf Erlass eines Haftbefehls hielt die Kammer al-Bashir für hinreichend verdächtig, seit März 2003 als mittelbarer Täter oder Mittäter Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Darfur begangen zu haben. Nicht überraschend ist, dass der Haftbefehl sich, anders als von Ocampo gewünscht, nicht auch auf den Vorwurf des Völkermordverbrechens erstreckt. Hier folgte die Kammer offensichtlich dem 2005 veröffentlichten Bericht einer UN-Kommission, die zwar vereinzelte genozidale Handlungen feststellen konnte, jedoch keine generelle Vernichtungsabsicht, wie sie konstitutiv für die subjektive Seite des Völkermordverbrechens ist. (…)

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Aus der Protest-Chronik

8. März 1977
In den späten Abendstunden wird in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires die deutsche Studentin und Sozialarbeiterin Elisabeth Käsemann verhaftet, in das geheime Gefangenenzentrum Campo Palermo, der Kaserne des 1. Armeekorps, verschleppt, dort unter Gewaltanwendung verhört und mit Elektroschocks gefoltert. Nur wenige Stunden zuvor hatte sie sich bei einem Besuch ihrer Freundin Diana Austin, einer britischen Theologiestudentin, bereits besorgt geäußert, dass sie offenbar überwacht und verfolgt werde. – Die 29-Jährige ist die Tochter des Tübinger Theologen Ernst Käsemann, einem Mitglied der Bekennenden Kirche, das wegen seiner Gegnerschaft zum Nationalsozialismus Verfolgung ausgesetzt war. Sie hatte von 1966 bis Ende 1968 Soziologie und Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut an der Freien Universität in Berlin studiert, galt als Aktivistin der damaligen Studentenbewegung und gehörte zu einer von Rudi Dutschke geleiteten Lateinamerika-Gruppe. (…)