Heft 2 - April/Mai 2010

Kritik des Liberalismus

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Weitere Hefte zu "Ökonomie"

Seite 1: Die Ökonomie, rein als Wissenschaft betrachtet

Economics is really about two stories. One is the story of the old economist and younger economist walking down the street, and the younger economist says, »Look, there’s a hundred-dollar bill«, and the older one says, »Nonsense, if it was there somebody would have picked it up already.« So sometimes you do find hundred-dollar bills lying on the street, but not often – generally people respond to opportunities. The other is the Yogi Berra line »Nobody goes to Coney Island anymore; it’s too crowded.« That’s the idea that things tend to settle into some kind of equilibrium where what people expect is in line with what they actually encounter.

Paul Krugmann, Ökonom an der Universität Princeton, Wirtschaftsnobelpreis 2008, The New Yorker, 1. März, 2010, S. 44.

Bilder: Zorn und Zärtlichkeit?


Wolfgang Kersting

Kritik des Wirtschaftsliberalismus. Markt und Moral

Weise ist nach den Vorstellungen der klassischen Ethik der Mensch, der seine Gemütskräfte unter Kontrolle und sich in einen harmonischen Ausgleich mit der Welt bringt. Weise ist der Mensch, der seine Bedürfnisse den Gegebenheiten anpasst, in allem das natürliche Maß einhält und seine Seele durch ein vernünftiges Regime seines Begehrens ruhigstellt. Leidenschaftslosigkeit, Seelenruhe, Unbedürftigkeit – Apathie, Ataraxie, Autarkie – lauteten daher die Zielvorstellungen der klassischen Ethik. Dem modernen Individuum ist diese Seelenruhe abhandengekommen. Die von den Alten als ethischer Unruheherd verurteilte pleonexie, die Gier nach immer mehr und immer Besserem, ist ihm zur zweiten Natur geworden. Der moderne Mensch ist konstitutionell unzufrieden und rastlos. Die wichtigste Zeit ist ihm die Zukunft; von ihr erwartet er alles; die Gegenwart dient ihm nur, um schnellen Schrittes durchquert zu werden; moderne Existenz ist transitorisch, auf stete Überbietung des bislang schon Erreichten ausgerichtet. (…)

Herfried Münkler

Sozio-moralische Grundlagen liberaler Gemeinwesen. Überlegungen zum späten Ralf Dahrendorf

Während seiner letzten Lebensjahre ist Ralf Dahrendorf eher skeptisch gewesen, dass die parlamentarische Demokratie, wie sie sich, von England durchgesetzt, im 18. und 19. Jahrhundert in Europa und Nordamerika ausgebreitet hat, in der Lage sein werde, die Probleme und Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bewältigen. In einem Gespräch mit Antonio Polito, das unter dem Buchtitel Die Krisen der Demokratie veröffentlicht worden ist, begnügte er sich nicht damit, von einer »Krise der Demokratie« zu sprechen, sondern übernahm auch den von Colin Crouch geprägten Begriff der »Post-Demokratie« – freilich nicht, um die Demokratie als solche zu verabschieden, sondern um die Verpflichtung zu unterstreichen, am Entwurf einer »neuen Demokratie« zu arbeiten. Der parlamentarischen Demokratie klassischer Prägung jedenfalls hat der späte Dahrendorf nicht zugetraut, die tiefe Kluft schließen zu können, die sich zwischen Machtausübung und Volkswillen aufgetan hatte. Gleichzeitig hat Dahrendorf bezweifelt, dass die Akteure, die sich zwischenzeitlich in dieser Kluft angesiedelt hatten, sie würden schließen können. Tatsächlich fragte er sich, ob es überhaupt wünschenswert wäre, dass gerade sie diese Kluft schließen könnten. Die Rolle der Medien betrachtete er dabei ebenso skeptisch wie die Leistungsfähigkeit von Nichtregierungsorganisationen, und den populistischen Politikern, die dieser Kluft entsprungen waren, stand er dezidiert ablehnend gegenüber. Schließlich befürchtete er eine sich ausbreitende Apathie der Bürger und sprach von einer »Demokratie ohne Demokraten«, was er sogleich präzisierte als eine Gesellschaft, in der »die Bürger ihren Pflichten als Staatsbürger nicht nachkommen« (…)

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Lutz Wingert

Bürgerschaft und Marktwirtschaft. Oder was ist eigentlich systemrelevant?

Die Reflexe sitzen wieder. Die Returns kommen schnell und zielsicher wie ehedem. Nicht nur beim wiedererstarkten Roger Federer, dem Schweizer Tennischampion. Auch bei den Verantwortlichen eines Marktgeschehens, das die Weltfinanzwirtschaft und mit ihr sehr viele Staaten in eine dramatische Krise gestürzt hat. »Keine voreilige Regulierung!« – »Schluss mit dem Staatsinterventionismus!« lauten die reflexhaften Warnungen der dominanten Finanzmarktakteure und ihrer publizistischen Beiboote aus den Business Schools, den brillierenden westlichen Pendants zu den vormals östlichen grauen Parteihochschulen. »Die Unmengen an neuen Steuern und neuen (Regulierungs-, L.W.) Vorschlägen schädigen die Branche«, so Deutsche-Bank-Chef Ackermann. Für seine amerikanischen Kollegen ist gar schon eine geplante Behörde für Verbraucherschutz bei Finanzprodukten zu viel der staatlichen Einmischung. Kommentatoren warnen diskret vor nationalen Alleingängen bei der Regulierung, weil sie nur Mitnahmeeffekte durch unterschiedlich stark regulierte Märkte (»Regulierungsarbitrage«) begünstigen würden. Weniger vornehm erklärt der Ökonom Robert Mundell kurzerhand die Forderungen nach mehr Regulierung der Finanzmärkte schlicht für Müll. (…)

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Literaturbeilage

Danny Trom

Zwei Tropismen. Die Krise der Gesellschaftskritik aus Pariser und Frankfurter Sicht

Die kritische Gesellschaftstheorie hat in den vergangenen zwanzig Jahren in Frankreich und in Deutschland tiefgreifende Umbildungen erfahren. Diese Entwicklungen, die in beiden Geisteswelten mehr oder weniger gleichzeitig stattfanden, sind teilweise parallel verlaufen. Dabei ist die zu beobachtende Parallelität auf Umwälzungen der objektiven Bedingungen zurückzuführen, denen Gesellschaftskritik Rechnung tragen muss, will sie ihren Einfluss auf die soziale Welt auch zukünftig aufrechterhalten. In beiden Ländern wurde die Kritik gesellschaftlicher Verhältnisse von einer akuten Krise heimgesucht, die intensive theoretische Anstrengungen, die bis heute andauern, in Gang brachte. Freilich hat man diese Krise links und rechts des Rheins auf deutlich unterschiedliche Weise verarbeitet. In Deutschland stellen die Arbeiten Axel Honneths wahrscheinlich einen der kohärentesten Versuche dar, eine Kritische Theorie zu rekonstruieren, die sich der Gegenwart gewachsen zeigt. Seit einigen Jahren werden Honneths Bemühungen auch in Frankreich breit rezipiert. Allerdings vollzieht sich diese Kenntnisnahme nicht ohne Missverständnisse, wie sich am gegenseitigen Austausch und an den Erfahrungen bei der Zusammenarbeit ablesen lässt. Spiegelbildlich dazu ist auch die französische Erneuerung der Gesellschaftskritik in Deutschland auf lebhaftes Interesse gestoßen, das seinerseits nicht frei von Fehldeutungen geblieben ist. (…)

Jens Becker, Jürgen Faik

Konflikt und Ungleichheit. Anmerkungen zur sozialen Verfasstheit der »Berliner Republik«

Auf nationaler und internationaler Ebene erleben wir eine Systemkrise des Kapitalismus in Form von wachsenden »Legitimationsprobleme(n) im Spätkapitalismus« (Habermas 1976). Die damit zusammenhängende – überdies jahrzehntealte – »Krise des Wohlfahrtsstaats« könnte sich angesichts neuer krisenbedingter Sachzwänge verschärfen und den von Habermas (1985:147) beschriebenen Verlust der arbeitsgesellschaftlichen Utopie hervorrufen sowie die davon zehrende Sozialstaatsprogrammatik bezüglich eines kollektiv besseren Lebens noch problematischer erscheinen lassen. »Sozialstaat in der Insolvenz?« war demgemäß eine IG-Metall-Tagung betitelt, die Ende November 2009 in Frankfurt am Main stattfand und temporäre Krisenreaktionsmuster wie Kurzarbeitergeld, sinkende Beiträge und steigende Ausgaben der Sozialversicherungssysteme thematisierte. Bereits vor der Systemkrise haben Massenarbeitslosigkeit und Finanzierungsprobleme nicht nur die Funktionsfähigkeit des Sozialstaats westeuropäischen Typs einer harten Probe und vielfältigen Reformoperationen unterzogen, sondern auch die Einstellungen der Bevölkerung beeinflusst. (…)

Aus der Protest-Chronik

20. November 1979 Das größte Heiligtum im Islam ist die Große Moschee in Mekka. Für Moslems steht sie im Zentrum ihrer Glaubenswelt. Wo auch immer sie sich aufhalten, fünfmal täglich wenden sie sich zum Gebet in die Richtung der Stadt, in der der Prophet Mohammed zur Welt kam. Im Innenhof der Moschee befindet sich das »Haus Gottes«, die sogenannte Kaaba (dt., Würfel), ein 12 Meter langer, 10 Meter breiter und 15 Meter hoher Kubus, der mit einer schwarzen Brokatdecke verhängt und mit goldenen Koranversen bestickt ist. Wie jedes Jahr um diese Zeit wird auch dieses Mal der Hadsch begangen, die alljährliche Pilgerfahrt nach Mekka, an der sich Hunderttausende in weiße Gewänder gehüllte Gläubige aus aller Welt beteiligen. Schließlich ist es für jeden Moslem eine Verpflichtung, sich zumindest einmal in seinem Leben an einer solchen Fahrt zu beteiligen, den Tawaf zu vollziehen, indem die Kaaba entgegen dem Uhrzeigersinn siebenmal umrundet wird. Es ist der letzte Tag des Pilgermonats und zugleich der erste des islamischen Jahres 1400. Doch fällt dieser Neujahrstag alles andere als feierlich aus. Im Gegenteil, er versetzt die muslimische Welt in Angst und Schrecken. (…)