Heft 2 - April/Mai 2011

Ungerechtigkeiten

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Weitere Hefte zu "Sozialpolitik"

Seite 1: Der »innerlich beunruhigte Plagiarius«

Wie er hier schon scheinbar nonchalant hinwirft, ausläßt, verfälscht, transponiert, um seine Abschreiberei zu verbergen, so werden wir später sehen, daß Herr Grün auch fernerhin alle Symptome eines innerlich beunruhigten Plagiarius entwickelt: künstliche Unordnung, um die Vergleichung zu erschweren, Auslassung von Sätzen und Worten, die er wegen Unkenntnis der Originale nicht recht versteht, aus den Zitaten seiner Vorgänger, Dichtung und Ausschmückung durch unbestimmte Phrasen, perfide Ausfälle auf die Leute, die er gerade kopiert …

Karl Marx, Die deutsche Ideologie, MEW, Bd. 3, S. 485, zitiert nach Reinhard Müller, »Armanskis Verballhornung des wissenschaftlichen Sozialismus«, in: Das Argument 94, Dezember 1975, S. 1002.


Bilder: Wünschenswertes


Robert Castel, François Dubet

Verschärfen sich die Ungleichheiten?. Ein Gespräch

Le Nouvel Observateur/France Culture: In Frankreich hat sich der soziale Zusammenhalt durch die Schwierigkeiten im öffentlichen Dienst – in Krankenhäusern, Schulen, Universitäten –, durch die permanente Krise der Vorstädte und aktuell durch das Ansteigen der Arbeitslosigkeit zum Schlechteren gewendet. Was bringt diese Krise zutage und was hebt sie hervor?
François Dubet: Eine ökonomische Krise von diesem Ausmaß schafft zwangsläufig sehr große Probleme. Aber ich denke, man sollte aufhören, in Begriffen der Krise über diese Probleme nachzudenken, was meint, die Vorstellung aufzugeben, es gäbe einen harmonischen, integrierten Zustand des sozialen Lebens, mit dem ein nationaler Staat, starke Institutionen, Volksparteien, eine Arbeiterklasse, Linksintellektuelle und so weiter verbunden sind, und der sich durch die Offensive des Neoliberalismus – verstanden als eine Art Kraft des Bösen – zersetzen würde. Man konnte der Soziologie sogar in gewisser Weise vorwerfen, fortlaufend vom Ende dieser für immer verlorenen Welt zu berichten, wie die Soziologen vor einem Jahrhundert unaufhörlich vom Ende der auf immer verlorenen gemeinschaftlichen, ländlichen, religiösen Welt erzählten. Die soziale Struktur ist nicht mehr das, was sie einmal war: Die Ordnung der sozialen Positionen hat sich transformiert, die Mobilität ist zur Regel geworden. Daher rühren übrigens die Gefühle der Angst, der Panik, da alles in Bewegung geraten ist, wir nicht mehr sicher sein können, dass unsere Kinder jene Stellung einnehmen werden, die für sie vorgesehen war. (…)

Weitere Beiträge von Robert Castel, François Dubet


Martin Hartmann

Kritik des Verteilungsparadigmas. Die Gerechtigkeitstheorien Axel Honneths und François Dubets im Vergleich

François Dubets Buch Ungerechtigkeiten berührt sich an vielen Punkten mit der Anerkennungstheorie, die Axel Honneth in den letzten Jahren auf einflussreiche Weise ausgearbeitet hat. Da Dubets Arbeiten anders etwa als die soziologischen Theorien Bourdieus, Boltanskis oder Touraines hierzulande noch nicht die Würdigung erfahren haben, die ihnen gebührt, sei im Folgenden der Versuch unternommen, zwei Theoriemodelle in ein Gespräch zu bringen, die in vielen Hinsichten an einem Strang ziehen und sich auf parallele Intuitionen stützen. Die Unterschiede, die auf diesem Wege ebenfalls sichtbar werden, können im Idealfall beiden Modellen als Anregungen zugute kommen, die aufzugreifen sich lohnen würde. Fruchtbar kann dieser Dialog dabei vor allem sein, weil sich Dubets und Honneths Ansätze auf eigentümliche Weise ergänzen. Wahrend nämlich Dubet von Anfang an zu den Autoren zählt, die die Notwendigkeit erkennen, ihr reichhaltiges empirisches Material theoretisch zu unterfüttern und damit anschlussfähig für gesellschaftstheoretische Überlegungen zu machen, entwirft Honneth seine Theorie der Anerkennung zwar zunächst losgelöst von konkreten empirischen Fragestellungen und ohne empirischen Apparat, betont zugleich aber immer wieder in Konkurrenzstellung zu anderen theoretischen Gesellschaftsmodellen, dass ihr Zugang zu abstrakten sozialphilosophischen Problemen auf empirische Plausibilisierungen angewiesen ist. Eine Gesellschaftstheorie, die sich informieren will über die konkreten Mechanismen der Ungerechtigkeit oder Missachtung, muss offen sein für die Ergebnisse empirischer Sozialforschung, weil sie nur so verhindern kann, was Honneth unlängst den »wachsenden Abstand« zwischen politischer Praxis und philosophischer Gerechtigkeitstheorie genannt hat. (…)

Hans J. Pongratz

Das Subjekt der Kritik. Ein arbeitssoziologischer Kommentar zu Dubets 'Ungerechtigkeiten'

Die Untersuchungen von François Dubet »zum subjektiven Ungerechtigkeitsempfinden am Arbeitsplatz« (2008) erinnern die deutsche Arbeits- und Industriesoziologie an eigene, hergebrachte Ansprüche der Klärung gesellschaftspolitischer Bewusstseinslagen sowie der gesellschaftskritischen Analyse der Arbeitsverhältnisse. Dennoch fehlt hierzulande ein vergleichbares Werk. Dem Hamburger Institut für Sozialforschung gebührt für die Übersetzung der Studie deshalb nicht nur aufgrund der exzellenten Qualität des empirischen Materials und der Fülle an inhaltlichem Ertrag besonderer Dank. Offen gesagt, ist mir erst beim Lesen der Ungerechtigkeiten bewusst geworden, dass es eine beträchtliche Lücke gab, die hier gefüllt werden konnte. Diese Leerstelle resultiert aus der offenen Frage nach dem Subjekt der Kritik. Gesellschaftskritik ist im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts wieder gesellschaftsfähig geworden. Die Krise des neoliberalen Leitkonzepts der Ökonomie und die ökologischen Gefahren des Klimawandels werden inzwischen in der breiten Öffentlichkeit und über das gesamte politische Spektrum hinweg diskutiert. Die Kritik daran ist oft engagiert und gut informiert, bleibt meist aber seltsam diffus und weist in unterschiedlichste Richtungen – einen theoretischen Fokus lässt sie selten erkennen. Ungerechtigkeitsempfindungen werden in der multimedialen Aufmerksamkeitsökonomie zu strategischen Mobilisierungsfaktoren; gesellschaftliche Akteure bedienen sich ihrer je nach Interessenlage. (…)

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Jörg Potthast

Soziologie der ausbleibenden Kritik

Die Erkundung kritischer Gesellschaften ist in vollem Gang, und die Grundzüge dieses Projekts sind weithin bekannt. Erstens können »Ungerechtigkeiten […] zur Sprache gebracht werden« – gegenläufig etwa zu der Vorstellung, dass den Akteuren diese Kompetenz fehlt, weil sie sich permanent täuschen. Zweitens reichen diese kritischen Äußerungen von der alltäglichsten Bemerkung bis zum politischen Diskurs. Die Annahme dieses Kontinuums ist ungewöhnlich; sie hebt sich deutlich von soziologischen Modellen ab, die scharf und vorab zwischen Politik und Moral unterscheiden. Drittens variieren diese kritischen Kompetenzen nicht nach sozialstrukturellen Positionen oder Zugehörigkeiten, sondern je nach Situation. (…)

Literaturbeilage

Nikola Tietze

Erfahrung, Institution und Kritik in der postindustriellen Gesellschaft. François Dubets Soziologie

Mit seinen umfangreichen qualitativen Studien – zum Beispiel über Jugendliche in französischen Vorstädten, über Schüler und Lehrer im französischen  Schulsystem oder auch über das Ungerechtigkeitsempfinden am Arbeitsplatz – hat François Dubet entscheidend dazu beigetragen, die gegenwärtigen Gesellschaftsbeziehungen zu konzeptualisieren, und zugleich immer wieder innovative Impulse für die gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen in Frankreich gesetzt. Dabei hat er seine Forschungsarbeit im Sinne Michael Burawoys als »öffentliche Soziologie« verstanden: »Ich habe also gelernt, mich zu engagieren,« wie er rückblickend schreibt, »in Zeitungen zu schreiben, gelegentlich in den Medien zu sprechen, an Kommissionen teilzunehmen, Berichte zu verfassen, mich an Eltern, Lehrer und Politiker zu richten, wenn sie mich dazu auffordern.« Vor dem Hintergrund eines solchen intellektuellen Engagements geht Dubet in seiner Gesellschaftsanalyse von der Frage aus, wie »unsere Art und Weise zusammenzuleben« zustande kommt und strukturiert ist. Er stellt sich dabei explizit in die Tradition von Alain Touraines Soziologie der sozialen Bewegungen. Dies kommt neben Dubets Veröffentlichungen zusammen mit und über Touraine auch in der Methode zum Ausdruck, die Dubets Studien zugrunde liegt, der sogenannten Intervention sociologique [soziologischen Intervention]. (…)

Weitere Beiträge von Nikola Tietze

Ingwer Schwensen

François Dubet – ein Werküberblick


Ulrich Bielefeld, Jacques Delors, Nikola Tietze

Gibt es eine europäische Gesellschaft?. Ein Gespräch

Seit der Schuldenkrise Griechenlands im Frühjahr 2010 bewegt sich die Europäische Union (EU) von einer politischen Kalamität in die andere. Auch wenn Krisen den Herausbildungsprozess der EU immer begleitet haben, so verweisen sie gegenwärtig auf eine neue Situation. Es handelt sich nicht mehr um eine Krise der Institutionalisierung Europas, sondern um eine Krise der europäischen Gesellschaft. Angesichts dessen scheint es angebracht, für einen Moment hinter die tagespolitische Aktualität zurückzutreten und das Projekt Europa jenseits seiner konkreten Probleme und Notlagen zu befragen. Vor diesem Hintergrund haben wir am 8. September 2010 ein Gespräch mit Jacques Delors geführt. Als Präsident der Europäischen Kommission hat Jacques Delors zwischen Januar 1985 und Januar 1995 entscheidend dazu beigetragen, den europäischen Binnenmarkt zu etablieren, und damit die Grundlagen für die europäische Wirtschafts- und Währungsunion gelegt. Dafür steht heute die unter Delors’ Präsidentschaft ausgearbeitete und 1987 in Kraft getretene Einheitliche Europäische Akte. Wie es Delors in einer Rede 1986 formulierte, sollte dieser Vertrag einem »Gesellschaftsprojekt« dienen: der Einigung der Europäer in ihrem Pluralismus, einem »Europa der Bürger« und der Realisierung eines europäischen sozialen Dialogs. (…)

Weitere Beiträge von Ulrich Bielefeld, Nikola Tietze


Aus der Protest-Chronik

5. November 1978
Im Schatten der bundesdeutschen Anti-AKW-Bewegung hat sich der Protest gegen die als »zivile Nutzung der Kernenergie« heruntergespielten radioaktiven Risiken auch im Nachbarland Österreich formiert. Doch im Unterschied zu ihren Bündnisgenossen an Rhein und Elbe, Main und Isar, die mit ihren spektakulären Auseinandersetzungen um die Standorte Wyhl, Brokdorf, Gorleben und Kalkar zwar seit ein paar Jahren die Schlagzeilen beherrschen, letztlich aber von der Erreichung ihrer Atomausstiegsziele weit entfernt bleiben, gelingt es den österreichischen AKW-Gegnern, deren Schlachtruf »Zwentendorf Nein!« lautet, auf Grund außerordentlicher Umstände den politischen Konflikt für sich zu entscheiden und die Option Nuklearenergie auf Dauer auszuschließen. (…)