Heft 2 - April/Mai 2012

Jean Améry

€ 9,50 Print

Weitere Hefte zu "Intellektuelle"

Ulrich Bielefeld, Yfaat Weiss

Editorial

…als Gelegenheitsgast, ohne jedes Engagement… – unter diesem Titel führten das Franz-Rosenzweig Minerva Zentrum für deutschjüdische Literatur- und Kulturgeschichte in Jerusalem und das Hamburger Institut für Sozialforschung am 13./14. November 2011 an der Hebräischen Universität eine gemeinsame Tagung zu Jean Améry durch. Mit dem Vorhaben, sich Werk und Wirkung Amérys aufs Neue zu nähern, war nicht zuletzt das Motiv der Historisierung verbunden – eine aus inzwischen gewonnener Distanz vorzunehmende Kontextuierung der mit der Arbeit des Schriftstellers und Essayisten verbundenen Fragen; Fragen von Gewalt und Zugehörigkeit, der von ihm für sich in Anspruch genommenen, Erkenntnis verheißenden Regung des Ressentiments, der Ethik der Erinnerung an Auschwitz, von Introspektionen in die aktuelle Zeit des Kalten Krieges und den Verarbeitungen der moralischen Herausforderung der Dekolonisierung. In der Herausarbeitung des zeitlich Gebundenen sollten die Themen aktualisiert werden. (…)

Weitere Beiträge von Ulrich Bielefeld, Yfaat Weiss


Ulrich Bielefeld

»Es ist«. Musik, Gewalt und Erfahrung

Eine nach Jahren erneute Lektüre einiger Texte von Jean Améry hat sich als eine ganz eigene intensive Erfahrung erwiesen. Am Abend Passagen etwa aus den Örtlichkeiten laut lesend, ließ mich Jean Améry zum einen als Zeitzeugen der fünfziger und sechziger Jahre der Bundesrepublik wiederentdecken, zum anderen stellte sich bei der Lektüre doch eine möglicherweise zeitlich grundierte, aber auch inhaltliche Distanz ein. Zudem nahm ich bewusster wahr, dass es außer mit den vertrauten Themen Gewalt und Zugehörigkeit, Kolonialismus und Befreiung,  Existenzialismus und Engagement, die mich seit meinen Arbeiten zur Selbstbestimmung, Ethnizität und Identitätspolitik interessierten, eine weitere Interessenüberschneidung gab, die sich zumindest in den frühen Jahren der Schreibarbeit Jean Amérys dokumentiert hatte. Es geht dabei um Amérys Interesse an Musik, am Jazz als Musik des 20. Jahrhunderts und an Jazzmusikern. Ich las Jean Améry so gleichermaßen rückwärts, las auch die Texte aus der Phase der Kolportage-Tätigkeit, aus der Zeit der Schweizer Redaktoren. (…)

Beitrag lesen
Weitere Beiträge von Ulrich Bielefeld


Dan Diner

Verschobene Erinnerung. Jean Amérys »Die Tortur« wiedergelesen

Die Lektüre von Jean Amérys Text »Die Tortur« aus dem Jahre 19651 war seinerzeit gewissermaßen Pflicht, und der Satz »Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt« von einer einprägsamen Eindringlichkeit. In diesem nachdrücklichen Text unternimmt Améry zweiundzwanzig Jahre nach der an ihm exekutierten Folterung so etwas wie eine philosophisch-anthropologische Introspektion in die damals seinem Körper wie seiner Seele widerfahrene Pein; eine mikrologisch präzise Bestandsaufnahme in Gewebeschichten einschneidender, Knochen mutwillig beschädigender Gewaltanwendung – beginnend mit der Zertrümmerung von Weltvertrauen durch die Fundamentalerfahrung des ersten Schlages. (…)

Weitere Beiträge von Dan Diner


Nicolas Berg

Jean Améry und Hans Egon Holthusen. Eine Merkur-Debatte in den 1960er Jahren

Im Juli 1972 erhielt Jean Améry den Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. In der Urkunde dieser Ehrung wird er als »brillanter Essayist« und als »einfühlsamer Kritiker« bezeichnet. Die Jury würdigte zu diesem Anlass ein »außerordentliches Werk«, in welchem, so heißt es hier, »die radikale und schonungslose Analyse der Person mit der eines Zeitalters zusammentrifft«. Die Brüsseler Literaturwissenschaftlerin und Biographin Amérys, Irene Heidelberger-Leonard, hat auf die mit Händen zu greifende Ironie des Schicksals hingewiesen, die sich im Moment der Übergabe dieses Dokumentes an den Geehrten offenbarte, denn die Urkunde trug die Unterschrift von Hans Egon Holthusen, der seinerzeit Präsident der Akademie war. Bitter ironisch war diese Koinzidenz, weil es Holthusen war, der nur wenige Jahre zuvor mit dem Bekenntnis »Freiwillig zur SS« in der Zeitschrift Merkur den Einspruch Amérys provoziert hatte, in ebenjener Zeitschrift also, deren Verdienst es auch ist, im Verlaufe der zweiten Hälfte der 1960er Jahre Jean Amérys Stimme in Deutschland wieder öffentliches Gewicht verliehen zu haben. (…)

Jan Philipp Reemtsma

Monsieur Bovary

In ihrer Biographie »Jean Améry. Revolte in der Resignation« schreibt Irene Heidelberger-Leonard, Jean Amérys Roman »Charles Bovary. Landarzt« sei ein »zutiefst autobiographisches« Werk und »der Charles, dem zu seiner Ichfindung eigens eine Sprache erfunden wird, ist auch Jean Améry, der zu uns spricht. Jean Améry, der mit diesem Buch seine letzte Klage vor dem Tribunal der Welt erhebt, seine eigene Todesklage vorwegnimmt, seinen Freitod literarisch inszeniert.« Jean Améry hat kurz nach der Veröffentlichung von »Charles Bovary. Landarzt« sein Leben beendet, aber nichts spricht dafür, diesen Roman so zu lesen, wie Heidelberger-Leonard es tut. (…)

Weitere Beiträge von Jan Philipp Reemtsma


Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte

Michael Ignatieff

Fortschrittliche Politik in schwierigen Zeiten

Dies ist ein Vortrag zu Ehren Tony Judts – des Historikers, Schriftstellers, Lehrers und Freunds –, und so soll er auch von einem Thema handeln, das dieser zu seinem gemacht hatte: der Zukunft fortschrittlicher Politik in Europa und Nordamerika. Meine Fragen sind die, die auch er gestellt hat: Wie erfindet man eine neue egalitäre Politik für ein Zeitalter wachsender Ungleichheit? Wie baut man in einer Zeit der Austerität öffentliche Güter aus, zu denen alle den gleichen Zugang haben? Und wie bekräftigt man in einem Augenblick der Krise und Desillusionierung die europäische Einheit? (…)
Carl Tham

Tony Judt und die Sozialdemokratie

»In der Welt, in der ich aufgewachsen bin, war der sozialdemokratische Staat die Norm, nicht die Ausnahme«, hat Tony Judt in einem Interview mit der Zeitschrift The Nation gesagt. In Wirklichkeit ist die Sozialdemokratie in den fünfziger Jahren überall ziemlich schwach gewesen, außer in den skandinavischen Ländern. Im restlichen Europa einschließlich Großbritannien kehrte sie erst in den sechziger Jahren an die Macht zurück – für wenig mehr als ein Jahrzehnt. Doch beherrschte die Idee eines starken Wohlfahrtsstaates und einer regulierten Ökonomie, wenn nicht einer Planwirtschaft, das politische Denken. Sie gehörte zum Geist der Zeit. Und es war eine Zeit großer Fortschritte: hohes Wachstum, zunehmende soziale Sicherheit, Ausbau öffentlicher Leistungen (Bildung, Gesundheitsfürsorge), gradueller Abbau der Einkommensunterschiede, je nach Stärke der sozialdemokratischen Kräfte in den einzelnen Ländern. (…)
Martin H. Geyer

Das Ende des »sozialdemokratischen Konsenses«?. Überlegungen zu Tony Judts »Ill Fares the Land«

Wie lassen sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts wohlfahrtsstaatliche Interventionen begründen? Schließlich wurde schon vor über 40 Jahren das Ende des »sozialdemokratischen Konsenses« der Nachkriegszeit ausgerufen. Auch wird der Begriff »Reform« längst nicht mehr mit dem Ausbau, sondern vielmehr mit dem Ab-, Rück- und Umbau bestehender Sozialstaaten assoziiert. Und selbst Vertreter von New Labour haben in den 1990er Jahren die neoliberale Agenda übernommen. Wie also ist diese Frage zu beantworten? In seinen Lebenserinnerungen, Interviews und Beiträgen – unter anderem in der New York Review of Books (NYRB) – sowie dem langen Essay »Ill Fares the Land« versucht Tony Judt eine Antwort zu geben. Es handelt sich um ein emphatisches Plädoyer, »Gesellschaft zu denken« und »individuelle Interessen« gegenüber
Gemeinwohlinteressen zurückzustellen. (…)

Tony Judt's Legacy


Aus der Protest-Chronik

2. Dezember 1970
Zu den radikalsten gewaltfreien Protestformen zählt der Hungerstreik. Weil dabei der eigene Körper als »Waffe« eingesetzt wird, ist er mit nicht unerheblichen Risiken verbunden. Denn der freiwillige Verzicht auf die Zufuhr von Nahrungsmitteln kann zu gesundheitlichen Schäden, in Ausnahmefällen sogar zum Tod des Hungerstreikenden führen. Dieses selbstdestruktive Moment kann – sofern es entsprechend öffentlich vermittelt wird – allerdings auch den politischen Druck und damit die Chancen, ein Protestziel zu erreichen, erheblich steigern. Insbesondere dann, wenn es um die Unterstreichung eines moralischen Anliegens geht, stellen Hungerstreiks – wie das Mahatma Gandhi in seinem gewaltfreien Kampf gegen das britische Kolonialregime bereits in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat – ein durchaus aussichtsreiches Unterfangen dar. (…)